{"id":4667,"date":"2016-02-05T11:59:10","date_gmt":"2016-02-05T10:59:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4667"},"modified":"2016-02-05T11:59:10","modified_gmt":"2016-02-05T10:59:10","slug":"bernie-sanders-in-den-deutschen-medien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4667","title":{"rendered":"Bernie Sanders in den deutschen Medien"},"content":{"rendered":"<p>In den USA haben die Vorwahlen begonnen, bei denen die Demokraten und Republikaner jeweils ihren Pr\u00e4sidentschaftskandidaten bestimmen lassen (eine gute Vorstellung der Antretenden findet sich <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30660\" target=\"_blank\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30687\" target=\"_blank\">hier<\/a> in einem zweiteiligen Artikel von Jens Berger auf den\u00a0<em>NachDenkSeiten<\/em>). Nach dem ersten Wahlgang, der traditionell in Iowa stattfindet, sind nun bei den Demokraten Hillary Clinton und Bernie Sanders mit 49,9 % zu 49,6 % nahezu gleichauf (der minimale Vorsprung von Clinton resultiert daraus, dass es in einigen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Caucus\" target=\"_blank\">Caucuses<\/a>\u00a0ein Unentschieden gab, sodass eine M\u00fcnze geworfen werden musste, und alle M\u00fcnzw\u00fcrfe sind zugunsten von Clinton ausgegangen), sodass der dritte Kandidat Martin O&#8217;Malley seine Kandidatur zur\u00fcckzog und es nun auf einen reinen Zweikampf hinausl\u00e4uft. Doch dieses Ergebnis hatte noch eine weitere Folge: Bernie Sanders wird nun auch endlich im deutschen Medienmainstream wahrgenommen, und wie dies geschieht, wirft (mal wieder) ein bezeichnendes Licht auf unsere Medienlandschaft.<\/p>\n<p>Zuvor war \u00fcber Sanders so gut wie nicht berichtet worden, und ich merkte selbst im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis, dass eigentlich kaum jemand wusste, wer Bernie Sanders \u00fcberhaupt ist. Hillary Clinton war omnipr\u00e4sent, galt als \u201ealternativlos\u201c mit Blick auf den durchgeknallten Donald Trump, der vor den Iowa-Vorwahlen als Favorit der Republikaner galt. Klar, die Frau des ehemaligen Pr\u00e4sidenten Bill Clinton steht ja auch f\u00fcr eine Verflechtung von Wirtschaft und Politik, die hier bei uns ebenfalls sehr gern gesehen und ebenfalls als \u201ealternativlos\u201c gepriesen wird.<\/p>\n<p>Und nun stellt sich auf einmal heraus, dass da doch jemand durchaus reale Chancen entwickelt, Clinton Paroli zu bieten, und das auch noch mit Vorstellungen und Ideen, die hier in Deutschland eben nicht so gern gesehen werden. Was geschieht also in unseren Medien?<\/p>\n<p>Nun, zun\u00e4chst einmal wird Sanders despektierlich und herabw\u00fcrdigend als\u00a0\u201eOpa Underdog\u201c (<em><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/iowa-vorwahl-bernie-sanders-feiert-erfolg-im-duell-mit-hillary-clinton-a-1075179.html\" target=\"_blank\">Spiegel online<\/a><\/em>),\u00a0\u201elinker Tr\u00e4umer\u201c (Klaus Kleber im <em>ZDF<\/em>) und\u00a0\u201ePopulist\u201c (<em><a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/welt_kompakt\/debatte\/article151700489\/Die-Stunde-der-Populisten.html\" target=\"_blank\">Die Welt<\/a><\/em>) bezeichnet. So weit, so unsch\u00f6n (und vor allem so unprofessionell, wenn man den Ma\u00dfstab anlegt, dass Journalismus zumindest ansatzweise um Neutralit\u00e4t bei der Berichterstattung bem\u00fcht sein sollte), doch\u00a0auch die inhaltliche Auseinandersetzung mit Sanders findet auf einem \u00e4hnlichen verleumderischen und ideologisch verkl\u00e4rten Niveau statt.