{"id":3465,"date":"2015-07-21T10:49:12","date_gmt":"2015-07-21T08:49:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3465"},"modified":"2015-07-21T10:49:12","modified_gmt":"2015-07-21T08:49:12","slug":"zeitgeistphaenomen-angeberei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3465","title":{"rendered":"Zeitgeistph\u00e4nomen Angeberei"},"content":{"rendered":"<p>Angeregt von meinem Artikel letzter Woche \u00fcber die Empathielosigkeit der Deutschen, habe ich mir \u00fcberlegt, eine kleine Serie von Ph\u00e4nomenen zu schildern, die unseren derzeitigen Zeitgeist in Deutschland pr\u00e4gen, Ausdruck dessen oder einfach nur auff\u00e4llig sind. Dieser werden sich teilweise \u00fcberschneiden und\/oder bedingen bzw.\u00a0beeinflussen, mitunter \u00e4hnliche Ursachen haben, in jedem Fall aber Symptome der heutige Zeit beschreiben mit dem Versuch, diese ein wenig einzuordnen.<\/p>\n<p>Als ich ein Kind war, so in den 70er- und 80er-Jahren, galt &#8222;Der ist ein Angeber&#8220; oder &#8222;Der gibt ganz sch\u00f6n an&#8220; nicht gerade als schmeichelhaftes Attribut &#8211; Angeberei war schlichtweg verp\u00f6nt. Dies hat sich heutzutage reichlich ge\u00e4ndert, denn mittlerweile geh\u00f6rt es zum Alltag, mit irgendwelchen Sachen anzugeben, auch wenn dies vielen vermutlich gar nicht mal so bewusst ist. Dies mache ich daran fest, dass ich den Eindruck habe, dass zunehmend das Berichten \u00fcber Erlebnisse und die Reaktion anderer darauf wichtiger zu sein scheint als das Erlebte selbst. Und nichts anderes zeichnet ja letztendlich Angeberei aus.<\/p>\n<p>Ein paar Beispiele: Als Erstes mag einem da das Posten s\u00e4mtlicher Befindlichkeiten in sozialen Medien einfallen. Das Essen in einem Restaurant kommt, und anstatt es zu genie\u00dfen, wird erst mal ein Foto davon gemacht und bei Facebook eingestellt. Wenn es tats\u00e4chlich darum ginge, seinen Freunden einen guten Restauranttipp zukommen zu lassen oder von einem sch\u00f6nen kulinarischen Erlebnis zu berichten, dann k\u00f6nnte man das ja auch noch irgendwann sp\u00e4ter im Internet schreiben, wenn man mit Mu\u00dfe zu Hause ist zum Beispiel (das ist dann vor allem auch h\u00f6flicher der Tischbegleitung gegen\u00fcber). Aber stattdessen soll das Bild des leckeren und sch\u00f6n angerichteten Mittagessens wohl vermutlich eine Reaktion hervorrufen, die auch oftmals direkt so als kurzer Kommentar verbalisiert wird: &#8222;Neid!&#8220;<\/p>\n<p>Dieses Verhalten l\u00e4sst sich nat\u00fcrlich nicht nur beim Essen beobachten, sondern auch bei vielen anderen Aktivit\u00e4ten: Anstatt beispielsweise eine sch\u00f6ne Aussicht zu genie\u00dfen, besch\u00e4ftigt man sich lieber damit, seinen virtuellen Freunden mitzuteilen, wie toll es doch gerade ist &#8211; und entwertet auf diese Weise den Augenblick. Bei Rockkonzerten geht das dann teilweise noch weiter, wenn man beobachten kann, dass Zuschauer f\u00fcr ein Event, f\u00fcr das sie auch noch Eintritt gezahlt haben, best\u00e4ndig auf einen kleinen Bildschirm schauen, um entweder Fotos oder kleine Filmchen (in regelm\u00e4\u00dfig lausiger Qualit\u00e4t, davon kann man sich bei <em>YouTube<\/em> ja zur Gen\u00fcge \u00fcberzeugen) aufzunehmen und diese dann augenblicklich in sozialen Medien platzieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dies geht auch Hand in Hand mit einem anderen Verhalten, dass ich zunehmend bei kulturellen Veranstaltungen beobachte: Es wird dem dargebotenen Geschehen eigentlich nur am Rande Aufmerksamkeit gewidmet und stattdessen die ganze Zeit geredet. Mal abgesehen davon, dass dies anderen Zuschauern und K\u00fcnstlern gegen\u00fcber extrem unh\u00f6flich ist, zeigt es auch, dass es gar nicht darum geht, ein Konzert oder einen Film zu erleben, sondern einfach dort zu sein, um dann am n\u00e4chsten Tag davon berichten zu k\u00f6nnen. Dabei hab ich den Eindruck, dass diese Intention steigt, je gr\u00f6\u00dfer das Event ist: Ich m\u00f6chte fast wetten, dass bei einem Rolling-Stones-Konzert 50 Prozent der Anwesenden maximal einen Best-of-CD der Band zu Hause haben und aus dem Stegreif vielleicht f\u00fcnf bis zehn derer Songs nennen k\u00f6nnen &#8211; aber Hauptsache, man ist bei dem gro\u00df angek\u00fcndigten Event dabei gewesen und kann am n\u00e4chsten Tag die Kollegen auf der Arbeit damit beeindrucken.