{"id":3555,"date":"2015-08-04T14:40:26","date_gmt":"2015-08-04T12:40:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3555"},"modified":"2015-08-04T14:40:26","modified_gmt":"2015-08-04T12:40:26","slug":"zeitgeistphaenomen-misstrauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3555","title":{"rendered":"Zeitgeistph\u00e4nomen Misstrauen"},"content":{"rendered":"<p>Vor Kurzem habe ich mich ja schon mal mit dem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3465\" target=\"_blank\">Zeitgeistph\u00e4nomen Angeberei<\/a> besch\u00e4ftigt, jetzt m\u00f6chte ich mich einer anderen zeittypischen menschlichen Verhaltensform zuwenden, dem Misstrauen. Dieses ist mittlerweile so dominant im Denken und Handeln vieler Menschen geworden, dass es mitunter schon fast paranoide Z\u00fcge annimmt. Vor allem wird auf diese Weise von vielen das Schlechte als grunds\u00e4tzlich angenommen, auch wenn ihnen gerade wirklich niemand etwas B\u00f6ses will, sondern das Gegenteil der Fall ist.<\/p>\n<p>Hierzu zun\u00e4chst mal zwei Beispiele, das erste wurde mir glaubw\u00fcrdig geschildert, das zweite habe ich schon selbst oft erlebt:<\/p>\n<p>Ein Patient ist bei einem Arzt, der einen durchaus Besorgnis erregenden Befund erstellt und dem Kranken daraufhin anbietet, ihm zur weiteren Untersuchung einen kurzfristigen Termin bei seinem Schwager, der Arzt in einem Krankenhaus ist, in dem die entsprechenden Apparate vorhanden sind, zu vermitteln. Die Wartezeiten f\u00fcr derartige Untersuchungen sind sonst sehr lang, allerdings zeigt sich der Patient nicht erfreut dar\u00fcber, sondern reagiert erbost und schimpft \u00fcber die &#8222;Vetternwirtschaft&#8220;, weil nun sein Arzt aus seiner Sicht einem Verwandten Arbeit zuschanzen wollte. Dass der Arzt hier lediglich deshalb seine pers\u00f6nlichen Beziehungen nutzen wollte, um dem Patienten eine schnellere Untersuchung zu erm\u00f6glichen, wird \u00fcberhaupt nicht in Erw\u00e4gung gezogen, auch nicht (was der Patient vielleicht nicht wissen kann) dass der \u00e4rztliche Schwager im Krankenhaus alles andere als zu wenig zu tun hat und deswegen auf famili\u00e4re Unterst\u00fctzung angewiesen ist (das Gegenteil ist vielmehr der Fall).\u00a0Doch der Patient ist\u00a0derma\u00dfen echauffiert, dass er dann sp\u00e4ter sogar seinem Arzt aufgrund dieses Vorfalls eine sehr schlechte Bewertung in einem Internetportal verpasst.<\/p>\n<p>Ein weiteres ganz allt\u00e4gliches Beispiel: Wenn ich mit dem HVV fahre und mir daf\u00fcr eine Tageskarte kaufe, dann gebe ich diese eigentlich, wenn ich dann auf dem Heimweg bin, immer weiter an irgendwelche Leute, die gerade am Fahrkartenautomat stehen und sich eine Karte kaufen wollen, damit diese mein Ticket\u00a0noch nutzen k\u00f6nnen (das ist auch vollkommen legal so, nur verkaufen darf man die benutzte Karte nach Ende der Fahrt nicht). Allzu h\u00e4ufig habe ich dann schon erlebt, dass die Angesprochenen total abweisend reagieren, dabei will ich ihnen doch nur etwas schenken, was ihnen Geld spart. Ich wei\u00df nun nicht, was diese Leute dann genau denken, aber in jedem Fall scheint es ihnen ja deutlich wahrscheinlicher, dass sie jemand gerade in irgendeiner Weise \u00fcber den Tisch ziehen, als das jemand einfach nur ohne eine Gegenleistung freundlich sein will.