{"id":3954,"date":"2015-10-15T00:04:27","date_gmt":"2015-10-14T22:04:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3954"},"modified":"2016-08-22T14:35:41","modified_gmt":"2016-08-22T12:35:41","slug":"liane-bednarz-und-christoph-giesa-gefaehrliche-buerger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3954","title":{"rendered":"Liane Bednarz und Christoph Giesa: Gef\u00e4hrliche B\u00fcrger"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Die neue Rechte greift nach der Mitte&#8220;, so der Untertitel dieses Buches, und das ist ja zurzeit ein brandaktuelles Thema, sodass ich mit gro\u00dfem Interesse an die Lekt\u00fcre herangegangen bin.\u00a0Auch dass die beiden Autoren laut Umschlagtext &#8222;keine Linken&#8220; sind &#8211; Liane Bednarz steht der CDU, Christoph Giesa der FDP nahe -,\u00a0macht neugierig, denn derartige Gesellschaftskritik wird ja \u00fcblicherweise aus einer anderen politischen Ecke formuliert. Leider erweist sich dies jedoch als gr\u00f6\u00dfter Schwachpunkt des Buches, denn es gelingt Bednarz und Giesa nicht, \u00fcber ihren eigenen ideologischen Schatten zu springen, sodass eine Analyse, warum immer mehr Menschen aus der sogenannten b\u00fcrgerlichen Mitte nach rechts abdriften, nur rudiment\u00e4r stattfindet.<\/p>\n<p>Doch zun\u00e4chst mal zu den positiven Aspekten des Buches, denn die hat diese gr\u00fcndlich recherchierte Arbeit durchaus zu bieten. So werden die Urspr\u00fcnge der Rechtskonservativen Bewegung in Deutschland seit den 1920er-Jahren aufgezeigt und die inhaltlichen Parallelen zur heutigen Bewegung um AfD, Pegida und Co. dargestellt, sodass die Tradition, in der die rechten Meinungsf\u00fchrer stehen, gut nachvollziehbar wird. Dr\u00fcber hinaus werden die Vernetzungen f\u00fchrender\u00a0Personen der rechten Szene\u00a0beschrieben, ihre immer wiederkehrenden Argumentationsmuster, indem sie sich selbst als Opfer darstellen, aufgedeckt, und auch einige Beispiele f\u00fcr Autoren mit rechtem Gedankengut in nicht als rechtsextrem einzustufenden Medien pr\u00e4sentiert (ausf\u00fchrlich wird sich zum Beispiel mit Matthias Matussek von der\u00a0<em>Welt<\/em> besch\u00e4ftigt). Ebenfalls wird der seit einigen Jahren zunehmend st\u00e4rkere Rechtsdrall der\u00a0<em>Achse des Guten<\/em> beschrieben, merkw\u00fcrdigerweise ohne jedoch auf\u00a0<em>Achse<\/em>-F\u00fchrer Henryk M. Broder einzugehen, der ja nun schon oft genug durch rassistische, homophobe und sozialdarwinistische Ausf\u00e4lle auf sich aufmerksam gemacht hat. Auch die Reichsb\u00fcrgerbewegung und rechte Kr\u00e4fte in kirchlichen Kreisen werden ausf\u00fchrlich beleuchtet, und nat\u00fcrlich darf eine Besch\u00e4ftigung mit der AfD nicht fehlen, es\u00a0werden die rechten Akteure vorgestellt, die ja nun seit einiger Zeit eindeutig das Ruder in der Partei \u00fcbernommen haben. Insofern kann man sich mit &#8222;Gef\u00e4hrliche B\u00fcrger&#8220; einen guten \u00dcberblick \u00fcber die derzeitige politische und publizistische rechte und rechtskonservative Szene in Deutschland verschaffen.<\/p>\n<p>Aber damit h\u00f6rt es dann auch leider schon auf, denn eine Analyse, warum immer mehr Menschen aus der sogenannten &#8222;b\u00fcrgerlichen Mitte&#8220; auf einmal rechte Thesen vertreten und sich mit rassistischen \u00c4u\u00dferungen hervortun, bleibt leider aus. Die Rechten sind halt die in den aufgezeigten Netzwerken agierenden B\u00f6sewichte, und weil die dabei sehr flei\u00dfig sind, machen eben auch viele mit. Dass Menschen, denen es im Wesentlichen gut geht, nicht so ohne Weiteres aufwiegeln lassen, kommt den Autoren nicht in den