<\/p>\n<p>In die gleiche Richtung weist auch ein mittlerweile g\u00e4ngiges Argument von beispielsweise Fernsehsendern oder Streamingdienste: Der Kunde soll damit gek\u00f6dert werden, einen Film oder eine Serie &#8222;als Erstes&#8220; sehen zu k\u00f6nnen. Nun wird das Gesehene ja nicht dadurch irgendwie schlechter, wenn man es erst ein paar Monate sp\u00e4ter anschaut, aber der Effekt, damit vor anderen angeben zu k\u00f6nnen, verpufft nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p>Eine weitere Auspr\u00e4gung der Angeberei kann ich als Bewohner von Hamburg-St. Pauli auch seit einigen Jahren beobachten: Die Feierkultur vieler Menschen hat sich dahin gehend ver\u00e4ndert, dass es zun\u00e4chst mal darum zu gehen scheint, der gesamten Umgebung zu demonstrieren, dass man Spa\u00df hat. Da wird dann einfach nur noch in der Gegend rumgeschrien ohne jeden Anlass\u00a0und man kost\u00fcmiert sich (am besten in Gruppen) auf ulkige (und nicht selten peinliche) Art und Weise. Nicht falsch verstehen: Spa\u00df zu haben beim abendlichen Ausgehen ist eine super Sache, nur habe ich eben zunehmend den Eindruck, dass es weit weniger um den eigenen Spa\u00df geht als darum, diesen auch allen zu pr\u00e4sentieren. Auch dass viele (besonders jugendlich) Kiezbesucher gar nicht die Lokalit\u00e4ten vor Ort (Theater, Clubs, Kneipen, Restaurants usw.) besuchen, sondern sich ihre Getr\u00e4nke aus einem Kiosk holen und dann in Hauseing\u00e4ngen rumlungern, zielt in die gleiche Richtung: Viel netter und bequemer k\u00f6nnte man sich bestimmt irgendwo zu Hause mit ein paar Kaltgetr\u00e4nken treffen, dort dann ein bisschen Musik anmachen und sich unterhalten &#8211; aber dann k\u00f6nnte man ja am Montag bei der Arbeit (oder auch gleich am selben Abend via Handy und Social Media) vor Kollegen und Freunden damit protzen, dass man &#8222;mal wieder auf dem Kiez&#8220; war. Klar, &#8222;bei Peter in der Bude&#8220; klingt nat\u00fcrlich weniger glamour\u00f6s &#8230;<\/p>\n<p>F\u00fcr viele dieser Aktivit\u00e4ten sind das\u00a0Web 2.0 sowie Handys mit Internetverbindung die Voraussetzungen, aber es w\u00e4re m. E. zu einfach, dieses Ph\u00e4nomen der Angeberei nur auf diese technischen Aspekte zu beschr\u00e4nken. Auch an den an der gro\u00dfen Zahl unterschiedlichster Castingshows\u00a0kann man erkennen: Es geht zunehmend f\u00fcr viele Menschen wie selbstverst\u00e4ndlich darum, sich zu \u00a0pr\u00e4sentieren &#8211; oder vielmehr um die Pr\u00e4sentation eines Images, mit dem man versucht, m\u00f6glichst vielen zu gefallen.\u00a0Dies ist m. E. ein Resultat der neoliberalen Ideologie, die mittlerweile unsere Alltag weitgehend bestimmt: Jeder ist seines Gl\u00fcckes Schmied und muss besser sein als alle anderen, die sowieso im Grund nur Konkurrenten sind, damit er auch richtig zum Zuge kommt. Das Ganze wird dann noch unterf\u00fcttert mit den entsprechenden Werbebotschaften, dass man immer das Neuste, Beste und Tollste haben muss, und das m\u00f6glichst auch noch als Erster. So konstruieren sich viele Menschen ein Image von sich selbst, das eine vermeintlich erfolgreiche Person darstellen soll,\u00a0und dies muss nat\u00fcrlich den potenziellen Konkurrenten st\u00e4ndig und m\u00f6glichst zeitnahe aufs Brot geschmiert werden. Dass dabei der eigentliche Mensch und dessen\u00a0bewusstes Erleben der Realit\u00e4t durchaus auf der Strecke bleiben k\u00f6nnen, wird billigend in Kauf genommen.<\/p>\n<p>Eine sehr negative Nebenwirkung des Ganzen: Wenn ich selbst das Gef\u00fchl habe, mich nicht irgendwie besser als andere darstellen zu k\u00f6nnen, dann versuche ich eben, andere herabzuw\u00fcrdigen und schlecht aussehen zu lassen &#8211; und schon haben wir die Erkl\u00e4rung f\u00fcr die in den letzten Jahren zu beobachtende immense Zunahme von Mobbing, und das ja sogar schon bei Schulkindern. Sp\u00e4testens hier wird aus der Protzsucht dann eine gef\u00e4hrliche Sache, die das Leben von Menschen reichlich ruinieren kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angeregt von meinem Artikel letzter Woche \u00fcber die Empathielosigkeit der Deutschen, habe ich mir \u00fcberlegt, eine kleine Serie von Ph\u00e4nomenen zu schildern, die unseren derzeitigen Zeitgeist in Deutschland pr\u00e4gen bzw. Ausdruck dessen sind. 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