{"id":4766,"date":"2016-02-19T17:49:33","date_gmt":"2016-02-19T16:49:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4766"},"modified":"2016-02-19T17:49:33","modified_gmt":"2016-02-19T16:49:33","slug":"mehr-unfalltote-auf-deutschlands-strassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4766","title":{"rendered":"Mehr Unfalltote auf Deutschlands Stra\u00dfen"},"content":{"rendered":"<p>Man hatte sich jahrelang an die gute Nachricht gew\u00f6hnt: Jahr f\u00fcr Jahr gab es in Deutschland weniger t\u00f6dlich verungl\u00fcckte Personen im Stra\u00dfenverkehr. Klar, die Autos wurden ja auch immer sicherer, Airbags und Assistenzsystem, die Fahrer vor gef\u00e4hrlichen Situationen waren, haben an dieser Entwicklung sicher ihren Anteil. Seit 2014 ist nun allerdings zu beobachten, dass sich dieser Trend leider zwar langsam, aber merklich umkehrt, denn seitdem steigen die j\u00e4hrlichen Verkehrstotenzahlen wieder. Woran mag das liegen?<\/p>\n<p><strong>Aggressivit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Ein gerade erschienenes\u00a0<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/auto\/aktuell\/verkehrstote-in-deutschland-die-autofahrer-sind-verantwortungslos-a-1074300.html\" target=\"_blank\">Interview mit einem Fahrlehrer auf Spiegel online<\/a>\u00a0verortet die Ursache f\u00fcr diese Entwicklung in der zunehmenden Aggressivit\u00e4t der Autofahrer. Dies w\u00e4re auch kein Wunder, denn Aggressivit\u00e4t ist in unserer Konkurrenzgesellschaft eine weit verbreitete Eigenschaft, und das jeder vor allem an sich selbst zuerst denkt, das kann man auch jeden Tag beobachten &#8211; und das ist in jedem Fall keine gute Tugend f\u00fcr einen unfallfreien Stra\u00dfenverkehr. Ein weiterer Punkt, der in dem Interview angesprochen wird, ist die h\u00f6here Unfallquote bei beruflichen Autofahrern, die aufgrund\u00a0\u201edes Termindrucks st\u00e4ndig zu schnell und riskant\u201c fahren w\u00fcrden. Typisch f\u00fcr den\u00a0<em>Spiegel<\/em> nat\u00fcrlich, dass dann als m\u00f6gliche L\u00f6sungen dieser Problematik nur angef\u00fchrt wird, dass diejenigen dann halt f\u00fcnf Minuten fr\u00fcher losfahren sollten, und Ursachen wie Arbeitsverdichtung und Konkurrenzdruck au\u00dfen vor gelassen werden. Diese Faktoren d\u00fcrften m. E. n\u00e4mlich ausgesprochen entscheidenden Einfluss auf das Fahrverhalten der\u00a0\u201eProfis\u201c haben, die mit Autofahren ihr Geld verdienen.<\/p>\n<p><strong>Autonomieaufgabe<\/strong><\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus habe ich den Eindruck, dass die zahlreichen und immer mehr werdenden Fahrassistenten in neuen Autos dazu f\u00fchren, dass die Fahrer in ihrer Autonomie eingeschr\u00e4nkt werden: Man f\u00fchlt sich sicher, denn st\u00e4ndig wird ja vom Auto auf einen aufgepasst, Dinge, die fr\u00fcher mal die Aufmerksamkeit des Fahrers ben\u00f6tigten, macht der Wagen nun von ganz allein. Das ist nicht nur bequem, sondern hat eben auch den Nachteil, dass\u00a0man die Beherrschung seines Fahrzeugs ein St\u00fcck weit aus der Hand gibt. Und wenn man dann mal in eine ungew\u00f6hnliche Situation kommt (oder eines der Assistenzsysteme ausf\u00e4llt), sodass\u00a0eigenes schnelles und u. U. unkonventionelles Handeln erforderlich\u00a0ist, kann es dann eben leichter zu Fehlreaktionen kommen, weil die Souver\u00e4nit\u00e4t in der Handhabung des Fahrzeugs ein St\u00fcck weit durch die ganzen kleinen elektronischen Helfer abhandengekommen ist. Mal von den Fahrern abgesehen, die sich blind auf ihr Navi verlassen und von diesem f\u00e4lschlicherweise verkehrt herum in Einbahnstra\u00dfen geschickt oder sogar in Fl\u00fcsse man\u00f6vriert werden. Und wenn man sich dann mal verfahren hat und das Navi keine hilfreichen Tipps mehr hat, geht die gro\u00dfe Unsicherheit richtig los, da man ja gar nicht mehr gewohnt ist, sich allein seinen Weg zum Ziel zu suchen &#8230;<\/p>\n<p>Solange es nicht so ist, dass sich alle Autos\u00a0vollkommen eigenst\u00e4ndig im Stra\u00dfenverkehr bewegen, befinden wir uns also in einem Zwischenstadium, dass von einer stetigen Reduktion der Autonomie des Fahrers als handelnder, verantwortlicher Person gepr\u00e4gt ist. Und ob es tats\u00e4chlich mal irgendwann dazu kommt, dass Autos von allein durch die Gegend fahren, das wage ich ein wenig zu bezweifeln. Schlie\u00dflich m\u00fcsste irgendein Automobilbauer damit anfangen, und das Risiko, dass dann in einem Umfeld, in dem die meisten\u00a0anderen nicht automatisiert fahren, etwas dabei schiefgeht, ist doch reichlich gro\u00df. Der Imageschaden bei einem t\u00f6dlichen