{"id":5173,"date":"2016-04-22T12:59:07","date_gmt":"2016-04-22T10:59:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=5173"},"modified":"2018-09-10T09:00:07","modified_gmt":"2018-09-10T07:00:07","slug":"journalismus-in-der-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=5173","title":{"rendered":"Journalismus in der Krise?"},"content":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich las ich einen <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2016\/april\/fuenfte-versus-vierte-gewalt-journalismus-unter-beschuss\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel von Frank \u00dcberall<\/a>, dem Bundesvorsitzenden des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), in den\u00a0<em>Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/em> (leider zurzeit nur noch als Bezahlbeitrag lesbar). Bitte lest Euch den Artikel zun\u00e4chst einmal durch, da sich das nun Folgende darauf beziehen wird. \u00dcberall thematisiert\u00a0dort die Anfeindungen und Kritik, die der Journalismus in Deutschland in letzter Zeit zunehmend \u00fcber sich ergehen lassen muss, und liefert eine Analyse, warum das so sei\u00a0und welche Gefahren aus der Diskreditierung des professionellen Journalismus f\u00fcr die Demokratie erwachsen k\u00f6nnen. Dabei schreibt er m. E. viel Richtiges, l\u00e4sst allerdings jede Art der Selbstkritik an seinem Berufsstand au\u00dfen vor: Schuld seien vor allem das Internet bzw. die sozialen Medien und die User, die professionellen Journalismus nicht zu sch\u00e4tzen w\u00fcssten. Es ist ja durchaus aller Ehren wert, dass Frank \u00dcberall seine Kollegen in Schutz nehmen m\u00f6chte, nur kommt man so eben auch zu keiner umfassenden Sichtweise, wenn man die Defizite, die weiten Teilen des deutschen Journalismus innewohnen, einfach ausblendet.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst mal zu den Punkten, bei denen ich \u00dcberall zustimme: Nat\u00fcrlich geht es gar nicht, dass es immer h\u00e4ufiger zu gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriffen (gerade im Umfeld von rechten Demonstrationen wie Pegida- und AfD-Kundgebungen) auf Journalisten kommt, die einfach nur ihre Arbeit machen wollen. Ich glaube, da ergibt sich auch mit jedem halbwegs zivilisierten Menschen kein Diskussionsbedarf.<\/p>\n<p>Dann werden korrekterweise die sich stetig verschlechternden Arbeitsbedingungen von Journalisten dargestellt: Die Verlage haben mit einbrechenden Auflagen zu k\u00e4mpfen, sodass weniger Ums\u00e4tze generiert werden, was zu einer schlechteren Bezahlung bei gleichzeitiger Arbeitsverdichtung vieler Journalisten f\u00fchrt. Recherche ist so oftmals kaum noch fundiert m\u00f6glich, und die Informationsdichte und<br \/>\n-geschwindigkeit, die durch das Internet stark angestiegen sind, f\u00fchren dann eben auch zu\u00a0Ungeduld beim Publikum, das sofort umfassend \u00fcber jeden Vorfall informiert sein m\u00f6chte. Da bleibt dann die Genauigkeit der Berichterstattung gern mal auf der Strecke.<\/p>\n<p>Und auch die politischen Entscheidungen wie Vorratsdatenspeicherung oder mangelhafter Schutz von Whistleblowern stehen einer guten journalistischen Arbeit entgegen, genauso wie die fragw\u00fcrdigen Informationspraktiken \u00f6ffentlicher Stellen, die \u00dcberall schildert.<\/p>\n<p>Leider bleibt die Analyse dann bei diesen Punkten stehen und zeichnet somit ein m. E. unzutreffendes Bild: Auf der einen Seite steht der zu Unrecht gescholtene professionelle Journalismus, der unter widrigen Umst\u00e4nden versucht, die bestm\u00f6gliche objektive Information zu bieten, auf der anderen Seite stehen die Krakeeler auf Stammtischniveau, die sich mittels\u00a0unseri\u00f6ser Quellen informieren, und eben auch die Betreiber dieser unseri\u00f6sen Blogs und Informationsportale im Internet, die grunds\u00e4tzlich nicht die Qualit\u00e4t von professionellem Journalismus bieten k\u00f6nnen &#8211; denn schlie\u00dflich haben sie\u00a0das Metier ja nicht erlernt.