{"id":6182,"date":"2016-09-14T23:25:47","date_gmt":"2016-09-14T21:25:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6182"},"modified":"2016-09-14T23:25:47","modified_gmt":"2016-09-14T21:25:47","slug":"konsum-ist-eine-maechtige-waffe-was-macht-sie-stumpf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6182","title":{"rendered":"Konsum ist eine m\u00e4chtige Waffe. Was macht sie stumpf?"},"content":{"rendered":"<p>Apple zahlt keine Steuern, Amazon sowieso nicht, und die Bayer-Monsanto-Fusion wird auch von vielen argw\u00f6hnische begutachtet. Transnationale Konzerne machen anscheinend, was sie wollen, und das Schlimme daran ist, dass die Politik ihnen keinen Einhalt gew\u00e4hrt, sondern oft genug noch dienstbar zur Seite steht. Sind wir also machtlos gegen derartige Machenschaften? Nein, denn wir haben eigentlich ein gutes Mittel, um Gro\u00dfunternehmen in ihre Schranken zu weisen, und das ist unser Konsum, auf den diese angewiesen sind. Soweit die Theorie &#8211; in der Praxis sieht das leider oft ganz anders aus &#8230;<\/p>\n<p>Gerade wenn man mal mit Menschen diskutiert, warum diese beispielsweise nach wie vor beispielsweise bei Amazon einkaufen und sich auch sonst wenig Gedanken dar\u00fcber machen, was sie wo erwerben, fallen einem so ein paar Muster auf, die dann immer wieder vorgebracht werden, um das eigene Konsumverhalten zu rechtfertigen oder zu erkl\u00e4ren:<\/p>\n<p><strong>Ignoranz<\/strong><\/p>\n<p>Vielen Konsumenten ist es schlichtweg egal, wie Unternehmen ticken, denen sie ihr sauer verdientes Geld in den Rachen schmei\u00dfen. Arbeitnehmerrechte werden missachtet? Es werden nur Hungerl\u00f6hne gezahlt? Menschenrechtliche Gesichtspunkte spielen in der Produktion keine Rolle, genauso wie auf den Umweltschutz einen feuchten Kehricht gegeben wird? Und Steuern werden auch gespart, wo es nur geht? Das spielt f\u00fcr viele Kunden \u00fcberhaupt keine Rolle, da sie sich mit derartigen Dingen \u00fcberhaupt nicht besch\u00e4ftigen (wollen). Klar, so was k\u00f6nnte einem ja auch den Spa\u00df am Einkaufserlebnis nehmen, also wird das schlichtweg ignoriert &#8211; es geht einen selbst ja nichts an.<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich viel zu kurzsichtig gedacht, denn \u00fcber nur wenige Ecken fallen solche Praktiken von Unternehmen, die man selbst mit seinem Einkauf unterst\u00fctzt, dann auch wieder auf einen selbst zur\u00fcck. Wenn keine Steuern gezahlt werden, dann verlottert halt in unserem Land die \u00f6ffentliche Infrastruktur immer weiter &#8211; und das betrifft nun eben jeden (\u00e4tzenderweise auch die Unternehmen selbst, die sich zwar nicht gern an Dingen f\u00fcr die Allgemeinheit beteiligen, diese aber schon gern nutzen, z. B. in Form von Stra\u00dfen f\u00fcr ihre Lkws).<\/p>\n<p>Aber f\u00fcr solche Zust\u00e4nde wird dann eben der Politik die Schuld in die Schuhe geschoben &#8211; teilweise ja durchaus zu Recht, denn dort werden schlie\u00dflich die Steuervermeidungsgesetze beschlossen. Aber wer hat diese oft genug den parlamentarischen Aussch\u00fcssen diktiert oder hat zumindest daran mitgeschrieben? Genau, die Gro\u00dfkonzerne, die man dann wiederum gro\u00dfz\u00fcgig sponsert.