{"id":3576,"date":"2015-08-08T13:15:35","date_gmt":"2015-08-08T11:15:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3576"},"modified":"2019-10-02T20:30:30","modified_gmt":"2019-10-02T18:30:30","slug":"anja-reschkes-kommentar-zum-deutschen-fluechtlingshass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3576","title":{"rendered":"Anja Reschkes Kommentar zum deutschen Fl\u00fcchtlingshass"},"content":{"rendered":"<p><em>Panorama<\/em>-Moderatrin Anja Reschke hat vor ein paar Tagen in der\u00a0<em>tagessschau<\/em>\u00a0mit\u00a0einem\u00a0Kommentar zum Thema Fl\u00fcchtlinge viel (\u00fcberwiegend positive) Resonanz erfahren. (Wer das tats\u00e4chlich noch nicht gesehen haben sollte: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=i9kv-rmvGKg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier ist das als Video auf YouTube zu finden.<\/a>) Zu Recht, denn sie positioniert sich dort eindeutig gegen die rechten und rassistischen sogenannten &#8222;besorgten B\u00fcrger&#8220; und deren Hasstiraden, vor allem im Internet, zudem fordert sie dazu auf, eindeutig Position zu beziehen und rechter Hetze zumindest verbal entgegenzutreten. In den sozialen Medien verbreitete sich dieses zweimin\u00fctige Statement dann auch wie ein Lauffeuer, weitgehend herrscht Einigkeit dar\u00fcber, dass solche deutlichen Worte tats\u00e4chlich sehr angebracht waren, um dem rechten Rand zu zeigen: Es denken nicht alle so wie Ihr! Doch ist nun Optimismus angebracht ob dieses anscheinenden Konsenses? Ich f\u00fcrchte, eher nicht &#8230;<\/p>\n<p>Ich kann n\u00e4mlich leider Anja Reschkes Einsch\u00e4tzung, die sie auch in einem <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=BY85V2ULoy8\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Interview<\/a> im Rahmen einer Nachberichterstattung zu ihrem Kommentar wiederholt hat, nicht teilen, dass tats\u00e4chlich die Mehrheit der Deutschen derartigem rechten Gedankengut ablehnend gegen\u00fcberstehen w\u00fcrde. Hier nimmt sie eine Abgrenzung vor, die m. E. so nicht zutreffend ist:\u00a0Der \u00dcbergang\u00a0vom &#8222;Ja genau!&#8220;-B\u00f6lken bei der BILD-Hetze gegen die &#8222;faulen Griechen&#8220; zum direkten Rassismus gegen\u00fcber Fl\u00fcchtlingen ist eben ein flie\u00dfender und nicht ein scharf abgrenzbarer. Und f\u00fcr die Anti-Griechenland-Politik unserer Regierung k\u00f6nnen sich ja laut verschiedensten Umfragen stets so 60 bis 70 Prozent der Deutschen begeistern. Wenn Anja Reschke hier die Grenze zum Rassismus erst \u00fcberschritten sieht, wenn tats\u00e4chlich Steine und Brands\u00e4tze fliegen oder verbale Vernichtungsfantasien ausgelebt werden, dann verkennt sie hier das Wesen des Rassismus. Und genauso wenig ist es m. E. eine legitime Meinungs\u00e4u\u00dferung, wie von Anja Reschke in dem oben verlinkten Interview dargelegt, Fl\u00fcchtlinge als Sozialschmarotzer zu bezeichnen. Hier beginnt der Rassismus, indem Menschen aufgrund ihrer Herkunft eine Handlungsweise unterstellt wird, die tats\u00e4chliche Zusammenh\u00e4nge komplett ausblendet.<\/p>\n<p>Dies findet sich auch in dem Begriff &#8222;Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge&#8220; wieder, den Anja Reschke gleich zu Beginn erw\u00e4hnt:\u00a0Was ist denn ein sogenannter &#8222;Wirtschaftsfl\u00fcchtling&#8220;? Nichts anderes als jemand, dessen Lebensgrundlage (in der Regel von Konzernen aus westlichen Industriel\u00e4ndern) zerst\u00f6rt wurde und der nun seine Heimat, seine Fa<span class=\"text_exposed_show\">milie, seine Freunde, sein gesamtes Hab und Gut zur\u00fcckl\u00e4sst in der Hoffnung, irgendwo anders ein menschenw\u00fcrdiges Leben f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Das sind also die Menschen, auf deren Leid wir unseren (noch vorhandenen) Wohlstand gr\u00fcnden, auf deren Kosten wir leben. Wenn diese nun bei uns anklopfen, dann sollen wir denen also die T\u00fcr vor der Nase zuknallen und denen sagen: &#8222;Geh nach Hause (auch wenn wir das gerade ziemlich abgerockert haben und Du dort unseretwegen keine Perspektive mehr hast)!