{"id":5961,"date":"2016-08-15T17:31:43","date_gmt":"2016-08-15T15:31:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=5961"},"modified":"2019-05-08T08:22:50","modified_gmt":"2019-05-08T06:22:50","slug":"auweia-lieber-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=5961","title":{"rendered":"Auweia, lieber Tagesspiegel &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Den<em> Tagesspiegel<\/em> kennt man ja nun nicht unbedingt als f\u00fchrendes Organ der neoliberalen Meinungsmache in Deutschland, und immerhin finden sich dort ja zum Beispiel auch fundierte Artikel von Harald Schumann. Nun erschien dort allerdings ein <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/steuerpolitik-erfolg-und-gewinnstreben-gelten-als-verdaechtig\/14002036.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kommentar von Christoph von Marschall<\/a>, der in seiner plumpen Einseitigkeit schon ziemlich starker Tobak ist, sodass sich die Frage stellt, wie man darauf kommt, so etwas in einer seri\u00f6sen Zeitung zu ver\u00f6ffentlichen. Es geht dabei nicht darum, dass man zu bestimmten Themen unterschiedlicher Ansicht sein k\u00f6nnte, sondern dass der Verfasser durch\u00a0Weglassen und Verzerren von Informationen derart unsauber arbeitet, sodass die Schlussfolgerung naheliegt, dass der Leser hier bewusst get\u00e4uscht und indoktriniert werden soll. Ob das in Zeiten schwindender Medienakzeptanz und zunehmender Kritik am Journalismus wirklich so eine gute Idee ist?<\/p>\n<p>In dem\u00a0Artikel\u00a0wird n\u00e4mlich\u00a0nahezu alles falsch oder verzerrt dargestellt, um die Ansicht des Autors irgendwie rechtfertigen zu k\u00f6nnen, dass Erfolg und Gewinnstreben ja so schlecht wegkommen in Deutschland. Ein paar Beispiele anhand von Zitaten:<\/p>\n<blockquote><p>In Deutschland will der Staat immerzu mehr verteilen.\u00a0Die Politik hat den Kontakt zur Realit\u00e4t verloren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Gleich in den Anrisszeilen unter der \u00dcberschrift findet sich die erste dreist Unwahrheit: Nachdem durch die Agenda 2010 nahezu s\u00e4mtliche Sozialleistungen gek\u00fcrzt oder abgebaut wurden, ist es schon reichlich vermessen, so etwas zu behaupten.\u00a0Zumal ja auch keine Korrektur dieser Sozialstaatsdemonatage in Aussicht steht. Aber einen gut situierten Journalisten scheint das nicht wirklich zu tangieren. Da sollte man sich eher mal fragen, ob nicht vielleicht Christoph von Marschall den Kontakt zur Realit\u00e4t verloren hat &#8211; zumindest zur Lebenswirklichkeit von immer mehr Menschen in Deutschland, die mit immer weniger auskommen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Nicht viel besser geht es dann gleich im ersten Absatz\u00a0weiter:<\/p>\n<blockquote><p>Es ist ein kleines Wunder, dass Deutschland immer noch so erfolgreich ist.\u00a0Dass Millionen Menschen jeden Tag mit Leistungsbereitschaft zur Arbeit gehen und helfen, die Qualit\u00e4t deutscher Produkte und die nationale Wirtschaftsleistung insgesamt weiter zu steigern. Davon lebt unsere Gesellschaft schlie\u00dflich, daraus finanziert sie die Solidarit\u00e4t mit den Hilfsbed\u00fcrftigen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die M\u00e4r, wie gut es doch Deutschland geht, habe ich ja schon mal vor gut einem Jahr\u00a0in