<\/p>\n<p>Und auch die unmittelbaren Nachteile, die der Einzelne hat, wenn er nur noch vor dem Rechner sitzt und bei Amazon und Co. einkauft, werden ausgeblendet. Klar, man muss den Hintern nicht mehr vom Sofa bewegen (und f\u00fcr fu\u00dfkranke oder gehbehinderte Menschen ist es ja auch durchaus gut, dass es solche Bestellm\u00f6glichkeiten gibt), aber daf\u00fcr entgehen einem eben auch soziale Kontakte, sei es auf dem Weg zum Einzelh\u00e4ndler um die Ecke, sei es dort selbst vor Ort, zumal wenn man dann irgendwann Stammkunde ist und die Gesch\u00e4ftsinhaber oder Verk\u00e4ufer auch ein bisschen pers\u00f6nlicher kennt.<\/p>\n<p><strong>Bequemlichkeit<\/strong><\/p>\n<p>Aber diese sozialen Vorteile werden von vielen eben gern auf dem Altar der Bequemlichkeit geopfert. Warum vor die T\u00fcr gehen, wenn ich etwas auch mit zwei, drei Klicks erledigen kann? Und\u00a0hinterher wird sich dann sch\u00f6n dar\u00fcber beklagt, dass die Menschen heute alle so vereinzelt vor sich hinleben &#8230;<\/p>\n<p>Dabei ist bei B\u00fcchern beispielsweise der \u00f6rtliche Buchhandel mindestens genauso schnell, wenn nicht sogar schneller als Amazon: Die kriegen jedes lieferbare Buch innerhalb von 24 Stunden ran, und wenn man den H\u00e4ndler kennt, dann kann man auch seine Sachen locker per Telefon bestellen und muss nicht zwei Mal losgehen.<\/p>\n<p>Aber dann ist da ja noch Service, der so super ist, da kann man alles ohne Probleme umtauschen. Klar, deshalb wird auch erst mal wie Teufel bestellt, um dann die H\u00e4lfte oder noch mehr wieder zur\u00fcckzuschicken &#8211; dass daf\u00fcr dann unterbezahlte Zusteller Extraschichten ackern m\u00fcssen, wird wieder ignoriert (das greift ja auch alles so sch\u00f6n ineinander).<\/p>\n<p>Letztendlich ist dieses Argument der Bequemlichkeit nichts anderes als gelebter Egoismus: Hauptsache ich krieg meinen Kram schnell und billig und mit wenig Aufwand ran, alles andere interessiert mich nicht. Dass es dabei oft um Kram geht (gerade wenn man Amazon betrachtet), der nicht lebensnotwendig dringend gebraucht wird, macht diese Haltung noch ein wenig absurder. Super, ich hab die DVD, die ich sowieso erst am Sonnabend schauen werde, schon am Mittwoch bekommen statt am Freitag &#8211; egoistische Bequemlichkeit wird quasi zum Selbstzweck.<\/p>\n<p><strong>Geiz ist geil &#8211; immer noch<\/strong><\/p>\n<p>Hand in Hand mit den Motiven der Bequemlichkeit geht dann auch das Argument, dass gro\u00dfe Anbieter halt billiger seien. Klar, das k\u00f6nnen die ja auch, denn wie oben schon beschrieben, zahlen die ja oft auch keine Steuern. Wenn beispielsweise Amazon Artikel zehn Prozent billiger anbietet als ein lokaler Einzelh\u00e4ndler, aber die Rechnung daf\u00fcr dann aus Luxemburg kommt, dann muss da auch so gut wie keine Mehrwertsteuer bezahlt werden &#8211; immerhin 19 Prozent. Da kann man dann auch gern mal gener\u00f6s die Sachen billiger raushauen, oder?<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich zahlen die Einzelh\u00e4ndler auch ihre Einkommensteuer und lassen u. U. ihre Angestellten nicht f\u00fcr einen Hungerlohn schuften. Tja, so was schl\u00e4gt sich eben im Preis dann schon ein wenig nieder. Der Pfennigfuchser freut sich, wenn er 3,50 Euro gespart hat, der Gro\u00dfkonzern auch &#8211; nur f\u00fcr die Allgemeinheit ist das\u00a0nicht so doll, da nicht nur Steuereinnahmen wegbleiben, sondern auch sozialversicherungspflichtige Arbeitspl\u00e4tze abgebaut werden. Aber so was kann man mit einer gen\u00fcgenden Portion Ignoranz (hatten wir oben ja schon) dann auch ausblenden &#8230;<\/p>\n<p>Das