{"id":6171,"date":"2016-09-12T08:55:00","date_gmt":"2016-09-12T06:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6171"},"modified":"2016-09-12T08:55:00","modified_gmt":"2016-09-12T06:55:00","slug":"ueber-zahlen-und-werte-oder-eine-welt-voller-arschloecher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6171","title":{"rendered":"\u00dcber Zahlen und Werte &#8211; oder: eine Welt voller Arschl\u00f6cher"},"content":{"rendered":"<p><em>Ein Gastbeitrag von Martina Kupke.<\/em><\/p>\n<p>Da haben wir es also. Arschl\u00f6cher, wo du gehst und stehst. Nachweislich.\u00a0In den sozialen Medien, in Talkshows, in den Nachrichten und mitten im Urlaubsgebiet.\u00a0Weil wir Pech haben, nun auch in den Parlamenten.\u00a0Ich meine, man muss sich allein ja nur mal \u00fcberlegen, wie vielen Arschl\u00f6chern man stets und st\u00e4ndig ausgesetzt ist! Da drau\u00dfen, willk\u00fcrlich in Beh\u00f6rden, an der Supermarktkasse (vor oder hinter dir, vielleicht auch gegen\u00fcber), im Stra\u00dfenverkehr auf zwei oder vier R\u00e4dern \u2013 manchmal auch ganz ohne!\u00a0Banker, Alter: alles Arschl\u00f6cher!\u00a0Oder im Job: Da wimmelt es von denen, komplett hierarchieunabh\u00e4ngig.\u00a0Und das auf beiden Seiten des Tresens, des Telefons, des Schreibtisches.\u00a0V\u00f6llig egal, wo: Wir sind von Arschl\u00f6chern umgeben.\u00a0Sogar in Apple-Stores.<\/p>\n<p>Meine virtuellen Freunde teilen im \u00dcbrigen meine Einstellung. Auch sie sehen sich von Arschl\u00f6chern bedroht. Manchmal sogar min\u00fctlich. Meist in der Woche, weniger an den Tagen, in denen wir Trost im Rausch suchen.<\/p>\n<p>T\u00e4glich informieren wir uns in unserer Runde der Demokraten und Reflektierten und best\u00e4tigen uns, dass wir eindeutig <strong><span class=\"_5yi-\">nicht<\/span><\/strong> zu den Arschl\u00f6chern geh\u00f6ren. Nur manchmal vielleicht, wenn wir unsere Blase verlassen und in \u00f6ffentlichen Social-Media-Gremien kurz die Kontrolle \u00fcber uns verlieren. Weil man eben wieder das Licht inmitten von Arschl\u00f6chern sein musste und dabei wom\u00f6glich kurz die Contenance verlor. Oder einem der Seinen heldenhaft an die Seite springen musste! Dann sind wir auch mal inmitten dieser Arschl\u00f6cher und halten unsere Fahne hoch. Sonst aber bleiben wir lieber unter uns. Und informieren uns \u00fcber Dinge, die wir schon ahnten, vielleicht sogar wussten, weil man dieselbe Meldung im Minutentakt in die Augen und ins Bewusstsein gepr\u00fcgelt bekommt. Wir ziehen und dr\u00fccken uns auch gegenseitig tapfer und unerbittlich durch einen Sumpf voller Arschl\u00f6cher in anderen Medien; durch Maybritt Illners und Plasbergs mit ihren obligatorischen Quoten-Arschl\u00f6chern (die bisweilen nur schwer auszumachen sind), durch Tagesthemen und Live-Ticker, die uns flatternd unter Sportevents oder Tunnelbohrer-Dokus best\u00e4tigen, was wir auch den gedruckten Bl\u00e4ttern mit ihren Aufmachern und Titelbl\u00e4ttern entnehmen k\u00f6nnen: Die Arschl\u00f6cher sind da! Sie haben die Macht.<\/p>\n<p>Gestern Abend sah ich mir die ganzen Menschen an, die mit mir in der U-Bahn fuhren. Alle Arten von Menschen quasi. Ein worldwide train sozusagen. Und ich dachte: Ihr seid doch bestimmt auch alles Arschl\u00f6cher. Ganz gewiss. Rucksackbomber, Kopftuchverwirrte, Drogendealer, minderj\u00e4hrige Mobbingopfer mit Fahrradhelm auf dem Kopf und einem Racheplan im Oktavheft, junge Leck-Arsch-Hipster und mitteleurop\u00e4ische Normalos, die wom\u00f6glich die Schlimmsten von allen sind. Au\u00dfer mir eben. Ich bin kein Arschloch. Und ich war in dem Moment die Einzige, von der ich das wusste. Dem Umstand zu schulden, in einer Berliner U-Bahn gefahren zu sein, konnte mir aufgrund der suboptimalen Netzabdeckung auch kein einziger Social Friend Mut zusprechen \u2026 Ich war offline. Da drau\u00dfen. Aber ich habe \u00fcberlebt.