{"id":3881,"date":"2015-10-03T09:50:54","date_gmt":"2015-10-03T07:50:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3881"},"modified":"2015-10-03T09:53:13","modified_gmt":"2015-10-03T07:53:13","slug":"hotel-ruanda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3881","title":{"rendered":"Hotel Ruanda"},"content":{"rendered":"<p>Letztes Jahr fanden sich einige wenige Berichte in den Medien, die an das Massaker der Hutu an den Tutsi in Ruanda 20 Jahre zuvor erinnerten. Ich selbst hatte nur noch eine sehr diffuse Erinnerung daran: Irgendeine Stammesfehde, bei der es innerhalb von wenigen Wochen sehr viele Tote gab und die irgendwie aus heiterem Himmel entstanden zu sein schien. Durch einen <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2014\/april\/ruanda-1994-genozid-in-hundert-tagen\" target=\"_blank\">Artikel in den\u00a0<em>Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/em><\/a>\u00a0(leider nur als Bezahlartikel, aber sehr informativ zu den Hintergr\u00fcnden) zu dem Thema wurde ich dann auf den Film\u00a0<em><a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0395169\/?ref_=fn_al_tt_1\" target=\"_blank\">Hotel Ruanda<\/a><\/em> aus dem Jahr 2005 aufmerksam, den ich nun endlich vor ein paar Tagen gesehen habe.<\/p>\n<p>In zwei Stunden wird die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte des Hotelmanagers Paul Rusesabagina geschildert, einem Hutu, der mit einer Tutsi verheiratet ist und der von den Ereignissen \u00fcberw\u00e4ltigt wird.\u00a0Die Hutu bilden die Bev\u00f6lkerungsmehrheit in Ruanda, Spannungen und Konflikte mit der Minderheit der Tutsi gab es schon einige, da diese von den Kolonialherren sozusagen als &#8222;schwarze Wei\u00dfe&#8220; angesehen und damit den Hutus gegen\u00fcber bevorzugt behandelt wurden (zur Geschichte Ruandas einfach mal bei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ruanda\" target=\"_blank\">Wikipedia<\/a> nachschauen, das w\u00fcrde hier den Rahmen sprengen), aber was nun geschehen sollte, nachdem das Flugzeug von Pr\u00e4sident <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Juv\u00e9nal_Habyarimana\" target=\"_blank\">Juv\u00e9nal Habyarimana<\/a>\u00a0beim Landeanflug auf den Flughafen von Kigali von einer Rakete getroffen wurde, war f\u00fcr Paul, der in der relativ abgeschiedenen heilen Welt in seinem Hotel lebt, nicht vorhersehbar. Da er selbst mit einer Tutsi verheiratet ist, wird auch er zum Ziel von radikalen Hutus, die in nur wenigen Wochen zwischen 800.000 und einer Million (die Zahlen schwanken da) Tutsi und gem\u00e4\u00dfigte Hutus ermorden, meistens auf bestialische Weise mit Macheten &#8211; ein Genozid, der in seiner Geschwindigkeit bisher einmalig in der Menschheitsgeschichte ist. Das Hotel wird letztlich zum letzten Zufluchtspunkt, der von ein paar wenigen UN-Blauhelmen noch zu sch\u00fctzen versucht wird, aber die Lage spitzt sich schnell dramatisch zu &#8230;<\/p>\n<p>Der Film ist keine reine Geschichtsstunde, sondern besticht durch eine Dramaturgie, die den Zuschauer gut mit Paul mitf\u00fchlen l\u00e4sst, wenngleich man am Anfang schon gut aufpassen muss, um in die ethnische Struktur Ruandas (die den meisten eher nicht so gel\u00e4ufig sein d\u00fcrfte) hineinzukommen. Die Besetzung ist top, neben Don Cheadle als Paul Rusesabagina sind so in Nebenrollen bekannte Namen wie Nick Nolte und Joaquin Phoenix zu sehen. Es wird nicht rei\u00dferisch agiert, die Grausamkeit des V\u00f6lkermordes wird nur in wenigen, daf\u00fcr aber umso eindringlicheren Szenen mehr oder weniger direkt gezeigt, trotzdem ist man am Ende des Films von einer beklemmenden Ersch\u00fctterung ergriffen und fragt sich, wie Hass derart eskalieren kann, das derartige Gr\u00e4ueltaten m\u00f6glich werden.<\/p>\n<p>Was dem Film vor allem eine ziemliche Aktualit\u00e4t gibt, ist das dort gezeigte Verhalten der in diesen Tage ja immer wieder viel beschworenen sogenannten westlichen Wertegemeinschaft. Diese hat sich n\u00e4mlich, von einigen wenigen individuellen Ausnahmen mal abgesehen, einen ziemlichen Dreck darum geschert, was mit den Menschen in Ruanda geschieht. Auch wenn in hiesigen Medien immer suggeriert wurde, dass der Konflikt dort unvorhersehbar und \u00fcberraschend eskaliert sei, so zeigt doch der oben verlinkte\u00a0<em>Bl\u00e4tter<\/em>-Artikel, dass das eben nicht der Fall war und auch westliche Entscheidungstr\u00e4ger durchaus um die sich zuspitzende Lage in Ruanda wussten. Nur hatte niemand Interesse daran, in einem wirtschaftlich nicht wirklich interessanten Land, das noch nicht mal \u00d6lvorkommen hat, milit\u00e4risches Engagement zur Verhinderung eines Genozids zu verhindern. (Nick Nolte als Blauhelm-Offizier Oliver bringt das in einer Szene sehr direkt und mit drastischen Worten auf den Punkt.) Die Wertegemeinschaft wird also immer nur dann als Legitimierung bem\u00fcht, wenn auch entsprechende geopolitische oder Wirtschaftsinteressen dahinterstehen &#8211; das sollte man mit dem Beispiel Ruanda im Hinterkopf haben, wenn sich Politiker mal wieder zu Sonntagsreden aufschwingen, um Zustimmung f\u00fcr neue Waffeng\u00e4nge heischen zu wollen.<\/p>\n<p><em>Hotel Ruanda<\/em>\u00a0ist somit ein brandaktueller Film, da er \u00fcber die spezifischen Ereignisse in Ruanda hinaus ein treffendes Bild davon vermittelt, wie Geopolitik funktioniert. Unbedingt sehenswert!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letztes Jahr fanden sich einige wenige Berichte in den Medien, die an das Massaker der Hutu an den Tutsi in Ruanda 20 Jahre zuvor erinnerten. Ich selbst hatte nur noch eine sehr diffuse Erinnerung daran: Irgendeine Stammesfehde, bei der es innerhalb von wenigen Wochen sehr viele Tote gab und die irgendwie aus heiterem Himmel entstanden zu sein schien. 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