{"id":33088,"date":"2026-09-04T17:00:20","date_gmt":"2026-09-04T15:00:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=33088"},"modified":"2026-09-04T17:00:20","modified_gmt":"2026-09-04T15:00:20","slug":"kapitalismus-und-klimaschutz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=33088","title":{"rendered":"Kapitalismus und Klimaschutz"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Ihr Geld ist nicht weg, es hat nur jemand anderes!&#8220; Diese triviale, aber dennoch oft zutreffende Aussage ist die Basis des Verst\u00e4ndnisses daf\u00fcr, warum im Kapitalismus, zumal in seiner neoliberal radikalisierten Form, kein wirklicher Klimaschutz m\u00f6glich ist. Ja, der ist sogar noch nicht mal gew\u00fcnscht, denn der Klimawandel mit den damit einhergehenden Sch\u00e4den ist sogar bis zu einem gewissen Ma\u00dfe systemerhaltend.<\/p>\n<p>Klingt jetzt vielleicht erst mal ein bisschen schr\u00e4g, aber wird verst\u00e4ndlich, wenn man sich die Funktionsweise des Kapitalismus anschaut. Der f\u00fchrt n\u00e4mlich, wie Thomas Piketty in seinem Buch &#8222;Das Kapital des 21. Jahrhunderts&#8220; empirisch belegt hat, dazu, dass die Rendite der Kapitalbesitzer langfristig immer st\u00e4rker steigt als das Wachstum der Produktivwirtschaft (s. <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2014\/dezember\/das-ende-des-kapitalismus-im-21-jahrhundert\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>).<\/p>\n<p>Das bedeutet nichts anderes, als dass die Einnahmen durch Aktien, Mieten, Investments und andere leistungslose Formen in einem h\u00f6heren Ma\u00dfe wachsen als die Teile der Wirtschaft, die tats\u00e4chlich etwas Produktives leisten, also Industrie, Landwirtschaft, Dienstleistungen usw. Was wiederum die Notwendigkeit ergibt, dass denjenigen, die tats\u00e4chlich etwas schaffen, ein immer gr\u00f6\u00dferer Teil ihres erarbeiteten Lohns vorenthalten werden muss. Schlie\u00dflich ist sonst die stetig gr\u00f6\u00dfer werdende Renditeerwartung nicht zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich ein ziemlicher systemimmanenter Sprengstoff, denn irgendwann haut das einfach nicht mehr hin, dass der arbeitenden Bev\u00f6lkerung immer weniger bleibt und den Rentiers und anderen Verm\u00f6genden immer mehr zugeschustert wird. So eine Wirtschaft wird fr\u00fcher oder sp\u00e4ter kollabieren \u2013 es sei denn, dass die Produktivwirtschaft zumindest kurzfristig deutlich &#8222;angekurbelt&#8220; wird, damit deren Wachstumsraten die der Rendite eine Zeit lang \u00fcbersteigen.<\/p>\n<p>Und genau diese Art von Reset gab es im letzten Jahrhundert zweimal: in Form des Ersten und Zweiten Weltkriegs.<\/p>\n<p>Die damit einhergehenden Zerst\u00f6rungen f\u00fchrten n\u00e4mlich dazu, dass danach (vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg) extrem viel wieder in der Produktivwirtschaft geschafft werden konnte \u2013 und musste. Schlie\u00dflich sollte ja alles wiederaufgebaut werden, und das hat dann auch tats\u00e4chlich so funktioniert. In Deutschland wurde das als &#8222;Wirtschaftswunder&#8220; bekannt, was allerdings weniger ein Wunder, sondern eben vor allem dem Umstand geschuldet war, dass mit sehr viel Geld (teilweise auch aus anderen L\u00e4ndern, vor allem aus den USA, Stichwort Marshallplan) Sch\u00e4den beseitigt wurden. Und das hatte nat\u00fcrlich positive Folgen f\u00fcr die Produktivwirtschaft, denn es musste viel gebaut, instand gesetzt und erneuert werden. Daraus entstand dann wieder der Synergieeffekt, dass diejenigen, die produktiv arbeiteten, nun auch Geld zur Verf\u00fcgung hatten, um ihrerseits nicht nur Verluste aus den Kriegsjahren wieder auszugleichen, sondern zudem neue Dinge zu erwerben.