{"id":6683,"date":"2016-12-23T15:47:15","date_gmt":"2016-12-23T14:47:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6683"},"modified":"2019-06-15T13:40:32","modified_gmt":"2019-06-15T11:40:32","slug":"zeitgeistphaenomen-othering","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6683","title":{"rendered":"Zeitgeistph\u00e4nomen Othering"},"content":{"rendered":"<p>In einem interessanten <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2016\/november\/\u00bblasst-sie-doch-absaufen\u00ab\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel von Naomi Klein<\/a> in den <em>Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/em> (leider nur gegen Bezahlung lesbar) stie\u00df ich auf das mir bisher so nicht bekannte Ph\u00e4nomen des Othering. Na ja, bekannt waren mir dessen Auspr\u00e4gungen so schon, aber eben nicht dieser Begriff, der wirklich sehr pr\u00e4gend f\u00fcr unsere heutige Zeit und vor allem f\u00fcr unser Selbstverst\u00e4ndnis als Bewohner eines westlichen Industrielandes, womit wir nach wie vor zu den globalen Gewinnern geh\u00f6ren, ist.<\/p>\n<p>Was wird unter Othering verstanden? Es geht dabei darum, dass man bestimmte Menschen als\u00a0\u201eandere\u201c definiert, sodass man zu diesen eine gewisse Distanz aufbauen kann und sie nicht als vollwertige Menschen ansieht. Klingt erst mal hart und nach \u00fcblem Rassismus (was auch eine extreme Auspr\u00e4gung des Othering ist), wird aber von uns alle tagt\u00e4glich praktiziert.<\/p>\n<p>Das ist nun auch nichts ganz Neues oder nur f\u00fcr unsere Zeit spezifisches, denn schon die archaischen Urmenschen haben im Endeffekt Othering praktiziert: Da kommt eine fremde Horde daher, die k\u00f6nnten uns das Essen streitig machen &#8211; also hin und auf die Fresse! Das ist nun zwar etwas vereinfachend dargestellt, aber ich denke, es ist klar, worum es geht. Und auch der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Othering\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Wikipedia<\/em>-Artikel zu Othering<\/a>\u00a0zeigt auf, dass dieses Konzept beispielsweise in Philosophie und Sozialwissenschaften schon l\u00e4nger thematisiert wird.<\/p>\n<p><strong>Feindbilder<\/strong><\/p>\n<p>Das ist die eine Dimension des Othering: Es dient dazu, Feindbilder zu erschaffen.\u00a0Schon die antiken R\u00f6mer kannten das Prinzip \u201eTeile und herrsche\u201c, das sich auch des Othering bedient, indem einer Gruppe von Menschen suggeriert wird, dass eine andere Gruppe ihnen schaden will. Heute dient in Deutschland vor allem der Patriotismus dazu, ein \u201eWir\u201c zu schaffen, was sich dann gegen andere abgrenzen kann &#8211; nicht nur gegen Nicht-Deutsche, sondern auch gegen Nicht-Patrioten.<\/p>\n<p>Jede kriegerische Handlung basiert zudem auch auf Othering, indem der Gegner ein St\u00fcck weit entmenschlicht wird, sodass es schon irgendwie legitim ist, diesen zu t\u00f6ten. Schlie\u00dflich l\u00e4uft es ja dem menschlichen Wesen (bei gesunder psychischer Verfassung) entgegen, einfach so Menschen zu attackieren und sogar umzubringen, die man nicht mal ansatzweise pers\u00f6nlich kennt.<\/p>\n<p>Insofern also schon ein St\u00fcck weit ein alter Hut, denn auch heute geht es immer wieder um\u00a0\u201ewir\u201c und \u201edie anderen\u201c, nur\u00a0werden in einer globalisierten Welt zunehmend krude Differenzierungsmerkmale herangezogen wie \u201edie Moslems\u201c (oder auch \u201eder Islam\u201c), bei dem dann alle 1,6 Milliarden Mitglieder einer Weltreligion in einen Topf geschmissen werde, oder \u201edie Afrikaner\u201c, was dann alle Menschen eines Kontinents umfasst, der so viel gr\u00f6\u00dfer ist als \u201eunser\u201c Europa, dass wir ja immerhin doch noch halbwegs differenziert zu betrachten in der Lage sind.<\/p>\n<p>So wird tendiert das durch Othering erzeugte Feindbild mittlerweile immer \u00f6fter dazu, direkt in rassistisches Denken \u00fcberzugehen, da es eben nicht mehr um eine konkrete und fassbare Gruppe mit einigerma\u00dfen homogenen Merkmalen geht, die ausgegrenzt werden soll, sondern um nicht unerhebliche Teile der Weltbev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt dann auch zu einer weiteren Dimension von Othering:<\/p>\n<p><strong>Ignoranz<\/strong><\/p>\n<p>Dass unser Lebensstil ausgesprochen destruktiv ist und nur zulasten von Menschen vor allem im globalem S\u00fcden \u00fcberhaupt aufrechterhalten werden kann, hab ich ja bereits \u00f6fter schon mal hier auf\u00a0<em>unterstr\u00f6mt<\/em> thematisiert (zum Beispiel <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=5625\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=4082\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>). Dies funktioniert so allerdings nur, weil auch hier Othering-Mechanismen greifen: Wir sehen uns selbst als relevant an, die Menschen allerdings, denen wir das Leben zur H\u00f6lle machen durch unseren Konsum, blenden wir aus, was nur funktioniert, da wir sie als\u00a0\u201eandere\u201c sehen. Klingt absurd? Kann man sich aber recht einfach verdeutlichen:<\/p>\n<p>Wenn beispielsweise irgendwo eine Naturkatastrophe geschieht\u00a0und uns erschreckende Bilder davon \u00fcber die Medien erreichen, dann zeigen viele Menschen Empathie und die Bereitschaft, etwas zu spenden. Wir sehen in dem Moment diese Menschen dort real mit unseren Augen (wenn auch in der Regel nur \u00fcber Bildschirme), sodass sie aus ihre Entmenschlichung heraustreten.