<\/p>\n<p>Damit diskreditiert \u00dcberall alles, was ver\u00f6ffentlicht und womit kein oder nicht in erster Linie Geld verdient wird, also auch so etwas wie diesen Blog, den Ihr gerade lest, oder andere Informationsportale. Nat\u00fcrlich gibt es zahlreiche schwarze Schafe im Internet, bei denen\u00a0\u00dcberalls Kritik durchaus zutrifft, gerade rechte Seiten sind ja nun schon oftmals durch einseitige Stimmungsmache und das Weglassen oder Hinzudichten von Sachverhalten aufgefallen. Andererseits gibt es auch gen\u00fcgend Informationsquellen jenseits der sogenannten Mainstream- oder Leitmedien, die durchaus besser recherchierte Berichte und Artikel anbieten, als in Hochglanzmagazinen oder Tageszeitungen zu finden sind.\u00a0Diese werden nun von Frank \u00dcberall alle in einen Topf geschmissen als nicht professioneller und damit minderwertiger Journalismus &#8211; reichlich undifferenziert, wie ich finde. Vor allem etwas paradox bei\u00a0jemandem, der s\u00e4mtlichen Onlinemedien\u00a0einen dominanten Hang zur Komplexit\u00e4tsreduzierung vorwirft &#8230;<\/p>\n<p>Und diese eher wenig differenzierte Sichtweise zieht sich durch den gesamten Artikel. So liefert \u00dcberall in einem Zitat von Norbert Schneider, dem ehemaligen Vorsitzenden der Direktorenrunde der Medienanstalten,\u00a0ein Beispiel daf\u00fcr, dass Internetnutzer, die sowieso alles umsonst haben wollen, den Berufsstand der Journalisten am liebsten abschaffen wollen. Um das Absurde dieser Forderung zu unterstreichen, benennt\u00a0er als\u00a0Beispiel \u00c4rzte, die ja auch niemand ernsthaft w\u00fcrde abschaffen wollen, nur weil man sich eben auch im Internet \u00fcber Krankheiten informieren kann.<\/p>\n<p>Allerdings habe ich pers\u00f6nlich auch noch von niemandem geh\u00f6rt, der den professionellen Journalismus abschaffen will. Oder um mal bei dem Vergleich mit den \u00c4rzten zu bleiben: Jemand, der mehrmals schlechte Erfahrungen mit \u00e4rztlicher Behandlung gemacht hat, beispielsweise indem ihm eine Operation aufgeschwatzt wurde, die nicht n\u00f6tig war, gefolgt vielleicht noch von einer sogenannten\u00a0\u201eblutigen Entlassung\u201c, der von einem Arzt Leistungen in Rechnung gestellt bekam, die nicht erbracht wurden, oder f\u00fcr den der Mediziner einfach nicht genug Zeit hatte, um eine zutreffende Diagnose zu stellen (alles Dinge, die im Zuge der \u00d6konomisierung des Gesundheitswesens leider nicht gerade\u00a0selten vorkommen), der wird vielleicht auch eine gewisse Skepsis \u00c4rzten gegen\u00fcber entwickeln. Das muss dann nicht gleich zu einer v\u00f6lligen Ablehnung f\u00fchren, sodass nur noch selbst gezogene Kr\u00e4uter zur Behandlung von Krankheiten verwendet\u00a0werden, kann sich aber beispielsweise darin ausdr\u00fccken, vielleicht eher einmal eine zweite Meinung einzuholen bei einer Diagnose oder auch auf alternative Heilmethoden zu vertrauen.<\/p>\n<p>\u00dcbertragen auf den Journalismus bedeutet das nun: Wer schlechte Erfahrungen mit journalistischer Arbeit gemacht hat, der schaut sich vielleicht mal bei anderen Informationsquellen um. Dabei gibt es bestimmt Menschen, die nur nach einer Best\u00e4tigung ihrer eigenen Meinung suchen und denen dabei Kriterien wie gute Recherche oder bedachtes Abw\u00e4gen von Standpunkten egal sind, aber viele werden eben genau darauf Wert legen und dann durchaus\u00a0bei alternativen Medien f\u00fcndig.