<\/p>\n<p>Sanders bezeichnet sich zwar selbst als\u00a0\u201eSozialist\u201c, aber dies ist nat\u00fcrlich vor dem Hintergrund zu sehen, dass es in den USA keine Sozialdemokratie gibt und selbst schon eine allgemeine Krankenversicherung von nicht wenigen als kommunistisches Teufelszeug gebrandmarkt wird. Das sollten deutsche Journalisten eigentlich auch wissen, doch trotzdem bezeichnen sie Sanders andauernd als Sozialisten &#8211; der er nun inhaltlich de facto nicht ist. Klar, das klingt dann f\u00fcr viele auch erst mal abschreckend, denn mit Sozialismus \u00e0 la DDR m\u00f6chte hier im Land ja eigentlich kaum jemand was zu tun haben. Zutreffender w\u00e4re es hingegen, Sanders einen\u00a0Sozialdemokraten zu nennen, und zwar in dem Sinne, wie die SPD in Zeiten vor Schr\u00f6der noch agierte. Willy Brandt wird ja im Allgemeinen auch nicht als Sozialist bezeichnet, und weiter links steht Sanders in jedem Fall eben auch nicht.<\/p>\n<p>Und auch bei konkreten Inhalten, die Sanders propagiert, wird gewettert, was das Zeug h\u00e4lt. Klar, von den springerschen Schmierfinken ist man ja in deren Paradedisziplin\u00a0\u201eNiveaulimbo\u201c schon einiges gewohnt, aber dieser Abschnitt aus dem oben verlinkten\u00a0<em>Welt<\/em>-Artikel ist schon reichlich absurd &#8211; aber eben auch bezeichnend:<\/p>\n<blockquote><p>Dabei vertritt der selbst ernannte Sozialist ein Programm, wie es altbacken-linker nicht sein k\u00f6nnte. Ganz so, als seien die alten utopisch-sozialistischen Sozialstaatsmodelle nicht l\u00e4ngst von den Realit\u00e4ten \u00fcberholt worden. Seit den 90er-Jahren hatte sich die demokratische Partei unter Bill Clinton arrangiert mit Wirtschaft und Wall Street. Sanders k\u00fcndigt dieses Arrangement nun auf. Er m\u00f6chte die Reichen melken, den Staat kr\u00e4ftig ausdehnen, Banken zerschlagen und Wohltaten \u00fcbers Land verteilen. Aber wie Margaret Thatcher sagte: &#8222;Das Problem mit dem Sozialismus ist, dass ihm irgendwann das Geld anderer Leute ausgeht.&#8220; Sanders peilt einen Wohlfahrtsstaat europ\u00e4ischer Pr\u00e4gung an in einer Zeit, in der immer deutlicher wird, dass dieser kaum noch bezahlbar und mitverantwortlich ist f\u00fcr das geringe Wachstum des Kontinents.<\/p><\/blockquote>\n<p>Neoliberale PR-Schreibe in Reinkultur. Da wird die N\u00e4he der Demokraten zur Wirtschaft und Wall Street unter Clinton lobend hervorgehoben und dann noch behauptet, dass nicht diese Verflechtungen, sondern der Wohlfahrtsstaat, dessen Errungenschaften ja nun seit 35 Jahren zunehmend demontiert, beschnitten oder gleich komplett abgeschafft wurden, f\u00fcr die derzeitigen wirtschaftlichen Verwerfungen verantwortlich sei. Auweia &#8211; und so was lesen und glauben ja auch noch viele Menschen! Ob der Schreiberling tats\u00e4chlich annimmt, seine Leser w\u00e4re so dumm, dass sie die Finanzkrise von 2008 schon komplett vergessen h\u00e4tten? Na ja, aber immerhin wird ja auch noch mal Maggie Thatcher zitiert mit einer rein populistischen Aussage &#8211; \u00fcbrigens im gleichen Artikel, in dem Sanders Populismus vorgeworfen wird.<\/p>\n<p>Die <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em> geht da auf ihrer\u00a0<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/ihre.sz\/posts\/963754877049225?comment_id=963803510377695&amp;notif_t=like\" target=\"_blank\"><em>Facebook<\/em>-Seite<\/a> schon etwas diskreter vor, indem es dort hei\u00dft:<\/p>\n<blockquote><p>Zwei demokratische Kandidaten, zwei Philosophien: W\u00e4hrend\u00a0Hillary Clinton\u00a0sich selbst in den Mittelpunkt stellt, appelliert\u00a0Bernie Sanders\u00a0an Nostalgie und Gemeinschaft.