{"id":32149,"date":"2026-03-12T23:55:55","date_gmt":"2026-03-12T22:55:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=32149"},"modified":"2026-03-13T00:01:23","modified_gmt":"2026-03-12T23:01:23","slug":"pro-und-kontra-social-media-verbot-fuer-kinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=32149","title":{"rendered":"Pro und Kontra Social-Media-Verbot f\u00fcr Kinder"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Wochen wurde ja immer wieder diskutiert, ob es ein Social-Media-Verbot f\u00fcr Kinder und Jugendliche unter 14 oder 16 Jahren geben sollte. Klingt erst mal durchaus stimmig, ist aber dennoch eine etwas zwiesp\u00e4ltige Sache, wie ich finde.<\/p>\n<p>In Australien wurde genau das schon eingef\u00fchrt, und die Social-Media-Konzerne haben nun seit Beginn des Jahres, seit das Gesetz in Kraft ist, bereits \u00fcber vier Millionen Accounts von minderj\u00e4hrigen Nutzern deaktiviert (s. <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/ozeanien\/australien-verbot-social-media-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Da Social Media oft als Mittel zum Mobbing missbraucht wird und zudem die Gefahr der Desinformation gerade f\u00fcr junge Menschen dort sehr gro\u00df ist aufgrund von deren noch nicht richtig ausgepr\u00e4gter Medienkompetenz, ist die Idee eines solchen Schutzes von Minderj\u00e4hrigen erst mal naheliegend.<\/p>\n<p>Zumal es ja auch in anderen Bereichen Jugendschutz gibt, der durch Verbote geregelt ist: Zigaretten, Alkohol, Pornografie oder Filme, die junge Menschen verst\u00f6ren k\u00f6nnten (FSK 18), bekommen Kinder und Jugendliche ja auch nicht so ohne Weiteres. Und ich sch\u00e4tze mal, dass das auch die allermeisten so ganz richtig finden.<\/p>\n<p>Nun sind soziale Medien zwar nicht per se sch\u00e4dlich f\u00fcr junge Menschen (so wie die gerade genannten Beispiele), aber eben in zunehmendem Ma\u00dfe, weil sie auch dazu missbraucht werden, manipulative Falschinformationen zu verbreiten oder sich auf Kosten anderer hervorzuheben (Mobbing). Und was noch hinzukommt: In sozialen Medien werden Kinder und Jugendliche auch immer wieder mit Werbung dichtgeballert, und das kann selbst bei spezifischen Angeboten f\u00fcr Kids auch mal nicht eben altersgem\u00e4\u00dfe Reklame sein, wie mir immer mal wieder Eltern berichteten.<\/p>\n<p>Schleswig-Holsteins Ministerpr\u00e4sident Daniel G\u00fcnther (CDU) sieht diesbez\u00fcglich dringenden Handlungsbedarf (s. <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/social-media-daniel-guenther-sieht-deutschland-ohne-social-media-verbot-vor-dem-abgrund-a-66db73d4-dcac-4849-99d5-c984b82394a9\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Er f\u00fchrt als sch\u00e4dliche Auswirkungen noch an, dass in sozialen Medien oft unrealistische Sch\u00f6nheitsideale verbreitet werden, die vor allem bei M\u00e4dchen zu Essst\u00f6rungen und Depressionen f\u00fchren k\u00f6nnen, und dass TikTok und Co. auch h\u00e4ufig Suchtverhalten ausl\u00f6sen. Das d\u00fcrften auch nicht wenige Erwachsene gut kennen: &#8222;Ach, nur noch das eine Video \u2026 und dann noch dieses hier \u2026&#8220; \u2013 und schon sind wieder ein paar Stunden vergangen, die man auf einer Social-Media-Plattform verdaddelt hat.<\/p>\n<p>Alles nachvollziehbare Gr\u00fcnde, warum soziale Medien nicht gut f\u00fcr Kinder und Jugendliche sein k\u00f6nnen und daher erst ab einem bestimmten Alter (14, 16 oder 18) f\u00fcr diese verf\u00fcgbar sein sollten.<\/p>\n<p>Allerdings gibt es da dann auch ein paar Aber, die mir einfallen &#8230;<\/p>\n<p>Zum einen: Sachen, die verboten sind, erfahren meistens einen Attraktivit\u00e4tssteigerung. Kennen viele: Mit 18 war es auf einmal gar nicht mehr so spa\u00dfig und spannend wie in den Jahren zuvor, zu Silvester rumzub\u00f6llern. Wenn soziale Medien nun f\u00fcr junge Menschen verboten werden, dann k\u00f6nnte ich mir vorstellen, dass viele von denen noch mal extra hei\u00df darauf werden. Zumal das ja auch etwas ist, was nicht unmittelbare gesundheitliche Negativfolgen mit sich bringt (so wie Rauchen oder Trinken), sondern von vielen Kids schon ausgiebig genutzt und f\u00fcr gut befunden wurde.