{"id":4087,"date":"2015-11-04T12:08:21","date_gmt":"2015-11-04T11:08:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4087"},"modified":"2018-01-02T11:45:31","modified_gmt":"2018-01-02T10:45:31","slug":"querfront","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4087","title":{"rendered":"Querfront"},"content":{"rendered":"<p>Der Begriff der sogenannten Querfront erfreut sich zurzeit zunehmender\u00a0Beliebtheit in der deutschen \u00d6ffentlichkeit. Damit ist gemeint, dass sich Linke und Rechte zu einer Art demokratiefeindlichem B\u00fcndnis zusammenschlie\u00dfen. Dabei offenbart die Konstruktion dieser angeblichen Querfront mehr \u00fcber diejenigen, die dies mittlerweile als Kampfbegriff benutzen, als \u00fcber einen tats\u00e4chlichen Schulterschluss komplett entgegengesetzter Pole des politischen Spektrums.<\/p>\n<p>Schon vor einigen Wochen habe ich in zwei Artikeln (<a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3601\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3686&amp;trashed=1&amp;ids=303\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>) beschrieben, wie sehr sich das deutsche Establishment den aufkommenden Rechtsruck und auch den\u00a0damit einhergehenden rechten Terrorismus zunutze machen. Nun offenbart sich eine weitere Facette dieses Vorgehens gerade aktuell an einem\u00a0<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28205#more-28205\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Artikel der\u00a0<em>NachDenkSeiten<\/em><\/a>, in dem beschrieben wird, wie dieses kritische und nun wahrlich deutlich links angesiedelte Portal mittlerweile als rechts denunziert wird, und das von eigentlich als eher linksliberal geltenden Medien. So wird versucht, kritische Stimmen zu diskreditieren und somit letztlich zum Schweigen zu bringen. Man braucht daf\u00fcr nur irgendeinen Ber\u00fchrungspunkt mit jemandem, der auch schon mal mit eher rechten Kreisen zu tun hatte, und schon wird die\u00a0Querfront herbeifabuliert. Dass viele Medien dabei mitmachen, da sie so gegen\u00fcber medienkritischen Publikationen ihre durch immer schlechtere journalistische Qualit\u00e4t im Schwinden begriffene Deutungshoheit zu bewahren versuchen, ist nachvollziehbar. Der in der rechten Szene etablierte Kampfbegriff \u201eL\u00fcgenpresse\u201c wird dabei dann als Verbalkeule gegen jede Form der Medienkritik geschwungen.<\/p>\n<p>Auch die gro\u00dfe TTIP-Demonstration in Berlin am 10. 10. mit 200.000 bis 250.000 Teilnehmern wurde recht schnell als Querfront-Event\u00a0bezeichnet, da sich dort beispielsweise wohl auch einige AfDler befanden (so beispielsweise in diesem <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/ttip-bei-der-demo-marschieren-rechte-mit-kommentar-a-1057131.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel auf <em>Spiegel online<\/em><\/a>). Nun, bei einer Demonstration mit einer sechststelligen Teilnehmerzahl ist es reichlich schwierig, jeden Einzelnen, der dort mitl\u00e4uft, zu \u00fcberpr\u00fcfen. Entscheidend ist doch, dass solchen Leuten dort dann kein Forum geboten wurde, und so weit ich das mitbekommen habe, wurde auch in den Redebeitr\u00e4gen stets auf eine deutliche Abgrenzung zu rechtem Gedankengut hingewiesen. Ausf\u00fchrlich wird das in einem <a href=\"https:\/\/www.lobbycontrol.de\/2015\/10\/diffamierung-des-ttip-protests-einige-hinweise-zu-heimlichen-anfuehrern\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blogartikel von\u00a0<em>LobbyControl<\/em><\/a>, die den Protest gegen TTIP mitorganisieren, geschildert, und aus einem <a href=\"http:\/\/blog.campact.de\/2015\/10\/danke-fuer-diesen-gaensehautmoment\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Blogartikel von\u00a0<em>Campact<\/em><\/a>, der sich mit der Demo besch\u00e4ftigt (auch diese NGO ist Teil der Anti-TTIP-Bewegung) geht\u00a0deutlich hervor, welche PR-Ma\u00dfnahmen von den TTIP-Bef\u00fcrwortern gegen die Gro\u00dfdemonstration gestartet wurden. Genau diese Stimmungsmache wird nun nat\u00fcrlich noch von den Querfront-Anschuldigungen bef\u00f6rdert. Zwei weitere Artikel zu diesem Thema (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27897\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier von den <em>NachDenkSeiten<\/em><\/a> und hier von <em>der spiegelfechter<\/em>; Letzterer leider nicht mehr aufrufbar) haben wir ja schon mal in unseren Wochenhinweise von KW 42\u00a0verlinkt.