{"id":6603,"date":"2016-11-16T11:51:54","date_gmt":"2016-11-16T10:51:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6603"},"modified":"2016-11-16T14:06:08","modified_gmt":"2016-11-16T13:06:08","slug":"zeitgeistphaenomen-eventisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6603","title":{"rendered":"Zeitgeistph\u00e4nomen Eventisierung"},"content":{"rendered":"<p>Ein weiteres Zeitgeistph\u00e4nomen, was in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat, ist die Eventisierung. Was meine ich damit genau? Zum einen, dass viele Dinge mittlerweile zu Events aufgeblasen werden, die vorher einfach irgendwie selbstverst\u00e4ndlich waren. Und zum anderen, dass viele Menschen auch immer mehr an Events teilnehmen wollen. Klingt jetzt erst mal nicht weiter schlimm, hat jedoch einige nicht ganz so sch\u00f6ne Aus- und Nebenwirkungen bez\u00fcglich unseres Zusammenlebens &#8230;<\/p>\n<p>Gerade vorgestern hatten wir ja wieder so ein Event, das durch alle Medien ging: der Supermond. Da ist der Mond mal ein bisschen dichter dran an der Erde und wirkt dadurch recht gro\u00df, und schon bestimmt das Thema\u00a0die \u00d6ffentlichkeit. Nun spricht ja nichts dagegen, sich an diesem Naturschauspiel zu erfreuen, und sich dar\u00fcber mit anderen auszutauschen ist auch eine harmlose Sache, nur ist dies eben recht bezeichnend daf\u00fcr, dass mittlerweile fast alles zu\u00a0einem Event\u00a0hochgejubelt wird.<\/p>\n<p>In Hamburg-St. Pauli, wo ich seit 16 Jahren wohne, kann ich diese Entwicklung sehr deutlich beobachten, denn auch hier finden mittlerweile andauernd immer neue Events statt, und Events, die es schon l\u00e4nger gibt, werden immer gr\u00f6\u00dfer. Dabei werden Sportveranstaltungen genauso eventisiert wie beispielsweise das Eintreffen von Kreuzfahrtschiffen oder der Schlagerwettbewerb Grand Prix D&#8217;Eurovision, den vor gut zehn Jahren diejenigen, die das interessiert hat, vornehmlich bei sich zu Hause mit ein paar Freunden geschaut haben. Und die Medien ziehen nat\u00fcrlich voll mit und preisen jedes Ereignis gro\u00dfspurig an.<\/p>\n<p>Nun spricht ja generell nichts dagegen, \u00f6ffentliche (Gro\u00df-)Veranstaltungen zu besuchen, allerdings scheint mittlerweile der Event-Charakter oftmals den eigentlichen Inhalt zu \u00fcberlagern. Gut beobachten l\u00e4sst sich dies bei Konzerten: Da gibt es regelm\u00e4\u00dfige Runs auf die Auftritte von abgehalfterten Altstars, die seit Jahren (oder sogar Jahrzehnten) nichts Neues mehr gemacht haben, deren Gastspiele allerdings auch auf allen Kan\u00e4len angek\u00fcndigt werden, sodass der Eindruck erweckt wird, man m\u00fcsste dieses Spektakel unbedingt besuchen. Nat\u00fcrlich haben auch solche Musiker noch treue Fans, allerdings d\u00fcrfte der Gro\u00dfteil der Besucher vor allem dort sein, um am n\u00e4chsten Tag vom Event zu berichten, \u00a0das man gr\u00f6\u00dftenteils\u00a0damit verbracht hat, mit seinem Smartphone Bilder und Aufnahmen herzustellen, die man dann sp\u00e4ter anderen zeigen kann.<\/p>\n<p>Das ist n\u00e4mlich auch\u00a0ein Aspekt, der das Event von einer Veranstaltung unterscheidet: Beim Event geht es darum, dabei zu sein und dies hinterher auch kommunizieren zu k\u00f6nnen. Durch die sozialen Medien sind wir daran nun auch schon reichlich gew\u00f6hnt, wenn uns andere Menschen mitteilen (m\u00f6glichst noch mit Foto), wo sie gerade was essen. Es geht also weniger um das Geschehen an sich als um das Gruppengef\u00fchl durch die Teilnahme daran.<\/p>\n<p>So werden dann mittlerweile auch politische Entscheidungen eventisiert, wie wir gerade bei den Wahlen zum US-Pr\u00e4sidenten beobachten konnten. Vorher interessierte sich kaum einer f\u00fcr die Standpunkte von Clinton und Trump oder gar f\u00fcr die Hintergr\u00fcnde, warum so ein Ph\u00e4nomen wie Trump \u00fcberhaupt entstehen konnte, aber w\u00e4hrend und nach der Wahl wurde man dann von Statements von allem und jedem zum Ausgang quasi \u00fcbersch\u00fcttet. Eine inhaltliche Auseinandersetzung, die \u00fcber ein kurzes negatives oder positives Statement hinausging, fand bei vielen dennoch nicht statt.