<\/p>\n<p>Erschwerend kommt hinzu, dass so eine Social-Media-Nutzung ja auch nicht unbedingt sofort erkennbar ist. Was jemand gerade macht, der in der \u00d6ffentlichkeit an seinem Handy rumdaddelt, erschlie\u00dft sich der Umgebung ja nicht unbedingt. Und wenn das Ganze dann zu Hause stattfindet \u00fcber die Accounts der Eltern, ist es ohnehin schwer nachpr\u00fcfbar.<\/p>\n<p>Klar, das gilt f\u00fcr alle Sachen, die verboten sind und die in den eigenen vier W\u00e4nden geschehen. Ob Kinder beispielsweise bei sich zu Hause rauchen, Schnaps trinken oder Pornos gucken, ist erst mal f\u00fcr Au\u00dfenstehende schwer festzustellen. Und selbst bei sehr groben Straftaten wie sexueller Misshandlung oder Gewalt gegen Kinder ist es oft nicht ganz leicht, das auch nachzuweisen, wenn es eben nicht in der \u00d6ffentlichkeit stattfindet. Trotzdem sind diese Sachen verboten, und das ist, wie schon gesagt, ja auch gut so.<\/p>\n<p>Der Unterschied zu Social Media, wie oben schon angedeutet: Rauchen, Alkohol und Gewalt <em>sind<\/em> immer sch\u00e4dlich f\u00fcr Minderj\u00e4hrige, Social Media <em>kann<\/em> sch\u00e4dlich sein.<\/p>\n<p>Soziale Medien k\u00f6nnen aber auch durchaus positive Effekte haben. Zum Beispiel, indem man Kontakt zu weiter entfernt wohnenden Familienangeh\u00f6rigen halten kann. Oder zu Schulfreunden, beispielsweise nach einem Umzug in eine andere Stadt. Gerade Kinder und Jugendliche sind ja nicht einfach so mobil und k\u00f6nnen mal eben eine l\u00e4ngere Strecke zur\u00fccklegen auf eigene Faust, um jemanden zu besuchen.<\/p>\n<p>Und dann gibt es ja auch eine ganze Menge sinnvolle Infos, die man dort erhalten kann. Man muss eben nur wissen, wo. Und man muss auch wissen, was man tunlichst meiden sollte, n\u00e4mlich die ganze Werbung, die einem in den sozialen Medien st\u00e4ndig um die Ohren gehauen wird. Stichwort Medienkompetenz \u2013 und daran hapert es leider nach wie vor m\u00e4chtig, denn viele Jugendliche sind beispielsweise nicht in der Lage, journalistische und werbliche Inhalte unterscheiden zu k\u00f6nnen (s. <a href=\"https:\/\/medienwoche.ch\/2017\/12\/05\/jugendliche-erkennen-native-advertising-nicht-als-werbung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Und da das auch schon l\u00e4nger bekannt ist, stellt sich doch die Frage, warum da bisher nicht mal konsequent gegengesteuert wurde. Zum Beispiel durch die verst\u00e4rkte Vermittlung von Medienkompetenz in Schulen, gern auch als eigenes Fach.<\/p>\n<p>Zudem muss man ja auch feststellen, dass nicht alle jungen Menschen Social Media missbr\u00e4uchlich nutzen, sich dort manipulieren lassen oder mobben bzw. gemobbt werden. Es gibt eben auch diejenigen, die ganz manierlich mit diesen Medien umgehen. Und da wage ich jetzt mal eine Prognose: Gerade diejenigen w\u00e4ren es dann wohl auch, die sich an ein Social-Media-Verbot hielten. Diejenigen, denen sch\u00e4dlicher Medienkonsum schon von klein auf vermittelt wurde, d\u00fcrften dann eher mal von den Eltern \u00fcber deren Accounts in die soziale Medienwelt gelassen werden \u2013 wenn die Kids dann wenigstens sch\u00f6n ruhig dabei sind. Solange das zu Hause passiert, ist das dann ja, wie gesagt, auch nur schwer kontrollierbar.<\/p>\n<p>Und sp\u00e4testens, wenn die eigenen Kinder dann von ihren Klassenkameraden oder anderen Gleichaltrigen ausgeschlossen werden, weil sie tats\u00e4chlich zu denen geh\u00f6ren, die keine sozialen Medien nutzen, werden viele Eltern ins \u00dcberlegen kommen, ob man nicht vielleicht doch mal gelegentlich eine Ausnahme machen sollte &#8230;<\/p>\n<p>W\u00e4re es daher nicht viel sinnvoller, wenn soziale Medien so genutzt werden, dass sie keinen Schaden anrichten?