{"id":4933,"date":"2016-03-12T16:13:50","date_gmt":"2016-03-12T15:13:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4933"},"modified":"2020-03-04T11:31:15","modified_gmt":"2020-03-04T10:31:15","slug":"protestwahl-die-kleine-schwester-der-wahlverweigerung-ueber-demokratie-und-verantwortung-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4933","title":{"rendered":"Protestwahl \u2013 die kleine Schwester der Wahlverweigerung. \u00dcber Demokratie und Verantwortung, Teil 2"},"content":{"rendered":"<p>\u201eDie da oben sind eh alle doof \u2013 deshalb mach ich nicht mehr mit.\u201c Solche Gedanken m\u00f6gen einem in den Sinn kommen angesichts von Frustration \u00fcber Politiker und Parteien. Deshalb schrieb ich neulich ein paar S\u00e4tze zum Thema Wahlverweigerung (<a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4678\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a> nachzulesen). Aber noch ein anderes Ph\u00e4nomen ist in diesem Zusammenhang zu beobachten: die Protestwahl. Hier wird es ein wenig komplizierter. Vor allem dann, wenn zwar das Wahlrecht ausge\u00fcbt wird (gut), die Entscheidung aber kopflos ist (schlecht).<\/p>\n<p>Ich bin \u00e4u\u00dferst dankbar daf\u00fcr, in einem Land leben zu d\u00fcrfen, in dem ich die Wahl habe. Ich kann frei und selbstbestimmt entscheiden, wie ich mein Leben f\u00fchre. Wer meint, das sei selbstverst\u00e4ndlich, muss nicht weit \u00fcber unsere Landesgrenze schauen, um Gegenbeispiele zu finden.<\/p>\n<p>Freiheit ist ein hohes Gut. Vielleicht sogar das H\u00f6chste, welches wir besitzen? Dieses Gut zu besch\u00fctzen sollte in jedermanns Eigeninteresse liegen. Da sind wir dann schon mitten im Thema Wahlen. Der Eine w\u00e4hlt aus Prinzip Partei X, der andere nach Sympathie f\u00fcr Kandidaten, der n\u00e4chste geht nach den Inhalten des Parteiprogramms. Es gibt Stammw\u00e4hler und Wechselw\u00e4hler. Und ab und an das massivere Auftreten von Protestw\u00e4hlern. Letzteres ist kein fest definierbarer Begriff. Im Allgemeinen \u2013 im Zuge von Wahlanaylsen \u2013 meint man hiermit W\u00e4hler, die aus Frust und Entt\u00e4uschung \u00fcber etablierte Parteien bewusst eine Randpartei w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>All das ist legitim und bisweilen sogar sinnvoll. Problematisch wird es jedoch dann, wenn es bei der Protestwahl \u201ewahllos\u201c wird und nur darum geht, \u201eeinen Denkzettel zu verpassen\u201c. Denn: Wer die Freiheit der Wahl hat und diese nutzt, hat auch die Mitverantwortung daf\u00fcr, die Wahlfreiheit zu besch\u00fctzen. Eine Partei zu w\u00e4hlen, welche diesen Wert also unterwandert, indem sie demokratie- und menschenfeindliche Ans\u00e4tze propagiert, ist folglich unlogisch.<\/p>\n<p>Sicher, Freiheit ist ein Begriff, der x-fach interpretiert werden kann. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich bedeutet sie das selbstbstimmte Leben ohne Zwang. Und es geht auch weit dar\u00fcber hinaus. Freiheit ist die Freiheit von allen, infolgedessen geh\u00f6ren zur Freiheit auch immer Werte wie Aufkl\u00e4rung, Diskussion, Akzeptanz, Toleranz, Gleichberechtigung und der Schutz von Menschen, die anders leben, als die Mehrheit es tut. Eine Partei, die diese Werte nicht f\u00fcr alle vertritt, ist f\u00fcr mich nicht w\u00e4hlbar.<\/p>\n<p><strong>Wenn die Protestwahl zum Eigentor wird<\/strong><\/p>\n<p>Eine Wahl ist kein Einkaufsbummel, bei dem man sich hier und da was Schickes aussucht. Auch wenn man bestimmten Programmpunkten zustimmt: Letztlich kauft man immer das ganze Paket.