{"id":4159,"date":"2015-12-08T18:19:27","date_gmt":"2015-12-08T17:19:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4159"},"modified":"2015-12-08T18:26:56","modified_gmt":"2015-12-08T17:26:56","slug":"zeitgeistphaenomen-ruecksichtslosigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4159","title":{"rendered":"Zeitgeistph\u00e4nomen R\u00fccksichtslosigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Klar, R\u00fccksichtslosigkeit gab es irgendwie schon immer, aber mir kommt es zumindest so vor, dass r\u00fccksichtsloses Verhalten in den letzten Jahren doch deutlich zugenommen hat, und das im Kleinen wie im Gro\u00dfen. Und das passt ja auch sehr gut zu unserem auf Konkurrenzdenken und Wettbewerb gepolten Zeitgeist.<\/p>\n<p>Ein kleines, allt\u00e4gliches Ph\u00e4nomen, dessen Auftreten ich in den letzten Jahren zunehmend beobachte und das ich recht bezeichnend finde: Ein Gruppe von Personen geht auf einem B\u00fcrgersteig, allerdings so, dass die gesamte Breite des Weges in Anspruch genommen wird und jemand, der schneller gehen m\u00f6chte, nicht mehr ohne Weiteres vorbeikommt. Im wahrsten Sinne des Wortes fehlt hier die <em>R\u00fcck-Sicht<\/em>, also der Blick nach hinten. Warum Gruppen von Personen derart nebeneinander gehen m\u00fcssen und nicht einfach in Zweierreihen hintereinander, erschlie\u00dft sich mir nicht, in jedem Fall fehlt aber dann der Gedanke, dass dieses Verhalten andere Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit schon einschr\u00e4nken kann.<\/p>\n<p>Noch drastischer kann man dies beobachten bei den in unserem Stadtteil Hamburg-St. Pauli beliebten Stadtteilf\u00fchrungen von unterschiedlichsten\u00a0Anbietern. Allen gemein ist allerdings, dass in der Regel die Gruppen, die gern mal aus 20 bis 40 Leuten bestehen, sich ohne jede R\u00fccksicht bewegen: Einer geht vorweg, der Rest l\u00e4uft hinterher, egal, ob man sich dann bei Rot mitten auf der Stra\u00dfe befindet und so Autos am Weiterfahren hindert oder ob man in einer gro\u00dfen Gruppe eine Stelle auf dem B\u00fcrgersteig komplett f\u00fcr sich beansprucht, sodass niemand mehr vorbeikommt. Gerade Rollstuhlfahrer oder\u00a0Eltern mit Kinderwagen sind dann aufgeschmissen und d\u00fcrfen dann entweder warten oder aber m\u00fcssen \u00fcber die Stra\u00dfe ausweichen.<\/p>\n<p>Und so finden sich noch zahlreiche andere Beispiele im ganz normalen Stra\u00dfenverkehr: Fu\u00dfg\u00e4nger, die mitten auf dem Radweg laufen, anstatt den Fu\u00dfweg daneben zu benutzen, Passanten, die mitten in T\u00fcren, am Ende von Rolltreppen oder in verengten Passagen stehen bleiben, Radfahrer, die in Fu\u00dfg\u00e4ngergruppen reinfahren ohne R\u00fccksicht auf Verluste, gern auch im Dunkeln ohne Licht, Autofahrer, die bei stockendem Verkehr mitten auf eine Kreuzung fahren, damit diese dann auch sch\u00f6n f\u00fcr den Querverkehr blockiert ist, oder sich beharrlich weigern, mal den Blinker zu benutzen &#8211; alles nichts Neues, wie einleitend schon gesagt, allerdings habe ich zuweilen den Eindruck, dass derartiges Verhalten schon eher die Regel als die Ausnahme ist, und diese\u00a0Quantit\u00e4t nimmt in den letzten Jahren eben stetig zu.<\/p>\n<p>Eine andere Art der R\u00fccksichtslosigkeit kann ich im \u00f6ffentlichen Raum bei kulturellen Veranstaltungen beobachten, zum Beispiel im Kino oder bei Konzerten: Es wird geredet ohne Unterlass,\u00a0auch wenn dies alle anderen Zuschauer und Zuh\u00f6rer deutlich beim Kulturgenuss st\u00f6rt. Ich bin damit gro\u00df geworden, dass es im Kino hie\u00df: Werbung vorbei &#8211; Film ab &#8211; Klappe zu. Mittlerweile wird sich einfach w\u00e4hrend des Films \u00fcber alles M\u00f6gliche unterhalten, und das in einem Ma\u00dfe, dass es mir den Besuch von Kinos komplett verleidet hat, da ich doch ein wenig Wert auf gutes Sprachverst\u00e4ndnis des Leinwandgeschehens lege. Auch bei Konzerten passiert es immer \u00f6fter, dass im Publikum nonstop geredet wird. Das ist nicht nur extrem unh\u00f6flich dem K\u00fcnstler gegen\u00fcber, der dann bei ruhigen Passagen gegen einen Sabbelpegel anspielen darf, sondern nimmt auch wenig R\u00fccksicht auf andere Konzertbesucher, die vielleicht