{"id":32609,"date":"2026-05-23T14:24:22","date_gmt":"2026-05-23T12:24:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=32609"},"modified":"2026-05-23T14:24:22","modified_gmt":"2026-05-23T12:24:22","slug":"wehrpflicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=32609","title":{"rendered":"Wehrpflicht"},"content":{"rendered":"<p>Die Wiedereinf\u00fchrung der Wehrpflicht wird ja gerade ziemlich breit diskutiert in der \u00d6ffentlichkeit. Insofern m\u00f6chte ich auch mal ein paar Punkte dazu loswerden, die m. E. bisher nur sehr wenig in dieser Diskussion angesprochen wurden.<\/p>\n<p>Kurz was Pers\u00f6nliches vorweg: Ich hab damals nach dem Abitur 1989 den Wehrdienst verweigert und Zivildienst gemacht. Zum einen habe ich n\u00e4mlich schon damals \u00fcberhaupt keine Lust auf milit\u00e4rische Gewalt gehabt, zum anderen fand ich die M\u00f6glichkeit, in der Behindertenbetreuung dann etwas gesellschaftlich sehr Sinnvolles zu machen, deutlich attraktiver als die Vorstellung, ein gutes Jahr lang stupide \u00dcbungen zu machen f\u00fcr nichts und wieder nichts.<\/p>\n<p>Insofern kann ich nat\u00fcrlich sehr gut nachvollziehen, dass es heute auch eine Menge junger Menschen gibt, die \u00fcberhaupt keine Lust darauf haben, zur Bundeswehr zu gehen. Zu meiner Zeit war das zudem ja selbstverst\u00e4ndlich, dass man Wehr- oder Ersatzdienst leistet, aber mittlerweile ist das ja schon seit einiger Zeit abgeschafft, und da haben nun die davon potenziell Betroffenen eben das Gef\u00fchl, dass ihnen ein St\u00fcck Lebenszeit weggenommen werden sollte.<\/p>\n<p>H\u00e4tte man sich also vielleicht damals \u00fcberlegen sollen, als 2011 die Wehrpflicht ausgesetzt wurde. Klar, &#8222;ausgesetzt&#8220; hei\u00dft nicht &#8222;abgeschafft&#8220;, aber es f\u00fchlt sich nun mal genau so an \u2013 und je l\u00e4nger diese Aussetzung dauert, desto mehr ist das der Fall. Und 15 Jahre sind da schon eine ganz sch\u00f6n lange Zeit. Diejenigen, die heute gezogen werden sollten, haben damals gerade erst mit dem Sprechen angefangen.<\/p>\n<p>Gut, aber nun haben wir nun mal den Salat. Was ich dabei ganz interessant finde, ist, was Sven Altenburger zur Historie der Wehrpflicht in Deutschland in einem <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2026\/januar\/die-wehrpflicht-gleicher-buerger\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel in den <em>Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/em><\/a> (leider nur als Bezahlartikel lesbar) schreibt:<\/p>\n<blockquote><p>Weniges wird dieser Tage kontroverser diskutiert als die Wehrpflicht. Dabei treten Konservative meist als Bef\u00fcrworter, Linke und Liberale hingegen h\u00e4ufig als Gegner der Institution auf.<\/p>\n<p>Historisch war dies keineswegs immer so. Der Blick in \u00e4ltere Auseinandersetzungen um die Wehrpflicht f\u00f6rdert Bemerkenswertes zutage: Einerseits bestand unter konservativ Gesinnten im Deutschland des 19. Jahrhunderts mitunter die Sorge, eine allgemeine Wehrpflicht \u2013 das \u00bbeinfache Volk in Waffen\u00ab \u2013 k\u00f6nne die monarchische Ordnung gef\u00e4hrden. Andererseits lassen sich, was f\u00fcr unsere Gegenwart bedeutsamer ist, zwei demokratische Denktraditionen zur Wehrpflicht ausmachen: eine egalit\u00e4re, die auf der gleichen Verteilung milit\u00e4rischer Lasten besteht, und eine republikanische, die auf die b\u00fcrgerschaftliche Kontrolle des Milit\u00e4rs zielt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass es einer Armee deutlich schwerer f\u00e4llt, eine Art &#8222;Staat im Staate&#8220; auszubilden, wenn ein erheblicher Teil des Personals nicht aus \u00dcberzeugung dort ist, sondern weil sie dazu verpflichtet wurden, ist, denke ich, nachvollziehbar. Zumal ja auch die Realit\u00e4t beredtes Zeugnis dar\u00fcber abgibt, wenn man sich mal anschaut, wie in den Jahren seit der Abschaffung der Wehrpflicht immer h\u00e4ufiger rechtsextreme Exzesse bei der Bundeswehr bekannt wurden.