<\/p>\n<p>Bei dieser Konstruktion einer angeblichen Querfront\u00a0wird allerdings ein entscheidender Unterschied linken und rechten Denkens einfach nicht beachtet: In einem rechten Weltbild sind Menschen grunds\u00e4tzlich hierarchisiert, das hei\u00dft in Gruppen mit unterschiedlicher Wertigkeit eingeteilt (wobei die Gruppen, zu denen man sich selbst zugeh\u00f6rig f\u00fchlt, nat\u00fcrlich immer ganz oben im Ranking angesiedelt sind), als da beispielsweise w\u00e4ren. Nationalit\u00e4t, Hautfarbe, Ethnie, Religion, sexuelle Orientierung usw. Das sieht bei Linken nun schon mal grunds\u00e4tzlich anders aus, denn hier findet eine derartige Einteilung aufgrund von (meistens) durch Geburt feststehenden Merkmalen nicht statt, Menschen werden vielmehr als grunds\u00e4tzlich gleich angesehen und dann aufgrund ihres Handelns oder Denkens (manifestiert in ihren Aussagen) bewertet. Daraus resultieren dann auch komplett andere Problemanalysen: Wer rechts denkt, sucht sich einen S\u00fcndenbock, der vermeintlich unter ihm steht und der schw\u00e4cher ist als er selbst, um diesen f\u00fcr die eigenen Probleme verantwortlich zu machen, oder versucht zumindest, den als verantwortlich ausgemachten Personen entsprechende aus seiner Sicht stigmatisierte Eigenschaften zuzuschreiben. Als Beispiel sei hier das gern in diesen Kreisen bem\u00fchte\u00a0\u201ej\u00fcdische Finanzkapital\u201c genannt. Dass mit der Finanzindustrie einiges schon mal im Argen ist, wird durchaus richtig erkannt, aber dann wird die Ursache daf\u00fcr in einer nicht eben rationalen Erkl\u00e4rung gesucht, die auf religi\u00f6s-ethnischen Gesichtspunkten basiert, welche als schlecht klassifiziert wurden.\u00a0Diesem vollkommen irrationalen Vorgehen steht bei einer linken Sichtweise eine Analyse nach den Motiven der Handelnden entgegen. Um mal bei der Finanzindustrie zu bleiben: Hier wird nun Geldgier Einzelner aufgrund von eventuell sogar psychopathischen Veranlagungen als Hauptantrieb genommen, es wird versucht, Zusammenh\u00e4nge zwischen Akteueren offenzulegen und somit die Komplexit\u00e4t von sich beeinflussenden Systemen (beispielsweise \u00fcber Lobbyismus, den Dreht\u00fcreffekt, mit dem Wechsel von Politik in die Wirtschaft und umgekehrt stattfinden, Einflussnahme auf Gesetzgebungsprozesse usw.) darzustellen. Das ist deutlich\u00a0m\u00fchsamer und\u00a0ein komplett anderer Ansatz. Auch wenn dann von links und rechts eine zun\u00e4chst mal \u00e4hnliche Aussage erfolgen mag, wie zum Beispiel \u201eDie Finanzindustrie hat einen zu gro\u00dfen Einfluss auf unsere Politiker\u201c, so ergeben sich dann jedoch \u00a0kaum noch \u00dcberschneidungen, wenn es um die n\u00e4here Besch\u00e4ftigung mit dem Thema geht. Wie soll bei derart unvereinbaren Gegens\u00e4tzen bitte eine einheitliche Front gebildet werden?<\/p>\n<p>Entlarvend ist es jedoch, dass\u00a0denjenigen, die dann aufgrund von auch nur im ersten Ansatz \u00e4hnlichen \u00c4u\u00dferungen eine Querfront herbeireden, es \u00fcberhaupt nicht beanstandenswert finden, wenn beispielsweise ein Henryk M. Broder regelm\u00e4\u00dfig in der\u00a0<em>Welt<\/em> seine fremdenfeindlichen, sozialdarwinistischen oder auch mal homophoben \u00c4u\u00dferungen\u00a0ablassen darf oder wenn Ikonen der rechten Szene wie Akif Pirincci und Thilo Sarrazin ihre Hetze nicht nur in \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien unwidersprochen verbreiten d\u00fcrfen (auch die Plattform, die Bj\u00f6rn H\u00f6cke von der AfD bei G\u00fcnther Jauch in der\u00a0<em>ARD<\/em> vor Kurzem bekommen hat,\u00a0w\u00e4re hier als aktuelles Ereignis noch erw\u00e4hnenswert), sondern auch noch auf gro\u00dfen Verlagen ver\u00f6ffentlichen sowie Besprechungen und sogar auszugsweise Vorabdrucke in zahlreichen weit verbreiteten Medien bekommen. Aber wehe, ein linker medienkritischer Blogger gibt mal jemandem ein Interview, der auch schon mal irgendjemandem aus der rechte Szene interviewt hat &#8211; schon hei\u00dft es gleich:\u00a0\u201eQuerfront!\u201c<\/p>\n<p>Die demokratische Kultur des Miteinanderredens gilt also nur f\u00fcr die Medien und Personen, die gern die Deutungshoheit \u00fcber den \u00f6ffentlichen Diskurs f\u00fcr sich beanspruchen m\u00f6chten. Alle anderen, die sich system- oder medienkritisch \u00e4u\u00dfern, werden nun in die rechte Ecke gestellt, wobei teilweise haneb\u00fcchene Parallelen hervorgekramt werden. Wie n\u00fctzlich da doch mal wieder der Rechtsruck und Rechtsterror f\u00fcr unsere sogenannten\u00a0\u201eEliten\u201c sind, die nun jede Form der kritischen Meinungs\u00e4u\u00dferung mit deren\u00a0Abschiebung\u00a0in der rechten Schmuddelecke besudeln k\u00f6nnen &#8211; und wie bequem f\u00fcr die denkfaule Mitte, die nun etwaige ge\u00e4u\u00dferte Bedenken, die auch die eigene Komfortzone tangieren k\u00f6nnten, nun ganz einfach und ohne jede Reflexion abtun kann mit einem einzigen Wort:\u00a0\u201eQuerfront!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Begriff der sogenannten Querfront erfreut sich zurzeit zunehmender Beliebtheit in der deutschen \u00d6ffentlichkeit. Damit ist gemeint, dass sich Linke und Rechte zu einer Art demokratiefeindlichem B\u00fcndnis zusammenschlie\u00dfen. 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