{"id":6081,"date":"2016-10-08T16:30:05","date_gmt":"2016-10-08T14:30:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6081"},"modified":"2016-10-10T16:50:29","modified_gmt":"2016-10-10T14:50:29","slug":"multikulti","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6081","title":{"rendered":"Multikulti"},"content":{"rendered":"<p>Multikulti ist ja mittlerweile ein oft zu vernehmender \u201eKampfbegriff\u201c, vor allem wenn darauf hingewiesen werden soll, dass dieses Konzept angeblich gescheitert sei. Dabei wird Multikulti als Gegensatz verstanden zu unserer christlich-abendl\u00e4ndischen Lebensart, mit der diejenigen, die kulturelle Vielfalt als nichts W\u00fcnschenswertes ansehen, lieber allein gelassen werden wollen. Wenn man dar\u00fcber allerdings mal ein bisschen genauer nachdenkt, dann kommt man zu dem Schluss, dass Multikulturalit\u00e4t gar nichts ist, was spezifisch f\u00fcr unsere Zeit ist, sondern dass diese schon immer unser Dasein gepr\u00e4gt hat.<\/p>\n<p>Denn vieles, was uns heute in unserem allt\u00e4glichen Leben umgibt, ist n\u00e4mlich durch kulturellen Austausch, also Multikulturalit\u00e4t, in unsere Breiten gekommen. Das wird heute nur oftmals gar nicht mehr so wahrgenommen. Ein paar Beispiele:<\/p>\n<p>Unsere germanischen Vorfahren (wenn man diese \u00fcberhaupt vereinheitlichend so bezeichnen kann, denn das waren ja neben den Germanen auch Sachsen, Alemannen, Franken und viele weitere St\u00e4mme und V\u00f6lker, die sich aufgrund der damals geringeren Mobilit\u00e4t durchaus auch allesamt sehr fremd waren) schrieben mit Runen, heute benutzen wir die lateinischen Buchstaben und arabische Ziffern, die irgendwann aus anderen Kulturkreisen importiert wurden &#8211; ist ja auch praktischer, wenn m\u00f6glichst viele Menschen in den verschiedenen L\u00e4ndern zumindest gleiche Zahlen und Buchstaben benutzen.<\/p>\n<p>Unsere christliche Demokratie, auf die sich gern berufen wird, weil man sie durch Multikulti in Gefahr sieht, basiert auf einem griechischen Staatsverst\u00e4ndnis und\u00a0der j\u00fcdischen Religion &#8211; beides kam also aus dem \u00f6stlichen Mittelmeerraum hierher.<\/p>\n<p>Viele unserer Nahrungsmittel kommen aus allen m\u00f6glichen Teilen der Welt. Damit meine ich nun nicht nur Kiwis oder andere tropische Fr\u00fcchte, sondern auch vieles, was heute bestimmt nicht mehr so assoziiert wird: Kartoffeln, Nudel, Reis haben Hirse, Gerste und andere Getreide weitgehend abgel\u00f6st als Beilage oder Grundlage von warmen Mahlzeiten, und auch Kaffee und oder Tee d\u00fcrfte f\u00fcr die meisten Deutschen ein unverzichtbarer Teil des t\u00e4glichen Lebens sein.<\/p>\n<p>In der Gastronomie nehmen wir die Vielfalt der internationalen K\u00fcche ja auch gern mit: Italienische, griechische und chinesische Restaurants findet man mittlerweile in nahezu jedem Dorf, die sind nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches mehr, und auch an die K\u00fcche aus Thailand, Indien, dem ehemaligen Jugoslawien, den USA (Burger-Buden sind ja gerade m\u00e4chtig im Kommen), Spanien, Portugal, der T\u00fcrkei und vielen anderen L\u00e4ndern haben wir uns gern gew\u00f6hnt. Das Essen, was als\u00a0\u201etypisch Deutsch\u201c gilt, kommt vor allem in regionaler Auspr\u00e4gung in touristischen Gegenden auf den Tisch, ansonsten d\u00fcrften Spaghetti mit Tomatenso\u00dfe in deutschen Haushalten \u00f6fter kredenzt werden als K\u00f6nigsberger Klopse.<\/p>\n<p>In der Kultur sieht das nicht viel anders aus: Die meisten popul\u00e4ren Filme kommen aus den USA, und\u00a0die dort ans\u00e4ssige Filmindustrie hat auch generell die Filmkultur vieler anderer L\u00e4nder gepr\u00e4gt. Das meiste, was wir heute an Musik zu h\u00f6ren bekommen aus den Bereichen Rock, Pop, \u00a0Hip-Hop und auch Schlager ist ebenfalls deutlich von britisch-amerikanischer Musik beeinflusst, nur bei der elektronischen Musik kann man tats\u00e4chlich mal von einem vorwiegend deutsch gepr\u00e4gten Genre sprechen &#8211; daf\u00fcr h\u00f6ren das dann allerdings auch wieder recht wenige Deutsche als ihre bevorzugte Musikrichtung.<\/p>\n<p>Und letztlich kommen auch Trend in der Mode und Entwicklungen der Technik von \u00fcberallher &#8211; klar, so ist das nun mal in einer globalisierten Welt. Aber diese Art der Multikulturalit\u00e4t wird eben auch von uns allen als selbstverst\u00e4ndlich wahrgenommen.<\/p>\n<p>Was w\u00e4re also gewesen, wenn sich unsere Vorfahren so vehement gegen Multikulti ausgesprochen h\u00e4tten, wie das heute bei zunehmend mehr\u00a0Deutschen der Fall ist? Wenn neue kulturelle Einfl\u00fcsse nicht als Bereicherung, sondern als stets als Bedrohung der eigenen Lebensart wahrgenommen worden w\u00e4ren? Ich glaube, unser Leben h\u00e4tte recht wenig mit dem gemeinsam, was heute als deutsche Leitkultur bezeichnet wird, die es\u00a0unbedingt zu\u00a0verteidigen\u00a0gilt.<\/p>\n<p>Vor allem:\u00a0Die Angst, dass die eigene kulturelle Identit\u00e4t einfach so von etwas anderem \u00fcberformt und\/oder beiseitegeschoben werden k\u00f6nnte, zeugt ja nun auch nicht eben von einem gro\u00dfen Vertrauen und Selbstwertgef\u00fchl in Bezug auf ebendiese eigene Kultur.<\/p>\n<p>Kultur lebte schon immer davon, dass sie sich anderen Einfl\u00fcssen \u00f6ffnete und sich dann entsprechend weiterentwickelte &#8211; in globalisierten Zeiten gilt das umso mehr, als dass kaum noch eine komplett abgeschottete kulturelle Entwicklung irgendwo m\u00f6glich ist. Multikulti ist also nichts Neues und nicht, vor dem man Angst haben m\u00fcsste, sondern wird nur von rechten Demagogen benutzt, um irrationale \u00c4ngste zu sch\u00fcren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Multikulti ist ja mittlerweile ein oft zu vernehmender &#8222;Kampfbegriff&#8220;, vor allem wenn darauf hingewiesen werden soll, dass dieses Konzept angeblich gescheitert sei. Dabei wird Multikulti als Gegensatz verstanden zu unserer christlich-abendl\u00e4ndischen Lebensart, mit der diejenigen, die kulturelle Vielfalt als nichts W\u00fcnschenswertes ansehen, lieber allein gelassen werden wollen. 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