{"id":32055,"date":"2026-01-31T17:56:15","date_gmt":"2026-01-31T16:56:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=32055"},"modified":"2026-01-31T17:56:15","modified_gmt":"2026-01-31T16:56:15","slug":"verteidigungspolitik-umfassend-denken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=32055","title":{"rendered":"Verteidigungspolitik umfassend denken"},"content":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich las ich einen interessanten <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2026\/januar\/abhaengigkeit-als-waffe\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel von Susanne G\u00f6tze und Annika Joeres<\/a> in den <em>Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/em>, der auf dem aktuellen Buch der beiden Autorinnen basiert und in dem es um eine neue Sichtweise auf die Verteidigungspolitik geht. Das hat mich dann zu den \u00dcberlegungen gebracht, dass Verteidigungspolitik nicht so eindimensional gedacht werden sollte, wie das zurzeit der Fall ist \u2013 auch wenn das Rheinmetall und Co. eher nicht gefallen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>So benennen G\u00f6tze und Joeres die Abh\u00e4ngigkeit von fossilen Energietr\u00e4gern als gro\u00dfes Sicherheitsrisiko, und das ist auch leicht nachzuvollziehen, wenngleich dieser Aspekt in aktuellen milit\u00e4rpolitischen Debatten bisher kaum auftaucht. Schlie\u00dflich k\u00f6nnen Panzer, Flugzeuge und U-Boote ohne Kraftstoff nicht in Bewegung gesetzt werden, und auch zu ihrer Herstellung bzw. der Produktion von Munition wird Erd\u00f6l gebraucht. Dies und auch Erdgas bezieht Deutschland \u00fcberwiegend von Staaten, die nicht gerade als gefestigte Demokratien gelten \u2013 unter anderem auch nach wie vor aus Russland. Auf diese Weise wird also die Kriegskasse derjenigen gef\u00fcllt, gegen die es aufzur\u00fcsten gilt, weil sie tendenziell eine Bedrohung darstellen k\u00f6nnten. Schon reichlich paradox, oder?<\/p>\n<p>Und wenn nun im (hypothetischen) Verteidigungsfall tats\u00e4chlich die Lieferungen von fossilen Energietr\u00e4gern ausbleiben, weil ebenjene L\u00e4nder, von denen wir die erhalten, sich mit uns im Krieg befinden oder von einem unserer Kriegsgegner unter Druck gesetzt werden, dann k\u00f6nnen die milit\u00e4rischen Fahrzeuge, Boote und Flugzeuge eben nicht eingesetzt werden. Oder nur eine kurze Zeit, bis die \u00d6lreserven hierzulande aufgebraucht sind.<\/p>\n<p>Wie schnell so was fragil werden kann, sieht man ja gerade an den USA. Bis vor Kurzem noch ein Verb\u00fcndeter, stellt das Land nun immer offensichtlicher eine Bedrohung dar. Schon nicht so toll, dann von deren Gaslieferungen abh\u00e4ngig zu sein, oder? Zumal wenn man bedenkt, das aktuell etwa ein F\u00fcnftel der deutschen Tanklager an ein US-Unternehmen von einem Trump-Freund verscherbelt wurde (s. <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/trump-naher-us-unternehmer-kontrolliert-ein-fuenftel-der-deutschen-tanklager-108.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Ach ja: Dieses Unternehmen hat auch Anteile an einer Betreiberfirma von Pipelines, \u00fcber die deutsche Milit\u00e4rflugpl\u00e4tze mit Benzin versorgt werden. Energieunabh\u00e4ngigkeit sieht definitiv anders aus.<\/p>\n<p>Was noch hinzukommt: F\u00fcr Erd\u00f6l und Erdgas braucht man industrielle Gro\u00dfanlagen wie beispielsweise Raffinerien und Kraftwerke. In einem Konfliktfall bietet diese Infrastruktur ziemlich gute Ziele, bei denen man mit minimalem Aufwand maximalen Schaden anrichten kann. Hat man ja gerade vor Kurzem in Berlin gesehen, was passiert, wenn man solche zentralisierte Energieinfrastruktur attackiert.<\/p>\n<p>Erneuerbare Energien hingegen sind ja vor allem dann effektiv, wenn sie dezentral sind. Solaranlagen auf H\u00e4userd\u00e4chern oder Windkraftanlagen, die vereinzelt irgendwo rumstehen, k\u00f6nnen nicht so einfach in gro\u00dfem Stil durch einen Angriff ausgeschaltet werden. Insofern sorgen erneuerbare Energien nicht nur f\u00fcr Unabh\u00e4ngigkeit von Importen aus fragw\u00fcrdigen Staaten, sondern erh\u00f6hen auch die Betriebssicherheit der Energieversorgung in einem Konfliktfall.