<\/p>\n<p>Und schon wuchs f\u00fcr ein paar Jahre die Produktivwirtschaft st\u00e4rker als die Rendite. So konnte dann das Auseinanderklaffen dieser beiden Entwicklungslinien ein wenig ausgebremst werden, bevor das Wirtschaftssystem implodiert w\u00e4re aufgrund des immer gr\u00f6\u00dferen Kapitalabzugs aus der realen Wirtschaft, einhergehend mit der zunehmenden Verarmung immer breiterer Bev\u00f6lkerungsschichten bei gleichzeitig stetig ins Absurde wachsenden Individualverm\u00f6gen.<\/p>\n<p>Und genau an so einem Punkt sind wir jetzt gerade wieder. Der Armutsbericht weist jedes Jahr eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von Armen und Armutsgef\u00e4hrdeten aus, gleichzeitig wachsen die Verm\u00f6gen und hohen Einkommen immer schneller an. Das, was uns zurzeit als &#8222;Wirtschaftskrise&#8220; verkauft wird, betrifft in seiner Krisenhaftigkeit also in erster Linie den Normalb\u00fcrger, w\u00e4hrend die Verm\u00f6genden sich an einem Anwachsen ihres Reichtums erfreuen (s. <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=29740\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Und da diese Riesenverm\u00f6gen bedient werden m\u00fcssen (denn Geld arbeitet nicht, das machen schon reale Menschen), weil damit auch wieder Renditeerwartungen verbunden sind, befinden wir uns in einem Teufelskreislauf.<\/p>\n<p>So ein Reset in Form eines gro\u00dfen globalen Krieges w\u00e4re nun allerdings reichlich riskant, da dabei die Gefahr best\u00fcnde, die gesamte Menschheit und damit auch die Verm\u00f6genden selbst auszul\u00f6schen. Und die &#8222;lokalen&#8220; Konflikte befeuern zwar die Ums\u00e4tze der R\u00fcstungsindustrie, aber das reicht noch lange nicht aus, um die Produktivwirtschaft hinreichend zu st\u00e4rken. Zudem ziehen die sich oft in die L\u00e4nge oder resultieren in Folgekonflikten, sodass ein Wiederaufbau erst mal nicht stattfinden kann.<\/p>\n<p>Aber zum Gl\u00fcck f\u00fcr die Verm\u00f6genden gibt es ja noch die Klimakrise. Die richtet zwar auch zunehmend gr\u00f6\u00dfere Sch\u00e4den an, aber das scheint denen irgendwie noch kontrollierbarer zu sein als ein globaler Krieg \u2013 oder zumindest hoffen sie, sich irgendwohin zur\u00fcckziehen zu k\u00f6nnen, um dort dann die schlimmsten Folgen aussitzen zu k\u00f6nnen (s. <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2025\/februar\/prepper-mit-milliarden-das-mindset-der-tech-elite\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Denn wie immer gilt auch hier: Eine Krise trifft vor allem erst mal die armen Menschen, die sich nicht individuell davor sch\u00fctzen k\u00f6nnen. Und dann sind als N\u00e4chstes diejenigen aus der sogenannten Mittelschicht dran, die sich bei den zu erwartenden Verwerfungen aufgrund der Klimakrise auch schon bald als ausgesprochen vulnerabel erweisen d\u00fcrften.<\/p>\n<p>Die Verw\u00fcstungen im Ahrtal vor einigen Jahren haben beispielsweise gesch\u00e4tzt \u00fcber 40 Milliarden Euro gekostet (s. <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/wirtschaft\/klimawandel-kosten-schaeden-ahrtal-versicherungen-steuern-umwelt-oekonomie-studie-deutschland-zr-92191904.