{"id":4692,"date":"2016-02-11T10:55:25","date_gmt":"2016-02-11T09:55:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4692"},"modified":"2019-07-25T16:40:30","modified_gmt":"2019-07-25T14:40:30","slug":"qualitatives-wachstum-vs-quantitatives-wachstum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4692","title":{"rendered":"Qualitatives Wachstum vs. quantitatives Wachstum"},"content":{"rendered":"<p>Wachstum, Wachstum, Wachstum &#8211; sobald man von Wirtschaft spricht, ist auch recht schnell die Rede vom Wachstum, welches notwendig sei, um Wohlstand zu erhalten oder neu zu schaffen. Dabei erf\u00e4hrt der Begriff allerdings eine recht einseitige Auslegung, denn er wird\u00a0fast immer nur\u00a0im Sinne eines quantitativen und nicht eines qualitativen Wachstums gebraucht.\u00a0Diese begriffliche Verengung entspricht zwar der Zahlengl\u00e4ubigkeit und somit auch dem vorherrschenden Mainstream in\u00a0den Wirtschaftswissenschaften, allerdings begeben wir uns auf diese Weise auch in eine Sackgasse, die keine sch\u00f6nes Ende zu nehmen verspricht.<\/p>\n<p>Unser Planet ist jetzt schon am Poller. Der sogenannte\u00a0\u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Earth_Overshoot_Day\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Earth Overshoot Day<\/a>\u201c (damit ist der Tag gemeint, an dem der j\u00e4hrliche Ressourcenverbrauch die Kapazit\u00e4ten der Erde, diese Ressourcen auch wieder reproduzieren zu k\u00f6nnen, \u00fcbersteigt) liegt jedes Jahr ein St\u00fcck weit fr\u00fcher: 1987 war dies noch der 19 Dezember, 2015 schon der 13. August. Dass angesichts einer solchen Entwicklung immer noch Wachstum als alleiniges Allheilmittel f\u00fcr wirtschaftliche Krisen propagiert wird, erscheint (zumindest beim derzeitig \u00fcblichen Wachstumsverst\u00e4ndnis) reichlich grotesk. Immer nur mehr von allem &#8211; wo sollen denn die Ressourcen daf\u00fcr herkommen in einem begrenzten System, wie es die Erde nun einmal darstellt.<\/p>\n<p>Es gibt mittlerweile daher auch schon die sogenannte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wachstumsr\u00fccknahme\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Degrowth<\/a>-Bewegung, die\u00a0daf\u00fcr pl\u00e4diert, das Wachstum zur\u00fcckzufahren, um die Kapazit\u00e4ten unseres Planeten nicht weiter zu \u00fcberlasten. Wenn man sich vorstellt, dass ein Gro\u00dfteil der L\u00e4nder der Welt noch lange nicht auf dem Wohlstandsniveau angekommen ist, auf dem beispielsweise wir hier in Deutschland uns befinden (und da wollen die im Endeffekt alle irgendwann mal hin) und das ja von enorm hohem Ressourcenverbrauch gekennzeichnet ist, dann erscheint so etwas auch dringend notwendig.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich ist es den Menschen in den wohlhabenden L\u00e4ndern schwer zu verklickern, dass sie von nun an verzichten und ihren Konsum zur\u00fcckschrauben m\u00fcssen &#8211; zumal es auch in diesen L\u00e4ndern gen\u00fcgend Menschen gibt, denen es alles andere als wirtschaftlich gut geht. Hier w\u00e4re ein Umdenken sinnvoll, und zwar weg von dem rein quantitativen Wachstumsbegriff hin zu einem qualitativen.<\/p>\n<p>Zurzeit besagt Wachstum vor allem eines: mehr von allem. Seinen Ausdruck findet dies im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bruttoinlandsprodukt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Bruttoinlandsprodukt (BIP)<\/a>, dass die Summe aller Waren, G\u00fcter und Dienstleistungen im Laufe eines Jahres innerhalb einer Volkswirtschaft angibt. Dieser rein \u00f6konomische Wert gilt nach wie vor als Ma\u00df aller Dinge, wie gut es den Menschen geht. Doch flie\u00dfen hier viele Dinge nicht ein, die definitiv Lebensqualit\u00e4t ausmachen (zum Beispiel eine intakte Umwelt), andererseits wird das BIP gesteigert durch Dinge, die f\u00fcr die meisten Menschen keine Bedeutung haben oder zu keiner Verbesserung ihres Lebens f\u00fchren (zu nennen w\u00e4ren hier beispielsweise die Spekulationen der Finanzindustrie), und vor allem auch durch eindeutig negative Dinge wie Umweltverschmutzung, Krankheit, Kriminalit\u00e4t und alles andere Unangenehme, was Dienstleistungskosten oder Produktionskosten f\u00fcr neue G\u00fcter erfordert.