{"id":4637,"date":"2016-02-02T17:25:07","date_gmt":"2016-02-02T16:25:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4637"},"modified":"2016-02-02T17:27:57","modified_gmt":"2016-02-02T16:27:57","slug":"unsere-destruktive-bequemlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4637","title":{"rendered":"Unsere destruktive Bequemlichkeit"},"content":{"rendered":"<p>Zwei Artikel (<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/wohlstand-unsere-art-zu-leben-1.2819588\" target=\"_blank\">einer in der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em><\/a>, <a href=\"http:\/\/zeitjung.de\/generation-y-nachhaltigkeit-zukunft-gesellschaft\/\" target=\"_blank\">einer auf der Webseite\u00a0<\/a><a href=\"http:\/\/zeitjung.de\/generation-y-nachhaltigkeit-zukunft-gesellschaft\/\" target=\"_blank\"><em>ZEITjUNG<\/em><\/a>), die ich in den letzten Tagen las, brachten mich auf ein Thema, das mich eigentlich schon l\u00e4nger umtreibt: die Bequemlichkeit, die unser Leben auszeichnet und die dazu f\u00fchrt, dass es Menschen woanders schlecht geht. Missst\u00e4nde werden schon von vielen ausgemacht, aber wenn es dann darum geht, daran etwas durch eigenes allt\u00e4gliches Handeln zu ver\u00e4ndern, dann ist schnell Schluss mit lustig.<\/p>\n<p>Besch\u00e4ftigt sich der\u00a0<em>SZ<\/em>-Artikel eher allgemein damit, dass unser Wohlstand darauf beruht, dass es Menschen in anderen L\u00e4ndern schlecht geht (s. dazu auch den <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3899\" target=\"_blank\">Artikel zu Fluchtursachen<\/a> hier auf\u00a0<em>unterstr\u00f6mt<\/em>), so geht der\u00a0<em>ZEITjUNG<\/em>-Artikel auf die individuelle Sichtweise ein: Viele Menschen in Deutschland haben durchaus ein Bewusstsein f\u00fcr nachhaltigen Konsum, setzen diesen teilweise auch um, aber sind andererseits dann auch wieder vollkommen gedankenlos bei dem, was sie kaufen. Nat\u00fcrlich kann Dogmatismus kein Anspruch an jemanden sein, nur stellt sich schon die Frage, warum das wohl so ist, wie in dem Artikel beschrieben.<\/p>\n<p>Meiner Ansicht nach hat das einiges mit \u201eaus den Augen, aus dem Sinn\u201c zu tun, das heutzutage ja so sch\u00f6n einfach funktioniert: St\u00e4ndig gibt es neue Reize, die uns von irgendwas ablenken, und mit der Produktion der meisten Sachen, die wir kaufen, haben wir eh nichts zu tun, denn diese geschieht ja ganz woanders. Dazu kommt noch, dass wir nat\u00fcrlich alle seit ein paar Jahrzehnten darauf gedrillt werden, dass Konsum gl\u00fccklich macht (was leider nicht der Fall ist, wie der Neurobiologe Gerald H\u00fcther <a href=\"https:\/\/denkbonus.wordpress.com\/2013\/04\/06\/wer-glucklich-ist-kauft-nicht\/\" target=\"_blank\">hier<\/a>\u00a0anschaulich beschreibt), sodass wir diese Art des Gl\u00fccks eben immer wieder zu erreichen versuchen und eine Einschr\u00e4nkung dabei als Angriff auf unser Recht auf Gl\u00fccklichsein empfinden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich ist auch ein St\u00fcck weit Egoismus bei einem solchen Konsumverhalten zu beobachten: Das pestizidbelastete Gem\u00fcse und die mit Antibiotika vollgestopfte Pute sind ja, wenn ich das esse, auch nicht eben gut f\u00fcr mich selbst, also ist das schon mal ein Anreiz f\u00fcr Bioprodukte. Aber diejenigen, die in den Fabrikh\u00f6llen in Ostasien arbeiten oder als Sklaven auf den Kakaoplantage in Afrika, die sind halt nicht nur weit weg, sondern \u201ebeschmutzen\u201c mein Produkt in dem Sinne nicht, dass ich unmittelbaren Schaden davontragen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Es