{"id":6123,"date":"2016-09-07T09:16:41","date_gmt":"2016-09-07T07:16:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6123"},"modified":"2016-09-07T09:16:58","modified_gmt":"2016-09-07T07:16:58","slug":"wahl-in-mv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6123","title":{"rendered":"Wahl in Mecklenburg-Vorpommern"},"content":{"rendered":"<p>Am Sonntag wurde der Landtag in Mecklenburg-Vorpommern gew\u00e4hlt, und das, was am meisten diskutiert wird, ist das Ergebnis der AfD, die aus dem Stand noch vor der CDU zweitst\u00e4rkste Partei mit 21,8 % der abgegebenen Stimmen wurde. Und wenn ein paar vern\u00fcnftige \u00c4u\u00dferungen zu vernehmen sind, die versuchen, diesen Erfolg der AfD zu erkl\u00e4ren und in einen gesamtgesellschaftlich-politischen Kontext einzuordnen, so sind die meisten Analysen, die mir untergekommen sind, doch eher unbefriedigend.<\/p>\n<p>So herrscht beispielsweise bei der SPD sehr viel Sch\u00f6ngerede vor. Die Partei um Ministerpr\u00e4sident Sellering hat zwar auch ein paar Prozente verloren, stellt aber nach wie vor die st\u00e4rkste Fraktion und kann sich nun aussuchen, ob sie weiterhin mit der CDU oder mit den Linken die Regierung bilden will. Als ich zuf\u00e4llig kurz am Wahlabend im Fernsehen beim\u00a0<em>NDR<\/em>\u00a0gelandet bin, sah ich dort den SPD-Bundesvorsitzenden Sigmar Gabriel, der auch gleich verk\u00fcndete, dass er keinen Grund daf\u00fcr s\u00e4he, dass nach diesem Wahlsieg nun irgendwas an der Politik seiner Partei ge\u00e4ndert werden sollte &#8211; einfach also weiter so wie bisher. Darin schwingt nat\u00fcrlich auch die Aussage mit, dass die Politik der SPD nichts mit dem Erfolg der AfD zu tun h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Gleichzeitig war von den\u00a0<em>NDR<\/em>-Journalisten mehrmals im Gespr\u00e4ch mit AfD-Politikern die Frage zu vernehmen, wie diese sich denn nun gegen Rechts abgrenzen wollten. Wenn man \u00fcberlegt, dass die meisten AfD-W\u00e4hler als Grund f\u00fcr ihre Wahlentscheidung die Fl\u00fcchtlingspolitik angaben, die ja nun mit der Landespolitik recht wenig zu tun hat, so ist das schon eine etwas merkw\u00fcrdige Frage: Eine Partei, die vor allem mit fremdenfeindlicher Rhetorik im Wahlkampf auffiel und damit auch punkten konnte, soll sich gegen Rechts abgrenzen? Soll hier etwa schon mal vorgef\u00fchlt werden, ob die AfD bereit ist, sich eventuell dahin gehend zu \u00e4ndern, dass eine Koalition mit anderen Parteien, vornehmlich wohl der CDU, m\u00f6glich ist? W\u00fcrde ja zumindest zu meinem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6097\" target=\"_blank\">Beitrag zu dem Thema<\/a> passen, den ich letzte Woche hier auf\u00a0<em>unterstr\u00f6mt<\/em> ver\u00f6ffentlicht habe &#8230;<\/p>\n<p>Auffallend beim Erfolg der AfD ist, dass viele vorherige Nichtw\u00e4hler sich f\u00fcr die Partei entschieden haben, und immerhin steig die Wahlbeteiligung auch auf gut 60 %. Das ist m. E. jedoch noch lange nicht als Erfolg zu werten, denn knapp 40 % der W\u00e4hler f\u00fchlen sich anscheinend nicht mehr im System der repr\u00e4sentativen Demokratie aufgehoben, sodass sie von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch machten. Und da ist wohl auch der Grund zu suchen, warum die AfD nun bei den letzten Landtagswahlen konsequent stark bis sehr stark zulegen konnte.