{"id":4152,"date":"2015-11-17T13:06:31","date_gmt":"2015-11-17T12:06:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4152"},"modified":"2017-05-20T19:40:01","modified_gmt":"2017-05-20T17:40:01","slug":"die-anschlaege-von-paris","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4152","title":{"rendered":"Die Anschl\u00e4ge von Paris"},"content":{"rendered":"<p>Am Freitag, den 13. 11. 2015, haben eine Reihe von Attent\u00e4tern in Paris mehr als 130 Menschen get\u00f6tet &#8211; in Caf\u00e9s, bei einem Rockkonzert, auf offener Stra\u00dfe, also anscheinend sehr willk\u00fcrlich in der Auswahl der Opfer. Es wird von einem radikal-islamistischen Hintergrund der T\u00e4ter ausgegangen, sie werden im Umfeld des Islamischen Staates (IS) verortet. Die Reaktionen auf diese grauenvollen Geschehnisse offenbaren, wie sehr die konfrontative Politik\u00a0\u201edes Westens\u201c gescheitert ist und wie sehr aber dennoch daran festgehalten wird. Was muss also noch geschehen, damit es endlich zu einem Umdenken kommt?<\/p>\n<p>Bei der medialen Resonanz und bei den Solidarit\u00e4ts- und Beileidsbekundungen in der \u00d6ffentlichkeit und in sozialen Medien merkten einige Stimmen schon recht schnell an, dass einen Tag vor dem m\u00f6rderischen W\u00fcten in Paris in Beirut 40 Menschen ermordet wurden bei einem ebenfalls von radikalen Islamisten ver\u00fcbten Anschlag. Wie war die Reaktion darauf? Kaum wahrnehmbar, denn aus dem Nahen Osten ist man so was ja auch schon irgendwie gew\u00f6hnt, da sprengen sich ja dauernd irgendwelche Fanatiker in die Luft. Business as usual, sozusagen.<\/p>\n<p>In Paris sieht das nun ganz anders aus. Nat\u00fcrlich sind durch die geografische N\u00e4he viele Menschen in unserem Land dadurch pers\u00f6nlich mehr betroffen, da sie jemanden pers\u00f6nlich kennen, der in Paris lebt oder gerade dort\u00a0ist, und\u00a0diese st\u00e4rkere Form der individuellen Betroffenheit finde ich auch sehr nachvollziehbar. Alles was dar\u00fcber hinausgeht, verweist jedoch auf die Wurzeln dessen, was nun zu den Pariser Anschl\u00e4gen gef\u00fchrt hat: Wir Europ\u00e4er und Nordamerikaner nehmen die Menschen im Nahen Osten nicht wirklich f\u00fcr voll (s. dazu auch <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2015-11\/terrorismus-paris-anschlaege-europa\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Bernd Ulrichs Kommentar in der\u00a0<em>Zeit<\/em><\/a>). Klar, die haben dort \u00d6l, und das sollen sie uns gef\u00e4lligst auch m\u00f6glichst g\u00fcnstig \u00fcberlassen, aber was sonst dort los ist, ist uns dabei dann relativ egal. Afghanistan, Irak, Libyen &#8211; da werden mal eben\u00a0staatliche Strukturen komplett zerst\u00f6rt durch milit\u00e4rische Aktionen, ohne das ein Konzept daf\u00fcr besteht, wie es denn danach dort \u00fcberhaupt weitergehen soll. Die Folge: Das, was uns nun in Paris in Schrecken versetzt, ist f\u00fcr viele Menschen in den L\u00e4ndern, in denen unsere Verb\u00fcndeten und wir aus recht egoistischen Gr\u00fcnden Krieg gespielt haben und immer noch spielen, Alltag. Da werden st\u00e4ndig irgendwelche Zivilisten entweder von skrupellosen\u00a0Islamisten oder aber von Bomben oder Drohnen (\u00fcber die Auswirkungen der Drohnenangriffe wissen wir ja sp\u00e4testens seit den <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/2015-10\/nsa-affaere-untersuchungsausschuss-metadaten-brandon-bryant-aussage\/komplettansicht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Aussagen von Brandon Bryant<\/a> recht genau Bescheid, von der <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/46\/46485\/1.