{"id":6380,"date":"2016-10-28T15:05:39","date_gmt":"2016-10-28T13:05:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6380"},"modified":"2016-10-28T15:05:39","modified_gmt":"2016-10-28T13:05:39","slug":"dogmatismus-als-ausrede-fuer-inaktivitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6380","title":{"rendered":"Dogmatismus als Ausrede f\u00fcr Inaktivit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>In letzter Zeit ist mir ein Ph\u00e4nomen vermehrt aufgefallen: Ich diskutiere oder unterhalte mich mit anderen Menschen \u00fcber Dinge, die heutzutage schieflaufen, und da gibt es ja nun wahrlich gen\u00fcgend Themen: Klimawandel, Steuervermeidung, Umweltzerst\u00f6rung und Fluchtursachen sind da beispielsweise\u00a0h\u00e4ufig im Gespr\u00e4ch.\u00a0Irgendwann kommt man dann auch zu der Frage, was man denn selbst so alles machen k\u00f6nnte, um derartig beklagenswerte Zust\u00e4nde zu \u00e4ndern, und da erlebe ich dann oftmals eine ziemlich starke Passivit\u00e4t und Inaktivit\u00e4t, die vor allem mit\u00a0dogmatischen Begr\u00fcndungen legitimiert wird.<\/p>\n<p>Dabei gibt es mehrere unterschiedliche Arten bzw. Sichtweisen von Dogmatismus:<\/p>\n<p><strong>Wenn&#8217;s nur ein Einzelner macht &#8211; was bringt es dann?<\/strong><\/p>\n<p>Hierbei wird auf die Hilflosigkeit, die man als Einzelner empfindet, abgestellt, sodass eine Verhaltens\u00e4nderung als zwecklos begr\u00fcndet werden kann. Nestl\u00e9, Amazon, IKEA und andere fiese Gro\u00dfunternehmen wird es schon nicht jucken, wenn ich allein nichts mehr von denen kaufe &#8211; dann kann ich mir einen Boykott auch gleich sparen.<\/p>\n<p>Dabei wird \u00fcbersehen, dass auch die enormen Ums\u00e4tze und Gewinne dieser Konzerne von lauter Einzelk\u00e4ufern erzeugt werden &#8211; und der Profit ist nun mal das Einzige, womit ich als privater Konsument \u00fcberhaupt Firmen mit einem von mir als mies wahrgenommenen Gesch\u00e4ftsgebaren treffen kann. Wenn hier erst nur wenige, dann allerdings immer mehr mitmachen, weil man selbst eben durch seine Haltung auch ein Beispiel geben kann, dann wird das fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zu Umsatzeinbu\u00dfen f\u00fchren. Nat\u00fcrlich werden nie alle einen bestimmten Konzern boykottieren (und viele sind so ehrlich, da zumindest Bequemlichkeit und Ignoranz als Gr\u00fcnde einzur\u00e4umen), aber das ist auch gar nicht notwendig, um Wirkung\u00a0zu erzielen: Wer schon 10 oder 20 Prozent Umsatzeinbu\u00dfen hat, bei dem brennt sp\u00e4testens auf der n\u00e4chsten Aktion\u00e4rsversammlung der Busch!<\/p>\n<p>Und was noch dazukommt: Jeden Einkauf, den ich nicht bei einem \u00fcblen Unternehmen mache, t\u00e4tige ich dann bei einem besseren (oder zumindest weniger \u00fcblen), sodass ich auch die Konkurrenz st\u00e4rke und andere Firmen quasi daf\u00fcr belohne, die eben bessere Arbeitsbedingungen, eine weniger umweltsch\u00e4dliche Produktion oder eine anst\u00e4ndigere Steuerzahlungsmoral vorweisen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Wenn man das eine macht, muss man auch das andere machen.