Sinn. Stattdessen wird recht deutlich festgestellt, dass die Deutschen ja gar keinen Grund h\u00e4tten, sich zu beklagen:<\/p>\n<blockquote><p>Eines der h\u00f6chsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt, kein Krieg seit 1945, Exportweltmeister, Heimat einiger der gr\u00f6\u00dften Unternehmen auf dem Globus, eine der h\u00f6chsten Lebenserwartungen weltweit &#8211; ganz so schlecht kann es uns in den letzten Jahrzehnten wohl doch nicht ergangen sein. Ach ja, Fu\u00dfballweltmeister waren wir auch noch ein paarmal, das darf an dieser Stelle nicht unerw\u00e4hnt bleiben. (S. 190)<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist neoliberale Rhetorik in Reinkultur! Klar, f\u00fcr die Vorst\u00e4nde von exportorientierten Unternehmen mag das so als Erfolgsgeschichte gelten, dass hier im Land f\u00fcr die meisten Menschen dann allerdings doch nicht alles so zum Besten bestellt ist, habe ich ja schon vor ein\u00a0paar Monaten in einem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3181\" target=\"_blank\">Artikel hier auf\u00a0<em>unterstr\u00f6mt<\/em><\/a>\u00a0dargestellt. Und genau hier zeigen sich die beiden Autoren auch komplett betriebsblind: Sarrazin und Pirincci werden zwar zu Recht als Brandstifter beschrieben, die eine Verrohung der Diskussionskultur bei ihren Anh\u00e4ngern bef\u00f6rdert haben, aber deren neoliberaler Background bleibt unerw\u00e4hnt. Selbst wenn da sozialdarwinistisches Gedankengut von Sarrazin oder dem AfDler Alexander Gauland beschrieben wird, wird keine Parallele zum neoliberalen Mantra der angeblichen Leistungsgesellschaft gezogen, sondern dies nur als Ausdruck einer rechten Gesinnung gesehen. Auch beschreiben\u00a0die Autoren, dass die Diskriminierung einer gesellschaftlichen Gruppe dazu f\u00fchrt, generell auch andere Gruppen abwertend zu beurteilen, aber der R\u00fcckschluss, dass hier der Neoliberalismus mit der Abwertung von Nichtleistungstr\u00e4gern\u00a0genau so eine Stigmatisierung betriebt, wie sie im v\u00f6lkisch-rassistischen Denken \u00fcblich ist, wird nicht gezogen.<\/p>\n<p>Stattdessen wird immer mal wieder ein wenig unmotiviertes Russland-Bashing betrieben. Klar, Putin ist kein toller Typ, aber was hat das nun unbedingt mit der Radikalisierung des deutschen B\u00fcrgertums\u00a0zu tun? Zumal wenn dann noch solche Quellen wie ein Artikel von Joachim Bittner von der\u00a0<em>Zeit<\/em> (genau, das ist der Journalist, der mit seinem Chef Josef Joffe mit einer Klage gegen die Macher von\u00a0<em>Die Anstalt<\/em> im\u00a0<em>ZDF<\/em>, als diese den beiden ihre N\u00e4he zu transatlantischen Lobbygruppen nachgewiesen haben, so derb auf den Bauch gefallen ist) herangezogen werden. Daf\u00fcr werden dann auch reichlich undifferenziert s\u00e4mtliche alternativen Medien, die sich vor allem als Blogs u. \u00c4. \u00fcbers Internet verbreiten, recht pauschal als rechtslastig abgestempelt. Und\u00a0es geht leider noch populistischer, und zwar wenn\u00a0der Versuch von Alexander Gauland von der AfD, im brandenburgischen Wahlkampf in diesem Jahr W\u00e4hler der Linken anzusprechen, so kommentiert wird:<\/p>\n<blockquote><p>Aber was z\u00e4hlen schon Mauertote und Stasigef\u00e4ngnisse, wenn man auf Stimmen hoffen kann?