lieber die Musik h\u00f6ren m\u00f6chten und nicht so daran interessiert sind, wo Claudia gestern shoppen war oder wie Phillips Fu\u00dfballmannschaft am Wochenende gespielt hat. Nicht nur hierbei gibt es \u00fcbrigens \u00dcberschneidungen mit dem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3465\" target=\"_blank\">Zeitgeistph\u00e4nomen der Angeberei<\/a>, das in der Regel eben auch nicht von besondere R\u00fccksichtnahme gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>Auch die Angewohnheit von immer mehr Menschen, ihren M\u00fcll einfach in die Gegend zu schmei\u00dfen, muss man hier unter dem Ph\u00e4nomen R\u00fccksichtslosigkeit mit auff\u00fchren. Da k\u00f6nnen M\u00fclleimer nur ein paar Meter weiter stehen, das Eispapier, die Burger-Verpackung oder die leere Cola-Dose wird einfach dort fallen gelassen, wo man steht, wenn sie nicht mehr ben\u00f6tigt werden. Besonders drastisch kann man das beobachten im Sommer an sch\u00f6nen Pl\u00e4tzen, wo sich Menschen zum Grillen treffen (hier in Hamburg zum Beispiel am Elbstrand, im Stadtpark oder im Schanzenpark): Irgendwann sind die Sand- und Gr\u00fcnfl\u00e4chen mit Abf\u00e4llen \u00fcbers\u00e4t, sodass man schon kaum noch einen sauberen Platz findet, wenn man sich dort hinsetzen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Und dann kommt noch eine Sache mit eher technische Ursachen hinzu: die hemmungslose Benutzung von Smartphones, auch wenn dies gerade nicht angebracht w\u00e4re, wie beispielsweise in Kinos w\u00e4hrend des Films (es wurde mir glaubhaft mehrfach berichtet, dass dies nicht un\u00fcblich sei), beim Autofahren (m\u00fcssen Fu\u00dfg\u00e4nger halt aufpassen, wenn dann eine rote Ampel nicht gesehen wird vom Fahrer &#8211; ist mir selbst schon mehrfach passiert) oder beim gemeinsamen Essen im Restaurant. Die Grenzen zwischen Unh\u00f6flichkeit und R\u00fccksichtslosigkeit sind hier flie\u00dfend &#8230;<\/p>\n<p>Es geht allerdings mit der R\u00fccksichtslosigkeit noch \u00fcber dieses unmittelbare Verhalten hinaus, und zwar beim Konsum:<br \/>\nFleisch von geschundenen Tieren? Egal, Hauptsache billig!<br \/>\nAmazon zahlt keine Steuern und behandelt seine Mitarbeiter schlecht?\u00a0Egal, ist ja so bequem und einfach!<br \/>\nEin SUV schluckt Sprit wie nichts Gutes? Egal, ich sehe dann aber so sch\u00f6n, wenn ich hoch sitze!<br \/>\nFairtrade-Produkte kaufen? Och n\u00f6, die sind so teuer, ist doch egal, wie diejenigen behandelt werden, die das herstellen!<br \/>\nNestl\u00e9-Produkte meiden, weil das ein richtig fieser Konzern ist? Egal, ich will aber meinen Schokoriegel und bin zu faul, um nach Alternativen zu suchen!<\/p>\n<p>Anhand von diesen Beispielen beim Konsumverhalten und auch den zuvor geschilderten Verhaltensweise sieht man, was das Grundprinzip der R\u00fccksichtslosigkeit ist: Ich zuerst, alle anderen sind mir wurscht. Man stellt die eigenen Bed\u00fcrfnisse konsequent \u00fcber die von anderen Menschen, auch wenn die negativen Konsequenzen f\u00fcr diese deutlich gravierender sind als der momentane eigene Vorteil. Und damit passt das eben auch treffend zum momentanen Zeitgeist, der von Wettbewerbs- und Konkurrenzdenken gepr\u00e4gt ist, denn auch dabei sucht sich ja jeder zun\u00e4chst mal seinen eigenen Vorteil. Wer das nicht macht, wird dann schnell als\u00a0\u201eGutmensch\u201c abgekanzelt. Die zunehmende R\u00fccksichtslosigkeit ist also ein Produkt unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Das Absurde: Obwohl r\u00fccksichtsloses Verhalten\u00a0den meisten total auf die Nerven geht (denn schlie\u00dflich hat ja jeder in zunehmendem Ma\u00dfe darunter zu leiden), nimmt es immer mehr zu. Dabei kann man so einfach was dagegen machen, n\u00e4mlich mit ein bisschen mehr R\u00fcck- und Umsicht durch die Welt gehen. Und so was kann sogar ansteckend wirken &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klar, R\u00fccksichtslosigkeit gab es irgendwie schon immer, aber mir kommt es zumindest so vor, dass r\u00fccksichtsloses Verhalten in den letzten Jahren doch deutlich zugenommen hat, und das im Kleinen wie im Gro\u00dfen. 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