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es auch durchaus genug Gr\u00fcnde, misstrauisch zu sein, denn nicht nur am eigenen Leib, sondern auch aus den Medien kann man ja oft genug etwas \u00fcber Betr\u00fcgereien und unaufrichtige Menschen erfahren: \u00c4rzte, die ihren Patienten Medikamente oder sogar Operationen angedeihen lassen, die eigentlich nicht n\u00f6tig oder sogar sch\u00e4dlich, aber eben profitabel sind, Abzocke von Unbedarften im Internet via Spam, Telefonbetr\u00fcgereien, Computerviren &#8211; Leichtgl\u00e4ubigkeit, Unwissen und Unerfahrenheit werden h\u00e4ufig ausgenutzt, sodass es schon sinnvoll ist, immer mal nach dem Haken einer Sache zu suchen. Kontraproduktiv wird es hingegen, wenn der Haken derart onmipr\u00e4sent wird, dass er alles andere \u00fcberschattet &#8230;<\/p>\n<p>Ich glaube, dass dieses wachsende Misstrauen in unserer zunehmend st\u00e4rker\u00a0\u00f6konomisierten Welt begr\u00fcndet liegt. Wenn s\u00e4mtliche Dinge nur noch nach ihrem wirtschaftlichen und damit monet\u00e4ren (Gegen-)Wert beurteilt werden, dann ist alles, was da nicht reinpasst, erst mal suspekt. Altruistisches Handeln hat schlie\u00dflich keinen unmittelbaren Nutzen f\u00fcr den Handelnden und ist insofern, wenn man es rein \u00f6konomisch betrachtet, in den allermeisten F\u00e4llen unsinnig. Da wir uns zunehmend im Wettbewerb zu anderen (als konkurrierenden Marktteilnehmern) sehen, sind wir st\u00e4ndig darauf erpicht, Vorteile zu unseren Gunsten zu generieren (dies manifestiert sich dann ja auch in dem oben schon verlinkten Zeitgeistph\u00e4nomen der Angeberei), sodass wir von diesem Raster abweichendes Verhalten als bedrohlich empfinden. Schlie\u00dflich beinhaltet ja der Vorteil unseres Gegen\u00fcber h\u00e4ufig einen Nachteil f\u00fcr uns selbst, und diesen wollen wir nicht einfach so in Kauf nehmen.<\/p>\n<p>Und dieses Misstrauen dominiert nicht nur die direkte zwischenmenschliche Interaktion vieler Menschen, sondern auch deren Art und Weise, Informationen aufzunehmen. Der misstrauische Mensch ist generell auch reichlich verunsichert und sehnt sich nach Institutionen, denen er vertrauen kann. Das k\u00f6nnen beispielsweise dann die Nachrichtensendung, die Zeitung oder das Magazin sein, die er schon seit vielen Jahren kennt. Wenn diese auch noch ihm vertraute Inhalte vermitteln, dann wird das sonst stark vorhandene Misstrauen fahren gelassen. Allerdings ist dies sofort wieder pr\u00e4sent, wenn der Misstrauische mit Dingen konfrontiert wird, die nicht so recht in sein eigenes Weltbild passen wollen, dies vielleicht sogar infrage stellen. Hierdurch ergibt sich eine ausgesprochen starre Weltsicht, in der nicht sein kann, was nicht sein darf. Vertrautheit schl\u00e4gt Vertrauensw\u00fcrdigkeit &#8230;<\/p>\n<p>Es ist ausgesprochen schwierig, diesem Misstrauen konstruktiv zu begegnen, da es ja immer wieder Einzelf\u00e4lle gibt, die es durchaus rechtfertigen, erst mal etwas genauer hinzuschauen und nicht gleich sofort alles blind zu glauben. Durch die mediale Pr\u00e4senz und h\u00e4ufig auch Skandalisierung solcher Vorkommnisse findet allerdings bei vielen Menschen eine Generalisierung statt. Zudem wird das eigene immer st\u00e4rker verbreitete rein \u00f6konomisierte Vorteilsdenken eben auch gern auf andere projiziert, sodass diesen dann unterstellt wird, ebenfalls nur auf einen eigenen Vorteil aus zu sein. Begegnen kann man diesem Ph\u00e4nomen nur dadurch, dass man es selbst eben anders macht, dass man offen zeigt: Misstrauen ist hier gerade nicht\u00a0angebracht. Das Schaffen positiver Erlebnisse mit unbekannten Menschen kann m. E. zumindest kleine Risse im Misstrauenspanzer, den viele Menschen um sich errichtet haben, hervorrufen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor Kurzem habe ich mich ja schon mal mit dem Zeitgeistph\u00e4nomen Angeberei besch\u00e4ftigt, jetzt m\u00f6chte ich mich einer anderen zeittypischen menschlichen Verhaltensform zuwenden, dem Misstrauen. Dieses ist mittlerweile so dominant im Denken und Handeln vieler Menschen geworden, dass es mitunter schon fast paranoide Z\u00fcge annimmt. 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