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Bombardierung des Krankenhauses von <em>\u00c4rzte ohne Grenzen<\/em> durch US-Streitkr\u00e4fte mal ganz abgesehen<\/a>) der NATO-Staaten\u00a0oder Russlands get\u00f6tet, die einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren &#8211; eine Aussage, die man nun bei den Opfern von Paris auch h\u00e4ufig geh\u00f6rt hat.<\/p>\n<p>Wer Krieg f\u00fchrt, der muss auch damit rechnen, dass der Gegner zur\u00fcckschie\u00dft. Genau das hat der IS nun in Paris gemacht, und zwar auf eine Art und Weise, die es ihm nicht nur erm\u00f6glicht, seinen Kriegsgegner zu treffen, sondern eben auch nachhaltig sinnvoll aus seiner Sicht ist: Wenn nun die Folge dieser Attentate ein steigendes Misstrauen und eine zunehmende Ablehnung von Moslems generell ist, dann ergeben sich in den Reihen der dadurch Ausgegrenzten und Frustrierten neue Rekrutierungspotenziale f\u00fcr den IS. Dass dieser Angriff auf rein zivile Ziele nun heimt\u00fcckisch, verachtenswert und feige ist, steht au\u00dfer Frage, aber Krieg ist nun mal eine schmutzige Sache,\u00a0bei der jeder zu den Waffen und Methoden greift, die ihm zur Verf\u00fcgung stehen und die den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Erfolg (aus eigener Sicht) versprechen. Die US-Marines waren schlie\u00dflich von der Taktik des Vietcong auch alles andere als begeistert &#8230;<\/p>\n<p>Frankreich bombardiert Stellungen des IS in Syrien und Irak, Frankreich mischt in Mali mit, wo es auch gegen den IS geht, insofern ist Frankreich dann auch aus Sicht der Islamisten ein legitimes Kriegsziel, zumal es auch eher zu erreichen ist als beispielsweise die USA. Was mich dabei vor allem verwundert, ist, dass es nun nach dem Charlie-Hebdo-Attentat Anfang des Jahres nun trotz aller deswegen verst\u00e4rkter Sicherheitsma\u00dfnahmen (die in Frankreich bestehende Vorratsdatenspeicherung hat hier ja nun anscheinend erneut\u00a0nichts genutzt) wieder nicht m\u00f6glich war, einen gro\u00dfen koordinierten Anschlag zu verhindern. Vor allem wenn man dann in der j\u00fcdischen Zeitung Haaretz einen <a href=\"http:\/\/www.haaretz.com\/world-news\/1.686257\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel<\/a> (ist leider nur auf Englisch verf\u00fcgbar) liest, dass vonseiten des irakischen Geheimdienstes am Tag zuvor wohl Warnungen an die franz\u00f6sischen Sicherheitsorgane \u00fcbermittelt wurden, dass es Hinweise auf einen bevorstehenden Anschlag g\u00e4be. Wurden hier die irakischen Kollegen einfach nicht ernst genommen (was grob fahrl\u00e4ssig w\u00e4re) oder aber wurden die Anschl\u00e4ge bewusst in Kauf genommen, da man sich politisches Kapital daraus zu schlagen verspricht (Marine Le Pen\u00a0und ihr Front National d\u00fcrften zumindest Nutznie\u00dfer eines durch die Anschl\u00e4ge gesteigerten Antiislamismus sein)?