<\/p>\n<p>Zwar wirft\u00a0\u00dcberall Onlinemedien grunds\u00e4tzlich mangelnde Qualit\u00e4t vor, und der professionelle Journalismus steht f\u00fcr ihn anscheinend ausnahmslos f\u00fcr hohe Qualit\u00e4t, doch lassen sich genug Beispiele f\u00fcr mangelhaften\u00a0Journalismus in den sogenannten Mainstream- und Leitmedien finden. Dazu muss man nicht mal nur bei der <em>BILD<\/em> verharren (<a href=\"http:\/\/www.bildblog.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">bildblog.de<\/a>\u00a0liefert diesbez\u00fcglich\u00a0h\u00e4ufig genug beredtes Zeugnis), in deren Redaktion ja nun zweifelsohne Profis am Werk sind, die sich allerdings nicht zu schade sind,\u00a0Falschmeldungen zu produzieren und plump Stimmung zu machen, sondern auch viele andere professionelle Publikationen weisen durchaus journalistische Qualit\u00e4tsdefizite auf.<\/p>\n<p>Ein paar Beispiele: Die Privatisierung der Rente (Riester und Co.) wurde bei deren Einf\u00fchrung vor etwa 15 Jahren fast durchweg als unumg\u00e4nglich in fast allen gr\u00f6\u00dferen Medien bezeichnet, die kapitalgedeckte Altersvorsorge galt nahezu allen Profijournalisten als einzige sichere M\u00f6glichkeit zur Vermeidung von weit verbreiteter Altersarmut. Nun hat die Realit\u00e4t mittlerweile genau das belegt, was schon damals in erster Linie nur\u00a0in Blogs und Onlineportalen zu lesen war. W\u00e4hrend Fernsehen und Hochglanz-Printmagazine sich von sogenannten Experten wie Hans-Werner Sinn und Bernd Raffelh\u00fcschen aufs Glatteis f\u00fchren oder sogar vielleicht gezielt in Kampagnen zur Diffamierung des gesetzlichen Umlageverfahrens einspannen lie\u00dfen, berichteten die journalistischen Nicht- und Halbprofis im Internet \u00fcber \u00d6konomen, welche die Privatisierung der Altersvorsorge als das benannten, was sie ja nun mittlerweile nachweislich ist: ein Konjunkturprogramm f\u00fcr Banken und Versicherungen zulasten der zuk\u00fcnftigen Rentner. Dass Prognosen auch tats\u00e4chlich so eintreten wie beschrieben, stellt f\u00fcr mich ein Qualit\u00e4tskriterium f\u00fcr journalistische Arbeit dar. Der sogenannte professionelle Qualit\u00e4tsjournalismus hat sich diesbez\u00fcglich bei diesem Thema nicht gerade mit Ruhm bekleckert.<\/p>\n<p>Auch bei anderen, aktuelleren Themen ist eine Parteinahme von Journalisten \u00fcber fast alle Medien hinweg festzustellen, die dann zu verzerrter oder einseitiger Berichterstattung, gern auch mal zum Ignorieren von Themen und Weglassen von anscheinend\u00a0\u201eungeliebten\u201c Aspekten f\u00fchrt. \u00dcber den fragw\u00fcrdigen Umgang deutscher Medien mit Bernie Sanders habe ich ja erst vor Kurzem einen <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4667\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel hier auf\u00a0<em>unterstr\u00f6mt<\/em><\/a> geschrieben, genauso <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4809\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00fcber die einseitigen Pro-Glyphosat-Berichte<\/a>, die anscheinend nur zur Relativierung und Beschwichtigung berechtigter Bef\u00fcrchtungen vor der anstehenden erneuten EU-Zulassung des Pestizids\u00a0verfasst wurden &#8211; Journalismus im Dienste von Konzerninteressen. Auch ein Thema wie TTIP, das ja nun einen erheblichen Einfluss auf unser aller Leben haben d\u00fcrfte, wenn dieses Abkommen verabschiedet werden sollte, wurde lange Zeit in Tages- und Wochenzeitungen\u00a0sowie Funk und Fernsehen reichlich stiefm\u00fctterlich behandelt, selbst die Gro\u00dfdemonstration in Berlin von letztem Oktober mit etwa 250.000 Teilnehmern fand kaum medialen Widerhall. Wer sich dar\u00fcber informieren wollte, war auf das Internet und die dortigen alternativen Quellen angewiesen.