<\/p>\n<p>Die Regierungsparteien der letzten Jahrzehnte (seit der sogenannten durch das Lambsdorff-Papier inszenierten Wende, die dann Anfang der 80er-Jahre zur CDU-Regierung unter Helmut Kohl gef\u00fchrt hat) haben eine Politik betrieben, die aufgrund ihrer streng neoliberalen Ausrichtung (richtig erst entfesselt nach 1989 durch den Wegfall des Konkurrenzsystems Sozialismus) mehr und mehr Verlierer produziert (zum einen hier bei uns im Land selbst, zum anderen nat\u00fcrlich auch global): Diese f\u00fchlen sich irgendwann von der Politik nicht mehr vertreten, abgeh\u00e4ngt und nicht ernst genommen, sodass viele von ihnen resignieren &#8211; zumal ja das neoliberale Mantra, dass jeder seines Gl\u00fcckes Schmied ist, auch bei diesen Menschen verf\u00e4ngt und von ihnen verinnerlicht wurde.<\/p>\n<p>Nun kommt eine Partei daher, welche die zu Recht bestehenden \u00c4ngste der Menschen aufgrund der zunehmenden materiellen Unsicherheit aufgreift und einen simplifizierten S\u00fcndenbock anbietet, der zwar mit den Problemen urs\u00e4chlich nichts zu tun hat, aber trotzdem dankend aufgenommen wird &#8211; und schon haben wir die Zustimmung zur AfD. Dabei ist da Partei absolut establishmentnah, sodass vonseiten der Politik und Medien auch nicht so wirklich viel Gegenwind k\u00e4me, als wenn sie\u00a0eine wirklich Alternative darstellen w\u00fcrde. Dennoch gelingt es dieser Partei, sich als Alternative zu geb\u00e4rden und ihr Opfenarrativ immer weiterzuentwicklen, sodass sich die Frustrierten und Politik(er)verdrossenen nun damit solidarisieren. So erkl\u00e4rt sich auch der schon religi\u00f6s anmutende Eifer, mit der AfD-Fans ihre Partei verteidigen, alles glauben, was diese auch an nachweislichen L\u00fcgen verbreitet, und alles anzweifeln, was die Partei und ihr Personal kritisiert.<\/p>\n<p>Sven Giegold, EU-Abgeordneter der Gr\u00fcnen, kam zu \u00e4hnlichen Schl\u00fcssen auf seiner<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sven.giegold\/photos\/a.1391357617793686.1073741827.1391306014465513\/1748148838781227\/?type=3&amp;theater\" target=\"_blank\"><em> Facebook<\/em>-Seite<\/a> (wo sich auch eine interessante \u00dcbersichtskarte zur Armutsverteilung in Mecklenburg-Vorpommern als Vergleich zu den Regionen, in denen die AfD besonders stark war, findet):<\/p>\n<blockquote><p>Um abgeh\u00e4ngte Regionen geht&#8217;s! Die rechtspopulistische AfD hat dort stark abgeschnitten, wo Regionen den Anschluss verlieren. Der Zusammenhang ist \u00fcberall eindeutig: Beim Front National in Frankreich, bei der FP\u00d6 in \u00d6sterreich und bei Trump in den USA. Ihre gro\u00dfen Erfolge haben Rechtspopulisten nie in Paris, Wien oder San Francisco. Durch Globalisierung und Digitalisierung hat die Ungleichheit zwischen Gewinner-Regionen und Verlierer-Regionen enorm zugenommen. Manche Regionen\u00a0<span class=\"text_exposed_show\">leiden unter einem unertr\u00e4glichen Mangel an Infrastruktur, in anderen ist die industrielle Basis zusammengebrochen. Selbst wenn es keine einfachen L\u00f6sungen gibt: Die strukturelle Schw\u00e4che vieler Regionen und die wachsende Ungleichheit zwischen den Regionen darf nicht l\u00e4nger tabuisiert werden, sondern muss auf die politische Agenda! Wenn Ihr zustimmt, bitte teilt und liked diese eindrucksvolle Grafik.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Nun ist nat\u00fcrlich f\u00fcr Politiker eine solche Analyse schon ein bisschen kompromittierend, denn sie m\u00fcssen sich dann auch die Frage gefallen lassen, was denn der Anteil ihrer eigenen Partei an diesen Umst\u00e4nden ist. Und zu dieser Art von Selbstkritik scheint eben kaum jemand bereit zu sein &#8230;<\/p>\n<p>Was noch dazukommt: Dass die Menschen nun so sehr darauf anspringen, dass die AfD die Fl\u00fcchtlinge f\u00fcr alles M\u00f6gliche verantwortlich macht und diese immer wieder ins Zentrum ihres politischen Agierend r\u00fcckt, hat ja auch durchaus Gr\u00fcnde, die nicht nur in einem latenten Rassismus bei vielen Deutschen zu suchen sind.