{"id":32592,"date":"2026-05-07T08:43:28","date_gmt":"2026-05-07T06:43:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=32592"},"modified":"2026-05-07T08:43:28","modified_gmt":"2026-05-07T06:43:28","slug":"sabrina-hoffmann-die-neuen-asozialen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=32592","title":{"rendered":"Sabrina Hoffmann: Die neuen Asozialen"},"content":{"rendered":"<p>Vor ein paar Wochen war in in unserer \u00f6rtlichen Stadtbibliothek und st\u00f6berte nach einem Buch zum Ausleihen. Dabei fiel mir &#8222;Die neuen Asozialen&#8220; von Sabrina Hoffmann in die H\u00e4nde. Fast h\u00e4tte ich es wieder zur\u00fcckgestellt, da das Buch schon 2016 erschienen ist, aber zum Gl\u00fcck hab ich es dann dennoch mitgenommen. Denn dass das schon zehn Jahre alt ist, entpuppte sich beim Lesen als gro\u00dfer Gewinn.<\/p>\n<p>Die Journalistin Sabrina Hoffmann hat sich mit der damals aufkommenden Bewegung von rechten Wutb\u00fcrgern besch\u00e4ftigt, die ihren Hass immer mehr in den Kommentarspalten des Internets ausgebreitet haben. Dabei analysiert sie durchaus treffend, wieso solche Leute so drauf sind, n\u00e4mlich vor allem, weil sie (h\u00e4ufig recht undifferenziert) Angst haben sowie egoistisch und auch nicht gerade besonders helle sind, sodass ihnen einfache Schuldzuweisungen mehr behagen als eine etwas komplexere Analyse von Problemen und deren Ursachen. Dabei macht sie auch eine steigende Verbl\u00f6dung in diesem Jahrtausend daf\u00fcr verantwortlich, die in den Schulen anf\u00e4ngt und beim Medienkonsum aufh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Was mir dabei ein bisschen fehlt, ist ein Verweis darauf, dass genau diese Verbl\u00f6dung und Angstmache (verbunden mit tats\u00e4chlichen Abstiegs\u00e4ngsten) Grundbestandteile des Neoliberalismus sind, also quasi unseres immer st\u00e4rker aus dem Ruder laufenden Wirtschaftssystems. Aber vielleicht w\u00e4re das auch ein bisschen zu viel gewesen, um auf den recht kompakten 200 Seiten noch abgehandelt zu werden.<\/p>\n<p>Dank des journalistischen Schreibstils und vieler Beispiele von rechtem Wutgezeter ist das Buch auch sehr geschmeidig zu lesen, was bei diesem ernsten Thema ja nicht immer der Fall ist.<\/p>\n<p>Interessant wird es, wenn Hoffmann das Verhalten der rechten Hetzer auf Tribalismus zur\u00fcckf\u00fchrt, also auf archaisches Stammesdenken: wir gegen die anderen. Dabei schildert sie auch ihre eigene Entwicklung als Jugendliche, aus der ersichtlich wird, was gegen so eine Denkweise helfen kann, n\u00e4mlich m\u00f6glichst gro\u00dfe Diversit\u00e4t und regelm\u00e4\u00dfige Kontakte mit dem vermeintlich Fremden.<\/p>\n<p>Davon ausgehend, leitet sie dann auch ab, was gegen diese scheu\u00dflich Entwicklung helfen k\u00f6nnte: mehr und zeitgem\u00e4\u00dfere Bildung. Das klingt nun erst mal nach einem Allgemeinplatz, wird aber von Hoffmann mit recht anschaulichen konkreten Beispielen und theoretischen Grundlagen unterf\u00fcttert.<\/p>\n<p>2016 d\u00fcrfte das Buch also eher f\u00fcr eine positive Stimmung gesorgt haben, wenn man es damals gelesen h\u00e4tte: Das, was da gerade geschieht, ist zwar ausgesprochen unsch\u00f6n, aber es gibt M\u00f6glichkeiten, etwas dagegen zu machen, und diese sind noch nicht einmal gro\u00dfartiges Zauberwerk oder so etwas, sondern basieren auf wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen und k\u00f6nnten zudem auch noch recht z\u00fcgig umgesetzt werden.<\/p>\n<p>Damals war die AfD noch eine Kleinpartei, Unionspolitiker fielen noch deutlich seltener mit rassistischen oder anderweitig rechtsradikalen Aussagen auf, und auch in den meisten Medien waren Narrative von rechtsau\u00dfen selten anzutreffen. Die &#8222;neuen Asozialen&#8220; waren noch eine relativ \u00fcberschaubare Gruppe von unangenehmen Social-Media-Meckerern, und Veranstaltungen wie Christopher-Street-Day-Umz\u00fcge mussten noch nicht unter Polizeischutz durchgef\u00fchrt werden. Pegida-Aufm\u00e4rsche waren ein recht neues Ph\u00e4nomen, und es gab zwar auch schon Anschl\u00e4ge auf Gefl\u00fcchtetenunterk\u00fcnfte, aber diese fanden in der Regel wenig positiven Widerhall in den sozialen Medien.