{"id":3235,"date":"2015-06-16T15:00:37","date_gmt":"2015-06-16T13:00:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3235"},"modified":"2015-06-16T15:00:37","modified_gmt":"2015-06-16T13:00:37","slug":"grexit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3235","title":{"rendered":"Grexit"},"content":{"rendered":"<p>Der Grexit, also der Ausschluss Griechenlands aus der Eurozone, ist ein Thema, was in den letzten Tagen und Wochen eine starke mediale Pr\u00e4senz hat. Leider wird die notwendige Debatte selten sachlich gef\u00fchrt, sondern ist dominiert von ideologischen Aussagen und einseitiger Berichterstattung, sodass deutlich wird: An Griechenland soll ein Exempel statuiert werden, dass man sich gef\u00e4lligst nicht gegen das neoliberale Dogma aufzulehnen hat.<\/p>\n<p>Und diese Sichtweise ist mittlerweile sehr verbreitet in den K\u00f6pfen vieler Deutscher. Dies konnte ich gerade wieder feststellen, als ich die Reaktionen auf einen <a href=\"http:\/\/www.t-online.de\/wirtschaft\/id_74369712\/griechenland-krise-gianis-varoufakis-draengt-auf-schuldenschnitt.html\" target=\"_blank\">Artikel auf\u00a0<em>T-Online.de<\/em><\/a> auf\u00a0<em>Facebook<\/em> las. In dem Artikel geht es um Aussagen vom griechischen Finanzminister Varoufakis, der die derzeitige Situation als verfahren kennzeichnet und einen Neubeginn infolge eines Schuldenschnitts fordert, um die gescheiterte Austerit\u00e4tspolitik abzul\u00f6sen. Ein Werner Bienert schrieb daraufhin (Rechtschreibung vom Orginal-Posting \u00fcbernommen):<\/p>\n<blockquote><p>wovon wollen diese bekloppten griechen etwas zur\u00fcck zahlen haben doch alles in ihre eigene tasche schnell gesteckt und das ganz normale volk muss leiden raus aus dem EURO drecks Griechen<\/p><\/blockquote>\n<p>Und auch ein Albert Otto \u00e4u\u00dferte sich \u00e4hnlich:<\/p>\n<blockquote><p>Raus aus dem Euro mit diesem Drecksvolk.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Tenor vieler anderer Kommentare zu dem Artikel geht dann in die Richtung, dass die Griechen alles geschenkt haben wollten, dass die ja nur auf unsere Kosten in Saus und Braus leben wollen, dass man ja selbst bei seiner Bank auch keinen Schuldenschnitt verlangen k\u00f6nnte (hier verf\u00e4ngt wieder das d\u00fcmmliche Bild der <em>schw\u00e4bischen Hausfrau<\/em>, das Angela Merkel ja h\u00e4ufig genug bem\u00fcht und damit die falsche Assoziation verfestigt hat, eine staatliche Volkswirtschaft w\u00fcrde genauso funktionieren wie ein Privathaushalt) &#8211; das ganze Programm von Stammtischplattit\u00fcden also.<\/p>\n<p>Nicht nur, dass ein extremer Mangel an Empathie sowie ein geh\u00f6riges\u00a0Ma\u00df Menschenverachtung aus solchen \u00c4u\u00dferungen spricht, zudem offenbart sich darin auch eine erschreckende Unkenntnis der Situation, die \u00fcberhaupt erst zu der griechischen Verschuldung gef\u00fchrt hat. Aber genau diese Vereinfachungen werden ja auch von den meisten Medien in Deutschland transportiert: Die Griechen sind selbst schuld, die haben halt \u00fcber ihre Verh\u00e4ltnisse gelebt. Kein Wort und demzufolge auch kein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Konstruktionsfehler der Eurozone oder die deutsche Konkurrenzpolitik mit stetig wachsenden Export\u00fcbersch\u00fcssen, die ein Ungleichgewicht in die W\u00e4hrungszone gebracht hat, dass dann bei der Bankenrettung nach dem Finanzcrash 