<\/p>\n<p>Hier wirkten m. E. Wehrpflichtige schon als Hemmschuh, die rechtsradikale Gesinnung bei der Bundeswehr offen auszuleben. Heute d\u00fcrfte der Korpsgeist, der oft genug verhindert, dass derartige Vorf\u00e4lle angezeigt oder zumindest \u00f6ffentlich gemacht werden, deutlich h\u00f6her sein als noch vor mehr als 15 Jahren. Klar, wenn ich meine berufliche Zukunft f\u00fcr viele Jahre an die Bundeswehr und damit an die Kameraden gekoppelt habe, dann will ich in jedem Fall nicht als &#8222;Kameradenschwein&#8220; gelten und halte lieber einmal mehr die Klappe. Bei einem Wehrpflichtigen, der wei\u00df, dass er den Laden in ein paar Monaten f\u00fcr immer verlassen wird, sieht das schon mal anders aus.<\/p>\n<p>Zumal eben auch, wie oben bereits angedeutet, durch die Wehrpflicht sehr unterschiedliche Personen zum Milit\u00e4r gelangen und nicht nur solche, die auch wirklich Lust auf Hierarchie, Uniformen, Waffen usw. haben. So sind beispielsweise aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis junge M\u00e4nner zum Bund gegangen, weil der Zivildienst ein paar Monate l\u00e4nger war und sie dadurch dann den Beginn ihrer Ausbildung oder ihres Studiums verpasst h\u00e4tten und um ein Jahr (oder ein halbes Jahr) h\u00e4tten verschieben m\u00fcssen. Die hatten mit Milit\u00e4r nichts am Hut, sondern haben da einfach nur zugesehen, ihre Zeit m\u00f6glichst schnell abzusitzen.<\/p>\n<p>Vielfalt ist nun mal etwas, was geschlossenem Rechtsradikalismus sehr entgegensteht, und insofern sehe ich die Wehrdienstleistenden als ausgesprochen deeskalierendes Moment, um einer Macho-, Rassismus- und Rechtsau\u00dfenmentalit\u00e4t in der Truppe entgegenzuwirken.<\/p>\n<p>Allerdings stellt sich da dann mittlerweile auch eine Frage, die diesen Aspekt aus der genau anderen Richtung beleuchtet: Ist die Bundeswehr, so wie sie sich in den letzten Jahren als Hort des zunehmenden Rechtsradikalismus entwickelt hat, wirklich ein guter Ort f\u00fcr junge Menschen? Diese sind ja oft noch nicht sonderlich gefestigt in ihren Weltbildern und Anschauungen, und wenn die dann andauernd rechte Parolen um die Ohren gehauen bekommen, kombiniert mit Schikanen bei Widerrede, dann k\u00f6nnte das m. E. durchaus dazu f\u00fchren, dass die dann selbst auch nach rechts abgleiten.<\/p>\n<p>Ist also alles nicht so ganz einfach &#8230;<\/p>\n<p>Erschwerend kommt nat\u00fcrlich hinzu, dass oft Stimmung gemacht wird mit Falschaussagen, so wie es heute ja bei nahezu jedem politisch oder gesellschaftlich relevanten Thema der Fall ist. So wird ja beispielsweise immer wieder das Szenario an die Wand gemalt, dass Wehrpflichtige dann in der Ukraine gegen russische Soldaten k\u00e4mpfen m\u00fcssten. Soweit ich wei\u00df, sind nur eben Wehrpflichtige grunds\u00e4tzlich von Auslandseins\u00e4tzen ausgenommen.<\/p>\n<p>Eine sachliche Debatte wird so nat\u00fcrlich erschwert &#8230;<\/p>\n<p>Wobei die Debatte auch deswegen ein wenig fehlgeleitet ist, weil die schlechteste Bundesregierung aller Zeiten auch bei diesem Thema mal wieder einen ausgesprochen miesen Job macht. Als in den 1950er-Jahren die Wehrpflicht eingef\u00fchrt werden sollte, gab es viele Diskussionen zwischen Politik und den betroffenen jungen Menschen bzw. deren Verb\u00e4nden (s. <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2026\/mai\/krieg-wofuer-und-fuer-wen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> \u2013 leider auch nur als Bezahlartikel lesbar). Und heute? Fehlanzeige! Da wird eben einfach \u00fcber die K\u00f6pfe derjenigen, die das am meisten etwas angeht, hinweg debattiert.