{"id":3741,"date":"2015-09-08T16:22:41","date_gmt":"2015-09-08T14:22:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3741"},"modified":"2020-11-29T23:12:42","modified_gmt":"2020-11-29T22:12:42","slug":"zeitgeistphaenomen-konsumhektik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3741","title":{"rendered":"Zeitgeistph\u00e4nomen Konsumhektik"},"content":{"rendered":"<p>Im dritten Teil der Reihe von Zeitgeistph\u00e4nomenen werde ich mich mit dem besch\u00e4ftigen, was ich als Konsumhektik bezeichnen m\u00f6chte. Hierunter verstehe ich, dass immer mehr in immer k\u00fcrzeren Abst\u00e4nden und zu immer mehr Gelegenheiten gekauft und verbraucht wird, was m. E. sogar so weit geht, dass der Akt des Erwerbs mitunter im Vordergrund steht und gar nicht mal die Benutzung des erworbenen Gutes. Klingt erst mal ein wenig abstrakt? Ich glaube, ein paar Beispiele werden deutlich machen, worum es mir geht und wie sehr die Konsumhektik mittlerweile in den Alltag der meisten Deutschen Einzug gehalten hat.<\/p>\n<p>Da w\u00e4ren zun\u00e4chst mal die verschiedenen Formen der sogenannten Obsoleszenz (einen \u00dcberblick kann man sich auf der entsprechenden\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Obsoleszenz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Wikipedia<\/em>-Seite<\/a> machen), was nichts anderes bedeutet, als das Dinge, die eigentlich noch funktionieren und brauchbar sind, ersetzt werden, da sie eben als obsolet gelten. Das kann verschiedene Gr\u00fcnde haben: Etwas ist vielleicht nicht mehr schick oder in, oder aber (besonders bei technischen Ger\u00e4ten und Computern) es gibt einfach keine entsprechenden Zubeh\u00f6rartikel mehr. Dazu kommt dann noch die geplante Obsoleszenz (dazu gibt es eine sehenswerte 75-min\u00fctige\u00a0<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=xaQyoAt6O58\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>arte<\/em>-Doku<\/a> oder auch einen <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/felix-werdermann\/gibt-es-wirklich-eine-sollbruchstelle?utm_content=bufferd159c&amp;utm_medium=social&amp;utm_source=facebook.com&amp;utm_campaign=buffer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel auf\u00a0<em>der Freitag<\/em><\/a>), wozu zum einen der Einbau von Sollbruchstellen in technische Ger\u00e4te vonseiten der Hersteller geh\u00f6rt, sodass diese kurz nach Ablauf der Garantiezeit ersetzt werden m\u00fcssen, zum anderen aber auch\u00a0die gesamte Modebranche.<\/p>\n<p>Jedes Jahr gibt&#8217;s das neuste Handy, Klamotten und Schuhe werden en masse gekauft, obwohl doch der ganze Kleiderschrank noch voll ist, und auch die Unterhaltungselektronik wird immer gern auf den neusten Stand gebracht. Die <em>Frankfurter Rundschau<\/em> berichtet in einem <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/wirtschaft\/elektrogeraete-viel-zu-schnell-schrottreif,1472780,31031528.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel<\/a> dar\u00fcber, dass Elektroger\u00e4te heutzutage bei Weitem nicht mehr so lange halten wie noch vor einigen Jahren und immer schneller ersetzt werden. Jetzt kann man nat\u00fcrlich sagen: Ist doch prima, das kurbelt schlie\u00dflich\u00a0die Wirtschaft ordentlich an! Allerdings wird in dem\u00a0<em>FR<\/em>-Artikel auch gleich die Schattenseite davon angesprochen: Auf diese Weise verbrauchen wir immer mehr Ressourcen und erzeugen immer mehr M\u00fcll, was beides zu erheblich Umweltproblemen f\u00fchrt. Und was noch hinzukommt: Nicht wenige Menschen verschulden sich, um beim Konsumieren mithalten zu k\u00f6nnen, da sie nicht gegen\u00fcber Freunden, Familie, Arbeitskollegen und Bekannten zur\u00fcckfallen und so als nicht up to date gelten wollen. Dieses Verhalten hab ich ja schon vor Kurzem\u00a0beim <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3465\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zeitgeistph\u00e4nomen Angeberei<\/a> beschrieben, und auch der dort erw\u00e4hnte Trend, Dinge unbedingt als Erster machen zu m\u00fcssen, um sich damit vor anderen profilieren zu k\u00f6nnen, tr\u00e4gt nat\u00fcrlich zu Konsumhektik bei: Etwas wird nicht gekauft, weil es tats\u00e4chlich gebraucht wird, sondern weil andere damit beeindruckt werden sollen.