<\/strong><\/p>\n<p>Eine andere Form des Dogmatismus zielt nicht auf die Masse der Konsumenten, sondern auf das Verhalten jedes Einzelnen ab, und dies wird h\u00e4ufig benutzt, um korrektes Verhalten von anderen zu diskreditieren\u00a0(sodass man selbst auch erst mal gar nicht mit so was anfangen muss). Ein Beispiel: Jemand erz\u00e4hlt, dass er keine Flugreisen mehr macht, da er seinen CO2-Fu\u00dfabdruck nicht mehr auf diese Weise so massiv vergr\u00f6\u00dfern m\u00f6chte. Daraufhin bekommt er nun zu h\u00f6ren, dass er dann ja auch sein Auto gef\u00e4lligst abschaffen sollte.\u00a0Der Pkw st\u00f6\u00dft zwar auch CO2 aus, aber dennoch hat das eine ja nicht zwangsl\u00e4ufig etwas mit dem anderen zu tun. Dennoch wird hier eine Ganz-oder-gar-nicht-Haltung erwartet, die im Grunde ohnehin kaum jemand erf\u00fcllen kann. Aber das ist ja auch gut so, denn auf diese Weise kann man selbst ja sch\u00f6n so weitermachen wie bisher, da man ja eh nicht alles an sch\u00e4dlichen Verhaltensweisen abstellen kann &#8230;<\/p>\n<p>Auch hier dient der eingeforderte Dogmatismus nur als Ausrede &#8211; und ist zudem wenig zielf\u00fchrend. Was spricht dagegen, in kleinen Schritten Dinge zu \u00e4ndern, um nachhaltiger, weniger umweltzerst\u00f6rend und nicht so sehr auf Kosten von anderen Menschen zu leben? Alles kann sowieso keiner\u00a0\u201erichtig\u201c machen, aber derjenige, der bei der H\u00e4lfte seiner Konsumentscheidungen bewusst versucht, auf Sozial- und Umweltvertr\u00e4glichkeit zu achten, richtet ja auch schon mal weniger Schaden an, als wenn er einfach gedankenlos drauflos konsumieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wer zum Beispiel nicht komplett auf Fleisch verzichten m\u00f6chte, aber schon die Problematik erkennt, die mit immer h\u00f6herem Fleischkonsum einhergeht (Massentierhaltung, Hunger in anderen L\u00e4ndern, Klimasch\u00e4dlichkeit), und seinen Fleischkonsum daher reduziert, ist auch als Nichtvegetarier auf einem guten Weg.<\/p>\n<p><strong>Das System muss sich \u00e4ndern!<\/strong><\/p>\n<p>Es stimmt nat\u00fcrlich schon, dass unser kapitalistisches Wirtschaftssystem (zumal in seiner neoliberal-marktraidkalen Auspr\u00e4gung der letzten Jahrzehnte) ausgesprochen destruktiv ist, indem es Mensch und Umwelt recht r\u00fccksichtslos ausbeutet. Und nat\u00fcrlich ist es auch wichtig, Systemkritik zu \u00fcben und systemische Ursachen f\u00fcr Missst\u00e4nde zu erkennen und aufzuzeigen. Aber dabei sollte man dann nicht stehen bleiben, und genau das machen eben nicht wenige.<\/p>\n<p>Weil das System so schei\u00dfe ist, kann ich selbst, solange ich mich innerhalb dieses Systems bewege, ohnehin nichts \u00e4ndern &#8211; also mach ich so weiter wie bisher. Das\u00a0Problem dabei: Wenn alle einfach so weitermachen, dann \u00e4ndert sich ja auch nichts am System, so was passiert n\u00e4mlich selten einfach so auf Knopfdruck. Und zudem kann man auch zusehen, einem System, was man selbst ablehnt, einen besseren Anstrich zu verpassen, indem man im Kleinen eben so handelt, wie man es selbst f\u00fcr ethisch vertretbar h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Eine etwas abgewandelte Form dieses Ausrede-Dogmatismus ist die Aussage:\u00a0\u201eDa muss die Politik was machen!\u201c Klar l\u00e4uft in der Politik etliches verkehrt und k\u00f6nnte verbessert werden, aber dennoch sind Politiker ja nicht f\u00fcr jeden Kram verantwortlich, den ich selbst machen.