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich wurde\u00a0das Teile-und-herrsche-Prinzip ja auch schon zur Gen\u00fcge praktiziert, bevor die Fl\u00fcchtlinge im letzten Jahr in gro\u00dfer Anzahl hier bei uns eintrafen, vorweg nat\u00fcrlich von der <em>BILD<\/em> und anderen\u00a0Springer-Schreibern, aber auch von vielen vermeintlich seri\u00f6sen Medien und Politikern: Jung gegen Alt (\u201edie Rentner leben auf Kosten der jungen Arbeitnehmer\u201c), Besch\u00e4ftigte gegen Arbeitslose (\u201eso gut leben die Hartzer auf unsere Kosten\u201c), Deutsche gegen Ausl\u00e4nder (\u201edie faulen S\u00fcdl\u00e4nder\u201c, \u201edie Pleitegriechen\u201c), Christen gegen Muslime (\u201eWeihnachtsm\u00e4rkte d\u00fcrften nicht mehr Weihnachtsm\u00e4rkte hei\u00dfen\u201c, \u201eder Islam will uns \u00fcbernehmen\u201c) usw.<\/p>\n<p>Das sind nat\u00fcrlich alles L\u00fcgengeschichten, aber dass diese jahrelang immer wieder verbreitet wurden, bereitete\u00a0das Klima schon entsprechend vor, indem es als Normalit\u00e4t erschien, dass Menschen aufeinandergehetzt werden. Nun kommt eine besonders \u201eattraktive\u201c Gruppe hinzu, der n\u00e4mlich nicht nur niemand hier im Land angeh\u00f6rt, sodass man auf diese Weise gleich mal die nationalistische Karte mit ausspielen kann zur vermeintlichen Identit\u00e4tsstiftung, sondern die auch noch keine Lobby hat und wirklich\u00a0\u201eganz unten\u201c in der gesellschaftlichen Hierarchie steht (auch materiell), sodass kaum Gegenwind von deren Seite zu erwarten ist.<\/p>\n<p>Zudem wurde die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten zunehmend entpolitisiert: Politische Magazine im Fernsehen wurden gestrichen, auf den sp\u00e4ten Abend verschoben und durch krawallige Talkshows ohne gro\u00dfen Erkenntnisgewinn ersetzt, Wahlkampf wird\u00a0zunehmend inhaltsleer\u00a0und mit nichtssagenden PR-Spr\u00fcchen gef\u00fchrt, und in Zeitungen und Magazinen werden eher Themen wie Dschungelcamp und Castingshows prominent behandelt, als dass komplexere, aber daf\u00fcr auch trockenere politische Themen als gro\u00dfer Aufmacher dienen. So werden die Menschen eben auch entw\u00f6hnt, in politischen Zusammenh\u00e4ngen zu denken, was dazu f\u00fchrt, dass mit der Fl\u00fcchtlingspolitik ein Thema einen Landtagswahl dominiert, das inhaltlich dort gar nicht hingeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Diese Mischung aus aggressiver Hetze und S\u00fcndenbockdenken\u00a0sowie Entpolitisierung ergibt dann\u00a0eine explosive Mischung, die genau den Populisten nutzt, die sich als vermeintliche Anw\u00e4lte der ver\u00e4ngstigen und politisch frustrierten B\u00fcrger darstellen &#8211; ohne dies auch nur ansatzweise zu sein,\u00a0sondern einfach nur, indem sie die entsprechenden fremdenfeindlichen Stichworte liefern und in jedem Diskurs Fl\u00fcchtlinge thematisieren und problematisieren.<\/p>\n<p>Wenn man versucht, die Wahlerfolge der AfD von diesen Zusammenh\u00e4ngen losgel\u00f6st zu betrachten, dann ergeht man sich in wenig zielf\u00fchrender Symptomdokterei. Bezeichnend und beunruhigend, dass die meisten Politiker und Medien nicht dar\u00fcber hinauskommen &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Sonntag wurde der Landtag in Mecklenburg-Vorpommern gew\u00e4hlt, und das, was am meisten diskutiert wird, ist das Ergebnis der AfD, die aus dem Stand noch vor der CDU zweitst\u00e4rkste Partei mit 21,8 % der abgegebenen Stimmen wurde. 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