&#8220; Auch hier findet eine Herausl\u00f6sung aus einem Gesamtzusammenhang statt, die schon den Keim des Rassismus in sich birgt.<\/span><\/p>\n<p>Um das klarzustellen: Nat\u00fcrlich werfe ich Anja Reschke keinen Rassismus vor, und ich finde ihren Kommentar zudem auch generell sehr gut, vor allem erscheint es mir wichtig, dass auch mal in weit verbreiteten Medien so deutlich Position gegen die sich immer lauter artikulierenden Rassisten bezogen wird.\u00a0Allerdings wei\u00df ich zumindest auch, dass ich ein gutes St\u00fcck weit in einem Elfenbeinturm sitze, was die Bekanntschaft mit durchaus gut gebildeten und eher weltoffenen Menschen angeht, und ich sch\u00e4tze mal, dass das bei Anja Reschke \u00e4hnlich sein wird. Hieraus nun zu schlie\u00dfen, dass sich \u00e4hnliche Ansichten und Stimmungen auch auf die gesamte deutsche Gesellschaft \u00fcbertragen lassen, ist m. E. ein fataler Fehler. Ich wette mal, dass an den Facebook-Pinnw\u00e4nden vieler anderer der Anja-Reschke-Kommentar nicht so h\u00e4ufig und positiv bewertet geteilt wurde wie an meiner.\u00a0Eine Auswahl von Reaktionen hat das Internetmagazin\u00a0<em>Vice<\/em> in einem <a href=\"http:\/\/www.vice.com\/de\/read\/die-reaktionen-auf-den-fluechtlings-kommentar-der-ard-nach-dummheit-sortiert-665?utm_source=vicefbde\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel<\/a> zusammengestellt und auch gleich mal treffend kommentiert. Hieran sieht man sehr gut,\u00a0dass es nicht immer nur &#8222;Alle Fl\u00fcchtlinge sollen ersaufen&#8220; und \u00e4hnlich deutlich menschenverachtende Hetze sein muss, um undifferenzierten Rassismus in die Welt zu tragen. Und viele der dort vorgetragenen Scheinargumente sind eben auch ziemlich deutlich nicht aus irgendwelchen Rechtsau\u00dfenquellen, sondern vielmehr durch\u00a0unsere sogenannten Qualit\u00e4ts- und Leitmedien induziert &#8211; und damit entsprechend weit verbreitet.<\/p>\n<p>Doch wie sieht es nun mit dem von Anja Reschke geforderten erneuten &#8222;Aufstand der Anst\u00e4ndigen&#8220; aus, dem deutlichen Entgegentreten gegen rechte Positionen und \u00c4u\u00dferungen? Nicht wirklich gut, wie es mir scheint, zumindest wenn ich mir den nur einen Tag nach der Ausstrahlung von Anja Reschkes\u00a0Statement ver\u00f6ffentlichten <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/web\/pranger-im-internet-auch-idioten-brauchen-verteidiger-a-1047019.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kommentar von Fabian Reinbold auf <em>Spiegel online <\/em><\/a>anschaue<em>.<\/em>\u00a0Genau das, was Anja Reschke an deutlich gemachter Haltung gegen Rechts einfordert, wird nun sogleich erst mal als Hysterie von Emp\u00f6rungsjunkies\u00a0abgetan, garniert noch mit Ratschl\u00e4gen an Arbeitgeber, wie man doch damit umgehen sollte, wenn der eigene Betrieb in Verruf geraten k\u00f6nnte aufgrund \u00f6ffentlich get\u00e4tigter rassistischer und volksverhetzender Aussagen von Mitarbeitern einen Shitstorm ausl\u00f6st (dass ein Unternehmer vielleicht einfach keine Mitarbeiter in seinem Betrieb haben m\u00f6chte, die offensichtlich rassistisches und rechtsextremes Gedankengut verbreiten, scheint\u00a0jenseits von Reibolds Vorstellung zu liegen). Zivilcourage und gezeigte Haltung \u00e0 la Reibold d\u00fcrfen also f\u00fcr die Rassisten bitte keine Konsequenzen haben.\u00a0Dar\u00fcber hinaus\u00a0ist der Kommentar\u00a0auch noch\u00a0schlecht recherchiert: Reibold\u00a0bezieht sich vor allem auf den medial vor Kurzem sehr pr\u00e4senten Fall, als ein 17-j\u00e4hriger Azubi von Porsche \u00d6sterreich nach einem volksverhetzenden Posting von besonderer Widerw\u00e4rtigkeit aufgrund der Meldung einer Facebook-Gruppe beim Arbeitgeber gefeuert wurde.\u00a0Der von Reibold\u00a0als &#8222;Anf\u00fchrer der Netzschn\u00fcffler&#8220; (was schon absurd ist als Formulierung, denn \u00f6ffentlich get\u00e4tigte Aussagen m\u00fcssen nicht &#8222;erschn\u00fcffelt&#8220; werden, aber an solchen inhaltlichen Feinheiten st\u00f6rt sich Reibold nicht) und &#8222;Prangeraufseher&#8220; Diffamierte ist n\u00e4mlich nicht anonym geblieben, wie er\u00a0schreibt, sondern musste mittlerweile nach zahlreichen ernst zu nehmenden Drohungen als Folge von \u00f6ffentlichen Statements unter Polizeischutz \u00d6sterreich verlassen. Im Gegensatz zu dem, was Reibold im Umgang mit rechten Hetzern fordert, sind diese n\u00e4mlich nicht ganz so zimperlich.