ist eben das Resultat, wenn jeder nur noch individuell sich selbst sieht und seine Mitmenschen nicht mehr als Teil einer Sozialgemeinschaft versteht (und das hat uns der Neoliberalismus ja auch seit ein paar Jahrzehnten immer wieder eingetrichtert): Schau auf Deinen eigenen Vorteil und schei\u00df auf die anderen, in diesem Fall die Volkswirtschaft. Doof nat\u00fcrlich, dass man selbst auch wieder ein Teil davon ist, aber so weit wird dann eben doch nicht mehr gedacht, wenn man erst mal im Schn\u00e4ppchenrausch ist.<\/p>\n<p><strong>Resignation<\/strong><\/p>\n<p>Und dann gibt es ja auch noch diejenigen, die sich schon bem\u00fchen, das Ganze zu durchschauen und die gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4nge im Blick zu behalten, von denen man dann aber immer \u00f6fter die Frage h\u00f6rt: Was soll man da als Einzelner schon machen?<\/p>\n<p>Klar, wenn man feststellt, dass nicht nur transnationale Konzerne einen sehr gro\u00dfen Einfluss auf die \u00f6ffentliche Meinung \u00fcber sehr gro\u00dfe PR-Abteilungen haben, dann auch noch Politiker nach deren Pfeife tanzen und im eigenen Bekanntenkreis viele nach den oben geschilderten Mustern reichlich unbewusst durch die Konsumwelt schlendern, dann f\u00fchlt man sich klein, einsam und machtlos &#8211; und das ist nun auch nicht ganz unnachvollziehbar.<\/p>\n<p>Dennoch: Bei wem, wenn nicht bei sich selbst, sollte man anfangen? Und jeder Einkauf bei einem lokalen kleinen oder mittelst\u00e4ndischen Anbieter, jedes nicht erworbene Schn\u00e4ppchen, bei dem man nach ein bisschen \u00dcberlegung drauf gekommen ist, dass man es eigentlich doch nicht braucht, jedes gekaufte Produkt, was nicht von Nestl\u00e9, Unilever und \u00e4hnlichen fiesen Unternehmen produziert wurde, ist ein gestreckter Mittelfinger in Richtung der Konzerne, die unsere Welt mit voller Absicht aus Profitgier tagt\u00e4glich ein St\u00fcckchen schlechter machen, ein Statement, dass man sich nicht zum dumpfen Konsumzombie degradieren lassen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Dabei ist Dogmatismus bestimmt nicht zielf\u00fchrend,\u00a0denn Konzernstrukturen sind heute so komplex, dass man oft gar nicht auf den ersten (oder auch zweiten) Blick erkennen kann, was man da eigentlich gerade von wem gekauft hat. Und nat\u00fcrlich gibt es auch leider immer mehr Menschen in Deutschland, die so wenig Geld haben, dass f\u00fcr sie eigentlich immer nur die billigste Variante infrage kommt. Das ist ein Problemfeld f\u00fcr sich, und in materiellen Notlagen habe die meisten auch nur wenig Kapazit\u00e4ten, sich um derartige gr\u00f6\u00dfere Zusammenh\u00e4nge zu k\u00fcmmern (so nach der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Maslowsche_Bed\u00fcrfnishierarchie\" target=\"_blank\">maslowschen Bed\u00fcrfnispyramide<\/a>).<\/p>\n<p>Doch gerade bei nicht existenziell wichtigen Sachen kann unser aller Konsumverhalten eine m\u00e4chtige Waffe gegen Zust\u00e4nde sein, die wir nicht billigen.\u00a0Insofern sollten wir uns nicht selbst von den oben geschilderten Untugenden \u00fcbert\u00f6lpeln lassen, die uns letztendlich nur unserer M\u00fcndigkeit berauben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Apple zahlt keine Steuern, Amazon sowieso nicht, und die Bayer-Monsanto-Fusion wird auch von vielen argw\u00f6hnische begutachtet. 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