{"id":3278,"date":"2015-06-25T10:55:58","date_gmt":"2015-06-25T08:55:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3278"},"modified":"2022-05-09T19:43:03","modified_gmt":"2022-05-09T17:43:03","slug":"wem-nuetzt-der-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3278","title":{"rendered":"Wem n\u00fctzt der Krieg?"},"content":{"rendered":"<p>Cui bono? Die Frage, wem etwas n\u00fctzt, hilft oft dabei, Sachverhalte besser zu verstehen oder gar erst zu durchschauen. Nat\u00fcrlich ist es nicht so, dass immer automatisch ein Zusammenhang zwischen einem Ereignis und\u00a0jemandem, der daraus seinen Nutzen zieht, besteht, da kann ja durchaus auch einfach mal der Zufall mit im Spiel sein. Wenn allerdings der Nutznie\u00dfer zugleich auch als Strippenzieher agiert, dann ist es nicht nur recht und billig, da mal ein bisschen genauer hinzuschauen, sondern es w\u00e4re auch grob fahrl\u00e4ssig, dies nicht zu machen.<\/p>\n<p>Die Ukraine befindet sich seit fast eineinhalb Jahren im Kriegszustand, der dar\u00fcber hinaus auch eine geopolitische Dimension hat, da n\u00e4mlich die alten Feindbilder des Kalten Krieges reaktiviert wurden: Russland gegen die NATO. Nun sollte man sich fragen, wem dieser\u00a0Konflikt, der immerhin die Gefahr eines dritten Weltkrieges birgt, nutzen k\u00f6nnte. Den Menschen in der Ukraine in jedem Fall schon mal nicht, denn das ohnehin schon nicht gerade auf Rosen gebettete Land ruiniert sich durch den Krieg immer weiter. Russland hat nat\u00fcrlich Interesse an seinem Schwarzmeerhafen Sevastopol auf der Krim, aber dass dieser Konflikt nun derart eskaliert ist und zurzeit auch kein Ende in Sicht ist, liegt bestimmt nicht im Interesse der russischen Regierung. Die Sanktionen, die deswegen ausgesprochen und nach wie vor aufrechterhalten werden, sind schlie\u00dflich nicht gerade f\u00f6rderlich f\u00fcr die russische Wirtschaft und die zahlreichen Handelsbeziehungen zu den EU-L\u00e4ndern. Auch diese leiden unter den Sanktionen, wie Berechnungen des \u00d6sterreichischen Instituts f\u00fcr Wirtschaftsforschung (WiFo) ergeben, \u00fcber die auf der <a href=\"http:\/\/www.n24.de\/n24\/Nachrichten\/Wirtschaft\/d\/6839090\/russland-krise-koennte-fuer-deutschland-teuer-werden.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Webseite von\u00a0<em>N24<\/em> berichtet<\/a> wird: Zwei Millionen Arbeitspl\u00e4tze und 100 Milliarden Euro an Wertsch\u00f6pfung k\u00f6nnten die europaweiten Folgen der Sanktionen sein.<\/p>\n<p>Mal von den wirtschaftlichen Auswirkungen abgesehen, so w\u00e4re ein gro\u00dfer Krieg gegen Russland auch f\u00fcr die EU-Staaten nicht besonders erstrebenswert: Im besten Fall wird dieser konventionell gef\u00fchrt, dann d\u00fcrfte es aber trotzdem massive Zerst\u00f6rungen geben, und sollte es zu einem Atomkrieg kommen, dann w\u00e4re eh zappenduster. Auch Russland h\u00e4tte an so einem Konflikt kein Interesse, da klar ist, dass ein Krieg gegen die NATO nicht gewonnen werden kann &#8211; die milit\u00e4rische Unterlegenheit ist doch deutlich zu gro\u00df.<\/p>\n<p>Da Dinge selten passieren, wenn nicht irgendeiner davon profitiert, sondern alle nur gesch\u00e4digt werden, sollte man sich hier nun die Frage stellen, wem diese Konfrontation n\u00fctzt. Und da kommt man dann recht schnell auf die USA. Und die sind ja nun alles andere als nur Zuschauer, sondern ausgesprochen handfest dabei, sodass auch die Vermutung des unbeteiligten zuf\u00e4lligen Nutznie\u00dfers nicht zutrifft. Zumindest hat Barrack Obama ja 1. Februar dieses Jahres selbst zugegeben bei einem Gespr\u00e4ch mit Fareed Zakaria vom\u00a0Fernsehsender <em>CNN<\/em>, dass der