{"id":31877,"date":"2026-01-23T12:27:04","date_gmt":"2026-01-23T11:27:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=31877"},"modified":"2026-01-23T12:27:04","modified_gmt":"2026-01-23T11:27:04","slug":"klarnamenpflicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=31877","title":{"rendered":"Klarnamenpflicht"},"content":{"rendered":"<p>Ende letzten Jahres hat der ehemalige Verfassungsrichter Andreas Vo\u00dfkuhle vorgeschlagen, eine Klarnamenpflicht f\u00fcr soziale Medien einzuf\u00fchren. Klingt erst mal sinnvoll, um so Hetzer und P\u00f6bler aus der Anonymit\u00e4t zu holen, allerdings gibt es auch ein paar Sachen, die man dabei doch bedenken sollte.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst mal zur Forderung, die ich <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/garitafrancesco\/posts\/pfbid0y3tiLmXhAfuFJZrQ86J6fkyAAz8ah1Wk6t2YPtUSMxbMz54rzKVxB9Sr1s1cjgxkl\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> sch\u00f6n zusammengefasst gefunden habe:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-32000\" src=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/601965834_1444206263940413_1331169077801541473_n-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/601965834_1444206263940413_1331169077801541473_n-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/601965834_1444206263940413_1331169077801541473_n-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/601965834_1444206263940413_1331169077801541473_n-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/601965834_1444206263940413_1331169077801541473_n-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/601965834_1444206263940413_1331169077801541473_n-60x60.jpg 60w, https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/601965834_1444206263940413_1331169077801541473_n.jpg 1080w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/p>\n<p>Ich selbst bin ja bei Facebook auch mit meinem richtigen Namen unterwegs. Das hatte damals, als ich dort angefangen habe vor vielen Jahren, den Grund, dass ich ja von Menschen, die mich kennen, gefunden werden wollte \u2013 auch von solchen, mit denen ich schon l\u00e4nger keinen Kontakt mehr hatte: ehemalige Mitsch\u00fcler oder Kommilitonen beispielsweise. Da solche Kontakte f\u00fcr mich ein wichtiger Aspekt von sozialen Medien sind, erschien es mir auch nur logisch, dass eigentlich alle dort mit ihren realen Namen auftauchen.<\/p>\n<p>Leider sind die sozialen Medien zunehmend ein Tummelplatz f\u00fcr unsoziale und b\u00f6sartige Menschen geworden, die dort Hass, Hetze, Verleumdungen, Unterstellungen und L\u00fcgen verbreiten. Das ist ja auch so viel einfacher, wenn man jemand anderem nicht direkt gegen\u00fcbersteht, sondern diesen nur durch ein Display wahrnimmt. Und so sind Facebook und Co. leider, obwohl ich dort auch immer noch gute Infos finde und sachliche Diskussionen f\u00fchren kann, zunehmend verkommen zu einem Ort, an dem Selbstdarstellung und Wutb\u00fcrgertum dominieren.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund kann ich die Forderung Vo\u00dfkuhles gut nachvollziehen, zumal sich f\u00fcr mich selbst ja auch nichts \u00e4ndern w\u00fcrde. Und wenn man meint, eine dicke Lippe riskieren und andere runtermachen zu m\u00fcssen, dann sollte man wenigstens auch daf\u00fcr einstehen und sich nicht hinter einem Nickname plus einem nichtssagenden Profilbild verstecken.<\/p>\n<p>Allerdings gibt es auch ein paar Sachen, die gegen eine solche Klarnamenpflicht sprechen und die man zumindest in einem abw\u00e4genden Diskurs ber\u00fccksichtigen sollte:<\/p>\n<p><strong>Rechte Hetzer verwenden jetzt schon oft ihren Klarnamen.<\/strong><\/p>\n<p>Mittlerweile ist rechtes Gedankengut schon so selbstverst\u00e4ndlich im \u00f6ffentlichen Diskurs geworden, dass \u00a0eindeutig rassistische, sexistische, queerfeindliche, antisemitische oder sonst wie menschenverachtende Aussagen ziemlich bedenkenlos get\u00e4tigt werden, zumal in sozialen Medien, wo man ja nicht unmittelbar mit der Reaktion von anderen Menschen konfrontiert wird.