<\/p><\/blockquote>\n<p>Damit begeben sich die Autoren nun auf das Niveau der &#8222;Zeitung&#8220;, die wohl mit ihrer plumpen Hetze gegen Ausl\u00e4nder, Muslime, Hartz-IV-Empf\u00e4nger und &#8222;faule Griechen&#8220; einen erheblichen Anteil an der vergifteten, von Ressentiments erf\u00fcllten Atmosph\u00e4re in Deutschland beigetragen hat &#8211; und ruinieren sich damit ein St\u00fcck weit ihre wirklich sorgf\u00e4ltige Arbeit zur Bestandsaufnahme der derzeitigen rechten Szene in Deutschland. Schade eigentlich &#8230;<\/p>\n<p>Insofern m\u00f6gen auch die am Ende des Buches vorgetragenen L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge nicht so recht zu verfangen, denn es ist halt immer unm\u00f6glich, ein Problem auf die Weise zu l\u00f6sen, auf die es entstanden ist. Es\u00a0wird einfach ausgeblendet, dass\u00a0die marktradikale Politik eben dazu f\u00fchrt, dass viele Menschen sich nicht mehr politisch repr\u00e4sentiert f\u00fchlen von den gro\u00dfen Parteien und deswegen rechten Rattenf\u00e4ngern mit ihren simplen S\u00fcndenbockparolen auf den Leim gehen.<\/p>\n<p>Mittlerweile wurden die Autoren auch ein wenig von der Realit\u00e4t \u00fcberrollt. Vonseiten der CDU (de Maizi\u00e8re beispielsweise, aber auch Joachim Pfeiffer, der die Abschaffung des Grundrechts auf Asyl forderte und stattdessen ein Gnadenrecht des Staates als sinnvoll erachtete) und nat\u00fcrlich der CSU wurde mittlerweile genau das \u00fcbernommen, was von Bednarz und Giesa noch als eindeutig rechte Rhetorik gekennzeichnet wurde. Und auch eine FDP-nahe Facebook-Seite hat vor Kurzem einen Gr\u00fcnen-Politike, der einen Busfahrer, der Fl\u00fcchtlinge kutschieren sollte und dabei ein Thor-Steinar-Shirt trug, bei dessen Arbeitgeber gemeldet hat, als &#8222;Blockwart&#8220; und &#8222;Denunziant&#8220; gebrandmarkt (und dabei wurde dann auch noch sch\u00f6n auf einen Artikel der rechten Zeitschrift <em>Junge Freiheit<\/em> verlinkt)\u00a0&#8211; laut den Autoren &#8222;Beleidigungen&#8220; der &#8222;neurechten Wortakrobaten&#8220; (S. 211). Das eigene Umfeld, was die beiden Autoren als Gegenpol zum neu erstarkten Rechtskonservativismus in Deutschland verstanden wissen wollten, ist also mittlerweile schon ganz gut von diesem vereinnahmt worden &#8230;<\/p>\n<p>Liane Bednarz und Christop Giesa: Gef\u00e4hrliche B\u00fcrger, 255 Seiten, Verlag Hanser, ISBN:\u00a09783446444614, 17,90 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die neue Rechte greift nach der Mitte&#8220;, so der Untertitel dieses Buches, und das ist ja zurzeit ein brandaktuelles Thema, sodass ich mit gro\u00dfem Interesse an die Lekt\u00fcre herangegangen bin. Auch dass die beiden Autoren laut Umschlagtext &#8222;keine Linken&#8220; sind &#8211; Liane Bednarz steht der CDU, Christoph Giesa der FDP nahe -, macht neugierig, denn derartige Gesellschaftskritik wird ja \u00fcblicherweise aus einer anderen politischen Ecke formuliert. Leider erweist sich dies jedoch als gr\u00f6\u00dfter Schwachpunkt des Buches, denn es gelingt Bednarz und Giesa nicht, \u00fcber ihren eigenen ideologischen Schatten zu springen, sodass eine Analyse, warum immer mehr Menschen aus der sogenannten b\u00fcrgerlichen Mitte nach rechts abdriften, nur rudiment\u00e4r stattfindet.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[59],"tags":[141,185],"class_list":["post-3954","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literarisches","tag-afd","tag-rechtsextremismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3954","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3954"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3954\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6034,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3954\/revisions\/6034"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3954"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3954"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3954"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}