<\/p>\n<p>Es ist also reichlich fahrl\u00e4ssig, bei Verteidigungspolitik nur daran zu denken, mehr Waffen herzustellen, daf\u00fcr aber die Energieversorgung als sicherheitspolitische Schwachstelle aufrechtzuerhalten. Eine Umstellung auf erneuerbare Energien bekommt so noch einmal eine ganz neue Dringlichkeitsdimension hinzu \u2013 mal ganz abgesehen davon, dass das von Rechten von CDU bis AfD propagierte und praktizierte Festhalten an fossilen Energietr\u00e4gern das Klima und damit letztlich unsere Biosph\u00e4re gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>Zudem muss noch ber\u00fccksichtigt werden, dass das Beschaffungswesen der Bundeswehr ausgesprochen verfilzt und ineffektiv ist (s. <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/ruestung-bundeswehr-102.html\">hier<\/a>). Wenn man da nun nur immer mehr Geld reink\u00fcbelt, freut das nat\u00fcrlich die R\u00fcstungsindustrie, aber es erscheint mir sinnvoller, hier eher mal strukturell ranzugehen und dieses Manko zu beseitigen, indem man neue Strukturen schafft. Das w\u00fcrde dann auch wieder eine Menge an fossilen Energietr\u00e4gern einsparen, was wiederum ein Gewinn mit vielfachem Nutzen w\u00e4re: f\u00fcr die Umwelt, f\u00fcrs Klima und auch f\u00fcr die Sicherheit.<\/p>\n<p>Eine weitere Ebene, auf der Unabh\u00e4ngigkeit sinnvoll w\u00e4re, ist die IT der \u00f6ffentlichen Verwaltung in Deutschland. Hier wird in der Regel immer noch auf US-Anbieter zur\u00fcckgegriffen, einzig Schleswig-Holstein ist bislang dabei, auf Open-Source-Systeme umzustellen (s. <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/fernsehen\/erst-belaechelt-nun-gefeiert-schroedters-open-source-vorstoss,shmag-6350.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Wie weiter oben schon angedeutet: Die USA sind, zumindest solange dort das trumpistische Regime herrscht, kein zuverl\u00e4ssiger Partner oder gar Freund mehr. Wenn es denen also in einem Konfliktfall in den Sinn kommt, ihre Unternehmen dazu zu bringen, die deutscher Verwaltung zusammenbrechen zu lassen, dann w\u00e4re das ein ziemlicher Schlag gegen die \u00f6ffentliche Ordnung, die dann wohl nur noch schwer aufrechtzuerhalten w\u00e4re. Mal von der Verteidigungsf\u00e4higkeit ganz abgesehen.<\/p>\n<p>Kling jetzt nach Science-Fiction? Na ja, dazu muss man sich ja nur mal anschauen, wie das US-Regime das schon gehandhabt hat mit unliebsamen Personen. Und damit meine ich nun keine fiesen Diktatoren, sondern beispielsweise einen Richter vom internationalen Strafgerichtshof (s. <a href=\"https:\/\/www.golem.de\/news\/internationaler-strafgerichtshof-amazon-und-paypal-blockieren-richter-in-europa-2511-202479.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>) oder die beiden Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerinnen von Hate Aid, einer Organisation, die Opfer von Hass in sozialen Medien ber\u00e4t (s. <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/usa-hate-aid-einreiseverbote-li.3359295\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Und da die Inhaber der gro\u00dfen Tech-Konzerne ja nun auch allesamt Trump-Anh\u00e4nger sind, f\u00e4llt es nicht schwer, sich auszumalen, dass solche Ma\u00dfnahmen dann auch gegen Staaten, die nicht so spuren, wie das US-Regime es gern h\u00e4tte, ergriffen werden.<\/p>\n<p>Wenn man also Verteidigungspolitik heute immer noch nur so denkt, dass man stetig mehr Geld in R\u00fcstungsg\u00fcter pumpen muss, dann hat man nicht nur die Zeichen der Zeit nicht erkannt, sondern gef\u00e4hrdet auch massiv die Sicherheit. Dass den Vaterlandsverr\u00e4tern von der AfD so was nur recht w\u00e4re, ist ja nicht verwunderlich, dass aber auch die meisten anderen Parteien in der Regel nicht weiter denken als bis zu den Auftr\u00e4gen an Rheinmetall und Co., zeigt, dass man entweder keine politische Weitsicht hat oder aber einem die tats\u00e4chliche Sicherheit hierzulande ziemlich wurscht ist, solange man der R\u00fcstungsindustrie zu Diensten sein und damit auf ein paar sch\u00f6ne Gratifikationen von deren Seite aus hoffen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich las ich einen interessanten Artikel von Susanne G\u00f6tze und Annika Joeres in den Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik, der auf dem aktuellen Buch der beiden Autorinnen basiert und in dem es um eine neue Sichtweise auf die Verteidigungspolitik geht. 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