{"id":5803,"date":"2016-07-21T12:26:17","date_gmt":"2016-07-21T10:26:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=5803"},"modified":"2018-09-30T21:38:06","modified_gmt":"2018-09-30T19:38:06","slug":"hektik-ist-der-feind-der-qualifizierten-information","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=5803","title":{"rendered":"Hektik ist der Feind der qualifizierten Information"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Tagen habe ich drei Artikel gelesen, die sich mit dem Thema der zunehmenden Geschwindigkeit bei der Verbreitung von Nachrichten in der digitalen Welt auseinandersetzen und dieses von unterschiedlichen Seiten beleuchten. Diese Artikel m\u00f6chte ich Euch gern ans Herz legen, da sie in ihrer Gesamtheit einen guten \u00dcberblick \u00fcber das derzeitige weit verbreitete Dilemma der Information geben: Jeder meint irgendwie alles zu wissen, wei\u00df aber letztlich so gut wie nichts. Eine Reflexion gerade auch des eigenen Informationsverhaltens scheint also mehr als angebracht zu sein.<\/p>\n<p><strong>Hochgeschwindigkeitsjournalismus<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal beschreibt Wolfgang Michal in einem <a href=\"http:\/\/www.wolfgangmichal.de\/2016\/07\/das-dilemma-der-vorschnellen-berichterstattung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel auf seiner Webseite<\/a>\u00a0den Zwang zur Eile, der mittlerweile dem Journalismus per se innewohnt: Irgendwo geschieht etwas Berichtenswertes, und schon kurz danach muss die erste Meldung dazu rausgeschossen werden. Recherche und Reflexion bleiben dabei dann h\u00e4ufig auf der Strecke, schlichtweg weil nicht genug Zeit daf\u00fcr vorhanden ist. Mitunter wird laut Michal daraus sogar schon eine eigene Berichtskultur gemacht, indem die Spekulation und das Nichtwissen thematisiert werden, beispielsweise in Form von Livetickern zu Ereignissen. Das, was fr\u00fcher mal vor dem Schreiben eines Artikels stand, findet nun quasi ad hoc im Beisein des Lesers statt. Das kann man nat\u00fcrlich einerseits als Transparenz bezeichnen, andererseits leidet so die Glaubw\u00fcrdigkeit des Journalismus, wenn st\u00e4ndig Fehleinsch\u00e4tzungen einger\u00e4umt und Korrekturen am Berichteten durchgef\u00fchrt werden m\u00fcssen &#8211; ein Ph\u00e4nomen, was wir zurzeit ja in zunehmendem Ma\u00dfe beobachten k\u00f6nnen, gipfelnd im gerade von rechts gern verbreiteten \u201eL\u00fcgenpresse\u201c-Vorwurf.<\/p>\n<p><strong>Ungeduldige Mediennutzer<\/strong><\/p>\n<p>Auf die andere Seite in diesem medialen Dialog geht dann Joerg Wellbrock in einem Artikel auf\u00a0<em>der spiegelfechter<\/em> (leider nicht mehr online) ein, indem er den Konsumenten von Informationen in den Fokus r\u00fcckt &#8211; und damit ja im Grunde uns alle. Die Ungeduld, mit der Berichte und Meldungen zu aktuellen Ereignissen eingefordert werden, setzt die Medienschaffenden n\u00e4mlich unter gewaltigen Druck, das Argument, dass man sich erst mal ein genaueres Bild von einer Sache machen m\u00f6chte, wird kaum akzeptiert, sondern vielmehr in solchen F\u00e4llen dann schon mal der Vorwurf des bewussten Verschweigens vorgebracht.