<\/p>\n<p>Was wird sich nun \u00e4ndern nach den Pariser Anschl\u00e4gen? Vermutlich nichts, denn die \u201eWeiter so\u201c-Fraktion t\u00f6nt schon wieder laut, dass nun mehr Sicherheitsma\u00dfnahmen n\u00f6tig w\u00e4re, die Angst gegen Fl\u00fcchtlinge wird gesch\u00fcrt (die ja nun mal zu einem gro\u00dfen Teil vor genau denen fliehen, die in Paris gemordet haben), die Umfragewerte f\u00fcr die AfD klettern nach oben. Viele bekunden auf\u00a0<em>Facebook<\/em> ihr Mitgef\u00fchl und ihre Solidarit\u00e4t, indem sie ihr Profilbild mit der Trikolore unterlegen (zwei kritische Kommentare dazu s. <a href=\"http:\/\/www.bento.de\/today\/facebook-profilbild-mit-franzoesischer-flagge-123040\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier auf <em>bento.de<\/em><\/a>\u00a0und <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Solidaritaetsbekundung-mit-dem-Profilbild\/!5251610\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier in der <em>taz<\/em><\/a>), was im individuellen Fall auch durchaus legitim ist, in der Masse und als quasi von\u00a0<em>Facebook<\/em> vorgeschlagene M\u00f6glichkeit jedoch schon zu hinterfragen ist: Ist nicht gerade das\u00a0Bekenntnis zur Nationalit\u00e4t, zu den Nationalfarben eines Staates, der, wie schon geschildert, Krieg f\u00fchrt, ein falsches Zeichen, zumal ja nun auch nicht alle Opfer von Paris Franzosen waren? Sollte Solidarit\u00e4t mit Opfern von Terroranschl\u00e4gen nicht generell international und losgel\u00f6st von staatlichen Grenzen sein? K\u00f6nnte darin nicht vielleicht sogar eine der Ursachen f\u00fcr die Attentate liegen?<\/p>\n<p>Denn ganz selbstverst\u00e4ndlich sprechen wir hier nun von Terror (was solche Anschl\u00e4ge m. E. auch sind), allerdings wird diese Bezeichnung f\u00fcr das, was die Soldaten unserer\u00a0\u201eWertegemeinschaft\u201c in anderen L\u00e4ndern anrichten, tunlichst vermieden. Das ist dann Krieg, und die zivilen Opfer werden verharmlosend als Kolletaralsch\u00e4den bezeichnet. Dem Teilnehmer an einer afghanischen Hochzeit, der durch einen Drohnenangriff ums Leben kam,\u00a0und seinen Angeh\u00f6rigen d\u00fcrfte es dabei recht \u00e4hnlich ergehen wie nun dem\u00a0Besucher eines Rockkonzerts in Paris, der niedergemetzelt wurde, und dessen Angeh\u00f6rigen. Wer nun die T\u00e4ter waren und aus welchen ideologisch\/religi\u00f6sen Gr\u00fcnden sie einfach so Menschenleben von Unbeteiligten vernichten, wird vermutlich f\u00fcr diese Menschen eine recht geringe Rolle spielen.<\/p>\n<p>Die Unterscheidung von Krieg und Terror mag f\u00fcr die Opfer recht egal sein, f\u00fcr die \u00f6ffentliche Rezeption ist sie elementar: Krieg ist irgendwie schon was Legitimes,\u00a0Terror nicht. Krieg wird durch Soldaten ausge\u00fcbt, Terror durch Terroristen (die sich vermutlich genauso als Soldaten f\u00fcr ihre Sache sehen). Krieg suggeriert eine Kontrolle (die es faktisch nicht gibt), Terror ist Chaos (was auch nicht immer der Fall ist, wenn man sich die Logistik und Organisation hinter derartigen Anschl\u00e4gen wie jetzt gerade in Paris anschaut).\u00a0Dazu passt es dann auch, dass der IS immer noch als \u201eTerrormiliz\u201c bezeichnet wird, dabei aber schon l\u00e4ngst staaten\u00e4hnliche Strukturen entwickelt hat. Aber Krieg ist ja auch etwas, das nur von Staaten gef\u00fchrt wird, alle anderen Krieger sind eben Terroristen &#8230;<\/p>\n<p>Wenn man in diesem Denken verharrt, wird sich auch keine L\u00f6sung ergeben. Diese w\u00e4re n\u00e4mlich darin zu suchen, nicht st\u00e4ndig Terror mit weiterem Terror (auch wenn dieser als Krieg bezeichnet wird) zu beantworten. In diesem verbal manifestierten Ungleichgewicht spiegelt sich n\u00e4mlich auch das oben