{"id":31988,"date":"2026-01-20T11:16:06","date_gmt":"2026-01-20T10:16:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=31988"},"modified":"2026-01-20T11:16:06","modified_gmt":"2026-01-20T10:16:06","slug":"altersarmut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=31988","title":{"rendered":"Altersarmut"},"content":{"rendered":"<p>Immer mehr Menschen in Deutschland haben eine sehr kleine Rente, die kaum zum Leben reicht und ihnen so gut wie keine soziale Teilhabe mehr erm\u00f6glicht. Das m\u00fcsste so nicht sein, denn nicht nur die Ursachen daf\u00fcr sind quasi politisch so herbeigef\u00fchrt worden, auch m\u00f6gliche L\u00f6sungen werden selten sachlich korrekt diskutiert, sondern mit Falschinformationen unterf\u00fcttert.<\/p>\n<p>Gerade wurde ja vor allem in der CDU dar\u00fcber gestritten, wie die Rente zuk\u00fcnftig gestaltet werden soll. Dabei ist selbst die f\u00fcr die Rentner bessere Forderung schon ein im wahrsten Sinne des Wortes Armutszeugnis f\u00fcr die Sozialpolitik eines reichen Staates, denn f\u00fcr viele Menschen bedeutet das, dass sie nach einem arbeitsreichen Leben dann im Alter mit vielen Entbehrungen leben und oftmals sogar zu den Tafeln pilgern m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das Problem dabei: Die Rentendiskussion wird hierzulande in diesem Jahrtausend mit vollkommen falschen Grundannahmen gef\u00fchrt. Und so k\u00f6nnen eben auch keine konstruktiven L\u00f6sungen herbeigef\u00fchrt werden, um die Altersarmut zu verringern.<\/p>\n<p><strong>Die Demografie<\/strong><\/p>\n<p>Das Hauptargument f\u00fcr die Demontage der gesetzlichen Rente zugunsten der privaten Vorsorge war: Wir werden in Deutschland immer mehr alte und immer weniger junge Menschen haben, sodass immer weniger Arbeitende immer mehr nicht mehr Arbeitende finanzieren m\u00fcssen. Also m\u00fcssen die nicht mehr Arbeitenden mit weniger auskommen.<\/p>\n<p>Klingt erst mal plausibel, allerdings nur, wenn man das nicht etwas genauer betrachtet.<\/p>\n<p>Denn nicht nur alte Menschen kosten die Volkswirtschaft Geld aufgrund ihrer Renten und Pensionen. Das ist auch bei sehr jungen Menschen der Fall, denn Kitas, Schulen und Universit\u00e4ten werden ja (und das ist auch gut so) von der \u00f6ffentlichen Hand bezahlt. Dazu kommt dann noch Kindergeld oder eben, dass Kinder \u00fcber ihre Eltern mit krankenversichert sind. Alles Kosten, die auch von der Solidargemeinschaft getragen werden m\u00fcssen. Davon hab ich allerdings bei diesen Diskussionen nie was geh\u00f6rt, obwohl eine niedrigere Geburtenrate ja ein relevantes Pendant zu immer mehr alten Menschen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Und dann muss man sich eben auch immer fragen, wie zuverl\u00e4ssig solche Prognosen der Demografie einer Gesellschaft sind. Schlie\u00dflich k\u00f6nnen immer wieder unvorhersehbare Ereignisse eintreten, beispielsweise Pandemien, Kriege oder Migrationsbewegungen, die das Ganze reichlich durcheinanderwirbeln. So starben beispielsweise an Covid 19 vor allem \u00e4ltere Menschen, und aus der Ukraine kommen \u00fcberwiegend j\u00fcngere Menschen als Gefl\u00fcchtete ins Land. Alles Dinge, die man Anfang der 2000er-Jahre so wohl nicht vorhersehen konnte.<\/p>\n<p>Was vor allem wichtig ist: Wenn die jungen Menschen einfach nur erwachsen werden, dann aber nicht zwingend sozialvericherungspflichtige Arbeitsverh\u00e4ltnisse eingehen, dann n\u00fctzt die ganze Demografie auch nichts mehr. Denn dann sieht man, dass es vielleicht noch andere Aspekte geben k\u00f6nnte, die beeinflussen, wie gut die Rentenkassen gef\u00fcllt sind. Und damit w\u00e4ren wir auch schon beim n\u00e4chsten Punkt:<\/p>\n<p><strong>Die volkswirtschaftliche Produktivit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Wenn in einer Gesellschaft alle arbeiten, aber nur zu einem Minimallohn, der keine oder nur extrem geringe Einzahlungen in die Rentenkasse erlaubt, dann w\u00fcrden auch keine ausk\u00f6mmlichen Renten ausgezahlt werden k\u00f6nnen \u2013 vollkommen unabh\u00e4ngig von der Demografie.