<\/p>\n<p>Besonders unw\u00fcrdig war vor einigen Monaten auch die Kampagne nahezu aller Hamburger Medien pro Olympiabewerbung der Stadt. Selbst die\u00a0<em>S\u00fcddeutsche Zeitung\u00a0<\/em>kam nicht umhin, dieses Gebaren, das mehr mit PR als mit journalistischer Berichterstattung\u00a0zu tun hatte, in einem <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/sport\/olympia-wie-hamburgs-medien-die-olympia-bewerbung-foerdern-1.2749977\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kommentar von Thomas Hahn<\/a> kritisch zu hinterfragen.<\/p>\n<p>Apropos PR: In einem <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/digital\/internet\/2016-09\/eu-urheberrecht-reform-kommission-journalismus-leistungsschutzrecht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gastbeitrag von Julia Reder<\/a> zum europ\u00e4ischen Leistungsschutzrecht auf <em>Zeit Online<\/em> wird aus dem Schriftsatz der Anw\u00e4lte in einem\u00a0Prozess des Springer-Verlags gegen die Firma Adblock Plus, die einen Werbeblocker betreibt, zitiert:<\/p>\n<blockquote><p>Das Kerngesch\u00e4ft der Kl\u00e4gerin ist die Vermarktung von Werbung. Journalistische Inhalte sind das Vehikel, um die Aufmerksamkeit des Publikums f\u00fcr die werblichen Inhalte zu erreichen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nicht nur, dass man hier\u00fcber auch kaum etwas bis gar nichts in den herk\u00f6mmlichen Medien fand, so zeigt sich in dieser Aussage doch schonungslos, was nicht nur das Selbstverst\u00e4ndnis von journalistischer Qualit\u00e4t des Springer-Verlages (und das ist ja nun nicht gerade ein kleines Medienunternehmen) ist, sondern es offenbart sich auch ein Dilemma des professionellen Journalismus: Man ist eben vom Geld abh\u00e4ngig, das durch Anzeigenkunden generiert wird, und in Zeiten von r\u00fcckl\u00e4ufigen Auflagen umso mehr, da \u00fcber die Leser immer weniger Ums\u00e4tze generiert werden k\u00f6nnen. Ist da nun also wirklich eine um Objektivit\u00e4t bem\u00fchte kritische Berichterstattung \u00fcber potenzielle oder tats\u00e4chliche Anzeigenkunden zu erwarten? Mal davon abgesehen, dass die gro\u00dfen Verlage in Deutschland auch alle sehr reichen Familien geh\u00f6ren, die es nat\u00fcrlich nicht so gern sehen, wenn in ihren Publikationen Dinge stehen, die vollkommen kontr\u00e4r zu den Interessen sehr reicher Familien stehen. Wes Brot ich ess, des Lied ich sing &#8230;<\/p>\n<p>Ein weiterer Umstand, der allerdings wohl eher den von \u00dcberall auch geschilderten schlechteren Arbeitsbedingungen von Journalisten zuzuschreiben ist, f\u00f6rdert ebenfalls nicht gerade das Vertrauen in den sogenannten Qualit\u00e4tsjournalismus: Es wird immer mehr voneinander abgeschrieben oder es werden einfach Texte aus Pressemitteilungen\/von Presseagenturen wortw\u00f6rtlich \u00fcbernommen, da keine Zeit f\u00fcr eine redaktionelle Aufarbeitung eines Themas vorhanden ist. F\u00fcr den Leser, der nicht unbedingt wei\u00df, wie es um die Arbeitsverdichtung bei Journalisten bestellt ist, bietet sich folgendes Bild, da er ja via Internet nicht nur Zugriff auf eine Publikation hat, sondern eben auf sehr viele: Bei allen steht exakt das Gleiche. Der letztlich falsche R\u00fcckschluss, dass es sich um eine\u00a0\u201eSystempresse\u201c handelt, ist da m. E. nicht unverst\u00e4ndlich &#8211;\u00a0und dieser Vorwurf wird ja nun auch h\u00e4ufig genug formuliert.