Umsturz in der Ukraine, der ja letztlich als Ausl\u00f6ser der ganzen Krise gesehen werden muss, ein US-Deal war. Dies und viele weitere Belege, die auf eine aktive Rolle der USA schlie\u00dfen lassen, k\u00f6nnen einem <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/hans-springstein\/obama-bestaetigt-us-gefuehrten-putsch-in-kiew\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel von Hans Springstein auf <em>der Freitag<\/em><\/a> entnommen werden. Auch die hier bei uns schon mal verlinkten <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9fNnZaTyk3M\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aussagen von George Friedman<\/a>, Gr\u00fcnder und Vorsitzender des einflussreichen US-Think-Tanks STRATFOR, oder der <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2015\/februar\/game-on-ost-gegen-west\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hochinteressante Artikel<\/a> (leider nur gegen Bezahlung zu lesen, lohnt sich aber sehr) von Andrew Cockburn in den <em>Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/em>, in dem der Autor die US-Diplomatie als Handlanger der R\u00fcstungsindustrie (die \u00fcber exzellente Verbindungen in die US-Politik verf\u00fcgt) entlarvt, die seit Ende des Kalten Krieges und Aufl\u00f6sung des Warschauer Paktes gewaltige Umsatzeinbu\u00dfen bef\u00fcrchtete und somit neue &#8222;Gesch\u00e4ftsfelder&#8220; erschlie\u00dfen musste, zeigen, dass es ein gro\u00dfes finanzielles und geopolitisches Interesse der USA gibt, eine Feindschaft zwischen Russland und der EU zu provozieren. Und zurzeit tut die US-Regierung ja auch einiges daf\u00fcr, dass der Konflikt weiter eskaliert, indem beispielsweise gerade in diesen Tagen Au\u00dfenminister Ashton Carter die Verlegung von schwerem Milit\u00e4rger\u00e4t nach Osteuropa und die Unterst\u00fctzung einer schnellen NATO-Eingreiftruppe in Europa durch Lufttransporter ank\u00fcndigt und sogar von neuen US-Atomwaffen in Europa die Rede ist (s. dazu <a href=\"http:\/\/www.n24.de\/n24\/Nachrichten\/Politik\/d\/6851562\/der-brisante-besuch-von-pentagon-chef-ashton-carter.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.ukraine-krise-usa-ruesten-in-osteuropa-auf.ed4118be-bd66-4bef-aeb5-84b37230db92.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>).<\/p>\n<p>Doch neben den Interessen der US-R\u00fcstungskonzerne und geopolitischer Strategie kommt noch ein Aspekt hinzu: Die Eurozone ist, was die Gr\u00f6\u00dfe und die Industrialisierung angeht, ein sich zunehmend (trotz Eurokrise) harmonisierender Wirtschaftsraum, der eine enorme Konkurrenz f\u00fcr die USA darstellt und diesen sogar den Rang als Wirtschaftsmacht Nummer eins ablaufen k\u00f6nnte. Sollte sogar das Worst-Case-Szenario eintreten, und der Euro w\u00fcrde irgendwann den Dollar als weltweite Leitw\u00e4hrung abl\u00f6sen, h\u00e4tten die USA ein riesiges Problem, da sie ihre eigen Verschuldung schon seit L\u00e4ngerem nur damit im Griff behalten, indem sie allein schon wegen des \u00d6lhandels, der an den Dollar gebunden ist, immer wieder neue Dollar drucken und damit die gro\u00dfe Nachfrage an den internationalen (Devisen-)M\u00e4rkten danach decken k\u00f6nnen. Ein Ausbremsen dieses europ\u00e4ischen Konkurrenten, indem versucht wird, die Beziehungen zu dessen\u00a0wichtigem Handelspartner und Rohstofflieferanten Russland zu kappen, ist also f\u00fcr die US-Wirtschaft durchaus erstrebenswert. Und sollte es tats\u00e4chlich zu einem milit\u00e4rischen Ernstfall kommen, so w\u00fcrde dieser eben genau auf dem Territorium dieses Konkurrenten stattfinden und die Eurozone erst mal wirtschaftlich um Jahrzehnte