{"id":4598,"date":"2016-01-28T11:27:41","date_gmt":"2016-01-28T10:27:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4598"},"modified":"2016-01-28T11:27:41","modified_gmt":"2016-01-28T10:27:41","slug":"die-absurde-welt-des-marketings","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4598","title":{"rendered":"Die absurde Welt des Marketings"},"content":{"rendered":"<p>Tartex ist eine Firma, die seit Jahrzehnten vegetarische Aufstriche herstellt. Damit waren sie eines der ersten Unternehmen, die so was angeboten hat, lange bevor der Veggie-Boom der letzten Jahre eingesetzt hat. Und das Zeug war auch echt lecker, es gab verschiedenste Geschmacksrichtungen, zu kaufen im Reformhaus. Doch auf einmal ist bei Tartex alles so ziemlich anders &#8230;<\/p>\n<p>Am auff\u00e4lligsten ist, dass sich das Verpackungsdesign ge\u00e4ndert hat, was ja irgendwie noch zu verschmerzen w\u00e4re, da man das ja nun sowieso von sehr vielen Produkten kennt, die st\u00e4ndig wieder anders aussehen. Allerdings gibt es auch die jahrzehntelang beliebten Sorten nicht mehr, da wurde nahezu die gesamte Produktpalette umgestellt. Sehr auch zum Bedauern eines Reformhausbetreibers, der nicht nur selbst gern Tartex-Aufstriche gegessen hat, sondern auch schon von vielen Kunden entt\u00e4uschte Reaktionen zu h\u00f6ren bekommen hat. F\u00fcr ihn ist dieser Wandel zumindest nicht nachvollziehbar, und er ist ja nun wirklich dicht dran und von Berufs wegen durchaus drin in dem Thema.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat sich der Markt f\u00fcr vegetarische und vegane Aufstriche in den letzten Jahren reichlich gewandelt. Zum einen gibt es immer mehr Menschen in Deutschland, die sich rein pflanzlich ern\u00e4hren, zum anderen hat dies nat\u00fcrlich auch eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von Anbietern der entsprechenden Produkte nach sich gezogen. Ich vermute also mal, dass sich die Absatzzahlen bei Tartex ebenfalls\u00a0reichlich ver\u00e4ndert haben werden &#8211; in welche Richtung auch immer.<\/p>\n<p>Und meistens, wenn so etwas passiert, kommt die Marketingabteilung ins Spiel. Was bei solchen Strategen gar nicht im gedanklichen Portfolio vorhanden ist: Ein Produkt ist gut, und die Kunden m\u00f6gen es so, wie es ist, auch wenn verschiedene nicht mit dem Produkt zusammenh\u00e4ngende Faktoren und neue Marktbedingungen vielleicht\u00a0die Verkaufszahlen ver\u00e4ndert haben. Also werden die g\u00e4ngigen Marketinginstrumente ausgepackt, und es wird munter drauflosgedoktert.<\/p>\n<p>Da braucht es dann ein neues Design der Verpackung, da braucht es irgendwas, das rechtfertigt, das Produkt als\u00a0\u201eneu\u201c oder zumindest\u00a0\u201emit verbesserter Rezeptur\u201c zu bezeichnen &#8211; oder es wird gleich Tabula rasa gemacht und die gesamte Produktpalette \u00fcber Bord gek\u00fcbelt. So was bedeutet dann n\u00e4mlich immer, dass die Marketingleute und die von ihnen Beauftragten aus anderen Branchen sch\u00f6n was zu tun haben: Es muss ein neues Image erdacht werden, das eine neue Zielgruppe erschlie\u00dft, und dann muss das Produkt eben diesem Image angepasst werden.<\/p>\n<p>Bitte nicht falsch verstehen: Ich bin bestimmt niemand, der Produktverbesserungen oder etwa auch Optimierungen bei der Herstellung (besonders beispielsweise im Hinblick auf umweltschonendere Techniken oder die Verwendung regionaler\u00a0Rohstoffe\/Bestandteile\/Zutaten) verteufeln m\u00f6chte &#8211; ganz im Gegenteil. Aber irgendwie bin ich doch der \u201ealtmodischen\u201c Auffassung, dass dabei zun\u00e4chst mal das Produkt im Vordergrund stehen sollte &#8230;<\/p>\n<p>Wenn eine Firma irgendwann (aus welchen Gr\u00fcnden auch immer) nicht mehr existieren sollte, dann ist das schade, wenn man ein von diesem Unternehmen gesch\u00e4tztes Produkt nicht mehr erh\u00e4lt &#8211; aber das ist dann eben auch nicht zu \u00e4ndern. Was ich nur \u00e4rgerlich finde, ist, wenn ich ein Produkt gut finde, es regelm\u00e4\u00dfig benutze und dieses dann auf einmal so ver\u00e4ndert wird, dass es f\u00fcr mich (und auch f\u00fcr viele andere langj\u00e4hrige Kunden) nicht mehr akzeptabel ist, weil es nicht mehr lecker\/wirksam\/angenehm in der Handhabung oder was wei\u00df ich sonst noch ist. Und hierf\u00fcr verantwortlich ist eben in den allermeisten F\u00e4llen eine aktionistische Marketingabteilung, die ja irgendwie ihre Existenz\u00a0rechtfertigen muss und somit \u00fcberwiegend sinnlose Prozesse anleiert.