<\/p>\n<p><strong>\u00dcberschriftenleser und Fakemeldungen<\/strong><\/p>\n<p>Was Wellbrock auch schon anspricht, wird dann in einem\u00a0<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Falschmeldungen-im-Netz\/!5319595\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>taz<\/em><\/a><a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Falschmeldungen-im-Netz\/!5319595\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">-Artikel von Robert Hofmann<\/a> noch ein bisschen weiter ausgef\u00fchrt: Laut einer Studie der Columbia University und des Microsoft Research Inria Joint Centre lesen fast 60 Prozent derjenigen, die auf den Link zu einem Medienbericht sto\u00dfen, nur die \u00dcberschrift (und vielleicht noch den Anrisstext), aber nicht den gesamten Artikel. Daraus k\u00f6nnen sich recht fatale Folgen ergeben: Sollte eine \u00dcberschrift etwas zum Ausdruck bringen, was dann in dem Artikel relativiert wird (zum Beispiel auch, weil die \u00dcberschrift zun\u00e4chst mal in Eile rausgehauen wurde und der Artikel danach noch redigiert wurde), dann bekommt das der Leser nicht mit. Zudem wird es so leichter gemacht, Fakemeldungen zu verbreiten, wenn eine \u00dcberschrift schon ausreicht, um in m\u00f6glichst alarmistischem Tonfall etwas anzuprangern, was dann letztlich inhaltlich gar nicht haltbar ist, wenn man sich ein wenig mit dem Thema auseinandersetzt.<\/p>\n<p><strong>Praxis in sozialen Medien<\/strong><\/p>\n<p>Korrespondierend dazu ist dann auch die Praxis vieler User in sozialen Medien: Ein Artikel wird nur noch kommentarlos geteilt, weil das eben schneller geht, als noch mal ein paar eigene Worte dazu zu verlieren. Diese k\u00f6nnen jedoch durchaus eine wichtige Funktion haben, da so nicht nur betont wird, wo der eigene Fokus bei einem Artikel liegt, sondern auch ein Moment der Reflexion einsetzt, der eine erste Emp\u00f6rung beispielsweise\u00a0ein wenig abmildern kann.<\/p>\n<p>Das Resultat, wenn dann bestimmte Meldungen derart unreflektiert geteilt werden, ist, dass sich auf diese Weise Spekulatives oder Unwahrheiten zu Wahrheiten wandeln k\u00f6nnen: Wenn das \u00fcberall steht und ich an allen Ecken und Enden in meinem virtuellen Freundeskreis dar\u00fcber stolpere, dann muss da ja wohl was dran sein! Auch hier ist nicht nur der Verbreitung von Irrt\u00fcmern, sondern eben auch von bewusst gef\u00e4lschten (oft mit verhetzender Absicht) Meldungen T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p><strong>Was kann ich selbst\u00a0dagegen machen?<\/strong><\/p>\n<p>Der best\u00e4ndigen Informationsflut Herr zu werden ist nicht ganz einfach und \u00fcberfordert viele Menschen, dessen sollten wir uns bewusst sein, wenn wir Dinge in sozialen Netzwerken teilen, denn schlie\u00dflich sind wir mittlerweile nicht nur Konsumenten, sondern auch Verbreiter von Informationen. Die Frage ist dann nicht nur, was man weitergibt, sondern auch, wie man das macht.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst mal schadet die \u00dcberlegung nicht, ob denn etwas wirklich relevant ist oder vielleicht nur eine skandalisierte, aufgeblasene Trivialit\u00e4t ist. Die meisten News haben n\u00e4mlich im Grunde gar keinen Einfluss auf unser Leben und sollten daher auch nicht mit unn\u00f6tig viel Aufmerksamkeit honoriert werden. Eine themenzentrierte Information ist das recht hilfreich, also sich vorher zu \u00fcberlegen, ob einen etwas wirklich interessiert, und dann nach entsprechenden Inhalten zu suchen. Dabei ergibt sich auch noch der positive Effekt, dass man nach anderen Quellen als der urspr\u00fcnglichen schaut (ist ja mittlerweile danke des Internets bequem m\u00f6glich, mal so im Vergleich zu der Zeit, als man in der Regel eine Tageszeitung und eine Nachrichtensendung im Fernsehen\/Radio zur Information nutzte). Wenn man niemand anderen findet, der \u00fcber etwas berichtet, dann ist das meistens ein Zeichen daf\u00fcr, dass an der Meldung nicht allzu viel dran sein kann. Und wenn man weitere Quellen auftut, bekommt man in der Regel einen etwas breiteren Blick auf ein Geschehen, da eben unterschiedliche Sichtweisen und Meinungen in die eigene Einsch\u00e4tzung einflie\u00dfen.