<\/p>\n<p>Klar, das w\u00e4re nicht ganz einfach, denn das Gesch\u00e4ftsmodell der Social-Media-Betreiber ist ja nun mal nicht eben auf Menschenfreundlichkeit und die Vermittlung sozialer Kompetenzen ausgelegt, sondern auf knallharten Profit. Und der kennt eben keine Ethik und Moral. Insofern k\u00f6nnte es doch sinnvoll sein, zum einen eine deutliche Reglementierung dieser sozialen Medien per Gesetz einzuf\u00fchren und in einem zweiten Schritt am besten soziale Medien anzubieten, die in \u00f6ffentlicher Hand sind \u2013 mit reellen M\u00f6glichkeiten, Beschwerden gegen Fehlinformationen, Drohungen, Mobbing usw. einzulegen, die dann auch entsprechend sanktioniert werden.<\/p>\n<p>Auch k\u00f6nnten sich die Anbieter von Inhalten verpflichten, ihre Kommentarspalten manierlich zu moderieren und Hetze, stumpfes Gep\u00f6bel oder \u00e4hnliche Unappetitlichkeiten dort konsequent zu entfernen (s. dazu <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=29015\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Wenn die das nicht freiwillig machen, weil sie geil auf die Klicks sind, dann m\u00fcsste eben mit entsprechenden Sanktionen nachgeholfen werden. Aber vielleicht reicht es ja auch schon aus, hier mal eindringlich und prominent an die Verantwortlichkeit der Medienschaffenden zu appellieren.<\/p>\n<p>Es gibt \u00fcbrigens schon etwas, dass deutlich besser zu sein scheint als die bisherigen Social-Media-Angebote: Fediverse. <em>Digitalcourage<\/em> stellt diese Alternative zu Facebook, TikTok und X in einer <a href=\"https:\/\/digitalcourage.de\/fediverse-anleitung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Anleitung<\/a> vor (<a href=\"https:\/\/digitalcourage.video\/w\/p4VBLACzX1sFG1YfVs1JEB\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> gibt es auch ein Erkl\u00e4rvideo dazu). Ich hab mich damit noch nicht so wirklich auseinandergesetzt, weil ich die Zeit daf\u00fcr bisher nicht gefunden habe, aber das scheint mir durchaus eine interessante Angelegenheit zu sein. W\u00e4re es nicht vielleicht sinnvoller, Kinder und Jugendliche damit vertraut zu machen, anstatt ihnen soziale Medien komplett zu verbieten?<\/p>\n<p>Denn man muss sich ja vor allem auch vor Augen halten, dass die Datensammler von Facebook und Co. so ein Verbot sicher gar nicht so \u00fcbel f\u00e4nden, wie es zun\u00e4chst erscheinen mag. Schlie\u00dflich m\u00fcsste sich jeder Nutzer identifizieren mit einem Ausweis oder einem anderen offiziellen Nachweis seiner Vollj\u00e4hrigkeit (oder eben dass er \u00fcber 14 oder 16 ist \u2013 je nachdem, wo da die Grenze gesetzt wird). Das sind dann wieder mal wunderbar viele Daten, die man von den Menschen bekommt. Und die man dann vielleicht auch gern an das Trump-Regime weitergibt \u2013 oder in Deutschland an eine m\u00f6gliche k\u00fcnftige AfD-Regierung. Nicht gerade rosige Aussichten, wie ich finde.<\/p>\n<p>Insofern w\u00fcrde ich ein Social-Media-Verbot f\u00fcr Kinder und Jugendliche allerh\u00f6chstens als eine Art \u00dcbergangsl\u00f6sung sehen, um aktuellen negativen Auswirkungen entgegenzuwirken \u2013 wobei man die geschilderten negativen Auswirkungen dieses Verbots auch ber\u00fccksichtigen und dann sehr sorgf\u00e4ltig abw\u00e4gen sollte. Grunds\u00e4tzlich w\u00fcrde ich aber eine tragf\u00e4hige L\u00f6sung, die soziale Medien, die ihren Namen auch verdienen, in den Mittelpunkt r\u00fcckt und diese entsprechend gestaltet, bevorzugen. Technik ist schlie\u00dflich per se meistens nicht gut oder schlecht, sondern nur das, was man daraus macht. Und das w\u00e4re doch mal eine sinnvolle politische Aufgabe, hier eine gute Nutzung von Social Media inklusive eines wirksamen User-Schutzes zu gew\u00e4hrleisten. Klar, das ist etwas anspruchsvoller als ein simples Verbot, sodass sich nat\u00fcrlich die Frage stellt, ob das administrative Personal derzeit dazu \u00fcberhaupt in der Lage und\/oder willens w\u00e4re.<\/p>\n<p>Aber so was k\u00f6nnen wir ja letztlich alle mit dem Wahlzettel mitentscheiden &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Wochen wurde ja immer wieder diskutiert, ob es ein Social-Media-Verbot f\u00fcr Kinder und Jugendliche unter 14 oder 16 Jahren geben sollte. 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