<\/p>\n<p>Konsequenzen hat das dann leider oftmals keine, auch wenn Dinge ge\u00e4u\u00dfert werden, die eigentlich schon strafw\u00fcrdig sind. Hab ich selbst schon erlebt und bereits 2017 einen <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=7446\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> dar\u00fcber geschrieben. Klar, wenn in Polizei und Justiz viele Rechte und sogar Rechtsradikale arbeiten, dann haben die eben auch wenig Interesse daran, ihre Gesinnungsgenossen aufgrund von deren Verbalausf\u00e4lligkeiten zur Verantwortung zu ziehen. Und wenn dann doch einmal die Polizei vor der T\u00fcr stehen sollte, dann sagt man halt: &#8222;Ich war das nicht, das war jemand anderes aus meiner Familie, der an meinen Rechner gegangen ist und dann auf meinem Account geschrieben hat. Und gegen Familienangeh\u00f6rige muss ich ja nicht aussagen.&#8220;<\/p>\n<p>Wie soll sich da also ein Unrechtsbewusstsein ausbilden, zumal wenn man dann von der eigenen Bubble auch noch st\u00e4ndig Best\u00e4tigung erf\u00e4hrt und sieht, dass andere ja den gleichen menschenverachtenden Hass ins Netz rotzen?<\/p>\n<p>Bei diese Leuten w\u00fcrde sich durch eine Klarnamenpflicht also gar nichts \u00e4ndern \u2013 zumindest solange es f\u00fcr Rechte doch in der Regel Kuscheljustiz gibt. Insofern w\u00e4re das von Vo\u00dfkuhle geforderte konsequente Vorgehen gegen Hass und L\u00fcgen zwar w\u00fcnschenswert, aber bisher wird das ja auch selten nur so umgesetzt, selbst wenn der Klarname des Hasspredigers bekannt ist.<\/p>\n<p><strong>Namen von Antifaschisten werden f\u00fcr Rechtsextreme sichtbar.<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt ja durchaus auch Menschen, die nicht unter ihrem Klarnamen schreiben, weil sie sich deutlich gegen Rechtsextremismus positionieren und daher f\u00fcrchten m\u00fcssten, deswegen verfolgt, bedroht oder gar angegriffen zu werden. Wenn nun alle unter ihrem Klarnamen schreiben, dann w\u00e4re auch f\u00fcr rechte Gewaltt\u00e4ter gleich zu erkennen, wer denn da etwas gegen ihren Menschenhass hat \u2013 und sollte derjenigen dann auch noch in der n\u00e4heren Umgebung wohnen &#8230;<\/p>\n<p>Das ist nun keine Fiktion, sondern leider immer wieder Realit\u00e4t, wenn beispielsweise Kommunalpolitiker sich kritisch zur AfD \u00e4u\u00dfern und dann massive Anfeindungen erleben m\u00fcssen. Da sind schon einige dieser engagierten Demokraten von ihrem Amt zur\u00fcckgetreten, weil sie den Druck auf ihre Familie und die damit verbundene Angst nicht mehr ausgehalten haben.<\/p>\n<p>Und was mit Walter L\u00fcbcke geschah, wissen ja auch noch alle &#8230;<\/p>\n<p>In Zeiten, in denen der Rechtsterrorismus immer mehr zunimmt und die Zahl rechter Straftaten quasi explodiert, gibt es f\u00fcr Antifaschisten durchaus einen guten Grund, nicht mit dem realen Namen hausieren zu gehen.<\/p>\n<p><strong>Professionelle Trolle d\u00fcrften kaum abgeschreckt werden.<\/strong><\/p>\n<p>Hinter vielen rechten Hass-Postings stecken keine realen Menschen, sondern k\u00fcnstlich angelegte Profile, die sich nur als eine reale Person ausgeben. Ob also Heinzi Schmolke aus Wuppertal dann tats\u00e4chlich der ist, der er zu sein vorgibt, oder ob dahinter jemand steckt, der in Afrika oder Ostasien f\u00fcr wenig Lohn den ganzen Tag entsprechende Beitr\u00e4ge und Kommentare in die sozialen Medien abl\u00e4sst, um dort Stimmung zu machen \u2013 wer wei\u00df das schon?<\/p>\n<p>Zumindest kam das ja vor Kurzem f\u00fcr Elon Musks Hetzplattform X (vormals Twitter) raus, dass dort zwischen 50 und 90 Prozent derjenigen, die sich pro Trump und seine Maga-Bewegung \u00e4u\u00dfern, nicht Joe aus Texas oder Ben aus Illinois, wie sie vorgeben, sind, sondern eben auch aus dem Ausland kommen und vermutlich f\u00fcr ihre Postings bezahlt werden (s. <a href=\"https:\/\/ca.news.yahoo.com\/top-maga-influencers-accidentally-unmasked-080635757.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>).<\/p>\n<p>Ob sich solche professionellen Trolle dann wohl davon abschrecken lassen, dass sie sich nun einen nachvollziehbaren Namen geben m\u00fcssen? Ich hab da ja so meine Bedenken &#8230;<\/p>\n<p><strong>Die Klarnamen landen bei der US-Regierung.