<\/p>\n<p>Denn wie gut die Rentenkassen gef\u00fcllt sind, h\u00e4ngt vor allem auch davon ab, wie viel da von den Arbeitenden eingezahlt wird. Und hier haben wir ein so krasses Paradoxon erlebt Anfang des Jahrtausends, \u00fcber das in dieser Diskussion \u00fcber die Rente eigentlich kaum gesprochen wird:<\/p>\n<p>So r\u00fchmte sich Ex-Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der (SPD), dass seine Regierung den gr\u00f6\u00dften europ\u00e4ischen Niedriglohnsektor geschaffen habe. Das hat dann zwar die Exportwirtschaft massiv angekurbelt (Stichwort: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lohnst\u00fcckkosten\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lohnst\u00fcckkosten<\/a>), sodass Deutschland bald den fragw\u00fcrdigen Titel &#8222;Exportweltmeister&#8220; erhielt, hat aber eben auch eine Menge Arbeitspl\u00e4tze zur Folge gehabt, die nicht oder nur in sehr geringem Ma\u00dfe sozialversicherungspflichtig sind. Im Zuge dieser politisch gewollten und auch gef\u00f6rderten Entwicklung wurde dann gleichzeitig behauptet, dass die gesetzliche Rente nicht mehr ausreichen w\u00fcrde, sodass man nun diese k\u00fcrzen und stattdessen private Vorsorgemodelle etablieren und auch f\u00f6rdern m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Carsten Maschmeyer, ein sehr enger Freund von Schr\u00f6der, und andere zwielichtige Gestalten aus der Versicherungs- und Finanzwirtschaft lie\u00dfen die Sektkorken knallen.<\/p>\n<p>Und diese Demontage der gesetzlichen Rente in Form des Umlageverfahrens wurde dann eben ausschlie\u00dflich mit der Demografie begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Dabei ist die Produktivit\u00e4t einer Volkswirtschaft viel entscheidender daf\u00fcr, ob gute Renten gezahlt werden k\u00f6nnen. Nur m\u00fcssen diese Produktivit\u00e4t und deren Steigerung dann auch denjenigen zugutekommen, die das tats\u00e4chlich erarbeiten. Und das ist zunehmend weniger der Fall, wenn auf der einen Seite immer mehr Menschen im Niedriglohnsektor arbeiten und auf der anderen Seite ein immer gr\u00f6\u00dfere Anteil der Produktivit\u00e4tszuw\u00e4chse in immer gr\u00f6\u00dfere Verm\u00f6gen flie\u00dft. Dann ist es auch kein Wunder, wenn kein Geld mehr da ist f\u00fcr ausk\u00f6mmliche Renten \u2013 und das trotz Produktionszuw\u00e4chsen.<\/p>\n<p><strong>Migration<\/strong><\/p>\n<p>Es ist ein komplett irrationale Absurdit\u00e4t, dass diejenigen, die immer meinen, die gesetzliche Rente m\u00fcsse weniger werden, da die Bev\u00f6lkerung immer \u00e4lter wird und demzufolge immer weniger junge Menschen arbeiten im Vergleich zu den Rentnern, dann auch immer wieder gegen Gefl\u00fcchtete wettern: Das seien ja vor allem junge M\u00e4nner, die hier ank\u00e4men, und die w\u00e4ren wohl gar nicht in Not und somit auch nicht asylberechtigt. &#8222;Wir brauchen mehr junge Arbeitskr\u00e4fte&#8220; korrespondiert in dieser verdrehten Weltsicht dann problemlos mit &#8222;Wir wollen die jungen Menschen, die hierher fl\u00fcchten, nicht hier haben&#8220;.<\/p>\n<p>Ist jetzt eigentlich nicht so schwer zu durchschauen, dass da was nicht zusammenpasst, oder?<\/p>\n<p>Wie ich letzte Woche schon in einem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=31959\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> beschrieb, ist es \u00f6konomisch ausgesprochen kontraproduktiv, Menschen, die hier arbeiten (wollen), abzuschieben oder gar nicht erst ins Land zu lassen. Die tragen n\u00e4mlich zur Produktivit\u00e4t unserer Volkswirtschaft bei. Und wenn die dann auch noch passenderweise recht jung sind und Kinder haben, die dann auch zuk\u00fcnftig hier arbeiten w\u00fcrden, dann w\u00e4re das doch glatt ein Ausgleich f\u00fcr die immer wieder gern als bedrohlich herangezogene Bev\u00f6lkerungspyramide, die einen \u00dcberhang an alten Menschen aufweist, oder?<\/p>\n<p>Aber klar: Wenn einem Rassismus wichtiger ist und man lieber der AfD hinten reinkriecht, dann erkennt man solche eindeutigen Zusammenh\u00e4nge nicht. Oder man erkennt sie, aber gibt die damit verbundene kognitive Dissonanz einfach so ungefiltert an seine Anh\u00e4nger weiter. Beides in jedem Fall ziemlich dumm und eben auch nicht zielf\u00fchrend.