{"id":6915,"date":"2017-01-07T12:23:45","date_gmt":"2017-01-07T11:23:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6915"},"modified":"2017-01-07T12:23:45","modified_gmt":"2017-01-07T11:23:45","slug":"herr-w-ein-rentner-aus-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6915","title":{"rendered":"Herr W. &#8211; ein Rentner aus Deutschland"},"content":{"rendered":"<p><em>Eine Miniatur-Utopie<\/em><\/p>\n<p>Herr W. fand, dass er es sich verdient hatte. Emsig war er gewesen, hatte f\u00fcr verschiedene Firmen sein Bestes gegeben. Dass das nicht immer unbedingt auch das Beste f\u00fcr diese Firmen war &#8211; nun, so was passiert halt.\u00a0Immerhin wurde Herr W. ja auch f\u00fcrstlich genug entlohnt, was f\u00fcr ihn eine Rechtfertigung darstellte, dann doch irgendwie einen guten Job gemacht zu haben. Nun gut, wenn man erst einmal die Karriereleiter weit genug nach oben gefallen ist, sind die Arbeitsvertr\u00e4ge nicht ganz so gestaltet sind wie bei normalen Angestellten. Man ist eben\u00a0\u201eunter sich\u201c mit \u00e4hnlich gestellten Kollegen, sodass diese Vertr\u00e4ge recht angenehm gestaltet werden (im gegenseitigen Einvernehmen). Aber das ist ja nun auch keine Besonderheit und nichts, was sich Herr W. im Speziellen anlasten lassen m\u00fcsste. Also: Herr W. war sehr zufrieden und freute sich auf seinen gro\u00dfz\u00fcgig verg\u00fcteten Ruhestand.<\/p>\n<p>Gut 3000 Euro sind es, die Herr W. nun zur Verf\u00fcgung hatte &#8211; Tag f\u00fcr Tag. Die wollen nat\u00fcrlich auch schon irgendwie unter die Leute gebracht werden, denn auf der hohe Kante (seine Kinder sollten ja schlie\u00dflich auch mal sch\u00f6n was zu erben haben) hatte er durch seine hohen Geh\u00e4lter und Bonuszahlungen ja schon mehr als genug, dar\u00fcber musste er sich also keine Gedanken mehr machen.<\/p>\n<p>Also machte sich Herr W. am ersten Tage seines Rentnerdaseins morgens auf den Weg zum B\u00e4cker, um dort frische Br\u00f6tchen zu holen und mit seiner Frau diesen Tag in ad\u00e4quat angenehmer Manier zu starten. Wie duftete es herrlich, als er die Backstube betrat &#8211; er stellte fest, dass er durchaus einen angenehm guten Appetit versp\u00fcrte. Er nutzte die Zeit, in der zwei Kunden vor ihm bedient wurden, um sich schon einmal in der Auslage zu vergewissern, welche der angebotenen Teigwaren seinem Gusto am meisten entspr\u00e4chen.<\/p>\n<p>Als er dann an der Reihe war, verwandelte sich das Gesicht der eben noch freundlichen B\u00e4ckereifachverk\u00e4uferin in eine gefrorene Maske der Unbill. Statt eines erbaulichen\u00a0\u201eGuten Morgen, was kann ich f\u00fcr Sie tun?\u201c bekam er nur ein geknurrtes\u00a0\u201eGehen Sie wieder, Sie bekommen hier nichts!\u201c zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>\u201eGute Frau &#8230;\u201c, setzte Herr W. an, doch die Angesprochene fuhr im unwirsch ins Wort:<\/p>\n<p>\u201eHab ich mich nicht deutlich ausgedr\u00fcckt? Sehen Sie zu, dass Sie hier rauskommen!\u201c<\/p>\n<p>Etwas irritiert blickte Herr W. um sich, doch es war sonst niemand in der B\u00e4ckerei, der ihm ob dieser Unfreundlichkeit h\u00e4tte beispringen k\u00f6nnen. Also verlie\u00df er z\u00fcgig das Etablissement, murmelte noch:\u00a0\u201eAlso, so was &#8230; das hab ich ja noch nie erlebt &#8230;\u201c und holte drau\u00dfen auf dem B\u00fcrgersteig erst einmal tief Luft.<\/p>\n<p>Welche Laus m\u00f6chte dieser Frau wohl \u00fcber die Leber gelaufen sein, dass sie ihn einfach so abkanzelte? Na ja, so sind die Menschen eben, dachte sich Herr W. Zum Gl\u00fcck gab es die Stra\u00dfe runter noch einen B\u00e4cker, und da gerade ohnehin sch\u00f6nes Wetter war, beschloss er, sich die Laune nicht verderben zu lassen und den zus\u00e4tzlichen kleinen Weg zu genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Doch in der zweiten Backstube spielte sich eine ganz \u00e4hnliche Szene ab wie in der ersten, nur dass Herr W. dieses Mal schon gleich in der T\u00fcr beim Betreten des Ladenlokals br\u00fcsk angeschnauzt wurde:\u00a0\u201eWas wollen Sie denn hier? Sehen Sie zu, dass Sie Land gewinnen, Sie &#8230;!