<\/p>\n<p>Das durfte auch Heinrich Schmitz erfahren, dessen Artikel f\u00fcr\u00a0<em>The European<\/em> wir hier ja auch schon das eine oder andere Mal in den Wochenhinweisen verlinkt haben. Als erkennbares Mitglied der Initiative\u00a0<em>Heime ohne Hass<\/em>, die u. a. eine <a href=\"https:\/\/www.change.org\/p\/f\u00fcr-ein-verbot-fremdenfeindlicher-demos-vor-fl\u00fcchtlingsheimen-heimeohnehass?recruiter=29634817\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Petition gegen fremdenfeindliche Demos vor Fl\u00fcchtlingsheimen<\/a>\u00a0gestartet hat, sieht er sich nun\u00a0mit den Konsequenzen seiner Haltung konfrontiert: Als Einsch\u00fcchterung wurde die Polizei von einem anonymen Anrufer, der vorgab, Heinrich Schmitz selbst zu sein, informiert, dass er angeblich seine Frau umgebracht haben sollte. Diesen Vorgang beschreibt er ausf\u00fchrlich in einem ausgesprochen lesenswerten und sehr pers\u00f6nlichen\u00a0<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/rechte-hassbuerger-und-meinungsfreiheit-eine-kapitulationserklaerung\/12167486.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel<\/a>, genauso wie seine Konsequenz aus diesem Vorfall: Zum Schutze seiner Familie wird Heinrich Schmitz keine politischen Texte\u00a0mehr verfassen und auch aus der Initiative\u00a0<em>Heime gegen Hass<\/em> austreten.<\/p>\n<p>Das sind also zwei Konsequenzen aus dem so viel beachteten Kommentar von Anja Reschke, die bef\u00fcrchten lassen, dass trotz der hohen Teil- und Zustimmungsfrequenz in den sozialen Medien kaum positive Konsequenzen zu erwarten sein werden. Zwei Minuten einen Kommentar anh\u00f6ren, dann diesen teilen und kr\u00e4ftig &#8222;Gef\u00e4llt mir&#8220; klicken &#8211; und das d\u00fcrfte es dann f\u00fcr die allermeisten auch schon wieder gewesen sein.\u00a0Und sp\u00e4testens beim n\u00e4chsten Fu\u00dfballevent liegt man sich mit den Nationalpatrioten dann wieder in den Armen und findet es gar nicht so wild, wenn da aus Ausgelassenheit auch mal ein bisschen &#8222;Sieg heil!&#8220; geschrien wird.<\/p>\n<p>Das Schlusswort m\u00f6chte ich dieses Mal Heinrich Schmitz \u00fcberlassen, denn besser kann ich es auch nicht formulieren:<\/p>\n<blockquote><p>Ich habe kapiert, dass die \u201eschweigende\u201c Mehrheit der Bev\u00f6lkerung am liebsten \u201eschweigt\u201c. Dass sie keineswegs mit dem Hass auf den Stra\u00dfen einverstanden ist, aber lieber hinter den Gardinen steht, statt selbst auf die Stra\u00dfe zu gehen. Dass die Frau an der Spitze dieses Landes das Schweigen zur Regierungsmaxime erhoben hat und sich gerade deshalb alternativloser Beliebtheit erfreut. Dieses Schweigen wird \u00fcber kurz oder lang zu einem \u201eSchweigen der L\u00e4mmer\u201c werden. Es soll dann nur niemand behaupten, er h\u00e4tte nichts gewusst oder er habe nichts tun k\u00f6nnen.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Panorama-Moderatrin Anja Reschke hat vor ein paar Tagen in der tagessschau mit einem Kommentar zum Thema Fl\u00fcchtlinge viel (\u00fcberwiegend positive) Resonanz erfahren. Zu Recht, denn sie positioniert sich dort eindeutig gegen die rechten und rassistischen sogenannten &#8222;besorgten B\u00fcrger&#8220; und deren Hasstiraden, vor allem im Internet, zudem fordert sie dazu auf, eindeutig Position zu beziehen und rechter Hetze zumindest verbal entgegenzutreten. In den sozialen Medien verbreitete sich dieses zweimin\u00fctige Statement dann auch wie ein Lauffeuer, weitgehend herrscht Einigkeit dar\u00fcber, dass solche deutlichen Worte tats\u00e4chlich sehr angebracht waren, um dem rechten Rand zu zeigen: Es denken nicht alle so wie Ihr! Doch ist nun Optimismus angebracht ob dieses anscheinenden Konsens? 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