ist, wie schon gesagt, von niemandem zu erwarten, dass er alle Produkte \u201ekorrekt\u201c einkauft, das w\u00e4re ja\u00a0auch mit extrem viel Informationsarbeit verbunden. Ich hab beispielsweise versucht, unseren Haushalt monsantofrei zu bekommen, und das ist schon alles andere als einfach. Aber einfach mal ein bisschen mehr \u00fcberlegen, wo etwas herkommt, wie es produziert wurde, ob da nicht nur Tierrechte, sondern eben auch Arbeitsrechte eventuell missachtet wurden, ob etwas besonders umweltsch\u00e4dlich ist oder um die halbe Welt transportiert wurde, obwohl es vielleicht auch eine regionale Alternative gegeben h\u00e4tte, das kann eigentlich jeder ab und zu mal machen. Gut, das st\u00f6rt nat\u00fcrlich ein wenig die Unbeschwertheit beim \u201eShoppen\u201c &#8211; und f\u00fchrt meist auch noch dazu, dass man mehr Geld f\u00fcr einzelne Produkte ausgeben muss.<\/p>\n<p>Und Letzteres wollen viele eben nicht &#8211; wobei\u00a0viele das auch einfach nicht k\u00f6nnen, weil sie mit ihrer Minirente oder Hartz IV ohnehin schon kaum \u00fcber die Runden kommen.<\/p>\n<p>Wie rabiat die Folgen diese bei uns dominierenden\u00a0Lebensstils sind, darauf weist beispielsweise Jean Ziegler regelm\u00e4\u00dfig hin, wie hier in einem\u00a0<em><a href=\"http:\/\/www.utopia.de\/magazin\/in-afrika-verhungern-kinder-was-kann-ich-dafuer-kosmopolitische-verantwortung-jean-ziegler\" target=\"_blank\">Utopia<\/a><\/em><a href=\"http:\/\/www.utopia.de\/magazin\/in-afrika-verhungern-kinder-was-kann-ich-dafuer-kosmopolitische-verantwortung-jean-ziegler\" target=\"_blank\">-Artikel<\/a> angesprochen: \u00dcber 50 Millionen Tote in jedem Jahr, die nicht sterben m\u00fcssten, wenn die Welt eben nicht so strukturiert wurde, dass in unserem Land ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung im \u00dcberfluss leben kann, sind schon mal eine hart zu schluckende Hausnummer. Aber zum Gl\u00fcck\u00a0gibt es ja auch so viele sch\u00f6ne einfache S\u00fcndenb\u00f6cke, die nat\u00fcrlich schon einen guten Teil Verantwortung an der Misere tragen, aber eben ohne unser allt\u00e4gliches Zutun auch recht wenig Einfluss h\u00e4tten: Banken, Hedgefonds, Politiker existieren ja nicht im luftleeren Raum, sondern in einem System, von dem jeder Einzelne von uns ein kleiner Teil ist.<\/p>\n<p>Und dieses System liefert uns eine Menge Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten, auf die wir nicht zu verzichten bereit sind. Daf\u00fcr nehmen wir dann auch einfach so in Kauf, den ganzen Planeten zu ruinieren. Klingt dramatisch? Na ja, dazu braucht man sich nur mal die zu bef\u00fcrchtenden Auswirkungen des Klimawandels anzuschauen: Hier w\u00e4ren recht radikale Ma\u00dfnahmen, die zu gro\u00dfen \u00c4nderungen in unserer Lebensweise f\u00fchren w\u00fcrden, notwendig, um tats\u00e4chlich einen Kollaps zu vermeiden. Aber ich wette, wenn beispielsweise jemand nur mal vorschlagen w\u00fcrde, Privatfl\u00fcge zu verbieten, dann w\u00e4re das Geschrei gleich gro\u00df:\u00a0\u201eWas?!? Ich soll nicht mehr in den Urlaub fliegen d\u00fcrfen? Na, das geht nun echt nicht, so wichtig kann das mit dem Klimawandel ja nun auch nicht sein &#8230;\u201c Und dabei ginge es hierbei noch nicht mal um eine Einschr\u00e4nkung im t\u00e4glichen Leben, sondern nur in unserer Freizeit.