schon angesprochene Gef\u00e4lle in der Wahrnehmung wider: auf der einen Seite wir zivilisierten Europ\u00e4er und Nordamerikaner mit unseren christlichen Werten, auf der anderen Seite die irgendwie ein bisschen primitiven Araber, Perser und wie die alle hei\u00dfen mit ihrem komischen Islam. Erst wenn wir aufh\u00f6ren, in diesem Schema zu denken,\u00a0werden konstruktive L\u00f6sungen m\u00f6glich sein. Diese best\u00fcnden zum Beispiel darin, statt Krieg zu f\u00fchren den L\u00e4ndern des Nahen Ostens beim Aufbau\u00a0von Infrastruktur zu helfen, die tats\u00e4chlich den Menschen dort zunutze kommt. Denn vor allem derjenige radikalisiert sich und ist entsprechend offen f\u00fcr religi\u00f6sen Fanatismus, dem es schlecht geht, der sich ungerecht behandelt und versto\u00dfen f\u00fchlt und der keine Perspektive entwickeln kann.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kostet so was Geld, aber auch Krieg zu f\u00fchren ist ja nun nicht ganz umsonst. Das Problem dabei: Am Krieg verdienen einige sehr, sehr viel Geld, und das sind genau diejenigen, die eben auch kein Interesse daran haben, dass im Nahen Osten Frieden einkehrt (s. dazu dieses neulich schon mal in unseren Wochenhinweisen verlinkte <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=28017\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Interview der\u00a0<em>NachDenkSeiten\u00a0<\/em>mit Mohssen Massarrat<\/a>).\u00a0Diese Leute (genauso wie diejenigen, die den Nahen Osten vornehmlich als \u00d6llieferant sehen) haben durch ihr Geld nat\u00fcrlich massive Einflussm\u00f6glichkeiten auf Politik und Medien, sodass sich die oben geschilderte Sichtweise immer weiter verfestigt in der \u00d6ffentlichkeit. Und dank dieser schn\u00f6den Profitgier steht zu bef\u00fcrchten, dass der Anschlag von Paris nicht der letzte seiner Art gewesen sein d\u00fcrfte &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Freitag, den 13. 11. 2015, haben eine Reihe von Attent\u00e4tern in Paris mehr als 130 Menschen get\u00f6tet &#8211; in Caf\u00e9s, bei einem Rockkonzert, auf offener Stra\u00dfe, also anscheinend sehr willk\u00fcrlich in der Auswahl der Opfer. Es wird von einem radikal-islamistischen Hintergrund der T\u00e4ter ausgegangen, sie werden im Umfeld des Islamischen Staates (IS) verortet. Die Reaktionen auf diese grauenvollen Geschehnisse offenbaren, wie sehr die konfrontative Politik \u201edes Westens\u201c gescheitert ist und wie sehr aber dennoch daran festgehalten wird. Was muss also noch geschehen, damit es endlich zu einem Umdenken kommt?<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[50,52,51],"tags":[217,178,245,216],"class_list":["post-4152","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politisches","category-soziales","category-wirtschaftliches","tag-islamismus","tag-krieg","tag-staatsterrorismus","tag-terrorismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4152","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4152"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4152\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7897,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4152\/revisions\/7897"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4152"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4152"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4152"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}