2008 zum Kollaps der Staatsverschuldung gef\u00fchrt hat, auch die Umschuldung\u00a0von privaten Gl\u00e4ubigern, die sich in Griechenland schlichtweg verzockt haben, hin zur \u00f6ffentlichen Hand wird selten erw\u00e4hnt. Stephan Hebel bringt es in seinem ausgesprochen lesenswerten Leitartikel <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/leitartikel\/griechenland-gut-genervt--tsipras,29607566,30938532.html\" target=\"_blank\">Gut genervt, Tsipras<\/a> in der <em>Frankfurter Rundschau<\/em>\u00a0ziemlich gut auf den Punkt:<\/p>\n<blockquote><p>\u00a0Es w\u00e4re einiges geholfen, wenn die \u00f6ffentliche Debatte den Sprachregelungen und Interessen der mit Athen streitenden \u201eInstitutionen\u201c nicht ganz so unkritisch folgte.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie unsauber in vielen der sogenannten Leitmedien gearbeitet wird, wenn es darum geht, griechische Positionen oder Vertreter zu diffamieren, war sehr deutlich ersichtlich an der weit verbreiteten Meldung, dass Varoufakis in Riga von den Finanzministern der anderen Euro-L\u00e4nder angeblich als &#8222;Spieler&#8220;, &#8222;Amateur&#8220; und &#8222;Zeitverschwender&#8220; beschimpft wurde, wie die Schweizer Webseite <em>Infosperber<\/em>\u00a0in einem <a href=\"http:\/\/www.infosperber.ch\/Artikel\/Medien\/Medien-EU-So-funktioniert-Rufmordmaschine-gegen-Varoufakis\" target=\"_blank\">Artikel<\/a> ausf\u00fchrlich darstellt:\u00a0Journalistische Standards werden da einfach beiseitegelassen, anonyme\u00a0Aussage &#8222;Aus gut unterrichteten Kreisen&#8220; usw.) werden ohne Quellen\u00fcberpr\u00fcfung und Befragung der Gegenseite als Tatsachen dargestellt, und wenn dann doch mal jemand tats\u00e4chlich das Gegenteil behauptet, dann wird das schlichtweg ignoriert, denn das passt ja nicht ins Bild, was den Deutschen vermittelt werden soll:<\/p>\n<blockquote><p>Varoufakis italienischer Minister-Kollege\u00a0<em>Pier Carlo Padoan<\/em>\u00a0hat in der Folge \u00f6ffentlich dementiert, dass es diese Beleidigungen bei dem Treffen gegeben habe. Dieses Dementi hinterliess aber in den Medien keine gr\u00f6sseren Spuren. Daraus muss man schliessen, dass in den europ\u00e4ischen Medien von\u00a0<em>anonymen Quellen<\/em>\u00a0verbreitete Beleidigungen, zudem ohne mit Namen identifizierte Beleidiger, mehr z\u00e4hlen als der abweichende Bericht des italienischen Finanzministers, der sich\u00a0<em>mit Namen zitieren<\/em>\u00a0l\u00e4sst.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es geht also bei der ganzen Sache nicht um eine problemorientierte L\u00f6sung, sondern um Ideologie, und wie immer zeigen sich die neoliberalen Demagogen ausgesprochen realit\u00e4tsresistent. Dass die bisher von IWF, EZB und Europa-Kommission verordnete Politik nicht ansatzweise von Erfolg gekr\u00f6nt war, sondern nur dazu f\u00fchrte, dass es den Menschen in Griechenland immer schlechter geht und die Staatsschuldenquote stetig angestiegen ist, wird einfach ignoriert und mit einem &#8222;Weiter so!&#8220; beiseitegewischt. (Hier sei noch mal auf die hervorragende Dokumentation <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=2zzMWcadFE4\" target=\"_blank\">Macht ohne Kontrolle &#8211; Die Troika<\/a> von Harald Schumann hingewiesen.) Auch das Urteil zahlreicher renommierter\u00a0\u00d6konomen weltweit, z. B. der Wirtschaftsnobelpreistr\u00e4ger Paul Krugman oder Joseph E. Stiglitz, dass die Austerit\u00e4tspolitik gescheitert sei oder ein Blick in die Historie, der ebenfalls offenbart, dass es noch nie funktioniert hat, eine Volkswirtschaft in einer Krise &#8222;gesundzusparen&#8220;, f\u00fchrt nicht dazu, den politischen Kurs zu \u00e4ndern &#8211; auch auf die Gefahr hin, Griechenland aus der Eurozone zu kegeln.