<\/p>\n<p>Wenn solche Leser nun in den Weiten des Internets nach anderen Quellen suchen und dabei auf f\u00fcr sie schl\u00fcssige Informationen sto\u00dfen, die eben einen anderen Tenor aufweisen als das, was sie aus ihren gewohnten Medien so erhalten, dann f\u00fchlen sie sich in ihren Zweifeln zun\u00e4chst einmal best\u00e4rkt. Dar\u00fcber wird dann nicht selten \u00fcbersehen, doch auch diese neuen Quellen auf Glaubw\u00fcrdigkeit hin zu \u00fcberpr\u00fcfen, was nat\u00fcrlich auch nicht ganz trivial\u00a0ist &#8211; Medienkompetenz ist schlie\u00dflich niemandem einfach so in die Wiege gelegt. Ein Blick ins Impressum oder auf andere verlinkte Seiten, eine kleine Suchmaschinenrecherche zu den schreibenden Personen (bzw. Zweifel, wenn solche gar nicht bei den Artikeln angegeben werden) oder denjenigen, die einen Blog oder ein Protal betreiben, sind da meistens schon recht hilfreich, werden aber nur selten von Nutzern durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Dabei bietet das Internet eigentlich viel bessere M\u00f6glichkeiten, Artikel und Berichte zu verifizieren: Wer etwas in seiner Tageszeitung liest oder in einer Nachrichtensendung h\u00f6rt, der geht erst mal davon aus, dass das schon so stimmen wird. Im Netz bieten sich da nun andere M\u00f6glichkeiten: Der Nutzer kann, wenn ihm eine Meldung suspekt vorkommt, nachschauen, ob er irgendwo anders auch etwas zu dem Thema findet, was best\u00e4tigend oder eventuell entkr\u00e4ftend ist, man kann sich also themenzentriert und nicht medienzentriert\u00a0informieren. Der Schreiber von Artikeln hat hingegen die M\u00f6glichkeit, nicht nur auf andere Quellen, die seine Aussagen belegen, verbal zu verweisen, sondern kann diese gleich auch verlinken, sodass sich der Leser selbst eine Meinung bilden kann, ob das Geschilderte nun stimmig ist oder nicht &#8211; wobei nat\u00fcrlich die Gefahr der sogenannten <a href=\"http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/hass-im-netz-facebook-als-brandbeschleuniger-fuer-rechte.1005.de.html?dram%3Aarticle_id=343172\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Filter-Bubbles<\/a> nicht au\u00dfer Acht gelassen werden darf.<\/p>\n<p>Doch das Internet zeigt sich hier erstaunlich flexibel, denn mittlerweile gibt es Webseiten, wie beispielsweise <a href=\"https:\/\/www.mimikama.at\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mimikama<\/a>, die sich gezielt darauf spezialisiert haben, Falschmeldungen, die gerade die virtuelle Runde machen, als solche zu entlarven und richtigzustellen. Sp\u00e4testens jetzt wird deutlich, wie unsinnig es ist, alle Onlinemedien in einen Topf zu werfen, so wie Frank \u00dcberall dies macht.<\/p>\n<p>So entsteht bei mir die Vermutung, dass es ihm bei seiner Analyse vor allem darum geht, Verbandsarbeit zu betreiben und die Interessen der DJV-Mitglieder zu vertreten. Diese Annahme wird best\u00e4rkt, wenn \u00dcberall ein Qualit\u00e4tssiegel f\u00fcr Internetangebote fordert oder Presseausweise nur f\u00fcr hauptberufliche Journalisten.<\/p>\n<p>Dabei ist seine zugrundeliegende Unterscheidung in Profis und Amateure gerade bei einem Beruf wie dem des Journalisten schon an sich reichlich fragw\u00fcrdig. Journalismus ist ja nun durchaus ein T\u00e4tigkeitsfeld mit einer kreativen Komponente, weshalb Journalisten ja auch die Mitgliedschaft in der K\u00fcnstlersozialkasse offensteht. Auf andere k\u00fcnstlerische Berufe \u00fcbertragen, w\u00fcrde diese Sichtweise beispielsweise bedeuten: Nur Germanisten w\u00fcrde gute Literatur zuwegebringen, und nur Absolventen von Konservatorien w\u00fcrden gute Musik machen. \u00a0Ich denke mal, jedem von uns fallen da etliche Gegenbeispiele ein.