<\/p>\n<p>Wenn man gewollt h\u00e4tte, h\u00e4tte man also einiges machen k\u00f6nnen, um das Erstarken von Rechtsradikalen (auch in Form der AfD) einzuhegen. Hat man aber nicht.<\/p>\n<p>Stattdessen wurde immer mehr Spaltung betrieben von Politikern (und das nicht nur von AfDlern) und Medien (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Divide_et_impera\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Divide et impera<\/a>): Deutsche gegen Migranten, Queere gegen Nicht-Queere, Arme gegen noch \u00c4rmere, Junge gegen Alte usw. Das trieb die Menschen nat\u00fcrlich immer mehr in ihre Bubbles und verfestigte zudem das tribalistische Denken. Und auch bei der Bildung wurde nichts vorangebracht, sondern man hielt stur an \u00fcberkommenen Konzepten fest und sparte zudem noch reichlich bei den Bildungsausgaben, sodass Unterrichtsausfall vielerorts die Regel ist und die Schulgeb\u00e4ude immer mehr herunterkommen.<\/p>\n<p>Das ist alles nicht vom Himmel gefallen, sondern beruht auf ganz konkreten politischen Entscheidungen. Und genau diese Entscheidungen, die den Rechtsrutsch immer weiter bef\u00f6rdert statt eingegrenzt haben, sind meines Erachtens auch nicht zuf\u00e4llig getroffen worden.<\/p>\n<p>Wenn eine Journalistin wie Sabrina Hoffmann zu den in ihrem Buch entsprechenden Erkenntnissen gelangen konnte und diese auch noch ver\u00f6ffentlich hat, dann d\u00fcrfte das in politischen Entscheiderkreise (oder zumindest bei den diesen zuarbeitenden Beratern) wohl auch alles bekannt gewesen sein.<\/p>\n<p>Insofern eignet sich &#8222;Die neuen Asozialen&#8220; hervorragend, um das Scheitern der Politik der letzten zehn Jahre zu dokumentieren. Oder ist das vielleicht gar kein Scheitern, sondern genau so gewollt? Schlie\u00dflich stellt ja von der AfD und ihrem Anhang so gut wie niemand den Neoliberalismus infrage, sodass diese von anderen neoliberalen Politikern und Medien nicht nur in Kauf genommen, sondern sogar gef\u00f6rdert werden, um n\u00e4mlich die eigene gescheiterte Ideologie weiter am Leben zu erhalten.<\/p>\n<p>So eine Vermutung habe ich ja auch schon mal in einem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6796\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> ge\u00e4u\u00dfert \u2013 interessanterweise auch im Jahr 2016.<\/p>\n<p>Der Untertitel des Buches lautet: &#8222;Wie &#8218;besorgte B\u00fcrger&#8216; Deutschland mit Dummheit und rechtem Hass an den Abgrund bringen.&#8220; Wenn man sich anschaut, was in den letzten Jahren diesbez\u00fcglich so geschehen ist, dann sind wir also schon ein ganzes St\u00fcck dichter an den Abgrund herangekommen, wenn nicht sogar schon auf dem Weg dort hinab.<\/p>\n<p>Und das haben nicht nur die &#8222;besorgten B\u00fcrger&#8220; vollbracht, sondern eben auch eine Politik, die dieser Entwicklung absolut nichts entgegengesetzt hat.<\/p>\n<p>Das ist wichtig zu wissen, wenn man sp\u00e4ter einmal analysieren m\u00f6chte, wie es denn mal wieder so weit gekommen sein konnte &#8230;<\/p>\n<p>&#8222;Die neuen Asozialen&#8220; ist im Riva-Verlag erschienen und kann zurzeit leider nur gebraucht erworben werden, da es \u00fcber den Buchhandel nicht mehr erh\u00e4ltlich ist. Bei eBay und Medimops finden sich aber beispielsweise einige Treffer, sodass man das Buch f\u00fcr recht wenig Geld ordern kann.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/bff000df50784c5c99ce854f1cb2ce34\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor ein paar Wochen war in in unserer \u00f6rtlichen Stadtbibliothek und st\u00f6berte nach einem Buch zum Ausleihen. Dabei fiel mir &#8222;Die neuen Asozialen&#8220; von Sabrina Hoffmann in die H\u00e4nde. Fast h\u00e4tte ich es wieder zur\u00fcckgestellt, da das Buch schon 2016 erschienen ist, aber zum Gl\u00fcck hab ich es dann dennoch mitgenommen. 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