<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch hier der Vorwurf, das Sanders&#8216; Ideen r\u00fcckschrittlich seien. Diese Sichtweise funktioniert so nat\u00fcrlich nur, wenn man selbst der Maxime folgt: Progressiv ist, was der Wirtschaft dient, was den Menschen zugutekommt, ist gef\u00fchlsduselige Nostalgie f\u00fcr Ewiggestrige. Dass eine allgemeine Krankenversicherung beispielsweise f\u00fcr die USA eine ausgesprochen fortschrittliche Sache w\u00e4ren, auf die Idee kommt man dann nicht, wenn man so sehr in seinem ideologischen K\u00e4fig sitzt und bei allem, was mit Sozialstaat etwas zu tun hat, sofort einen abwehrenden Bei\u00dfreflex entwickelt. Oder sind solche Journalisten etwa schon intellektuell damit \u00fcberfordert, europ\u00e4ische Verh\u00e4ltnisse nicht 1 : 1 auf die USA \u00fcbertragen zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Auf mich wirkt diese Art der Berichterstattung nun wie folgt: Irgendwie schien es der Journaille klar zu sein, dass Hillary Clinton das Rennen um die Pr\u00e4sidentschaftskandidatur locker machen w\u00fcrde, also muss man sich auch nicht viel damit besch\u00e4ftigen, denn Clinton ist ja super und steht f\u00fcr genau das, was die meisten unserer Medien auch immer gern transportieren: Neoliberalismus, Marktradikalismus, Umverteilung von unten nach oben, Schonung von Verm\u00f6gen und Zusammenstreichen von Sozialleistungen sind alles alternativlose Konzepte, damit es uns allen gut geht (was ja nun erwiesenerma\u00dfen schon l\u00e4nger nicht mehr der Fall ist und sich somit als komplett falsch herausgestellt hat &#8211; aber das interessiert die meisten Journalisten anscheinend ja nicht so wirklich). Also musste man sich mit Sanders auch gar nicht besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Das geht nun nach dem Ergebnis der ersten Vorwahlen nicht mehr so ohne Weiteres, also muss Sanders nun aus der Ecke der\u00a0stiefm\u00fctterlichen Behandlung herausgeholt und vielmehr als reale Bedrohung der eigenen Ideologie wahrgenommen werden. Und schon schreibt man ohne Sinn, Verstand und Anstand gegen ihn an, damit blo\u00df keiner in Deutschland auf die Idee k\u00e4me:\u00a0\u201eHey, das klingt ja ganz vern\u00fcnftig, was Bernie Sanders da so sagt. Wenn das in den USA so viele Leute anspricht\u00a0&#8211; warum soll das dann hier nicht auch funktionieren?\u201c Das Mantra der Alternativlosigkeit verlangt ja schlie\u00dflich, dass es auch keine Alternativen gibt (oder diese zumindest nicht aufgezeigt werden).<\/p>\n<p>Insofern wird an diesem Beispiel nun sehr anschaulich ersichtlich, dass unsere Mainstreammedien vor allem Handlanger des \u201egro\u00dfen Geldes\u201c sind (zu dem ja auch die Familien geh\u00f6ren, die im Besitz dieser Medien sind &#8211; also nicht so verwunderlich). Und dies sollte man immer im Hinterkopf haben, wenn man diese Medien nutzt, denn sonst wird aus vermeintlicher Information schnell Indoktrination.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den USA haben die Vorwahlen begonnen, bei denen die Demokraten und Republikaner jeweils ihren Pr\u00e4sidentschaftskandidaten bestimmen lassen. Nach dem ersten Wahlgang, der traditionell in Iowa stattfindet, sind nun bei den Demokraten Hillary Clinton und Bernie Sanders mit 49,9 % zu 49,6 % nahezu gleichauf, sodass der dritte Kandidat Martin O&#8217;Malley seine Kandidatur zur\u00fcckzog und es nun auf einen reinen Zweikampf hinausl\u00e4uft. 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