\u00a0Forderungen nach einer anderen Politik zu stellen schlie\u00dft also nicht aus, in seinem eigenen Leben schon mal diesen Forderungen entsprechen zu agieren. Aber das ist nat\u00fcrlich u. U. etwas unbequemer als einfach nur der Appell an\u00a0\u201edie da oben\u201c und deswegen nicht so weit verbreitet &#8230;<\/p>\n<p><strong>Hilfe bei der \u00dcberbr\u00fcckung der kognitiven Dissonanz<\/strong><\/p>\n<p>Unter einer kognitiven Dissonanz wird verstanden, wenn jemand wei\u00df, dass etwas schlecht ist, aber dennoch im Sinne dieses Schlechten handelt. Und um genau so ein Handeln vor sich selbst zu legitimieren und damit die unangenehme kognitive Dissonanz zu \u00fcberbr\u00fccken, sind die hier geschilderten Formen des Dogmatismus super geeignet. Man w\u00fcrde ja gern, aber es hat ja eh keinen Zweck &#8230;<\/p>\n<p>Dabei haben gerade wir doch die besten Voraussetzungen, Dinge zu ver\u00e4ndern, da wir wenig existenzielle N\u00f6te und viele Wahlm\u00f6glichkeiten in unserem allt\u00e4glichen Leben haben. Klar, es leben immer mehr Menschen am und unterm Existenzminimum in Deutschland, und die m\u00f6chte ich hier auch explizit au\u00dfen vor lassen. Aber es gibt nach wie vor gen\u00fcgend Menschen in unserem Land, die Dinge einfach mal \u00e4ndern k\u00f6nnten in ihren t\u00e4glichen Verrichtungen und in ihrem Konsumverhalten. Das bringt\u00a0nat\u00fcrlich durchaus mal Unbequemlichkeiten oder Einschr\u00e4nkungen mit sich, aber diese sollten in einem gewissen Ma\u00dfe schon tragbar sein. Die Alternative ist n\u00e4mlich, dass wir einfach so weitermachen, uns auf die beschriebene Art und Weise selbst bel\u00fcgen und aus der Verantwortung rausreden &#8211; und dann durch unseren Lebensstil die Einschr\u00e4nkungen, zu denen wir selbst nicht bereit sind, outsourcen an richtig arme Menschen, bei denen weitere Einschr\u00e4nkungen gleich ans Existenzielle gehen. Aber die sind ja auch meistens sch\u00f6n weit weg, sodass man das hier nicht so unmittelbar mitbekommt &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In letzter Zeit ist mir ein Ph\u00e4nomen vermehrt aufgefallen: Ich diskutiere oder unterhalte mich mit anderen Menschen \u00fcber Dinge, die heutzutage schieflaufen, und da gibt es ja nun wahrlich gen\u00fcgend Themen: Klimawandel, Steuervermeidung, Umweltzerst\u00f6rung und Fluchtursachen sind da beispielsweise h\u00e4ufig im Gespr\u00e4ch. Irgendwann kommt man dann auch zu der Frage, was man denn selbst so alles machen k\u00f6nnte, um derartig beklagenswerte Zust\u00e4nde zu \u00e4ndern, und da erlebe ich dann oftmals eine ziemlich starke Passivit\u00e4t und Inaktivit\u00e4t, die vor allem mit dogmatischen Begr\u00fcndungen legitimiert wird.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[52],"tags":[159,155],"class_list":["post-6380","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-soziales","tag-eigeninitiative","tag-konsumverhalten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6380","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6380"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6380\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6490,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6380\/revisions\/6490"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6380"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6380"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6380"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}