zur\u00fcckwerfen, wenn nicht sogar komplett zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Ein weiterer positiver Aspekt eines Krieges in Europa gegen Russland wird deutlich, wenn man sich die von Thomas Piketty dargestellte Funktionsweise des Kapitalismus (<a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2014\/november\/thomas-piketty-und-das-maerchen-vom-gleichheitskapitalismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> in einer guten Zusammenfassung von Rainer Rilling f\u00fcr die <em>Bl\u00e4tter f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/em> zu lesen) vor Augen h\u00e4lt: Da die Rendite auf Kapital in der Regel h\u00f6her ist als die tats\u00e4chliche Wirtschaftsleistung (r &gt; g), droht das System immer wieder zu kollabieren. Zweimal gab es bisher eine Art Reset, nach dem Wirtschaftswachstumsraten erreicht werden k\u00f6nnten, welche die H\u00f6he der Rendite \u00fcberstiegen, und zwar nach den beiden Weltkriegen im letzten Jahrhundert. F\u00fcr\u00a0die sogenannten Eliten (nicht nur) der USA, die ein enormes Interesse daran haben, ein System, was ihre Machtposition erm\u00f6glicht hat und festigt, am Leben zu erhalten, w\u00fcrde ein solcher Krieg mit der danach folgenden Aufbauphase einen ordentlichen zeitlichen Aufschub bis zum Kollabieren des Systems bedeuten.<\/p>\n<p>Nun kann man sich die Frage stellen, ob denn die US-Regierung \u00fcberhaupt moralisch dazu in der Lage w\u00e4re, einen solchen Krieg mit seinen katastrophalen Interessen bewusst zu provozieren, und da muss man leider feststellen: Nat\u00fcrlich w\u00e4re sie das. Es w\u00e4re ja nicht das erste Mal, dass mit L\u00fcgen Kriege angezettelt werden (Vietnam, zweimal Irak), in deren Verlauf Millionen Menschen sterben und ganze L\u00e4nder verw\u00fcstet werden (neben Vietnam und dem Irak w\u00e4re hier beispielsweise auch noch Kambodscha, Libyen, Afghanistan zu nennen; s. zur Skrupellosigkeit der US-Politik auch <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=2828\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">diesen Artikel hier auf <em>unterstr\u00f6mt<\/em><\/a>).<\/p>\n<p>Insofern ist abschlie\u00dfend von meiner Seite aus Oskar Lafontaine zuzustimmen, der auf seiner Facebook-Seite sehr drastische Worte zu dem Thema fand:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Fuck the US-Imperialism&#8220; &#8211; US-&#8222;Verteidigungs-&#8220; also -Kriegsminister in Berlin<br \/>\nDer US-Kriegsminister ruft die Europ\u00e4er dazu auf, sich der russischen &#8222;Aggression<span class=\"text_exposed_show\">&#8220; entgegenzustellen. Dabei h\u00e4tten die Europ\u00e4er allen Grund, sich der Aggression der USA entgegenzustellen. Der Gro\u00dfmeister der US-Diplomatie George Kennan bezeichnete die Osterweiterung der Nato als den gr\u00f6\u00dften Fehler der US-Au\u00dfenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg, weil sie einen neuen Kalten Krieg zur Folge habe. Die US-Diplomatin Victoria Nuland sagte, wir haben \u00fcber f\u00fcnf Milliarden Dollar aufgewandt, um die Ukraine zu destabilisieren. Sie z\u00fcndeln immer weiter und Europa bezahlt mit Umsatzeinbr\u00fcchen im Handel mit Russland und dem Verlust von Arbeitspl\u00e4tzen.&#8220;Fuck the EU&#8220;, sagte die US-Diplomatin Nuland. Wir brauchen eine europ\u00e4ische Au\u00dfenpolitik, die den kriegstreibenden US-Imperialismus eind\u00e4mmt! Fuck the US-Imperialism!\u00a0<\/span><\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Cui bono? Die Frage, wem etwas n\u00fctzt, hilft oft dabei, Sachverhalte besser zu verstehen oder gar erst zu durchschauen. 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