<\/p>\n<p>Dabei sollte auch immer ein kritischer Blick auf die Quellen geworfen werden, wenn man diese noch nicht kennt: Sind diese eventuell interessegeleitet oder tendenzi\u00f6s? Was steht da sonst noch so? Wer findet sich im Impressum als Verantwortlicher? Werden Artikel mit Autorennamen gekennzeichnet (was eigentlich Standard beim Onlinejournalismus sein sollte)? Und wird u. U. nur versucht, durch einen alarmistischen Stil m\u00f6glichst viele Klicks zu generieren?<\/p>\n<p>Hat man nun etwas Teilenswertes gefunden, dann empfiehlt es sich, die oben bereits angesprochenen eigenen Worte dem Link voranzustellen. So erh\u00e4lt ein Posting nicht nur einen pers\u00f6nlicheren Charakter, sondern deutet eben auch auf einen gewissen Grad der Reflexion hin. Um Dinge hervorzuheben, die einem besonders wichtig erscheinen in einem Artikel, kann man entsprechende Passagen dann auch als Zitat herauskopieren und im eigenen Statement platzieren.<\/p>\n<p><strong>Fundierte Information statt Nachrichtenm\u00fcll<\/strong><\/p>\n<p>Wir leben in einer Zeit, in der wir so viele Informationen zur Verf\u00fcgung haben wie noch nie zuvor. Die Schwierigkeit ist nicht mehr, \u00fcberhaupt an Infos zu kommen, sondern diese zu selektieren und deren Glaubw\u00fcrdigkeit zu \u00fcberpr\u00fcfen. Dazu ist es unabdingbar, an seiner eigenen Medienkompetenz zu arbeiten und mit wachem Verstand, aber auch mit der n\u00f6tigen Ruhe an Themen heranzugehen. Immer nur der Erste sein zu wollen, der etwas postet, steigert selten die Qualit\u00e4t des Outputs.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es in Zeiten, in denen viele Menschen das Internet vor allem \u00fcber Smartphones nutzen, schwierig, auf komplexere Inhalte hinzuweisen, da die Mobilger\u00e4te ja nicht eben zum Lesen von l\u00e4ngeren Texten animieren, sondern eher das schnelle Liken von \u00dcberschriften f\u00f6rdern &#8211; um dann gleich zum n\u00e4chsten Thema \u00fcberzugehen, dass schon wieder irgendwo bei einem angeklingelt kommt. Trotzdem sollten wir uns eine so wunderbare Informations- und Austauschm\u00f6glichkeit wie das Internet nicht kaputtmachen lassen durch Oberfl\u00e4chlichkeit und Informationshektik, sondern versuchen, ein St\u00fcck weit eine gepflegte Debatten- und Themenkultur zu bewahren. Und das liegt eben auch an jedem von uns selbst &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Tagen habe ich drei Artikel gelesen, die sich mit dem Thema der zunehmenden Geschwindigkeit bei der Verbreitung von Nachrichten in der digitalen Welt auseinandersetzen und dieses von unterschiedlichen Seiten beleuchten. Diese Artikel m\u00f6chte ich Euch gern ans Herz legen, da sie in ihrer Gesamtheit einen guten \u00dcberblick \u00fcber das derzeitige weit verbreitete Dilemma der Information geben: Jeder meint irgendwie alles zu wissen, wei\u00df aber letztlich so gut wie nichts. 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