<\/p>\n<p><strong>M\u00f6gliche L\u00f6sungsans\u00e4tze<\/strong><\/p>\n<p>Was k\u00f6nnte denn zielf\u00fchrend sein, um die Situation der Rentner generell zu verbessern? Nun, mir fallen da spontan schon so ein paar Sachen ein, die sich aus dem vorstehend Geschriebenen ergeben &#8230;<\/p>\n<p>Zum einen w\u00e4ren h\u00f6here L\u00f6hne ein probates Mittel. Dann w\u00fcrde auch wieder mehr in die Rentenkassen eingezahlt, sodass der Prozentsatz vom letzten Entgelt, der an Rente ausgezahlt wird, auch erh\u00f6ht werden k\u00f6nnte. Das waren ja mal \u00fcber 60 %, mittlerweile sind das nur noch 48 %. Vor allem k\u00f6nnte man die Finanzlage der Rentenkassen aufbessern, wenn tats\u00e4chlich alle (auch Selbstst\u00e4ndige und Beamte) darin einzahlen w\u00fcrden, und zwar ungedeckelt (bei der Auszahlung m\u00fcsste es dann allerdings schon einen Deckel geben). Dann w\u00fcrden zwar einige wenige jammern, dass es ja nicht sein kann, dass sie dann vielleicht 20.000 Euro im Monat in die Rentenversicherung einzahlen m\u00fcssten, aber wenn jemand mehr als 200.000 Euro im Monat hat, dann sollte ihm das weniger wehtun als 200 Euro bei jemandem, der mit gut 2000 Euro im Monat auskommen muss.<\/p>\n<p>Erg\u00e4nzend k\u00f6nnte dann endlich auch mal wieder die Arbeitszeit verk\u00fcrzt werden (bei vollem Lohnausgleich nat\u00fcrlich), denn das war schon lange nicht mehr der Fall, obwohl die Produktivit\u00e4t immer mehr steigt (oft technologiebedingt \u2013 Stichwort Digitalisierung), genauso wie in vielen Berufen die Arbeitsverdichtung. Dann w\u00fcrden mehr Menschen einen Job bekommen und in die Sozialversicherung einzahlen.<\/p>\n<p>Eine weitere Idee w\u00e4re es, f\u00fcr Maschinen, die menschliche Arbeit ersetzen, eine Sozialabgabe zu zahlen. Schlie\u00dflich haben das die wegrationalisierten Arbeitskr\u00e4fte ja auch gemacht.<\/p>\n<p>Dadurch w\u00fcrden dann zwar die leistungslosen Millionen- und Milliardenverm\u00f6gen nicht mehr so schnell wachsen oder sogar etwas schrumpfen, aber das k\u00f6nnten deren Besitzer sehr gut verkraften, ohne gleich am Hungertuch nagen zu m\u00fcssen \u2013 anders als viele Rentner.<\/p>\n<p>Zudem w\u00e4re es sinnvoll, die Menschen, die hierher fl\u00fcchten, als Chance zu sehen und nicht als Belastung (s. <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2025\/dezember\/syrische-gefluechtete-win-win-statt-one-way\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Das ginge zum Beispiel, indem man mehr F\u00f6rderangebote bereitstellt (wie beispielsweise Sprachkurse, aber auch so was wie Kinderbetreuung), die Gefl\u00fcchteten schneller und unb\u00fcrokratischer arbeiten l\u00e4sst, vielleicht auch erst mal in Form von Praktika, wenn die Sprachkenntnisse noch nicht ausgepr\u00e4gt genug sind, und auch deren Bildungsabschl\u00fcsse und Berufsausbildungen schneller und spezifischer anerkennt.<\/p>\n<p>Und auch die Ausgabenseite ist nat\u00fcrlich f\u00fcr viele Rentner problematisch. Hier k\u00f6nnt mit einem Mietendeckel gegengesteuert werden, denn zurzeit k\u00f6nnen gerade \u00e4ltere Menschen, bei denen die Kinder aus dem Haus sind, oft keine kleinere Wohnung beziehen, weil deren Miete h\u00f6her liegt als die Altmiete der mittlerweile zu gro\u00dfen bisherigen Familienwohnung.<\/p>\n<p>Was man dabei auch noch ber\u00fccksichtigen sollte: Wenn Rentner finanziell besser gestellt w\u00e4ren, w\u00e4re das ein ziemliches Konjunkturprogramm f\u00fcr die Binnennachfrage, denn diese Menschen geben den Gro\u00dfteil ihres Geldes hierzulande aus, das fl\u00f6sse also wieder in den Wirtschaftskreislauf zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re alles kein Zauberwerk, man m\u00fcsste es nur wollen. Aber das will offenbar kaum jemand von denen, die da f\u00fcr die politischen Entscheidungen zust\u00e4ndig sind &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer mehr Menschen in Deutschland haben eine sehr kleine Rente, die kaum zum Leben reicht und ihnen so gut wie keine soziale Teilhabe mehr erm\u00f6glicht. 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