einem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3181\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel hier auf\u00a0<em>unterstr\u00f6mt<\/em><\/a> widerlegt: Prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung und Niedriglohnsektor wachsen nach wie vor, immer mehr Menschen leben in Armut, der Wohnungsmarkt in Gro\u00dfst\u00e4dten l\u00e4uft\u00a0immer mehr aus dem Ruder, mehr und mehr Menschen r\u00fccken politisch nach rechts und leben Ressentiments immer deutlicher aus &#8211; aber anscheinend haben von Marschall und die Klientel, f\u00fcr die er schreibt, damit nichts zu tun. Klar, einigen wenigen geht es ja auch (auf Kosten aller anderen) zunehmend besser &#8211; bl\u00f6derweise nicht den Millionen Arbeitnehmern, die er danach in schon beinahe peinlich pathetischer Weise anf\u00fchrt. Und weiter geht&#8217;s:<\/p>\n<blockquote><p>Ein kleines Wunder darf man das nennen angesichts der Tonlage, in der Politiker und Medien sich oft \u00fcber Menschen \u00e4u\u00dfern, die \u00dcberdurchschnittliches leisten. Erfolg und Gewinnstreben gelten als verd\u00e4chtig und in erster Linie als Quelle\u00a0f\u00fcr h\u00f6here Besteuerung, besonders in Wahlkampfzeiten.<\/p>\n<p>Gute B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger sind diejenigen, die der Staat, also die Politiker mit Wohltaten umgarnen k\u00f6nnen. Vorbild ist nicht mehr, wer f\u00fcr sich selbst sorgt und dem Staat mehr gibt, als er von ihm erh\u00e4lt. Zum Vorbild wird, wer seine Existenz aus \u00f6ffentlichen Geldquellen bestreitet. Dazu geh\u00f6ren, notabene, auch Politiker.<\/p>\n<p>Nur: Wie soll diese Rechnung auf Dauer aufgehen, wenn die Zahl der Leistungsempf\u00e4nger steigt und die der Zahler sinkt? In Deutschland erh\u00e4lt heute rund die H\u00e4lfte der Einwohner mehr Geld aus Staatskassen, als sie an Steuern oder Abgaben einzahlen. Der \u00fcbliche Reflex zur Abwehr solcher Hinweise ist das Sch\u00fcren von Neid auf \u201edie Reichen\u201c.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nun macht von Marschall das, was immer gern vonseiten der Profiteure unseres Wirtschaftssystems gemacht wird: Leistung wird gleichgesetzt mit Erfolg und Gewinnstreben. Auch wenn diese Sichtweise weit verbreitet ist, so ist sie doch falsch, denn viele Leistungstr\u00e4ger unserer Gesellschaft zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie schlecht bezahlt werden und somit nicht gerade als erfolgreich im materiellen Sinn gelten k\u00f6nnen: Spontan fallen mir da alle Menschen in Pflegeberufen ein, genauso wie Erzieher beispielsweise oder diejenigen, die f\u00fcr wenig Geld unangenehme Arbeiten machen, wie zum Beispiel unseren Dreck und M\u00fcll wegr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Materiell erfolgreich hingegen sind beispielsweise Investmentbanker und hoch bezahlten Manager, die oft genug Firmen vor die Wand fahren aufgrund ihrer Inkompetenz. Sind das nun also die Leistungstr\u00e4ger, die eine Gesellschaft unbedingt braucht? In von Marschalls Welt anscheinend schon, aber ein Gro\u00dfteil der Menschen in Deutschland d\u00fcrfte das vermutlich anders sehen. Und auch dass mittlerweile ein Gro\u00dfteil der Verm\u00f6gen in Deutschland vererbt und somit vollkommen leistungslos erworben wird vom Erben l\u00e4sst er nat\u00fcrlich unter den Tisch fallen. Seine\u00a0primitive Weltsicht, dass, wer viel hat, automatisch auch viel leistet, k\u00f6nnte sonst ja hinterfragt werden.