{"id":7143,"date":"2017-02-21T10:15:00","date_gmt":"2017-02-21T09:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=7143"},"modified":"2017-02-21T10:15:00","modified_gmt":"2017-02-21T09:15:00","slug":"warum-linke-den-rechten-nicht-viel-entgegenzusetzen-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=7143","title":{"rendered":"Warum Linke den Rechten nicht viel entgegenzusetzen haben"},"content":{"rendered":"<p>Vieles l\u00e4uft zunehmend und offensichtlich verkehrt in den letzten Jahren: Die Ungleichheit sowohl in Deutschland als auch global nimmt immer mehr zu, dem Klimawandel wird kein Einhalt geboten,\u00a0es gibt immer mehr kriegerische Konflikte, die zu religi\u00f6ser Radikalisierung f\u00fchren und viele Menschen in die Flucht treiben, die Umwelt wird in immer gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe in Mitleidenschaft gezogen &#8211; alles Probleme, auf die linke Politik eigentlich klassischerweise L\u00f6sungen anzubieten h\u00e4tte. Doch anstatt dass (bis auf wenige Ausnahmen mal abgesehen) linke Politiker Erfolg haben und linke Regierungen gew\u00e4hlt werden, \u00fcbernehmen mehr und mehr die Rechtspopulisten und -extremisten das Ruder und eilen von Erfolg zu Erfolg. Dies hat m. E. vor allem zwei Ursachen.<\/p>\n<p><strong>1. Die\u00a0Rechten bestechen durch Einheitlichkeit<\/strong><\/p>\n<p>Es liegt in der Natur der Sache, dass Anh\u00e4nger von rechter Ideologie eher dazu neigen, Dinge nicht unbedingt zu hinterfragen, sondern ihren Wortf\u00fchrern recht kritiklos hinterherzulaufen. In linken Kreise hingegen wird schon immer eine ausgepr\u00e4gte Diskussionskultur gepflegt. Das hat nun allerdings vor allem in den heutzutage f\u00fcr die \u00f6ffentliche Meinungsbildung wichtigen sozialen Medien den Effekt, dass die Linken eher zerstritten wirken, wohingegen die rechten als eine Art Einheit auftreten, die sich vor allem gegen Andersdenkende wendet.<\/p>\n<p>Da kann ein Bj\u00f6rn H\u00f6cke schon mal \u00fcbelste Nazi-Parolen raushauen &#8211; so richtig \u00fcbel nimmt ihm das von seinen Anh\u00e4ngern keiner, und es wird auch sogleich immer relativiert, wie wir das auch schon bei derben \u00c4u\u00dferungen von anderen Rechtspolitikern wie Frauke Petry oder Beatrix von Storch erlebt haben. Da hei\u00dft es dann h\u00f6chstens, dass da vielleicht ein bisschen \u00fcbers Ziel hinausgeschossen wurde, aber im Grunde h\u00e4tten diese Verbalrabauken in der Sache ja doch schon recht.<\/p>\n<p>Im linken Lager l\u00e4uft das ganz anders, denn dort habe ich den Eindruck, dass immer \u00f6fter eher nach Unterschieden als nach Gemeinsamkeiten gesucht wird. Nat\u00fcrlich kann\u00a0es nun nicht darum gehen, alle Differenzen einfach so hinzunehmen und nicht zu kommentieren, aber in zunehmendem Ma\u00dfe habe ich das Gef\u00fchl, dass eine Kultur der Haarspalterei sich etabliert hat, die bei\u00a0\u201eneutralen\u201c Beobachtern den Eindruck erweckt: Die zanken sich ja eh nur die ganze Zeit untereinander &#8211; wie wollen die dann irgendwas auf die Reihe bekommen?<\/p>\n<p>Kritisches Denken ist ja nun wahrlich keine schlechte Sache, nur f\u00e4llt es eben besonders stark auf, wenn die andere Seite sich davon nahezu komplett befreit hat: Anh\u00e4nger von rechten Parteien glauben beispielsweise ja nur allzu gern alles, was in ihr Weltbild passt, selbst wenn es erstunken und erlogen ist &#8211; und sogar dann noch, wenn man Falschaussagen unzweifelhaft als solche entlarvt und widerlegt. Dazu kommt: Von rechter Seite aus wird gern mit Simplifizierungen und inhaltlichen Verk\u00fcrzungen\u00a0gearbeitet, die dann in entsprechende griffige Slogans gegossen werden. Sind solche erst mal in der Welt, dann ist es schwer, dagegen mit fundierten Analysen, mit Quellenbelegen und komplexen Argumenten\u00a0(was oftmals eben eher dem linken Argumentationsschema entspricht) anzukommen. Der Slogan spricht das Bauchgef\u00fchl an, und da hat es der Kopf dann schwer, sich zu behaupten.<\/p>\n<p>Dieses Dilemma manifestiert sich in dem Sinnspruch\u00a0\u201eDer Kl\u00fcgere gibt nach\u201c, den ich allerdings f\u00fcr gar nicht mal so klug halte, da dann letztlich immer der D\u00fcmmere recht hat. Und das kann&#8217;s ja eigentlich nicht sein, oder etwa doch?