<\/p>\n<p>Wenn nun vor diesem Hintergrund gefordert wird, dass in Deutschland mit seinem riesigen Export\u00fcberschuss die Binnennachfrage gesteigert werden m\u00fcsste, um wieder mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf zu bringen, dass dringend ben\u00f6tigt wird,\u00a0um beispielsweise die vielen Fl\u00fcchtlinge angemessen zu versorgen und ihnen Integrationsangebote bereitzustellen, so provoziert dies durchaus auch negative Reaktionen: \u201eWas, noch mehr Wachstum? Wieso sollen alle immer nur mehr konsumieren?\u201c Mit solchen Aussagen wurde ich gerade vor Kurzem in einer Diskussion auf\u00a0<em>Facebook<\/em> konfrontiert. Und da ist ja auch durchaus was dran.<\/p>\n<p>Allerdings sehe ich es so, dass man hierbei die Perspektive ein wenig verschieben bzw. erweitern sollte, also weg von der reinen Quantit\u00e4t des Wachstums hin zu einer Qualit\u00e4t.\u00a0Es geht also, salopp gesprochen, nicht darum, dass sich nun auch Geringverdiener den dritten Flachbildfernseher in die Bude stellen sollen, sondern darum, dass auch Menschen mit geringem Einkommen zumindest derartige Einkommensverbesserungen erhalten, dass sie sich beispielsweise mal vern\u00fcnftige, nachhaltig produzierte Lebensmittel leisten k\u00f6nnen und nicht auf Billigmampf aus dem Discounter angewiesen sind. Oder dass auch diese Menschen ihren Stromanbieter wechseln k\u00f6nnen hin zu erneuerbaren Energien. Oder dass die vielleicht einmal im Jahr mit der Familie f\u00fcr eine Woche in den Urlaub fahren k\u00f6nnen. Konsum ist ja nicht immer gleich Konsum, sondern hat sehr viele Facetten.<\/p>\n<p>Eine gesteigerte Binnennachfrage muss sich demzufolge\u00a0nicht nur \u00fcber Quantit\u00e4t von Produkten definieren, sondern vielmehr \u00fcber deren Qualit\u00e4t im Sinne einer nachhaltigen, \u00f6kologisch vertretbaren und auch hochwertigen Produktion (um Sachen nicht nach kurzer Zeit schon wieder ersetzen zu m\u00fcssen, weil sie kaputt sind). Und Produkte, die solche Kriterien erf\u00fcllen, sind nun mal teurer als Billigramsch, den sich viele Menschen in Deutschland leider nur leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Problem hieran, ist, dass die derzeitige neoliberale Politik genau das Gegenteil erreicht: Immer mehr Menschen haben wenig Geld und sind somit auf minderwertige Waren angewiesen, die in immer gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe abgesetzt werden und somit gemeinsam mit dem stetig anwachsenden immensen Reichtum einiger weniger das BIP zwar in die H\u00f6he treiben, aber eben gesamtgesellschaftlich (oder gar global) gesehen ausgesprochen sch\u00e4dlich sind. Erschreckend, dass das fast jeder einfach so hinnimmt, denn letztendlich geht es dabei ja um nicht weniger als um die Existenz unseres Planeten &#8211; und damit um unsere Lebensgrundlage.<\/p>\n<p>Jeder, der es sich leisten kann, sollte daher auf Qualit\u00e4t statt auf rein Quantit\u00e4t achten beim Konsum: Brauche ich eine Sache gerade wirklich? Reicht nicht vielleicht auch etwas weniger? Gibt es f\u00fcr ein Produkt eine Alternative, die\u00a0umweltfreundlicher, regionaler, mit weniger Verpackung und unter besseren Arbeitsbedingungen hergestellt wurde? Wie haltbar ist ein Produkt (Stichwort M\u00fcllvermeidung)? Gibt es einen besseren Stromanbieter als den, den ich gerade habe, auch wenn der vielleicht etwas teurer ist? Das sind nat\u00fcrlich nur Kleinigkeiten, aber immerhin besser als nichts.<\/p>\n<p>Und dann kann man nat\u00fcrlich auch Grundlagen f\u00fcr ein qualitatives statt eines rein quantitativen Wachstums,\u00a0wie die Binnennachfragesteigerung und die damit einhergehende Umverteilung von den ganz Reichen hin zu denen, die nicht so viel haben, oder auch die F\u00f6rderung nachhaltiger Produkte und Produktionsweisen, auf seine pers\u00f6nliche politische Agenda setzen und dies zum Ma\u00dfstab daf\u00fcr machen, wo man denn bei der n\u00e4chsten Wahl sein Kreuzchen macht &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wachstum, Wachstum, Wachstum &#8211; sobald man von Wirtschaft spricht, ist auch recht schnell die Rede vom Wachstum, welches notwendig sei, um Wohlstand zu erhalten oder neu zu schaffen. 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