<\/p>\n<p>Danach wird es dann unversch\u00e4mt, wenn die Empf\u00e4nger von staatlichen Leistungen als diejenigen hingestellt werden, die als Vorbilder gelten. Seit Hartz IV m\u00fcssen sich gerade diese Menschen extrem g\u00e4ngeln lassen, m\u00fcssen alles an Besitz offenlegen und werden oft genug wegen Kleinigkeiten noch sanktioniert. Und auch die Angestellten des \u00f6ffentlichen Dienstes, Beamte und Politiker, die ebenfalls mit Steuergeldern bezahlt werden, genie\u00dfen nun irgendwie nicht das hohe Ansehen, wie es von Marschall hier mit seiner Vorbildthese suggerieren m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Als N\u00e4chstes folgt dann eine Milchm\u00e4dchenrechnung, die mal wieder (wie auch schon bei der Demografie-Panikmache zur Rentenprivatisierung gern gemacht) nicht ber\u00fccksichtigt, dass es in einer Volkswirtschaft nicht nur auf die Zahl derjenigen ankommt, die etwas erwirtschaften, sondern eben vor allem auf deren Produktivit\u00e4t. Zudem w\u00e4re es wohl durchaus nicht verkehrt gewesen, bei seinem Hinweis auf etwa die H\u00e4lfte der Einwohner, die mehr Geld vom Staat bekommen als an ihn zahlen, anzumerken, dass zum einen nat\u00fcrlich auch Kinder und Rentner dazuz\u00e4hlen, zum anderen k\u00f6nnte man ja auch mal den Niedriglohnsektor erw\u00e4hnen, denn viele Menschen bekommen mittlerweile f\u00fcr ihre Arbeit so wenig Geld, dass es zum Leben nicht mehr ausreicht, sodass diese schlecht bezahlten Arbeitspl\u00e4tze vom Staat subventioniert werden m\u00fcssen. Aber dann h\u00e4tte sich von Marschalls Aussage ja auch nicht so dramatisch ausgemacht und den unterschwelligen Zorn auf die\u00a0\u201eSozialschmarotzer\u201c bef\u00f6rdert, die den armen Reichen an die Kohle wollen &#8211; der uns\u00e4gliche Hinweis auf eine Neiddebatte zeigt, dass es ihm genau darum geht.<\/p>\n<p>Und nun nimmt von Marschall richtig Fahrt auf &#8211; besser wird sein Geschreibe dadurch leider nicht.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Unverst\u00e4ndliche Emp\u00f6rung<\/strong><\/p>\n<p>Vor wenigen Tagen emp\u00f6rte sich die ver\u00f6ffentlichte Meinung dar\u00fcber, dass rund ein Viertel der Bundestagsabgeordneten\u00a0noch andere Eink\u00fcnfte als die Di\u00e4ten habe. Eigentlich ist es doch w\u00fcnschenswert, dass Volksvertreter Kontakt zum realen Wirtschaftsleben behalten, als Unternehmer, Rechtsanw\u00e4lte, Landwirte. Vermutlich w\u00e4chst dann das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr \u00f6konomische Zusammenh\u00e4nge. Und zahlen tun sie bei diesem Einkommensniveau ohnehin: den H\u00f6chststeuersatz.<\/p><\/blockquote>\n<p>Hoppla, da hat er ja glatt vergessen, dass es nicht nur um Abgeordnete geht, die einen eigenen Betrieb weiterhin f\u00fchren, sondern eben auch um solche, die in Aufsichtsr\u00e4ten sitzen, woraus sich eben Interessenkonflikte mit ihrer parlamentarischen T\u00e4tigkeit ergeben k\u00f6nnen. Sollte man zumindest mal erw\u00e4hnt haben, wenn man das Thema Nebeneink\u00fcnfte anspricht, oder? Warum das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr \u00f6konomische Zusammenh\u00e4nge nun wachsen soll, wenn man weiterhin quasi nebenbei das macht, was man zuvor schon in Vollzeit gemacht hat, erschlie\u00dft sich mir nun nicht so recht, aber vermutlich ging es von Marschall nur darum, \u00fcber dieses gerade aktuelle Thema nun zu seinem eigentlichen Anliegen zu kommen: den Spitzensteuersatz.