<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel dazu im kleineren Rahmen: Nach den Silvestervorf\u00e4llen am K\u00f6lner Hauptbahnhof waren sich eigentlich fast alle einig, dass es bessere Pr\u00e4vention geben m\u00fcsste, um so was zuk\u00fcnftig besser verhindern zu k\u00f6nnen. Mir fielen dazu sofort zwei Ma\u00dfnahmen ein: Verbot vom Verkauf von Feuerwerksartikeln an Privatpersonen (denn immerhin hat ja das Schie\u00dfen von Feuerwerksk\u00f6rpern in die Menge die Eskalation in K\u00f6ln begonnen) sowie Einschr\u00e4nkungen beim Alkoholverkauf und -genuss bei \u00f6ffentlichen Gro\u00dfevents (die Betrunkenheit vieler T\u00e4ter, aber auch Opfer wurde ja auch als problematisch thematisiert). Mal schauen, wenn solche Vorschl\u00e4ge ernsthaft aufs Tableau k\u00e4men, wie vielen dann noch die Sicherheit von Frauen so wichtig w\u00e4re, wie nun in den letzten Wochen proklamiert &#8230;<\/p>\n<p>Was uns selbst, und sei es nur in einem Teil unserer Freizeitgestaltung, einschr\u00e4nkt, wird als nicht akzeptabel angesehen, um anderen Menschen ein besseres Leben zu erm\u00f6glichen. Und dabei sind wir auch wirklich Meister im Verdr\u00e4ngen, denn was ich nicht st\u00e4ndig sehen muss, bereitet mir auch keinen Verdruss.\u00a0Das kann man ja\u00a0auch deutlich an\u00a0den Fl\u00fcchtlingen sehen: Die haben uns \u00fcberwiegend einen feuchten Kehricht interessiert, als sie in ihren Heimatl\u00e4ndern gestorben sind oder dort von ihrem Land vertrieben wurden, auch als sie im Mittelmeer zu Tausenden ertrunken sind, war das alles zwar irgendwie tragisch, aber &#8230; na ja &#8230; halt auch nicht zu \u00e4ndern oder so. Jetzt stehen sie allerdings bei uns an der Grenze, sind in unserem Land &#8211; und da h\u00f6rt der Spa\u00df dann auf, da sieht man die ja und ist unmittelbar mit denen und ihren Schicksalen konfrontiert. Und &#8211; zack! &#8211; ist von einer \u201eFl\u00fcchtlingskrise\u201c die Rede &#8230;<\/p>\n<p>Und so\u00a0torkeln wir weiter sch\u00f6n mit geschlossenen Augen (oder auch halb narkotisiert, da kann man sich aussuchen, welches Bild einem besser gef\u00e4llt) auf einen Abgrund zu, vor dem ein gro\u00dfes Schild\u00a0\u201eHier geht es so nicht weiter!\u201c steht. Dabei doktern wir schon mal ab und zu an Symptomen herum, sind aber nicht in der Lage (oder wollen es nicht), uns mal mit den Ursachen zu besch\u00e4ftigen, die n\u00e4mlich recht komplexer, da systemischer Natur sind. S\u00fcndenb\u00f6cke werden gern angenommen, um blo\u00df nicht selbst etwas \u00e4ndern zu m\u00fcssen, was uns aus unserer sch\u00f6nen Bequemlichkeit herausbringt &#8211; und wenn das nur mal ist, beim Einkaufen ein bisschen mehr nachzudenken (Was kaufe ich und wie wurde das hergestellt? Brauche ich das \u00fcberhaupt?), den ohnehin \u00fcberfl\u00fcssigen SUV einmal \u00f6fter stehen zu lassen und zu Fu\u00df zu gehen oder sich mal mit den unangenehmen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=3_e0limnAJs\" target=\"_blank\">Schattenseiten unseres Wohlstandes<\/a>\u00a0bzw.\u00a0unserer nur f\u00fcr uns heilen Welt zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Wir haben also selbst eine ganze Menge M\u00f6glichkeiten in unseren eigenen H\u00e4nden, aber meistens steht uns unsere Bequemlichkeit im Wege, diese auch tats\u00e4chlich mal zu nutzen. Dabei ist es schon locker f\u00fcnf vor zw\u00f6lf (f\u00fcr viele Menschen auf der Welt sogar schon deutlich sp\u00e4ter). Also, Leute: Arsch hoch, sonst wird das nichts mehr &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Artikel, die ich in den letzten Tagen las, brachten mich auf ein Thema, das mich eigentlich schon l\u00e4nger umtreibt: die Bequemlichkeit, die unser Leben auszeichnet und die dazu f\u00fchrt, dass es Menschen woanders schlecht geht. 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