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re sch\u00f6n gewesen, zu wissen, ob noch ein demokratie- und menschenfreundliches Wesen im Wagon gewesen w\u00e4re. Ganz ausgerottet sind wir ja noch nicht. Uns gibt es ja nicht nur virtuell, sondern auch in echt. An der Kasse, am anderen Telefonende. Gleich gegen\u00fcber im Zeitungskiosk bei den Deutschiranern, nebenan beim Fris\u00f6r von Banaldeutschen, beim Schreibwarenladen der Deutsch-Spanierin, oder dem t\u00fcrkisch-deutschen Caf\u00e9 ums Eck? Gar beim Zyprer mit seinem Restaurant? Und das in Wilmersdorf, wo Arschlochmassen einst das j\u00fcdische Leben vernichteten? Vielleicht sind das ja auch nur gut getarnte Arschl\u00f6cher? Man wei\u00df es nicht und br\u00e4uchte die Art von Brille mit Arschlochdetektor. Smalltalk bleibt eben offline meist nur Smalltalk. Nett, unverbindlich. Man kann da drau\u00dfen ja nicht einfach so argumentieren wie im Netz. Im real life sieht man sich ja. Nur ohne einen Schimmer zu Gesinnung und Parteibuch. Muss man sich mal vorstellen.<\/p>\n<p>Da gie\u00dfe ich Blumen f\u00fcr Verreiste, jene, die wissen, dass ich nicht in fremden Schr\u00e4nken nach Arschloch-Devotionalien w\u00fchlen w\u00fcrde. Oder spiele mit Kindern von Juristen! Wo man doch aus der Geschichte wissen sollte, zu was die imstande sein k\u00f6nnen! Ich gr\u00fc\u00dfe meine Nachbarn und leere deren Briefk\u00e4sten, wenn sie mich darum bitten, und bislang habe ich noch nie Arschlochpropaganda in den H\u00e4nden gehalten. Aber wir wissen: Die sind ja clever und tarnen sich bestimmt mithilfe von Werbebeilagen in der Fernsehzeitung. Ein riskantes Leben, das ich so f\u00fchre. Wie all die anderen in ihrer Anonymit\u00e4t des Guten. Mit der Angst, irgendwann entdeckt zu werden.<\/p>\n<p>In dieser Panik tr\u00f6ste ich mich mit einer Fantasterei in den Schlaf, statt von Fahri Yardim zu tr\u00e4umen. Ich stelle mir dann vor, als eine Art anzustrebendes Ideal: Die Arschl\u00f6cher w\u00e4ren nicht in der Mehrheit. Es g\u00e4be gar nicht so viele Arschl\u00f6cher da drau\u00dfen. Nur mal so angenommen, es handele sich (mal grob \u00fcberschlagen) \u2013 sagen wir mal \u2013 um rund 25 %? Also nur jeder Vierte, dem ich so begegne, w\u00e4re ein Arschloch. W\u00e4r das nicht fantastisch? <em><span class=\"_5yi_\">Ja, ja wir sind uns einig, dass es sich in echt \u2013 also in wirklich! \u2013 um viel mehr handelt. Sonst w\u00fcrden wir uns ja nicht st\u00e4ndig gegenseitig auf dem Laufenden halten m\u00fcssen, durch Maybritt Illners und Plasbergs mit ihren obligatorischen Quoten-Arschl\u00f6chern, die bisweilen schwer auszumachen sind, durch Tagesthemen und Live-Ticker unter Sportevents oder Tunnelbohrer-Dokus, durch unsere Blase Gleichgesinnter, die sich best\u00e4tigend die Schulter t\u00e4tscheln, bevor wir Links teilen, um alle anderen zu informieren, die dem Arschlochtum noch nicht anheimgefallen sind! Dass diese gewaltige Arschlochmacht die Medien, unseren Alltag regiert!<\/span><\/em><\/p>\n<p>Ich stelle mir wirklich kurz mal vor, es w\u00e4re nur so rund ein Viertel. Jene Gruppe, die es (leider) immer schon gab. Nur eben in leise, versteckt. Ohne \u201eWeltnetz\u201c. Die wir fr\u00fcher haben absichtlich meiden k\u00f6nnen; in Kneipen, in der eigenen Familie. Denen wir auch unerkannt begegnet sind \u2013 nicht nur am Fischstand auf Usedom, sondern selbst am All-you-can-eat-B\u00fcfett in der Dom Rep. oder im Kino auf den Nachbarsitzen. Viele von den wenigen Arschl\u00f6chern w\u00e4ren Arschl\u00f6cher, weil sie es schon lange waren; andere, nur um den Nichtarschl\u00f6chern mal zu zeigen, was \u2019ne echte Harke ist, und wieder andere, weil sie es nicht besser wissen WOLLEN. Weil das Arschlochsein nun mal ein \u00e4hnliches Zuhause darstellen kann wie das Nichtarschlochsein.