<\/p>\n<blockquote><p>Die\u00a0Steuerpolitik\u00a0ist ein weiteres Beispiel, dass die Politik den Kontakt zur Realit\u00e4t verloren hat und nur noch in Einnahmenmaximierung denkt, um mehr verteilen zu k\u00f6nnen. Siehe die Kritik am Vorschlag der Mittelstandsvereinigung der Union zur Steuerreform. Dabei k\u00f6nnte der auch von der SPD und den Gr\u00fcnen stammen \u2013 sofern die sich erinnern, wen sie noch k\u00fcrzlich als ihre Kernklientel definierten: Facharbeiter, Ingenieure, technische Intelligenz, die neue Mitte.<\/p>\n<p>Der Vorschlag lautete, die Werbungskostenpauschale auf 2000 Euro zu verdoppeln, was auch Geringverdienern hilft, den Spitzensteuersatz erst ab 60.000 Euro zu erheben und den Grundfreibetrag ab 2020 Kindern ebenso wie Erwachsenen zu geben, was Familien entlastet. SPD und Gr\u00fcne m\u00e4kelten, dies helfe Mietern nicht und es sei ungerecht, wenn nicht nur Niedrig-, sondern auch Besserverdienende entlastet werden.<\/p>\n<p>Was haben sie blo\u00df dagegen, dass der Steuertarif \u00e4hnlich der Beitragsbemessungsgrenze f\u00fcr die Sozialversicherungen mit der Inflation nach oben angepasst wird? Dass die Linkspartei so argumentiert, wundert nicht. Aber SPD und Gr\u00fcne? Wollen sie nur noch die Parteien der Sozialhilfeempf\u00e4nger und Alleinerziehenden sein?<\/p><\/blockquote>\n<p>Ulkig, dass er schon wieder von einem Realit\u00e4tsverlust schwadroniert, wo er doch selbst schon hinreichend bisher gezeigt hat, dass er es mit der Realit\u00e4t nicht so genau nimmt &#8211; aber so macht man halt ein bisschen Stimmung. Gleich als N\u00e4chstes gibt er daf\u00fcr wieder ein deutliches Beispiel:\u00a0Zun\u00e4chst einmal ist da schon der Begriff Einnahmenmaximierung. Wie man bei den zahlreichen Steuersenkungen und geschaffenen Schlupfl\u00f6chern (gerade erst vor Kurzem wieder bei der Erbschaftssteuer) darauf kommen kann, die deutsche Regierungspolitik h\u00e4tte in den letzten Jahren versucht, ihre Einnahmen zu maximieren, erschlie\u00dft sich mir zumindest nicht. Und wenn er dann wieder damit um die Ecke kommt, dass es nur darum geht, mehr von diesen faktisch nicht maximierten Einnahmen verteilen zu k\u00f6nnen, dann hat er wohl noch nie was von Sch\u00e4ubles sogenannter schwarzer Null geh\u00f6rt, wie es scheint. Diese steht n\u00e4mlich leider genau von Marschalls M\u00e4r vom Verteilerstaat sehr entgegen.<\/p>\n<p>Tja, und dann zeigt er sich entt\u00e4uscht: Da dr\u00e4ngen\u00a0die SPD und die Gr\u00fcnen\u00a0so sch\u00f6n in die sogenannte Mitte, und pl\u00f6tzlich entdecken sie doch noch ihr Herz f\u00fcr diejenigen, denen es nicht so gut geht in unserer Gesellschaft. Das ist dann nat\u00fcrlich keine ernst zu nehmende Kritik, sondern nur ein Herumm\u00e4keln.\u00a0Richtig unappetitlich wird&#8217;s dann, wenn von Marschall einen ungeschminkten Blick in sein d\u00fcnkelhaft-elit\u00e4res Weltbild offenbart: Emp\u00f6rt fragt er, ob denn SPD und Gr\u00fcne etwa Parteien f\u00fcr Sozialhilfeempf\u00e4nger und Alleinerziehende sein wollen &#8211; solche Subjekte scheinen in von Marschalls Welt keine politischen F\u00fcrsprecher von Gewicht zu brauchen. Da kommt dann der Aristokrat zum Vorschein beim Herrn von und zu &#8230;<\/p>\n<p>Dass er au\u00dfer derartig offen zur Schau getragenen pseudoelit\u00e4rer \u00dcberheblichkeit auch noch anderes zu bieten hat &#8211; n\u00e4mlich Zahlentricksereien mit wenig inhaltlicher Substanz &#8211; zeigt er dann im Folgenden:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Entsch\u00e4digung f\u00fcr alle?