<\/p>\n<p>Aus diesen Gr\u00fcnden gelingt es den Rechten auch zunehmend, die Deutungshoheit in sozialen Medien zu \u00fcbernehmen und so unbeteiligten Dritten das Gef\u00fchl zu vermitteln, dass rechtes Gedankengut doch tats\u00e4chlich mehrheitsf\u00e4hig ist &#8211; es widerspricht ja nur allzu selten jemand, und wenn, dann wird dieser schnell mit rabiater Rhetorik von den zusammenstehenden Rechten niedergemacht. Denn auch\u00a0verbale Grobschl\u00e4chtigkeit kann in Zeiten von 140-Zeichen-Nachrichten ein Vorteil sein, um andere einfach mundtot zu machen und selbst St\u00e4rke zu suggerieren, wo eigentlich (Argumentations-)Schw\u00e4che vorhanden ist.<\/p>\n<p><strong>2. Rechtes Gedankengut passt hervorragend zum neoliberalen Zeitgeist<\/strong><\/p>\n<p>Als wenn diese Diskussionsvorteile noch nicht schwerwiegend genug w\u00e4ren, so weisen rechte Ansichten auch noch deutliche Parallelen zum neoliberalen Denken auf: R\u00fccksichtslosigkeit, keine Solidarit\u00e4t mit anderen, Ausgrenzung usw. sind alles grundlegende Prinzipien des Neoliberalismus, die sich so auch bei Rechten finden. Daher haben es linke Ideen schwerer, sich durchzusetzen, weil sie nicht auf dem aufbauen, was den neoliberal indoktrinierten Menschen eh schon seit Jahren vorgesetzt wird.<\/p>\n<p>Ersetzt man so die neoliberal verwendeten Begriffe \u201eIndividuum\u201c und \u201eMarkt\u201c durch \u201eVolk\u201c und\u201eNation\u201c, k\u00f6nnen die entsprechenden marktradikalen\u00a0Dogmen (\u201eJeder ist seines Gl\u00fcckes Schmied\u201c, \u201eWenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht\u201c usw.) quasi 1 : 1 von den Rechtsextremen \u00fcbernommen werden. Und das Zusammenspiel von Neoliberalismus und Nationalismus\/Totalitarismus funktioniert ja auch ganz prima: Das erste neoliberale \u201eExperiment\u201c wurde 1973 in Chile mit der Inthronisierung des Diktators\u00a0Augusto Pinochet gestartet, auch in Indien ist zurzeit zu beobachten, wie National-Hinudismus und Neoliberalismus Hand in Hand gehen (s. dazu diesen interessanten\u00a0<a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2017\/februar\/safranfarbene-schocktherapie\" target=\"_blank\">Artikel in den <em>Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/em><\/a>)\u00a0gut zu erkenne, wie sich Nationalismus Neoliberalismus verst\u00e4rken k\u00f6nnen), die USA unter Ronald Reagan und jetzt Donald Trump sowie Gro\u00dfbritannien\u00a0unter Margaret Thatcher haben letztlich auch eine aggressive rechte Politik praktiziert und gleichzeitig den Neoliberalismus als f\u00fchrende Ideologie implementiert, und nat\u00fcrlich\u00a0reiht sich\u00a0auch die deutsche AfD mit ihrem streng neoliberal-antisozialstaatlichen Programm\u00a0hier ziemlich gut ein.<\/p>\n<p>Und es gibt noch eine weitere Parallele zwischen dem Neoliberalismus und dem rechten Nationalismus: Beide agieren ausgesprochen populistisch, verschlie\u00dfen sich Diskussionen und deklarieren f\u00fcr sich, die einzige Wahrheit zu vertreten. Bei Rechten ist das schnell nachweisbar, dazu muss man nur einmal mit solchen Menschen in eine Diskussion kommen. Bei Neoliberalen ist das schon etwas schwieriger, sehr offensichtlich wird das allerdings an dem Begriff der Alternativlosigkeit, der ja so etwas wie das Dogma der merkelschen Politik geworden ist, gerade in der Finanzkrise von 2008: Dass es zu einer Sache keine Alternative gibt, ist nicht nur undemokratisch, sondern auch schlichtweg falsch und eine \u00dcberh\u00f6hung der eigene Position.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist auch der Neoliberalismus gekennzeichnet vom Festhalten an Positionen, die sich schon l\u00e4ngst als falsch erwiesen haben. Nicht nur Rechte sitzen Fake-News, beispielsweise dass alle Fl\u00fcchtlinge kriminell seien, sondern auch Neoliberale neigen sehr dazu. Beispiele gef\u00e4llig?\u00a0\u201ePrivat ist immer besser als \u00f6ffentlich!\u201c\u00a0\u201eWenn man die Reichen entlastet, profitieren durch den sogenannten Trickle-down-Effekt auch die Armen davon.\u201c\u00a0\u201eWir haben einen Fachkr\u00e4ftemangel!