<\/p>\n<p>Was die Konsequenzen davon w\u00e4ren, hat aus wirtschaftlicher Sicht Markus Diem Meyer im <a href=\"http:\/\/blog.fuw.ch\/nevermindthemarkets\/index.php\/37304\/die-wahre-gefahr-des-grexit\/\" target=\"_blank\">Blog <em>Never Mind The Markets<\/em><\/a> von <em>Finanz und Wirtschaft<\/em> ausf\u00fchrlich dargestellt. Sein Fazit:<em><\/em><\/p>\n<blockquote><p>Aus den obigen Ausf\u00fchrungen ergibt sich bereits,\u00a0dass Griechenland nicht das Hindernis ist, das der Eurozone auf ihrem Weg in die strahlende Zukunft einzig noch im Wege steht. Die\u00a0besonders grossen,\u00a0auch historisch bedingten institutionellen M\u00e4ngel\u00a0in Griechenland und das wenig verantwortungsbewusste Gebaren ihrer Politiker in der Vergangenheit haben es besonders einfach gemacht, die Eurokrise urs\u00e4chlich an Griechenland festzumachen und damit vom wahren Ausmass der institutionellen Schw\u00e4chen des Europrojekts abzulenken. Dass auch die Lage in anderen L\u00e4ndern der Zone alles andere als stabil ist, konnte dabei verdr\u00e4ngt werden &#8211; Thema f\u00fcr ein andermal.<\/p>\n<p>Die Leichtigkeit, mit der das m\u00f6gliche Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone mittlerweile hingenommen wird, stammt auch von der Einsch\u00e4tzung, dass eine solche Entwicklung der Eurozone anders als vor ein paar Jahren kaum mehr etwas anhaben kann. Denn anders als damals sitzen die Banken nicht mehr auf hohen Schulden des Landes, deren Ausfall eine neue Finanzkrise heraufbeschw\u00f6ren k\u00f6nnte.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dar\u00fcber hinaus sieht er vor allem die politischen Folgen als ausgesprochen gef\u00e4hrlich an, und diesen Aspekt beschreibt auch Steffen Vogel in seinem Artikel <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2015\/juni\/grexit-das-scheitern-der-europaeischen-idee\" target=\"_blank\">Grexit: Das Scheitern der europ\u00e4ischen Idee<\/a>\u00a0in den\u00a0<em>Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik.<\/em> Die Botschaft, dass das mit der Eurozone und der EU verbundene Wohlstandsversprechen, gerade f\u00fcr s\u00fcdeurop\u00e4ische L\u00e4nder, einfach aufgek\u00fcndigt werden kann, steht einer europ\u00e4ischen Integration und gemeinsamen Politik, die notwendig w\u00e4re, um die Geburtsfehler der Eurozone beheben zu k\u00f6nnen, diametral entgegen. Ein Land kann einfach ausgequetscht und weite Teile der Bev\u00f6lkerung k\u00f6nnen ins Elend gesto\u00dfen werden, und dann wird es eben einfach quasi weggeschmissen.