<\/strong><\/p>\n<p>Der Spitzensteuersatz sollte, das legt der Name nahe, den Spitzenverdienern vorbehalten sein. 2016 greift er bei einem zu versteuernden Einkommen von 53.665 Euro. Das verdient ein Facharbeiter bei VW im SPD-regierten Niedersachsen oder bei Bosch im gr\u00fcn regierten Stuttgart.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Der deutsche Steuertarif kennt keine automatische Inflationsanpassung. Seit 2000 ist der durchschnittliche Arbeitsverdienst um 26 Prozent gestiegen; die Grenze f\u00fcr den Spitzensteuersatz blieb nahezu gleich. Facharbeiter z\u00e4hlen sich vermutlich zur Mittelschicht. Aber Spitzenverdiener?<\/p><\/blockquote>\n<p>Tja, das ist so eine Sache mit den Zahlen &#8230; Zum einen liest es sich ja schon mal toll, dass die Einkommen aus Lohnarbeit in den letzten 16 Jahren um 26 % gestiegen sind &#8211; dann sollte man aber auch erw\u00e4hnen, dass die Preissteigerung im gleichen Zeitraum 23,7 % betrug, sodass die Reallohnsteigerung schon reichlich mickrig ausf\u00e4llt. Warum erw\u00e4hnt von Marschall dies nicht, denn das w\u00fcrde doch immerhin seine These st\u00fctzen, dass die Grenze f\u00fcr den Spitzensteuersatz erh\u00f6ht werden m\u00fcsste. Nun, andererseits w\u00fcrde das sein anfangs herausposauntes Loblied auf die deutsche Wirtschaft ja ein wenig konterkarieren. Also l\u00e4sst man das lieber zur Seite, um keine Zweifel beim hinters Licht gef\u00fchrten Leser zu erwecken.<\/p>\n<p>Diese Zweifel w\u00e4ren aber mehr als angebracht, denn von Marschall l\u00e4sst noch etwas weg, n\u00e4mlich dass der Spitzensteuersatz im Jahr 200 noch bei 51 % lag (ein Jahr zuvor sogar noch bei 53 %) und mittlerweile nur noch 42 % betr\u00e4gt. Und das ist ja noch nicht die einzige Steuerentlastung f\u00fcr Gro\u00dfverdiener, denn die Kapitalertragssteuer wurde im Jahr 2009 von der Einkommensteuer entkoppelt und einheitlich auf 25 % festgesetzt &#8211; was nat\u00fcrlich vor allem Gro\u00dfaktion\u00e4ren, Investoren und Spekulanten mit hohen Eink\u00fcnften aus diesem Bereich zugutekommt. Wer gut verdient, hat sich also in den letzten Jahren etlicher Steuerentlastungen erfreuen d\u00fcrfen, aber\u00a0neoliberale Hardliner, wie von Marschall einer zu sein scheint, k\u00f6nnen ja den Hals eh nie voll genug bekommen.<\/p>\n<blockquote><p>Daf\u00fcr hat der Justizminister eine neue Klientel f\u00fcr staatliche Entsch\u00e4digungen im Blick: Homosexuelle. Es ist ja gut, dass die diskriminierenden Strafparagrafen abgeschafft wurden. Gott sei Dank \u00e4ndern sich Moral- und Rechtsvorstellungen.<\/p>\n<p>Aber soll der Staat wirklich jede Gruppe, die man fr\u00fcher rechtlich anders stellte als heute, entsch\u00e4digen? Oder dies nicht besser auf F\u00e4lle beschr\u00e4nken, die schon damals im krassen Widerspruch zum zeitgen\u00f6ssischen Rechtsempfinden standen?