<\/p>\n<p>Apropos Nichtarschloch: Wir w\u00e4ren in meinem Traum demnach satte drei Viertel. Hammer, oder? Diese 75 % w\u00e4ren sich quasi einig, dass sie in der absoluten Mehrheit sind. Und w\u00e4ren stolz drauf. Sie w\u00fcrden sich da drau\u00dfen in der Realwelt weiterhin so menschenfreundlich wie m\u00f6glich verhalten, um einander zu beweisen, wie geil es so insgeheim (und manchmal auch vehement) ist, kein Arschloch zu sein. Hier und da w\u00fcrde man feststellen, dass man politisch nicht ganz d\u2019accord ginge. Dann w\u00fcrde man sich aber einig sein, dass so \u2019ne Demokratie eben doch schon ein wenig geil ist, w\u00fcrde sich zuprosten und weiterhin w\u00e4hlen, was man w\u00e4hlt; Hauptsache kein Arschloch.<\/p>\n<p>Dann m\u00fcssten wir auch nicht jeden Arschlochfurz kommentieren, weil der Ausd\u00fcnstung rein statistisch allen schon 75 % gute Luft entgegenwehen w\u00fcrden. Die Parteien dieses Landes w\u00e4ren nicht gezwungen, ihre Fahnen neu auszurichten, weil ja schlie\u00dflich drei Viertel der Bev\u00f6lkerung sagen, sie seien bei aller Uneinigkeit \u00fcber die Umsetzung dennoch demokratischer Gesinnung. Man stelle sich das mal vor!<\/p>\n<p>Sicher, man w\u00fcrde auch dann die Arschl\u00f6cher nicht komplett verschweigen \u2013 genauso wenig, wie man die komplett vermeiden kann. Aber hey: ein Viertel! Allein davon w\u00fcrden wir uns doch nicht den Takt diktieren lassen, oder? Also weder bei Facebook, wo uns meist eh niemand liest au\u00dfer jene, die wir mehr oder minder sorgf\u00e4ltig in unsere Welt per Klick gew\u00e4hlt haben, noch in den Redaktionen, geschweige denn in der Politik. Wir w\u00e4ren frei von jener Angst, die diese Arschl\u00f6cher in unsere Welt gepflanzt haben. Die sich von denen auf uns \u00fcbertr\u00e4gt, uns manipuliert, unser Medienverhalten und unsere Wahrnehmung beeinflusst. Ohne Entrinnen. Was w\u00e4re es sch\u00f6n, dass \u2013 wenn es schon Arschl\u00f6cher geben muss \u2013 sie nur die Minderheit darstellen w\u00fcrden. Wir k\u00f6nnten uns auf Konstruktives konzentrieren, uns positiv st\u00e4rken. Ansonsten w\u00fcrden wir die Arschl\u00f6cher weitestgehend ignorieren. In den Nachrichten w\u00e4ren sie eine Randmeldung, so wie ein leidiges PS. Allein, um immer daran zu erinnern, dass es da drau\u00dfen durchaus Arschl\u00f6cher gebe, wenngleich bei Weitem nicht so viel wie uns Nichtarschl\u00f6cher. Selbst krude Thesen, die auf Mausrutschern beruhten, w\u00e4ren kein Anrei\u00dfer mehr. Was w\u00e4ren wir geil drauf, wenn dem so w\u00e4re. Man k\u00f6nnte seinen inneren Kasper rauslassen, die Zunge rausstrecken und singen: \u201eKannste knicken, du Storch! Wird nicht passieren. Denn wir sind mee-eehhhr!\u201c Wir w\u00fcrden uns an sch\u00f6nen Meldungen hochziehen, statt uns von jenen aggressiv machen zu lassen, die diese Arschl\u00f6cher mal wieder in die Welt posaunten.<\/p>\n<p>Dann schlafe ich ein.<\/p>\n<p>Doch sobald ich wieder aufwache, sieht unsere Wirklichkeit leider ganz, ganz anders aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da haben wir es also. Arschl\u00f6cher, wo du gehst und stehst. Nachweislich. In den sozialen Medien, in Talkshows, in den Nachrichten und mitten im Urlaubsgebiet. Weil wir Pech haben, nun auch in den Parlamenten. Ich meine, man muss sich allein ja nur mal \u00fcberlegen, wie vielen Arschl\u00f6chern man stets und st\u00e4ndig ausgesetzt ist! Da drau\u00dfen, willk\u00fcrlich in Beh\u00f6rden, an der Supermarktkasse (vor oder hinter dir, vielleicht auch gegen\u00fcber), im Stra\u00dfenverkehr auf zwei oder vier R\u00e4dern \u2013 manchmal auch ganz ohne! Banker, Alter: alles Arschl\u00f6cher! Oder im Job: Da wimmelt es von denen, komplett hierarchieunabh\u00e4ngig. Und das auf beiden Seiten des Tresens, des Telefons, des Schreibtisches. V\u00f6llig egal, wo: Wir sind von Arschl\u00f6chern umgeben. 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