<\/p>\n<p>Diese Eventisierung ist nat\u00fcrlich nicht einfach vom Himmel gefallen, sondern es gibt schon Nutznie\u00dfer davon, und diese sind mal wieder in Wirtschaft und Politik zu finden.<\/p>\n<p>1. Events sind ein zunehmend wichtiger Konsumfaktor. Viele Menschen haben schon mehr als genug Zeug, man kann ihnen nicht unbegrenzt Dinge verkaufen. Also m\u00fcssen, getreu unserem Wachstumsdogma, neue M\u00f6glichkeiten gefunden werden, um zum Konsum zu animieren: eben Events. Wer zu Hause mit ein paar Freunden zusammensitzt und sich unterh\u00e4lt, Musik h\u00f6rt oder auch ein Glas Wein trinkt, der konsumiert nicht ansatzweise so viel wie derjenige, der ein oftmals kostenpflichtiges Event besucht und dort Getr\u00e4nke, Speisen, Souvenirs usw. konsumiert. In den n\u00e4chsten Wochen werden wir diesen Effekt verst\u00e4rkt beobachten k\u00f6nnen, da die Weihnachtsm\u00e4rkte wieder ge\u00f6ffnet sein werden, die ja inzwischen auch eine massive Eventisierung erfahren haben: Es geh\u00f6rt f\u00fcr viele zum guten Ton, quasi t\u00e4glich auf einen Weihnachtsmarkt zu gehen und nicht wie noch vor einigen Jahren gezielt ein paar wenige in der Vorweihnachtszeit zu besuchen.<\/p>\n<p>Und dass das Rundum-versorgt-Konsumpaket der Kreuzfahrtreisen, das von vielen Teilnehmern auch in starkem Ma\u00dfe als Gruppen-Event wahrgenommen wird, eine der am st\u00e4rksten wachsenden Sparten der Tourismusbranche ist, passt da auch recht gut ins Bild.<\/p>\n<p>2. Eventisierung ersetzet\/erg\u00e4nzt Werbung.\u00a0Je mehr Menschen an einer Sache teilnehmen und dies auch best\u00e4ndig anderen mitteilen, desto weniger Werbung muss bei gleichzeitig steigendem Bekanntheitsgrad geschaltet werden. Ein Beispiel aus den letzten Monate: Pokemon Go. Ein paar Wochen lang drehen alle durch deswegen, dann ist das Thema durch und abgehakt, da ja auch der gro\u00dfe Reibach schon gemacht wurde.<\/p>\n<p>3. Und dann w\u00e4re da noch der \u201eBrot und Spiele\u201c-Effekt: Die Menschen werden mit immer mehr Events abgelenkt und unterhalten, sodass sie nicht auf die Idee kommen, sich mit f\u00fcr sie und ihr Leben tats\u00e4chlich relevanten Dingen zu besch\u00e4ftigen. Es spricht ja nat\u00fcrlich nichts gegen zeitweilige Zerstreuung, nur nehmen Events mittlerweile durch die Event-Dichte einen sehr gro\u00dfen Raum ein. Gerade auch in der medialen Berichterstattung finden sich eventisierte Sendeformate und gro\u00dfe Sport-Events immer h\u00e4ufiger auf der Titelseite, und dieser Ablenkungseffekt wird ja auch immer offensichtlicher genutzt, wie man zum Beispiel an unpopul\u00e4ren\u00a0politischen Entscheidungen sehen kann, die w\u00e4hrend einer Fu\u00dfball-WM\/-EM gef\u00e4llt werden, da das dann kaum jemand mitbekommt.<\/p>\n<p>Dazu kommt dann noch der oben bereits beschriebene Aspekt, dass die Eventisierung Inhalte verflachen l\u00e4sst. So kommt man als Politiker auch nicht so h\u00e4ufig in die Verlegenheit, Entscheidungen auch dem Wahlvolk erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen, da sich dieses eben gar nicht so recht daf\u00fcr interessiert.<\/p>\n<p>Die Eventisierung ist also nicht ganz so harmlos, wie sie auf den ersten Blick scheint, und man sollte sich gut \u00fcberlegen, wie weit man sich davon selbst vereinnahmen l\u00e4sst oder ob es nicht sinnvoller sein kann, sich \u00f6fter mal ganz bewusst davon abzugrenzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein weiteres Zeitgeistph\u00e4nomen, was in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat, ist die Eventisierung. Was meine ich damit genau? Zum einen, dass viele Dinge mittlerweile zu Events aufgeblasen werden, die vorher einfach irgendwie selbstverst\u00e4ndlich waren. Und zum anderen, dass viele Menschen auch immer mehr an Events teilnehmen wollen. 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