\u201c<\/p>\n<p>\u201eGuten Morgen &#8230; ich &#8230; \u00e4h &#8230; wollte doch nur &#8230;\u201c, stotterte Herr W., der einen solche Tonfall nun aber auch gar nicht gewohnt und deswegen sichtlich verunsichert war.<\/p>\n<p>\u201eRAUS HIER, ABER EIN BISSCHEN PL\u00d6TZLICH!\u201c<\/p>\n<p>Diese Aufforderung war nun allzu deutlich, sodass Herr W. schleunigst das Weite suchte. Na ja, Aufbackbr\u00f6tchen hatten sie ja noch zu Hause, dann mussten es heute eben die tun &#8230;<\/p>\n<p>Am Abend hatte Herr W. die unerfreulichen Zwischenf\u00e4lle vom Vormittag schon fast wieder vergessen und war recht guter Dinge, da er und seine Frau einen Tisch in\u00a0ihrem Lieblingsrestaurant reserviert\u00a0hatten. Herr W. machte sich ausgehfein, auch seine Frau hatte sich chic angezogen, und nach den Aufbackbr\u00f6tchen zum Fr\u00fchst\u00fcck stand ihm nun der Sinn nach richtigen Delikatessen.<\/p>\n<p>Im Restaurant angekommen, f\u00fchrte sie ihr Stammkellner Gernot zu einem sch\u00f6n gelegenen Tisch. Doch als Herr W. und seine Frau gerade Platz nehmen wollten, vernahm er ein Getuschel von einem der Nebentische:<\/p>\n<p>\u201eDas ist doch &#8230;\u201c, h\u00f6rte er es zischen und tuscheln. Nun ja, er war gewohnt, dass er durchaus das eine oder andere Mal in der \u00d6ffentlichkeit erkannt wurde, und im Grunde f\u00fchlte er sich dann auch immer ein wenig geschmeichelt, doch diesmal war der Unterton des Gewispers irgendwie ein wenig bedrohlich, wie er fand.<\/p>\n<p>\u201eHallo, Kellner!\u201c, rief dann auch gleich einer der G\u00e4ste des Nebentisches laut und vernehmlich.\u00a0\u201eSagen Sie, das ist doch der W., oder? Wie kommen Sie dazu, diesen Menschen hier zu platzieren, wir essen doch gerade! Wollen Sie uns den Appetit verderben? Bitte, entfernen Sie diese Person unverz\u00fcglich, sonst werden wir dieses Restaurant verlassen &#8211; und garantiert nicht wieder betreten!\u201c<\/p>\n<p>Herr W. erbleichte. Zweifelsohne war er damit gemeint. Aber wieso sollte er denn nun schon wieder gehen?<\/p>\n<p>Auch von anderen umliegenden Tischen erhob sich deutlich vernehmbares Gezische:<\/p>\n<p>\u201eUnglaublich, wen sie hier jetzt schon reinlassen &#8230;\u201c\u00a0\u201eDas ist ja obsz\u00f6n, ich glaube, mir vergeht gerade der Appetit!\u201c\u00a0\u201eG\u00fcnther, lass uns gehen, dieses Lokal sagt mir nicht mehr zu, schau, wer hier verkehrt!\u201c<\/p>\n<p>Gernot trat an Herrn W. ran und raunte ihm \u00fcber das stetig anschwellende Unmutsgemurmel hinweg zu:<\/p>\n<p>\u201eEs tut mir ja leid, aber ich glaube, es w\u00e4re besser, wenn Sie gehen w\u00fcrden. Sie sehen ja, was hier los ist. Ach ja: Und bitte kommen Sie dann auch nicht wieder &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Derart herauskomplimentiert standen Herr W. und seine Frau nicht einmal eine Minute sp\u00e4ter wieder vor der T\u00fcr des Restaurants.<\/p>\n<p>\u201eAlso, so was hab ich ja noch nie erlebt! Was f\u00e4llt diesen Leuten da denn ein! Wissen die etwa nicht, wer du bist?\u201c, fragte ihn seine Frau entr\u00fcstet.<\/p>\n<p>Herr W. schnaufte einmal laut und vernehmlich. Ihm war der Appetit gr\u00fcndlich vergangen &#8211; einzig ein Schnaps war es, nach dem ihm nun gel\u00fcstete. Also sagte er zu seiner Frau:<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df auch nicht, was heute los ist, irgendwie scheint es wie verhext zu sein. Nimm du doch schon den Wagen und fahr nach Hause, ich werde mir noch irgendwo einen Drink genehmigen auf den Schreck &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Sie verabschiedeten sich, und Herr W. winkte ein Taxi heran. Doch wie h\u00e4tte es an diesem Tag auch anders sein sollen? Der Fahrer hielt an, Herr W. \u00f6ffnete die T\u00fcr, woraufhin er nur ein entr\u00fcstetes\u00a0\u201eSie!?