Unfall, der durch ein selbstst\u00e4ndig allein fahrendes Auto verursacht wurde, d\u00fcrfte so enorm sein, dass kein Hersteller dieses Wagnis eingehen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Neben der schon angesprochenen Senkung der Fahrsouver\u00e4nit\u00e4t hat die automationsbedingte r\u00fcckg\u00e4ngige Autonomie des Fahrers noch eine andere Folge, n\u00e4mlich die der<\/p>\n<p><strong>Ablenkung<\/strong><\/p>\n<p>Anzeigen und Displays, wohin man nur schaut, die einen dar\u00fcber informieren, welcher Song zurzeit\u00a0gespielt wird, wie lange man noch bis zum Ziel braucht, wie viel Benzin durchschnittlich momentan verbraucht wird, wie man noch sparsamer fahren k\u00f6nnte und wer uns gerade anruft &#8211; ein Autofahrer ist heute mit viel mehr Sachen als nur dem Stra\u00dfenverkehr besch\u00e4ftigt. So hilfreich all diese Dinge im Einzelnen sein k\u00f6nnen, so gro\u00df ist doch die dadurch verursachte Ablenkung, wenn man diese in ihrer Gesamtheit betrachtet. Gemeinsam mit den zuvor erw\u00e4hnten Assistenzsystemen, die vermeintliche vollst\u00e4ndige Sicherheit suggerieren, wird da das Geschehen vor dem Auto schnell mal zur Nebensache.<\/p>\n<p>Und dann kommt ja noch die gr\u00f6\u00dfte Ablenkungsquelle hinzu: das Smartphone. Klar, viele Fahrer nutzen das vorschriftsm\u00e4\u00dfig nur \u00fcber die Freisprecheinrichtung, aber man braucht ja nur mal, wenn man selbst mit dem Auto unterwegs ist, an der Ampel in\u00a0die neben einem stehenden Autos schauen, schon sieht man doch sehr viele Fahrer, die damit besch\u00e4ftigt sind, irgendwas auf ihrem Smartphone zu lesen oder zu tippen (\u00fcber die Gef\u00e4hrlichkeit dieses Verhaltens hat vor einiger Zeit schon der <a href=\"https:\/\/www.adac.de\/infotestrat\/adac-im-einsatz\/motorwelt\/sms_tod.aspx\" target=\"_blank\">ADAC berichtet<\/a>). Und das machen die eben auch dann, wenn sie wieder am Fahren sind &#8211; selbst bei einem Motorradfahrer konnte ich das schon beobachten, und ich bin auch bereits das eine oder andere Mal nur durch eine schnelle eigene Reaktion nicht von einem Auto umgefahren worden, dessen Fahrer sich mehr f\u00fcr seine Smartphone-Inhalte als f\u00fcr die gerade Rot zeigende Ampel interessierte.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich sind nicht nur die Autofahrer in zunehmenden Ma\u00dfe durch ihre Smartphones abgelenkt, sondern auch andere Verkehrsteilnehmer wie Fu\u00dfg\u00e4nger und Radfahrer &#8211; was ein zus\u00e4tzliches Gefahrenpotenzial durch Unaufmerksamkeit birgt.\u00a0Wenn ich also von Verkehrsunf\u00e4llen lese, bei denen Menschen unerkl\u00e4rlicherweise unvermittelt auf eine vierspurige Stra\u00dfe direkt vor ein Auto gelaufen sind oder ein Fahrzeug auf vollkommen gerader Strecke bei unproblematischem Wetter von der Stra\u00dfe abgekommen und gegen einen Baum geknallt ist, dann vermute ich da h\u00e4ufig das Smartphone als Ablenkungsursache. Achtet mal drauf, von solchen Unf\u00e4llen mit h\u00e4ufig t\u00f6dlichem Ausgang liest man reichlich oft.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Es kommen also drei Dinge zusammen, die f\u00fcr mich die steigenden Zahlen bei den Verkehrstoten in den letzten Jahren erkl\u00e4ren: ein Zeitgeist, der aggressives und egoistisches Verhalten bef\u00f6rdert, sowie eine zunehmende Arbeitsverdichtung bei Berufskraftfahrern (mit allen negativen Auswirkungen wie Stress, Zeitdruck usw.) &#8211; und das Ganze dann noch gepaart mit technischen Entwicklungen, die den Autofahrer ablenken, seine Autonomie einschr\u00e4nken und ihn\u00a0sich\u00a0vermeintlich \u00fcbersicher f\u00fchlen lassen. Eine fatale Kombination, deren Auswirkungen allerdings nur schwer umzukehren sein d\u00fcrften, zumal wenn man unsere Tendenz, Probleme immer nur auf eine technokratische Weise zu l\u00f6sen, ber\u00fccksichtigt. Solange kann man nur seine eigene Aufmerksamkeit steigern und eben f\u00fcr andere Verkehrsteilnehmer mitdenken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man hatte sich jahrelang an die gute Nachricht gew\u00f6hnt: Jahr f\u00fcr Jahr gab es in Deutschland weniger t\u00f6dlich verungl\u00fcckte Personen im Stra\u00dfenverkehr. Klar, die Autos wurden ja auch immer sicherer, Airbags und Assistenzsystem, die Fahrer vor gef\u00e4hrlichen Situationen waren, haben an dieser Entwicklung sicher ihren Anteil. Seit 2014 ist nun allerdings zu beobachten, dass sich dieser Trend leider zwar langsam, aber merklich umkehrt, denn seitdem steigen die j\u00e4hrlichen Verkehrstotenzahlen wieder. 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