<\/p>\n<p>Das Problem: Eine Partei mit demokratie- und menschenfeindlichen Ans\u00e4tzen l\u00e4sst generell etwas zu, was nicht sein darf: die Diskriminierung von Bev\u00f6lkerungsgruppen. Und wer der einen Diskriminierung zustimmt, der \u00f6ffnet die T\u00fcr f\u00fcr weitere. Schon morgen kann sich die generelle Einstellung \u201eWas anders ist, muss weg!\u201c gegen einen selbst richten.<\/p>\n<p><strong>Auf Warnsignale im Parteiprogramm achten<\/strong><\/p>\n<p>Ich mache hier ganz bewusst keine Werbung f\u00fcr oder gegen eine bestimmte Partei. Nat\u00fcrlich habe ich mich in Programmen umgeschaut auf der Suche nach versteckten oder offenen Hinweisen auf besagte negative Ans\u00e4tze. Und hier finden sich generell oft \u00e4hnliche Themen und Wortbildungen, auf die man achten sollte.<\/p>\n<p><em>Genereller Gr\u00f6\u00dfenwahn<\/em><\/p>\n<p>Umfassendes Selbstverst\u00e4ndnis, \u201edas\u201c Sprachrohr f\u00fcr \u201edas Volk\u201c zu sein:<\/p>\n<p>\u201eWir sprechen f\u00fcr Deutschland\u201c.<\/p>\n<p>\u201eUnser Land \u2013 unsere Werte!\u201c<\/p>\n<p><em>Das Sch\u00fcren von \u00c4ngsten<\/em><\/p>\n<p>Angst ist eine wichtige Funktion: Sie sch\u00fctzt uns vor Gefahren. Aber man muss unterscheiden zwischen berechtigter und irrationaler Angst. Irrationale \u00c4ngste werden gesch\u00fcrt \u00fcber Wortbildungen wie:<\/p>\n<p>\u201eDie Zukunft unseres Landes ist bedroht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eZerst\u00f6rung unserer Kultur und Gesellschaft.\u201c<\/p>\n<p>Gern verwendet werden in diesem Zusammenhang stark emotionalisierte negative Begrifflichkeiten wie \u201ekopflos\u201c, \u201efatal\u201c, \u201etr\u00fcgerisch\u201c, \u201eRuin\u201c, \u201eIrrsinn\u201c, \u201emit F\u00fc\u00dfen getreten\u201c, \u201ezertr\u00fcmmern\u201c etc.<\/p>\n<p><em>Konservatives Menschenbild und Ignoranz gesellschaftlicher Entwicklungen<\/em><\/p>\n<p>Oftmals findet sich ein eklatanter Widerspruch: Einerseits wird mehr Entscheidungsfreiheit f\u00fcr den B\u00fcrger gefordert und weniger Bevormundung durch den Staat, andererseits wird darauf gepocht, dass Ehe und Familie die einzig wahren Modelle des Zusammenlebens seien.<\/p>\n<p>Nun sind hohe Scheidungsraten, der R\u00fcckgang von Geburtenraten und die damit verbundene Alterung der Gesellschaft durchaus als Problem zu sehen, aber auch als Konsequenz einer Gesellschaft, welche immer mehr Freiheiten genie\u00dft.<\/p>\n<p>Die besondere Schutzw\u00fcrdigkeit von Ehe und Familie steht schon im Grundgesetz, und das ist auch gut so. Eine Partei mit Forderungen wie \u201emehr Kinder zeugen\u201c, \u201eEhen stabilisieren\u201c, \u201eScheidungsrate senken\u201c, \u201eAbtreibungen verhindern\u201c negiert jedoch schlichtweg die Komplexit\u00e4t von gesellschaftlichen Zusammenh\u00e4ngen und Dynamiken. Und sieht sich selbst als moralische Instanz mit Erziehungsauftrag.<\/p>\n<p><em>Fr\u00fcher war alles besser<\/em><\/p>\n<p>Ein einfaches Weltbild macht das Leben leichter: Ein Mann ist ein Mann, eine Frau ist eine Frau, die beiden heiraten und bekommen Kinder. Der Mann geht arbeiten, die Frau bleibt zu Hause.<\/p>\n<p>Spricht etwas dagegen? Nein! Problematisch wird es nur, wenn man an diesem Bild krampfhaft festh\u00e4lt. Die Welt hat sich weitergedreht, die Gesellschaft ist pluralistischer geworden. Und man kann die Uhr nicht zur\u00fcckdrehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine aus meiner Sicht demokratische Partei versucht, Chancen zu sehen in dem, was da ist, und zeitgem\u00e4\u00dfe L\u00f6sungen zu entwickeln.