<\/p>\n<p>Die Menschen allerdings, die f\u00fcr unseren t\u00e4glichen Konsum unter erb\u00e4rmlichsten Bedingungen (teilweise als Sklaven) schuften m\u00fcssen und deren L\u00e4nder durch den Klimawandel zerst\u00f6rt werden, den vor allem unser Lebensstil mit seinem hohen Ressourcenverbrauch vorantreibt, blenden wir aus &#8211; das sind dann nur irgendwelche\u00a0\u201eanderen\u201c. Und das hat wenig mit Nichtwissen zu tun, denn auch \u00fcber diese Zust\u00e4nden kann man sich informieren. Allerdings tangiert dieses Wissen unsere eigene Komfortzone, sodass uns das Othering hier ganz gelegen kommt. Wer m\u00f6chte schon auf sein Smartphone, seine sch\u00f6nen Billigklamotten, seine Schokolade, seine Flugreisen, sein Auto oder sein Plantagengem\u00fcse verzichten?<\/p>\n<p>W\u00fcrden wir die Menschen, die unter unserem Lebensstil zu leiden haben (s. dazu <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2016\/november\/\u00bbweil-wir-es-uns-leisten-koennen\u00ab\">hier<\/a>), deren L\u00e4nder wir ausbeuten (s. dazu <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35908#more-35908\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>) oder die unseren gro\u00dfen Anteil am Klimawandel ausbaden m\u00fcssen (s. dazu <a href=\"http:\/\/gfx.sueddeutsche.de\/wissen\/2015-11-27_Marshallinseln\/chapter01.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>), als uns gleichwertig ansehen w\u00fcrden, dann w\u00e4re die kognitive Dissonanz, die daraus resultiert, wohl kaum auszuhalten. Um diese also irgendwie zu \u00fcberbr\u00fccken nutzen wir das Othering &#8211; und k\u00f6nnen so sch\u00f6n die destruktiven Konsequenzen unseres eigenen Tuns ausblenden, wenn diese nur weit genug weg von uns auftreten.<\/p>\n<p><strong>Auswirkungen<\/strong><\/p>\n<p>Dies bleibt nat\u00fcrlich nicht ganz folgenlos, und den \u00dcbergang vom Othering zum Rassismus habe ich ja oben schon dargestellt. Dar\u00fcber hinaus f\u00fchrt es allerdings auch zu einer allgemein gesteigerten Empathielosigkeit und Verrohung: Je umfassender man sich des Othering bedient, desto weniger Mitgef\u00fchl entwickelt man f\u00fcr andere Menschen, da irgendwann\u00a0reflexhaft alles au\u00dferhalb der eigenen Privatsph\u00e4re als\u00a0\u201eanders\u201c klassifiziert wird. Und genau dies k\u00f6nnen wir ja zurzeit tagt\u00e4glich in immer gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe erleben &#8230;<\/p>\n<p>Othering f\u00fchrt n\u00e4mlich m. E. auch zu einer Gew\u00f6hnung an Unrecht und Leid, solange dieses nicht einem selbst, sondern nur anderen passiert. Wer regt sich noch \u00fcber die in St\u00e4dten allgegenw\u00e4rtigen Flaschensammler auf, die uns ja nun wirklich andauernd leibhaftig vor Augen sind? Wer echauffiert sich \u00fcber immer mehr Menschen, die ihre Nahrung \u00fcber die Tafeln beziehen? Wer interessiert sich f\u00fcr die zunehmende Zahl von Obdachlosen? Alles \u201eandere\u201c, und wir sind froh, nicht dazuzugeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Dass ich dies nun gerade kurz vor Weihnachten schreibe, ist eigentlich nur\u00a0Zufall (da der Ausl\u00f6ser, wie geschrieben, ein Artikel war, den ich vor Kurzem las), allerdings passt das ja auch wiederum ganz gut dazu: Schlie\u00dflich gilt Weihnachten ja immer noch als Fest der N\u00e4chstenliebe (auch wenn das unter dem ganzen Kommerzrummel mehr und mehr verschwindet), und vielleicht hat der eine oder andere von Euch \u00fcber die Feiertage mal die Mu\u00dfe, sich zu \u00fcberlegen, in welcher Form er selbst dem Othering fr\u00f6nt. Sich dessen bewusst zu werden ist n\u00e4mlich der erste Schritt, um diesem destruktiven Ph\u00e4nomen entgegentreten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem interessanten Artikel von Naomi Klein in den Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik stie\u00df ich auf das mir bisher so nicht bekannte Ph\u00e4nomen des Othering. Na ja, bekannt waren mir dessen Auspr\u00e4gungen so schon, aber eben nicht dieser Begriff, der wirklich sehr pr\u00e4gend f\u00fcr unsere heutige Zeit und vor allem f\u00fcr unser Selbstverst\u00e4ndnis als Bewohner eines westlichen Industrielandes, womit wir nach wie vor zu den globalen Gewinnern geh\u00f6ren, ist.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[52],"tags":[70,261],"class_list":["post-6683","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-soziales","tag-zeitgeist","tag-zeitgeistphaenomene"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6683","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6683"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6683\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15261,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6683\/revisions\/15261"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6683"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6683"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6683"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}