<\/p>\n<p>Zudem gibt es ja nun auch genug Quereinsteiger in die journalistische Zunft, und auch Kolumnen in professionellen Publikationen werden gern mal von\u00a0\u201eBranchenfremden\u201c verfasst. Letztlich formuliert \u00dcberall seine Ansichten ja sogar\u00a0in den\u00a0<em>Bl\u00e4ttern<\/em>, in denen alle m\u00f6glichen Autoren schreiben, die h\u00e4ufig keinen journalistischen Backgrund haben, aber trotzdem mit Fachwissen bestechen und dieses auch ad\u00e4quat vermitteln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr mich auch noch aus dem Artikel von Frank \u00dcberall spricht, ist das Beharren auf dem Status quo, was ja dem Verlagswesen durchaus sehr zu eigen ist und das sich beispielsweise auch in dem\u00a0unter Einfluss der Gro\u00dfverlage entstandenen 12. Rundfunk\u00e4nderungsstaatsvertrag (hier ein <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/rundfunkaenderungsstaatsvertrag108.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> dazu auf\u00a0<em>tagesschau.de<\/em>, ebenfalls kritisch <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9147\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wolfgang Lieb auf den <em>NachDenkSeiten<\/em><\/a>) manifestiert: Angebote der \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehsender in ihren Mediatheken d\u00fcrfen, da Konkurrenz zu den eigenen entsprechenden\u00a0Produkten bef\u00fcrchtet wurde, nur eine bestimmte Zeit aufrechterhalten werden. Hier wird also eine technische M\u00f6glichkeit, professionell erstellte journalistische Inhalte zur Verf\u00fcgung zu stellen, beschnitten, da sie nicht mit den bisherigen Verdienstm\u00f6glichkeiten konform geht. Als Resultat d\u00fcrften nicht wenige potenzielle Zuschauer dann auf Portale wie\u00a0<em>YouTube<\/em> ausgewichen sein, um sich die Infos dort zu verschaffen &#8230;<\/p>\n<p>Das Internet bietet neue M\u00f6glichkeiten des Austauschs und der vielf\u00e4ltigen Information, die allerdings von den meisten Verlagen (und anscheinend auch von Frank \u00dcberall) nur als Bedrohung wahrgenommen werden. Nat\u00fcrlich ergeben sich dadurch f\u00fcr den Berufsstand der Journalisten neue Voraussetzungen und Anforderungen, genauso wie f\u00fcr die Verlage, doch diese werden meistens nicht produktiv angenommen, sondern es wird versucht, das Konkurrenzmedium zu diffamieren, um so die eigene Position zu erh\u00f6hen und damit zu verteidigen.<\/p>\n<p>Nun liegt es mir fern, als Gegenposition zur einseitigen Sichtweise von Frank\u00a0\u00dcberall zu\u00a0postulieren, dass Onlinejournalismus grunds\u00e4tzlich super sei\u00a0und aus renommierten Verlagsh\u00e4usern nur Mist k\u00e4me. Es gibt halt auf beiden Seiten\u00a0schwarze Schafe und qualit\u00e4tsbewusste Autoren, die m\u00f6glichst gewissenhaft versuchen, einen Sachverhalt vielschichtig und ausgeglichen zu beleuchten. Nat\u00fcrlich ist\u00a0auch die subjektive Meinungs\u00e4u\u00dferung durchaus sinnvoll und sollte ihren Platz haben, dann aber bitte auch namentlich gekennzeichnet und\/oder in Kommentaren oder Kolumnen &#8211; und nicht\u00a0\u201egetarnt\u201c als vermeintlich\u00a0um Objektivit\u00e4t bem\u00fchte Berichterstattung.<\/p>\n<p>Dabei sind die Arbeitsweisen in Redaktionsstuben nat\u00fcrlich komplett andere als am heimischen Blogger-Schreibtisch, woraus ja auch unterschiedliche Voraussetzungen resultieren: Der professionelle Journalist kann auf bessere Kontakte und Netzwerke zur\u00fcckgreifen, hat zudem mehr Zeit f\u00fcr seine Arbeit, da er sich nicht anderweitig ums Geldverdienen k\u00fcmmern muss (es sei denn, er wird so schlecht bezahlt, dass er noch einen Nebenjob bestreiten muss), der Blogger hingegen steht nicht so sehr unter\u00a0Ver\u00f6ffentlichungszeitdruck, da ihm niemand Stress\u00a0macht, mindestens so schnell wie die Konkurrenz einen Bericht oder ein Statement rauszuschie\u00dfen, sodass erst mal ein bisschen reflektiert werden kann und ausgiebig verschiedene Sichtweisen eines Geschehens eingeholt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Hier w\u00e4re es nun m. E. wichtig, diese Unterschiede anzuerkennen und wertzusch\u00e4tzen, sodass