\u201c zu h\u00f6ren bekam, bevor das Taxi mit quietschenden Reifen fortfuhr. Auch bei weiteren Taxis hatte er kein Gl\u00fcck: Sobald ihn die Fahrer erkannten, gaben sie Gas und fuhren (oft unter w\u00fcstem Gep\u00f6bel) davon. Dass es nun auch noch zu regnen begann, passte da nur allzu gut ins Bild &#8230;<\/p>\n<p>Tropfnass kam Herr W. schlie\u00dflich an eine Bar, die er durchaus sch\u00e4tzte und schon \u00f6fter besucht hatte. Mit einem vernehmlichen Seufzer lie\u00df er sich auf einem Barhocker nieder und winkte den Barkeeper heran, um sich etwas starkes Alkoholisches zu bestellen:<\/p>\n<p>\u201eGuten Abend, k\u00f6nnten Sie mir bitte &#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201eTut mit leid, Sie bediene ich nicht. Und es w\u00e4re mir auch lieber, wenn Sie wieder gehen w\u00fcrden!\u201c<\/p>\n<p>Herr W. starrte resigniert vor sich hin und hatte nicht einmal mehr die Kraft zu einem Widerwort, sondern schlurfte stumm aus der Bar und erneut in den Regen hinaus. Nur noch nach Hause wollte er und machte sich mit h\u00e4ngenden Schultern auf den Weg.<\/p>\n<p>Da wollte er seinen ersten Tag als Rentner so richtig genie\u00dfen und seine 3000 Euro unter die Leute bringen, und bisher hat er noch nicht einen m\u00fcden Cent ausgeben k\u00f6nnen. Was war denn blo\u00df los mit den Menschen? Waren alle etwa verr\u00fcckt geworden? Und morgen w\u00fcrde er ja schon wieder 3000 Euro\u00a0zum Ausgeben haben &#8230;<\/p>\n<p>Als er am Bahnhof vorbeitrottete, sah er an auf einer Bank einen anscheinend Obdachlosen sitzen, der einen leeren Coffee-to-go-Becher vor sich stehen hatte, in dem sich ein paar M\u00fcnzen befanden. Der Mann bereitete sich anscheinend gerade sein Nachtlager, denn er hantierte ein wenig unbeholfen mit einem alten und fleckigen Schlafsack umher.<\/p>\n<p>Was soll&#8217;s, dachte sich Herr W., dann lass ich eben hier was von meinem Geld, der wird&#8217;s schon nehmen! Und er griff in seine Geldb\u00f6rse, holte ein paar Scheine heraus und steckte sie in den Pappbecher zu dem anderen Kleingeld.<\/p>\n<p>Der Obdachlose blickte erstaunt auf, doch als er Herrn W. ins Gesicht schaute, gefror sein L\u00e4cheln, und sein Gesicht verwandelte sich in eine Fratze des Abscheus, als er die Geldscheine aus dem Becher nahm und sie vor Herrn W. auf die regennassen Gehwegplatten schleuderte.<\/p>\n<p>\u201eNee, nee, lass ma&#8216;, Kumpel, deine Kohle will ich nicht &#8230; ganz bestimmt nicht &#8230;\u201c, brummte der Mann, nahm seinen Becher mit den M\u00fcnzen an sich und verkroch sich in seinen Schlafsack, das Gesicht demonstrativ von Herrn W. abgewandt.<\/p>\n<p>Herr W. wollte seine Geldscheine wieder aufheben, aber irgendwie fehlte ihm die Kraft dazu, und als er sich b\u00fcckte, w\u00e4re er fast ins Straucheln geraten. Also lie\u00df er das Geld dort liegen, wo der aufkommende Wind schon bald anfing, damit zu spielen, und schlich weiter in Richtung seines Zuhauses, deprimiert bis ins Mark.<\/p>\n<p>Wie hie\u00df dieser Sagenk\u00f6nig noch mal?, fragte er sich. War das nicht Midas? Genau so kam er sich vor &#8211; und er verstand nicht, was geschehen war &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Miniatur-Utopie<\/p>\n<p>Herr W. fand, dass er es sich verdient hatte. Emsig war er gewesen, hatte f\u00fcr verschiedene Firmen sein Bestes gegeben. Dass das nicht immer unbedingt auch das Beste f\u00fcr diese Firmen war &#8211; nun, so was passiert halt. Immerhin wurde Herr W. ja auch f\u00fcrstlich genug entlohnt, was f\u00fcr ihn eine Rechtfertigung darstellte, dann doch irgendwie einen guten Job gemacht zu haben. Nun gut, wenn man erst einmal die Karriereleiter weit genug nach oben gefallen ist, sind die Arbeitsvertr\u00e4ge nicht ganz so gestaltet sind wie bei normalen Angestellten. Man ist eben \u201eunter sich\u201c mit \u00e4hnlich gestellten Kollegen, sodass diese Vertr\u00e4ge recht angenehm gestaltet werden (im gegenseitigen Einvernehmen). Aber das ist ja nun auch keine Besonderheit und nichts, was sich Herr W. im Speziellen anlasten lassen m\u00fcsste. 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