<\/p>\n<p>Dass man auf diese Weise wenig positive Resonanz erh\u00e4lt, finde ich jetzt auch nicht gerade verwunderlich. Das Gef\u00fchl, von oben herab etwas aufs Auge gedr\u00fcckt zu bekommen, bei dem man nicht mal mitreden kann, mag wohl schlie\u00dflich kaum jemand besonders gern. Und mit dem immer noch h\u00e4ufig bem\u00fchten Leitbild des verantwortungsbewussten &#8222;Staatsb\u00fcrgers in Uniform&#8220; ist so ein Gebaren vonseiten der Politik irgendwie auch nur schwer in Einklang zu bringen.<\/p>\n<p>Wie viel sinnvoller w\u00e4re es, da einfach komplett anders an die Sache ranzugehen und zuerst mal die jungen Menschen zu fragen, ob und wie sie sich vorstellen k\u00f6nnten, sich in die Gesellschaft einzubringen. Da w\u00fcrden dann vermutlich wesentlich differenziertere und vielschichtigere Ergebnisse rauskommen als &#8222;Wir brauchen unbedingt mehr Soldaten, also her mit der Wehrpflicht&#8220; \u2013 nur leider scheint unser politisches Personal ja zu mehr als so einer fantasielosen Forderung nicht in der Lage zu sein.<\/p>\n<p>Wenn ich da nun beispielsweise nur mal ein bisschen rumspinne, dann kommen mir schon einige Ideen. Man k\u00f6nnte zum Beispiel eine breite Palette an M\u00f6glichkeiten, sich als junger Mensch nach Ende der Schule oder Ausbildung gesellschaftlich zu engagieren f\u00fcr eine bestimmte Zeit, anbieten \u2013 und eine davon w\u00e4re dann eben auch der Milit\u00e4rdienst. Den dann aber bitte auch mit einer vern\u00fcnftigen Einbettung in Bildungsangebote und mit wachem Auge auf die rechtsextremen Tendenzen der Bundeswehr.<\/p>\n<p>Das k\u00f6nnte man dann noch kombinieren mit der Idee eines <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Grunderbe\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Grunderbes<\/a>, sodass diejenigen, die so einen Dienst an der Allgemeinheit geleistet haben, dann danach auch eine nennenswerte Entlohnung zur Vereinfachung des Starts ins Erwachsenenleben bek\u00e4men. Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass das dann schon f\u00fcr einige junge Menschen sehr interessant sein k\u00f6nnte. Und unsere Gesellschaft w\u00fcrde auch davon profitieren, wenn viele T\u00e4tigkeiten, beispielsweise in der Pflege, in der Erziehung oder auch in der Landschaftspflege, f\u00fcr die zurzeit oft nicht genug Geld da ist, dann von solchen jungen Menschen \u00fcbernommen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>So k\u00f6nnte aus einem Mangel (zu wenig Soldaten) dann eine insgesamt sehr produktive Sache werden, von der alle in diesem Land etwas h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Na gut, man wird ja noch mal tr\u00e4umen d\u00fcrfen \u2013 ein Blick auf unsere derzeitige Bundesregierung zeigt mir dann n\u00e4mlich, dass so etwas viel zu konstruktiv und dem Allgemeinwohl zutr\u00e4glich w\u00e4re, als dass die Merz-CDU und ihr ehedem sozialdemokratisches Anh\u00e4ngsel da was in der Richtung auf die Reihe kriegen w\u00fcrden &#8230;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/c1a6fc0a273643bb984c279c171d7fad\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wiedereinf\u00fchrung der Wehrpflicht wird ja gerade ziemlich breit diskutiert in der \u00d6ffentlichkeit. 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