<\/p>\n<p>Ein weiterer Ausdruck f\u00fcr die Konsumhektik ist die zunehmende Verbreitung von To-go-Produkten. Vieles, wof\u00fcr man sich vor einigen Jahren einfach noch ein bisschen Zeit genommen hat, wie zum Beispiel der Genuss einer Tasse Kaffee, wird heute unterwegs, eben to go, erledigt. Dies f\u00fchrt nicht nur zu einer zunehmenden Beschleunigung unseres Alltagslebens, sondern auch zu einer steigenden Unbewusstheit beim Genuss: Der Kaffee wird eben schnell auf dem Weg zur Bahn reingek\u00fcbelt, und da man kaum noch zus\u00e4tzliche Zeit daf\u00fcr aufbringen muss, wird auch insgesamt noch mehr davon konsumiert. Dazu kommt auch hier noch eine betr\u00e4chtliche Sch\u00e4digung der Umwelt durch die Produktion der Einwegbecher und deren schnellen Wandel zum Restm\u00fcll, wie beispielsweise die <a href=\"http:\/\/www.haz.de\/Nachrichten\/Wissen\/Uebersicht\/Coffee-to-go-wird-zum-Umweltproblem\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Hannoversche Allgemeine Zeitung<\/em> berichtet<\/a>. Mittlerweile wird sogar \u00fcberlegt, eine Pfandabgabe auf die Einwegbecher zu erheben, um so die Kunden dazu zu bringen, doch eher ihre eigenen wiederbef\u00fcllbaren Trinkgef\u00e4\u00dfe mitzubringen &#8211; die \u00dcberlegung, dass ein solches hektisches Konsumieren &#8222;auf dem Sprung&#8220; generell nicht gut sein k\u00f6nnte, wird bezeichnenderweise dabei nicht angestellt.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich werden wir auch alle stets durch die omnipr\u00e4sente Werbung dazu animiert, Dinge zu kaufen. Klar, Werbeplakate gab es schon immer, und auch in Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen wurde schon vor Jahrzehnten Werbung platziert, aber mittlerweile ist diese derart gestreut und gestaltet, dass man sich ihr kaum noch entziehen\u00a0kann: Werbung findet\u00a0beispielsweise im Fernsehen nicht mehr nur in bestimmten Bl\u00f6cken statt, sondern auch in den Sendungen selbst (&#8222;Das Wetter wird Ihnen pr\u00e4sentiert von Firma XY!&#8220;), und auch in Zeitungen sind der redaktionelle und der werbliche Teil h\u00e4ufig (durchaus bewusst \u00fcbrigens) nicht mehr immer ohne Weiteres auseinanderzuhalten. Dazu kommt, dass Werbeplakate und Werbebanden in Fu\u00dfballstadien mittlerweile zu einem gro\u00dfen Teil beweglich sind und mehrere unterschiedliche Werbungen pr\u00e4sentieren, was nicht nur einen quantitativen h\u00f6heren Input beim Betrachter bedeutet, sondern aufgrund der Bewegung auch eher \u00fcberhaupt erst mal die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Und dann ist da\u00a0noch das Internet, in dem wir st\u00e4ndig mit\u00a0Werbung (teilweise sogar personalisiert) konfrontiert werden, ebenfalls oft in Form von\u00a0bewegten Bildern &#8211; und immer h\u00e4ufiger auch unterwegs, wenn das\u00a0Handy\u00a0zum Surfen im Netz genutzt wird.<\/p>\n<p>Von allen Seiten wird uns heute also suggeriert, dass wir unbedingt etwas kaufen m\u00fcssen. Wenn man nun noch ber\u00fccksichtigt, was der Neurobiologe Gerald H\u00fcther in einem <a href=\"https:\/\/denkbonus.wordpress.com\/2013\/04\/06\/wer-glucklich-ist-kauft-nicht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Vortrag<\/a> schildert, n\u00e4mlich das Kaufen oft als Ersatzhandlung fungiert, die uns gl\u00fccklich machen soll, was allerdings\u00a0nicht gelingt, sodass immer weiter konsumiert werden muss, dann ergibt sich ein stimmiges Bild f\u00fcr die Ursachen der Konsumhektik: Uns wird st\u00e4ndig etwas angeboten und suggeriert, dass wir das alles unbedingt br\u00e4uchten, um gl\u00fccklich zu sein und dazuzugeh\u00f6ren, dazu veralten unsere Sachen immer schneller und gehen fr\u00fcher kaputt, und das trifft\u00a0dann eben auf den Umstand, dass die meisten Menschen immer weniger Zeit und Mu\u00dfe haben (Stichworte Arbeitsverdichtung und Freizeitstress), sich weitgehend immer ungl\u00fccklicher f\u00fchlen und so empf\u00e4nglich f\u00fcr die Verlockungen des Kaufens sind. Dass wir mit diesem Verhalten unsere Umwelt massiv sch\u00e4digen in Form von \u00fcberh\u00f6htem Ressourcenverbrauch und immer gr\u00f6\u00dferen M\u00fcllbergen, sollte uns eigentlich zeigen, dass dies ein totaler Holzweg ist &#8211; aber leider sind die meisten f\u00fcr die Erkenntnis viel zu sehr in ihrer Konsumhektik gefangen &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im dritten Teil der Reihe von Zeitgeistph\u00e4nomenen werde ich mich mit dem besch\u00e4ftigen, was ich als Konsumhektik bezeichnen m\u00f6chte. Hierunter verstehe ich, dass immer mehr in immer k\u00fcrzeren Abst\u00e4nden und zu immer mehr Gelegenheiten gekauft und verbraucht wird, was m. E. sogar so weit geht, dass der Akt des Erwerbs mitunter im Vordergrund steht und gar nicht mal die Benutzung des erworbenen Gutes. Klingt erst mal ein wenig abstrakt? 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