<\/strong><\/p>\n<p>Facebook, Instagram, WhatsApp, YouTube, X \u2013 alles Dienste von US-amerikanischen Unternehmen. Und wenn man dort etwas mit seinem Klarnamen postet, dann kann man davon ausgehen, dass die US-Regierung das auch mitbekommt. Zumindest wenn es f\u00fcr sie von Relevanz ist, beispielsweise weil man in die USA reisen m\u00f6chte (oder muss, kann ja auch mal beruflich sein) und man etwas Kritisches \u00fcber die Trump-Regierung und deren faschistisches Gebaren geschrieben hat. Das kann dann schon mal zu ein bisschen Aufregung und Durcheinander am Flughafen f\u00fchren, und die Smartphones von Einreisenden werden ja bereits entsprechend kontrolliert.<\/p>\n<p>Dass man in den USA gern Daten sammelt von unbescholtenen B\u00fcrgern und diese ausspioniert, wissen wir sp\u00e4testens seit den Enth\u00fcllungen von Edward Snowden. Und damals war das Land noch eine Demokratie, die es heute nur noch pro forma zu sein vorgibt. Ich bin mir daher nicht sicher, ob es sinnvoll ist, der US-Regierung m\u00f6glichst viele zus\u00e4tzliche Infos \u00fcber deutsche B\u00fcrger zukommen zu lassen.<\/p>\n<p><strong>Was man stattdessen machen k\u00f6nnte:<\/strong><\/p>\n<p>Das gr\u00f6\u00dfte Problem der rechten Hetze und Hassrede in sozialen Medien ist ja, dass die dann auch dort lange sichtbar ist. \u00dcber diesen Umstand, dass Kommentarspalten von Medien nicht vern\u00fcnftig moderiert werden und da offenbar kein Administrator vorhanden ist, der rechtes Pack von der Seite entfernt, hab ich im Juli 2024 ja schon mal einen <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=29015\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> geschrieben.<\/p>\n<p>Und daran hat sich bisher auch nichts ge\u00e4ndert \u2013 ganz im Gegenteil. Selbst eine NGO wie <em>Campact<\/em>, die sich f\u00fcr ein AfD-Verbot ausspricht und immer wieder Aktionen gegen die Blaubraunen startet, kriegt das nicht auf die Reihe, sodass deren Kommentarspalten zu den Themen, die Rechte triggern, immer wieder \u00fcberquellen von Hass, Hetze, Unwahrheiten und allem Verbalunrat, den Rechtsau\u00dfen sonst noch so gern absondern. Wenn ich die dann darauf anspreche, erfolgt leider nicht mal eine Reaktion. Schon traurig \u2013 macht deren Engagement gegen Rechts vor allem auch ein St\u00fcck weit unglaubw\u00fcrdig, finde ich.<\/p>\n<p>Denn Medien und NGOs wissen ja genau, wie die Social-Media-Algorithmen funktionieren: Jeder Kommentar, egal wie grottig, negativ und hasserf\u00fcllt der ist, bringt Reichweite. Und die will man eben nicht gern einb\u00fc\u00dfen, weil das gut f\u00fcr Werbeeinnahmen und Relevanz ist. Das scheint dann offenbar wichtiger zu sein, als rechtem Hass keine B\u00fchne zu bieten.<\/p>\n<p>Hier w\u00e4re also eine ganz konkrete Eingriffsm\u00f6glichkeit, um rechtsradikale, antidemokratische und menschenverachtende Beitr\u00e4ge und Kommentare in sozialen Medien zu reduzieren. Klar, rechte Portale w\u00fcrde das nat\u00fcrlich nicht machen, aber da k\u00f6nnen die AfD-J\u00fcnger und alle anderen Rechtsau\u00dfen dann eben in ihrem eigenen Saft schmoren und sich gegenseitig mit Hass f\u00fcttern, ohne alle anderen damit zu bel\u00e4stigen oder \u2013 noch schlimmer \u2013 zu indoktrinieren, was vor allem bei jungen Menschen ein zunehmendes Problem ist. Die glauben n\u00e4mlich solchen rechten Unfug oftmals, und zwar einfach nur, weil sie ihn st\u00e4ndig zu sehen bekommen.<\/p>\n<p>So was kann man nat\u00fcrlich nicht einfach per Gesetz vorschreiben, da m\u00fcsste man also schon an den Anstand appellieren. Denn w\u00fcrde man beispielsweise die Betreiber einer Seite f\u00fcr die Kommentare der User verantwortlich machen, dann k\u00f6nnten ja unliebsame Seiten gezielt torpediert werden, indem Rechte oder eben auch Trolle dort haufenweise hetzerische Kommentare ablassen und das dann wom\u00f6glich noch selbst zur Anzeige bringen, um der Seite zu schaden.<\/p>\n<p>Aber mit dem Anstand ist das ja immer so eine Sache, und schon mal erst recht, wenn anst\u00e4ndiges Verhalten Einnahmen oder Reichweite zu schm\u00e4lern droht. Daher d\u00fcrfte es wohl leider mit dieser naheliegendsten L\u00f6sung eher nichts werden. Solange sollten aber zumindest auch die Argumente gegen eine Klarnamenpflicht zumindest ein bisschen Ber\u00fccksichtigung finden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende letzten Jahres hat der ehemalige Verfassungsrichter Andreas Vo\u00dfkuhle vorgeschlagen, eine Klarnamenpflicht f\u00fcr soziale Medien einzuf\u00fchren. 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