diejenigen aus beiden Lagern, die um journalistische Qualit\u00e4t bem\u00fcht sind, an einem Strang ziehen. Pauschalisierte Medienschelte geh\u00f6rt genauso wenig dazu wie eine\u00a0Diffamierung der Onlinemedien als generell nicht ernst zu nehmende und minderwertige Publikationen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich ist es ja offensichtlich, dass diejenigen, die am lautst\u00e4rksten den Journalismus attackieren und\u00a0\u201eL\u00fcgenpresse\u201c schreien (oder schreiben), diese Unterscheidung nicht machen: Wenn etwas ins eigene Weltbild passt, dann wird\u00a0durchaus auch auf Artikel g\u00e4ngiger Presseorgane (oft beispielsweise\u00a0<em>BILD<\/em>,\u00a0<em>Focus<\/em> oder\u00a0<em>Welt<\/em>)\u00a0verwiesen. Der darin liegende Widerspruch scheint den sich so \u00c4u\u00dfernden zumeist gar nicht bewusst zu sein. Ich habe z. B. selbst schon in einer Diskussion auf <em>Facebook<\/em>\u00a0erlebt, dass ich zur Belegung einer Aussage einen <em>Spiegel<\/em>-Artikel verlinkte, woraufhin dann von jemandem mit anderer Ansicht sofort die Aussage kam, dass man den\u00a0<em>Spiegel<\/em> ja nun nicht als seri\u00f6se Quelle heranziehen k\u00f6nnte. Ein Blick auf dessen Profil offenbarte dann, dass er selbst nur kurze Zeit zuvor noch einen\u00a0<em>Spiegel<\/em>-Artikel gepostet hatte, der anscheinend\u00a0mehr nach seinem Gusto war.<\/p>\n<p>Das ist m. E. das zentrale Problem: Es geht nicht gegen den Journalismus an sich, wie es Frank \u00dcberall in seinem Artikel vermittelt, es geht um Aussagen, die nicht die eigene Ansicht oder das eigene Weltbild unterst\u00fctzen, sondern diesem entgegenstehen. Und dabei geht es vor allem um eine Verrohung der Diskussionskultur, die dann eben darin gipfelt, dass Journalisten bedroht und angegriffen werden, weil sie dem\u00a0\u201efeindlichen Lager\u201c zugerechnet werden.<\/p>\n<p>Zielf\u00fchrender w\u00e4re es also, nicht eine Krise des Journalismus zu beklagen, sondern sich zu fragen, wie es zu diesen festgefahrenen Feindbildern kommt, zu der Angst und der Aggression, die dahinterstehen &#8211; und was auch Teile des\u00a0professionellen Journalismus zu dieser Entwicklung beigetragen haben durch aufstachelnde, simplifizierende und einseitige Berichterstattung sowie die Schaffung von Feindbildern und das Sch\u00fcren von \u00c4ngsten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich las ich einen Artikel von Frank \u00dcberall, dem Bundesvorsitzenden des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), in den Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik. 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Es ist ja durchaus aller Ehren wert, dass Frank \u00dcberall seine Kollegen in Schutz nehmen m\u00f6chte, nur kommt man so eben auch zu keiner umfassenden Sichtweise, wenn man die Defizite, die weiten Teilen des deutschen Journalismus innewohnen, einfach ausblendet.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[67,52],"tags":[312,313],"class_list":["post-5173","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medial-manipulatives","category-soziales","tag-journalismus","tag-mainstream-medien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5173","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5173"}],"version-history":[{"count":37,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5173\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11840,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5173\/revisions\/11840"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5173"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5173"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5173"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}