<\/p>\n<p>Falls es um Stimmen geht: Der Effekt w\u00e4re am gr\u00f6\u00dften, wenn der Staat demn\u00e4chst alle Frauen entsch\u00e4digt, die bis 1957 die Erlaubnis des Ehemann brauchten, um ein eigenes Bankkonto zu er\u00f6ffnen \u2013 und bis 1977, um eine Erwerbsarbeit aufzunehmen. Deutschlands Sozialmodell beruht auf international herausragenden Wirtschaftsleistungen. Wie lange kann das gut gehen, wenn sich die Denkschemata der aktuellen Wahlk\u00e4mpfe durchsetzen?<\/p><\/blockquote>\n<p>Was nun die geplante Entsch\u00e4digung von\u00a0Homosexuellen, die nach dem alten Nazi-Paragrafen 175 des Strafgesetzbuches verurteilt wurden (s. dazu beispielsweise <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2016-07\/paragraf-175-homosexualitaet-diskriminierung-justizministerium-gesetz-entschaedigung-rehabilitierung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>), mit dem Spitzensteuersatz zu tun hat, erschlie\u00dft sich auf den ersten Blick nicht so recht. Auch sein Vergleich mit Frauen, die entsch\u00e4digt werden k\u00f6nnten, geht reichlich daneben, denn diese wurden ja nun nicht mit Haftstrafen belegt, soweit ich wei\u00df. Aber ein bisschen schwulenfeindliche Rhetorik kann ja vielleicht nie schaden, denn auf diese Weise bekommt man vielleicht auch den einen oder anderen AfD-Loser dazu, von Marschalls elit\u00e4ren Standpunkten zuzustimmen.<\/p>\n<p>Vielleicht meinte er ja auch, so einen pointierten \u00dcbergang zur These, dass die Kritik am erh\u00f6hten Spitzensteuersatz nur Wahlkampfdonner sei, hinzubekommen. Na ja, ich finde, das ist reichlich in die Hose gegangen. Am Schluss noch mal das Loblied auf die deutsche Wirtschaft (ich k\u00f6nnte jetzt noch was zum extrem sch\u00e4dlichen deutschen Wirtschaftsmodell der Exportorientiertheit schreiben, aber das w\u00fcrde nun den Rahmen doch ein wenig sprengen, sodass ich dazu einfach auf ein <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34584\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Videointerview mit Albrecht M\u00fcller<\/a> zu dem Thema verweise), die von Marschall nat\u00fcrlich bedroht sieht, wenn nicht alles daf\u00fcr getan wird, um denen, die schon viel haben, nicht noch mehr in den Rachen zu stopfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ob von Marschall den Kram, den er da verzapft hat, nun selbst glaubt oder ob er nur eine ideologische Mietfeder ist, kann und will ich gar nicht beurteilen. Schlimm finde ich daran vor allem, dass auf diese Weise in Zeiten schwindenden Medienvertrauens der gesamte Berufsstand und damit eben auch die Journalisten, die wirklich einen guten Job zu machen bem\u00fcht sind, weiter diskreditiert wird.<\/p>\n<p>Aber vielleicht meint ja von Marschall auch, dass heutzutage, wo jede Art der Medienkritik ja gern und schnell grunds\u00e4tzlich in die rechte Ecke zu den dumpfen\u00a0\u201eL\u00fcgenpresse\u201c-Schreih\u00e4lsen geschoben werden kann, v\u00f6llig ungeniert jeder journalistische Anstand fahren gelassen werden kann, sodass man entsprechende Artikel verfassen kann.<\/p>\n<p>Bleibt die Frage, was um Himmels willen in die Redaktion des\u00a0<em>Tagesspiegels<\/em> gefahren ist, dass so ein Krempel dann auch noch ver\u00f6ffentlicht wird &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Tagesspiegel kennt man ja nun nicht unbedingt als f\u00fchrendes Organ der neoliberalen Meinungsmache in Deutschland, und immerhin finden sich dort ja zum Beispiel auch fundierte Artikel von Harald Schumann. 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