<\/p>\n<p>Oft verspricht sich eine Firma ja durchaus einen konkreten Vorteil von beispielsweise neuem Verpackungsdesign, zum Beispiel dass man dann weniger f\u00fcr den gleichen Preis dort hineinpacken kann, ohne dass es zun\u00e4chst mal offensichtlich auff\u00e4llt (was nat\u00fcrlich auch nicht gerade begr\u00fc\u00dfenswert ist). Meistens d\u00fcrften solchen marketinginduzierten Produktver\u00e4nderungen jedoch nichts anderes als Zahlenspiele in einer Excel-Tabelle, Wachstumswahn oder der (von Marketingleuten) eingeredete Drang, einfach so irgendwas ver\u00e4ndern zu m\u00fcssen, weil ja alle anderen auch irgendwas einfach so ver\u00e4ndern, zugrunde liegen.<\/p>\n<p>Und hier unterscheidet sich dann die absurde Welt des Marketings von der Realit\u00e4t der meisten K\u00e4ufer, denn diese finden es meiner Erfahrung nach durchaus recht angenehm, wenn Dinge verl\u00e4sslich sind und eine gleichbleibende Qualit\u00e4t aufweisen, sodass man nicht st\u00e4ndig nach neuen Produkten Ausschau halten muss, sondern seinen Einkauf mit Routine schnell erledigen kann. Das hei\u00dft ja nicht, dass man nicht ab und an auch gern mal ein komplett neues Produkt ausprobiert, allerdings sollte das schon mit Mu\u00dfe geschehen und nicht zwingender Bestandteil eines jeden Einkaufs sein, den man gerade m\u00f6glichst z\u00fcgig auf dem Nachhauseweg hinter sich bringen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Aber Marketingleute glaube ja auch ernsthaft, dass es sinnvoll ist, in Ladengesch\u00e4ften st\u00e4ndig die Anordnung der Produkte zu ver\u00e4ndern, damit die Kunden bei der Suche nach dem, was sie eigentlich haben wollen, nicht zielstrebig sein k\u00f6nnen, sondern an m\u00f6glichst vielen anderen Regalen vorbeikommen und so noch Dinge kaufen, die sie eigentlich gar nicht haben wollten, als sie den Laden betreten haben. Ich krieg ja dann ja eher schlechte Laune, wenn ich wie bl\u00f6de in einem Gesch\u00e4ft rumlaufen und Sachen suchen muss, was meine Kauflust generell sehr nach unten treibt, und eigentlich kenne ich auch kaum jemanden, bei dem das nicht \u00e4hnlich w\u00e4re. Aber die Theorie des Marketings muss ja auch nicht unbedingt etwas mit der Realit\u00e4t zu tun haben, Hauptsache, die Marketingmaschine h\u00e4lt sich selbst sch\u00f6n am Laufen. Was sollten die ganzen dort besch\u00e4ftigten Betriebswirtschaftler, (Produkt-)Designer, Werbestrategen\u00a0usw. denn auch sonst den ganzen Tag machen &#8211; D\u00e4umchen drehen etwa?<\/p>\n<p>Die ganze Marketingbranche ist somit m. E. zum weitaus gr\u00f6\u00dften Teil vollkommen unn\u00fctz (sogenannte <a href=\"https:\/\/www.sein.de\/sinnlose-jobs-wie-arbeit-die-gesellschaft-krank-macht\/\" target=\"_blank\">Bullshit-Jobs<\/a>\u00a0par excellence, sozusagen &#8211; womit ich nun explizit nicht diejenigen meine, die mit spezieller Expertise und Fachwissen Firmen bei spezifischen Problemen helfen oder die gezielt f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeitsarbeit von Unternehmen zust\u00e4ndig sind) und kreist vor allem um sich selbst, dies jedoch mit gro\u00dfem Brimborium, da man sich nat\u00fcrlich als ausgesprochen wichtig wahrnimmt und auch entsprechend pr\u00e4sentiert.\u00a0Unser Wirtschaftssystem schafft also Jobs, die im Grunde niemand braucht, und diese Verschlingen auch noch eine Menge Ressourcen sowohl materieller und finanzieller als auch menschlicher (in Form von Arbeitszeit und -kraft) Natur. W\u00e4re es da nicht vielleicht sinnvoller, lieber die wirklich notwendig zu leistende Arbeit so zu verteilen, dass sie sinnvoll und gut erledigt werden kann, und daf\u00fcr dann die Freizeit des Einzelnen zu erh\u00f6hen? Aber das w\u00e4re wohl eher ein Thema f\u00fcr einen anderen Artikel &#8230;<\/p>\n<p>Und letztlich hat das hier beschriebene Marketing zwar keinen gesellschaftlichen Nutzen, aber immerhin einen gro\u00dfen systemerhaltenden Wert, denn es heizt den Konsum an. Dass die Kunden dabei nicht zufriedener oder gar gl\u00fccklicher werden, ist auch gar nicht so ungern gesehen, denn <a href=\"https:\/\/denkbonus.wordpress.com\/2013\/04\/06\/wer-glucklich-ist-kauft-nicht\/\" target=\"_blank\">wer gl\u00fccklich ist, kauft nicht<\/a>, und wer ungl\u00fccklich ist, versucht oft (aber in der Regel vergebens), diesen Zustand durch Konsum zu \u00e4ndern &#8211; wie sch\u00f6n, wenn ihm dann vom Marketing die entsprechenden immer wieder neuen Angebote daf\u00fcr offeriert werden!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tartex ist eine Firma, die seit Jahrzehnten vegetarische Aufstriche herstellt. Damit waren sie eines der ersten Unternehmen, die so was angeboten hat, lange bevor der Veggie-Boom der letzten Jahre eingesetzt hat. Und das Zeug war auch echt lecker, es gab verschiedenste Geschmacksrichtungen, zu kaufen im Reformhaus. 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