<\/p>\n<p>Dabei wird der W\u00e4hlerwille der griechischen Bev\u00f6lkerung konsequent missachtet, denn schlie\u00dflich ist Syriza ja demokratisch gew\u00e4hlt worden, wird nun allerdings vonseiten der EU-Institutionen daran gehindert, den W\u00e4hlerauftrag auch umzusetzen. Auch dies ist bezeichnend f\u00fcr das Agieren der Neoliberalen: Sobald eine Alternative zur eigenen destruktiven Politik aufkommt, wird diese diskreditiert und aktiv bek\u00e4mpft, und zwar auf allen Ebenen. Sollte Syriza sich tats\u00e4chlich halten und in Spanien in einigen Monaten Podemos als ebenfalls linke Bewegung an die Macht kommen, dann w\u00fcrde es immer offensichtlicher werden, dass sich die neoliberale Politik direkt gegen das Volk richtet. Also muss nun schnell ein Exempel statuiert werden: Entweder Ihr macht das, was wir wollen, oder wir machen Euch platt! Einsch\u00fcchterung auf primitivste Art und Weise,\u00a0wie sie undemokratischer kaum sein kann. Wie ausschlie\u00dflich ideologisch die ganze Debatte gepr\u00e4gt ist, zeigt sich auch daran, dass es kein Problem ist, der ukrainischen Regierung Gelder zukommen zu lassen, damit diese Krieg gegen ihr eigenes Volk f\u00fchren kann, w\u00e4hrend die gleichen Institutionen mit Griechenland ein Mitglied der eigenen W\u00e4hrungszone am ausgestreckten Arm verhungern lassen.<\/p>\n<p>Dass die Vertreter der griechischen Regierung\u00a0im Europarat zudem gegen TTIP stimmen k\u00f6nnten, ist ein weiterer Aspekt, der m. E. dazu f\u00fchrt, dass Syriza vor allem in Form der beiden Personen Tsipras, Varoufakis so\u00a0massiv angegriffen wird. Die f\u00fchrenden neoliberalen Kr\u00e4fte in Europa, zuvorderst die deutsche Regierung, haben ja schlie\u00dflich deutlich gemacht, dass sie dieses Abkommen in jedem Fall wollen, sodass m\u00f6gliche Gegenstimmen auf staatlicher Ebene, die TTIP blockieren k\u00f6nnten, unbedingt ausgeschaltet werden m\u00fcssen &#8211; egal, ob diese nun demokratisch legitimiert sind oder nicht.<\/p>\n<p>Insgesamt wird an der Krise in Griechenland nur allzu deutlich, wie skrupellos und ohne R\u00fccksicht auf demokratische oder humanit\u00e4re Aspekte\u00a0die Politik als ideologischer Erf\u00fcllungsgehilfe der (Finanz-)Wirtschaft dient, auch wenn dabei das Projekt der europ\u00e4ischen Integration aufs Spiel gesetzt wird. Die Menschenverachtung des Neoliberalismus tr\u00e4te immer offensichtlicher\u00a0zutage, w\u00fcrden nicht die\u00a0meisten Medien dabei helfen, dies zu kaschieren, indem sie die Menschen mit Falschmeldungen und Halbwahrheiten ideologisch auf Linie bringen\u00a0und aufeinanderhetzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Grexit, also der Ausschluss Griechenlands aus der Eurozone, ist ein Thema, was in den letzten Tagen und Wochen eine starke mediale Pr\u00e4senz hat. Leider wird die notwendige Debatte selten sachlich gef\u00fchrt, sondern ist dominiert von ideologischen Aussagen und einseitiger Berichterstattung, sodass deutlich wird: An Griechenland soll ein Exempel statuiert werden, dass man sich gef\u00e4lligst nicht gegen das neoliberale Dogma aufzulehnen hat.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[50,51],"tags":[85,127,221],"class_list":["post-3235","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politisches","category-wirtschaftliches","tag-eu","tag-eurokrise","tag-griechenland"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3235","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3235"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3235\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3252,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3235\/revisions\/3252"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3235"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3235"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3235"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}