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Und da gilt dann wieder: Das Geld ist nicht weg, es hat nur jemand anderes. N\u00e4mlich nicht mehr die \u00f6ffentliche Hand oder die Steuerzahler, die f\u00fcr einen L\u00f6wenanteil dessen aufkommen durften, sondern diejenigen, die dann dort aufger\u00e4umt haben, H\u00e4user instand gesetzt oder neu errichtet habe usw. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) freut sich \u00fcber so etwas, dann dieser Heilige Gral der Kapitalismus-Apologeten misst n\u00e4mlich nur die Quantit\u00e4t von Ausgaben und Einnahmen, nicht deren Qualit\u00e4t (s. <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=24556\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>).<\/p>\n<p>Und das, was da im Ahrtal geschah, ist nun keine einmalige Sache, daf\u00fcr braucht es mittlerweile nicht mal mehr derartige Riesenkatastrophen, sondern es reicht auch schon das aus, was k\u00fcnftig f\u00fcr uns normal sein wird: der diesj\u00e4hrige Hitzesommer beispielsweise. Dieser hat n\u00e4mlich laut einer Studie von Greenpeace etwa 36 Milliarden Euro (oder noch mehr) an Kosten verursacht (s. <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/wissenschaft\/umwelt\/2026-08\/hitzesommer-deutschland-greenpeace-schaeden-klimakrise\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>): aufgeplatzter Asphalt auf Autobahnen, verbogene Schienen der Bahn, Ernteausf\u00e4lle der Landwirte, niedrigere Produktivit\u00e4t wegen der Hitze bei Arbeitenden, gesundheitliche Probleme aufgrund der hohen Temperaturen, um die sich medizinisch gek\u00fcmmert werden muss \u2013 und nat\u00fcrlich die vielen Tausend Toten, die man allerdings so gar nicht in Geldbetr\u00e4gen bewerten kann und sollte, wie ich finde.<\/p>\n<p>Und auch hier gilt wieder: Das Geld ist nicht weg, es hat nur jemand anderes. Und die daraus resultierenden Haushaltsl\u00f6cher werden gestopft, indem wo gespart wird? Genau, bei den \u00e4rmeren Menschen, indem der Sozialstaat und das Gesundheitssystem demontiert werden. Aber immerhin wird so die Produktivit\u00e4tswirtschaft noch mal ein bisschen weiter befeuert \u2013 und nat\u00fcrlich auch das Auseinanderdriften der Gesellschaft. Aber diesen Preis sind diejenigen, die an diesem Wirtschaftssystem festhalten, wohl nur zu gern bereit zu bezahlen. Was auch kein Wunder ist, wenn man sieht, dass diese Leute ebenfalls in Kauf nehmen, dass unsere Biosph\u00e4re (zumindest in gro\u00dfen Teilen) zerst\u00f6rt wird.<\/p>\n<p>Insofern ist ein Festhalten am Kapitalismus, vor allem in seiner immer radikaleren Form im Sinne der Neoliberalen oder gar Libert\u00e4ren (wie beispielsweise Argentiniens Pr\u00e4sident Javier Milei), nicht damit vereinbar, tats\u00e4chlich effektiven Klimaschutz voranzubringen. Das w\u00fcrde innerhalb dieses Wirtschaftssystems wohl erst dann funktionieren, wenn es etwas anderes mit einer \u00e4hnlichen Destruktivit\u00e4t geben w\u00fcrde, dessen Zerst\u00f6rungen dann aufgearbeitet werden m\u00fcssten mit \u00f6ffentlichen Geldern, die in die Produktivwirtschaft fl\u00f6ssen (und nat\u00fcrlich in die Taschen von Verm\u00f6genden). Und das ist nun wahrlich keine allzu sch\u00f6ne Aussicht, oder?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/4c3f725c3f6e40c2918582b3eec06fe3\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ihr Geld ist nicht weg, es hat nur jemand anderes!&#8220; Diese triviale, aber dennoch oft zutreffende Aussage ist die Basis des Verst\u00e4ndnisses daf\u00fcr, warum im Kapitalismus, zumal in seiner neoliberal radikalisierten Form, kein wirklicher Klimaschutz m\u00f6glich ist. 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