<\/p>\n<p>Andere, und um die geht es hier, arbeiten mit den \u00fcblichen Methoden:<\/p>\n<p>Immer wieder: Angst sch\u00fcren (\u201eDekonstruktion der Geschlechterordnung\u201c, \u201eAufl\u00f6sung der Ehe von Mann und Frau\u201c).<\/p>\n<p>Ablehnung jeglicher sozialer Komponenten in der Entwicklung von Geschlechteridentit\u00e4t.<\/p>\n<p>Ablehnung der Gender-Forschung, weil \u201ePseudowissenschaft\u201c (inkl. Streichung s\u00e4mtlicher Gelder und Lehrst\u00fchle an Hochschulen).<\/p>\n<p>Diskriminierung aller \u201ealternativen\u201c Formen des Zusammenlebens, \u201eda nur die Ehe zwischen Mann und Frau eine Familie begr\u00fcnden kann\u201c.<\/p>\n<p>Kontrolle der Schulbildung, z.\u00a0B. Ablehnung von Lehrinhalten, die Sch\u00fclern ein erweitertes Weltbild vermitteln, Ablehnung von Inklusion o.\u00a0\u00c4.<\/p>\n<p>In dem Zusammenhang immer gern genommen: St\u00e4rkung der h\u00e4uslichen Erziehung und der Rolle der Frau als Hausfrau und Mutter.<\/p>\n<p>Dies sind nat\u00fcrlich nur Beispiele. Wer aufmerksam schaut, wird auch zu anderen Themen Hinweise finden, die eine generelle Richtung aufzeigen: unter dem Deckm\u00e4ntelchen der Freiheit und Selbstbestimmung \u00c4ngste sch\u00fcren. Als \u201eL\u00f6sung\u201c Konservatismus, Erziehung und Kontrolle. Mal ehrlich: Ist das erstrebenswert?<\/p>\n<p>Fazit: Wer \u00fcber seine Wahlbeteiligung Protest aus\u00fcben m\u00f6chte, sollte das auch tun. Doch Augen auf beim Eierkauf, sonst wird die Wahl schnell zum Eigentor. Es gibt gen\u00fcgend Parteien, welche zumindest das Gut der Freiheit nicht bedrohen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>PS: Wer sich fragt, warum ich die Protestwahl \u201ekleine Schwester\u201c der Wahlverweigerung nenne, der m\u00f6ge sich einfach mal die durchschnittlichen Wahlbeteiligungen der letzten Zeit ansehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie da oben sind eh alle doof \u2013 deshalb mach ich nicht mehr mit.\u201c Solche Gedanken m\u00f6gen einem in den Sinn kommen angesichts von Frustration \u00fcber Politiker und Parteien. Deshalb schrieb ich neulich ein paar S\u00e4tze zum Thema Wahlverweigerung (hier nachzulesen, link). Aber noch ein anderes Ph\u00e4nomen ist in diesem Zusammenhang zu beobachten: die Protestwahl. Hier wird es ein wenig komplizierter. Vor allem dann, wenn zwar das Wahlrecht ausge\u00fcbt wird (gut), die Entscheidung aber kopflos ist (schlecht).<\/p>\n<p>Ein Gastbeitrag von Tina Voggenreiter.<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[50,52],"tags":[159,229],"class_list":["post-4933","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politisches","category-soziales","tag-eigeninitiative","tag-wahl"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4933","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4933"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4933\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":19705,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4933\/revisions\/19705"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4933"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4933"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4933"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}