\u201c Und wenn dann mal etwas nicht ins neoliberale Weltbild passt, dann wird es eben schlichtweg gestrichen, so wie beispielsweise regelm\u00e4\u00dfig unliebsame Passagen aus dem Armutsbericht. Eine interessante etwas ausf\u00fchrlichere Beschreibung dieses neoliberalen Populismus findet sich in einer <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36933\" target=\"_blank\">Besprechung des Buchs \u201eDas Gespenst des Populismus\u201c von Bernd Stegmann<\/a> auf den\u00a0<em>NachDenkSeiten<\/em>.<\/p>\n<p>Ganz praktisch konnte ich diese N\u00e4he und \u00dcberschneidungen von rechtsextremem und neoliberalem Denken vor Kurzem in einer Diskussion auf\u00a0<em>Facebook<\/em> erleben. Es ging dort um dieses Bild:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7207\" src=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/16602024_389187171456956_3328957525870181276_o-300x227.jpg\" width=\"420\" height=\"318\" srcset=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/16602024_389187171456956_3328957525870181276_o-300x227.jpg 300w, https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/16602024_389187171456956_3328957525870181276_o-768x582.jpg 768w, https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/16602024_389187171456956_3328957525870181276_o-1024x776.jpg 1024w, https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/16602024_389187171456956_3328957525870181276_o.jpg 1820w\" sizes=\"auto, (max-width: 420px) 100vw, 420px\" \/><\/p>\n<p>Hierzu meldeten sich dann auch sogleich sehr viele Rechte w\u00fctend zu Wort, die vor allem ein Argument vorbrachten:\u00a0\u201eIch hab denen in Afrika nichts weggenommen!\u201c Das ist nicht nur durch die Egozentrik Neoliberalismus in Reinkultur, sondern auch aufgrund des Ausblendens komplexerer Sachverhalte genau dem marktradikalen Zeitgeist entsprechend. Wenn man hier statt\u00a0\u201eAfrikaner\u201c\u00a0\u201eGriechen\u201c sagen\u00a0w\u00fcrde und die Inhalte ein wenig landesspezifisch modifizieren w\u00fcrde, dann h\u00e4tte man das Gef\u00fchl, mit Sch\u00e4uble und Co. zu debattieren &#8230;<\/p>\n<p><strong>Was ist zu tun?<\/strong><\/p>\n<p>Da der rechte Nationalismus und Rassismus eben genau auf Wertvorstellungen aufsetzt, die den Menschen im Neoliberalismus seit Jahrzehnten vorgesetzt, um nicht zu sagen eingeimpft werden, ist es recht bequem, diesen Ansichten zu folgen, denn das erfordert kein gro\u00dfes Umdenken. Im Vergleich dazu wirken dann linke Ideen und L\u00f6sungen f\u00fcr viele Menschen abgehoben, was noch dadurch verst\u00e4rkt wird, dass\u00a0Linke oft noch sehr diversifizierend und teilweise eben auch zerstritten auftreten. Die in den letzten Jahrzehnten zunehmend entpolitisierten Menschen schreckt so was eher ab, sodass sie sich den vermeintlich einfacheren L\u00f6sungsangeboten zuwenden.<\/p>\n<p>Es gilt also m. E., zwei Dinge zu beherzigen aufseiten der Linke: Zum einen muss die die verst\u00e4rkte Suche nach Gemeinsamkeiten statt der Betonung von Differenzen in den Vordergrund treten. Zum anderen m\u00fcssen die die Menschen da abgeholt werden, wo sie zurzeit tats\u00e4chlich sind. Selbst wenn man den Kapitalismus als gescheitert ansieht, wird das zun\u00e4chst mal nur etwas werden, wenn man das allen bekannte und gewohnte Wirtschaftssystem\u00a0\u00e4ndert hin zu mehr Solidarit\u00e4t und Sozialstaatlichkeit, um so auch den Zeitgeist zu ver\u00e4ndern und darauf aufbauend dann mittel- bis langfristig eine Alternative zum Kapitalismus zu entwickeln, die f\u00fcr die Menschen auch greifbar, vorstellbar, nicht be\u00e4ngstigend und akzeptabel ist.<\/p>\n<p>Eine ziemlich Herkulesaufgabe, allerdings sollte es in Anbetracht der nicht gerade angenehmen\u00a0Alternative schon wert sein, sich da ein bisschen reinzuknien und gegebenenfalls auch mal \u00fcber den eigenen Schatten zu springen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vieles l\u00e4uft zunehmend und offensichtlich verkehrt in den letzten Jahren: Die Ungleichheit sowohl in Deutschland als auch global nimmt immer mehr zu, dem Klimawandel wird kein Einhalt geboten, es gibt immer mehr kriegerische Konflikte, die zu religi\u00f6ser Radikalisierung f\u00fchren und viele Menschen in die Flucht treiben, die Umwelt wird in immer gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe in Mitleidenschaft gezogen &#8211; alles Probleme, auf die linke Politik eigentlich klassischerweise L\u00f6sungen anzubieten h\u00e4tte. 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