{"id":7913,"date":"2017-05-24T16:53:56","date_gmt":"2017-05-24T14:53:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=7913"},"modified":"2017-05-26T15:53:58","modified_gmt":"2017-05-26T13:53:58","slug":"weltweite-armut-nimmt-ab-tatsaechlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=7913","title":{"rendered":"Weltweite Armut nimmt ab &#8211; tats\u00e4chlich?"},"content":{"rendered":"<p>Gestern f\u00fchrte ich mit einem Freund ein l\u00e4ngeres Gespr\u00e4ch, in dessen Verlauf er auch die Aussage vorbrachte, dass die globale Entwicklung ja nicht so schlecht sein k\u00f6nnte, da ja die weltweite Armut sowohl in relativen als auch absoluten Zahlen stetig abnehmen w\u00fcrde. Das h\u00f6rt sich ja auch erst mal ganz gut an und da\u00a0kann man zun\u00e4chst wenig gegen sagen,\u00a0was die Zahlen der Weltbank regelm\u00e4\u00dfig verk\u00fcnden. Doch bei n\u00e4herer \u00dcberlegung dr\u00e4ngten sich mir dann doch ein paar Fragen auf, ob es denn tats\u00e4chlich so einfach sei, Armut im globalen Ma\u00dfstab zu definieren. Oder ist das nicht vielmehr eine Art Beruhigungsmittel f\u00fcr uns Menschen in den Industriestaaten, das uns davon ablenken soll, wie sehr unser Lebensstil in immer gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe Not und Elend vor allem im globalen S\u00fcden produziert?<\/p>\n<p><strong>China<\/strong><\/p>\n<p>Zum einen muss man diese globalen Zahlen immer vor dem Hintergrund des Sonderfalls China ber\u00fccksichtigen, denn zum\u00a0derzeitigen dortigen\u00a0\u201eErfolgsmodell\u201c mit seiner Mischung von autorit\u00e4rer Regierung mit Marktwirtschaft\u00a0gibt\u00a0es sonst kein Pendant weltweit. Und da China 1,37 Mrd. Einwohner hat und somit mehr als jeder sechste Mensch in China lebt, haben Entwicklungen dort auch eine extrem gro\u00dfe statistische Relevanz f\u00fcr die gesamte Welt.<\/p>\n<p>Wenn sich das Einkommen in China um 50 % erh\u00f6ht und es im gleichen Zeitraum \u00fcberall sonst auf der Welt um 5 % sinkt, dann w\u00e4re das durchschnittliche globale Einkommen dennoch gestiegen. Sowohl die enorme Gr\u00f6\u00dfe als auch die rapide Entwicklung der chinesischen Volkswirtschaft muss man bei solchen Zahlen von der Weltbank zur Armut zumindest immer mit im Hinterkopf haben.<\/p>\n<p>So findet sich in einem\u00a0<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!5098309\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>taz<\/em>-Artikel von 2012<\/a> zu dem Thema beispielsweise folgende Passage:<\/p>\n<blockquote><p>Wenn man China herausrechnet, hat die Zahl der absolut Armen zwischen 1981 und 2008 tats\u00e4chlich nicht abgenommen, sondern ist leicht gestiegen. Vor dem Hintergrund der wachsenden Weltbev\u00f6lkerung bleibt der Befund des relativen R\u00fcckgangs der Armut allerdings auch ohne China bestehen.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Subsistenzwirtschaft<\/strong><\/p>\n<p>Ein Aspekt, zu dem ich bisher noch nichts in den Medien gefunden habe, der mir aber ebenfalls ausgesprochen relevant erscheint, ist die Abnahme der Subsistenzwirtschaft. Darunter versteht man, wenn Menschen sich mit ihrer Arbeit ern\u00e4hren k\u00f6nnen, aber dies auch das ausschlie\u00dflich Ziel ihres Wirtschaftens ist, sodass keine zu verkaufenden \u00dcbersch\u00fcsse erzielt werden.<\/p>\n<p>Allerdings ist es mir nicht gelungen, genaue Zahlen zur quantitativen Entwicklunge der Subsistenzwirtschaft zu finden. Wenn man jedoch ber\u00fccksichtigt, dass<\/p>\n<ul>\n<li>immer mehr Fischer (vor allem in Afrika) nicht mehr genug fangen k\u00f6nnen, weil ihnen gro\u00dfe Hochsee-Fischtrawler die Gr\u00fcnde leer fischen,<\/li>\n<li>durch <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=5727\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Landgrabbing<\/a>\u00a0(z. B. f\u00fcr die Errichtung von Palm\u00f6lplantagen oder zum Rohstoffabbau)\u00a0immer mehr Kleinbauern enteignet werden, insbesondere in Afrika und Asien,<\/li>\n<li>die Regenw\u00e4lder zunehmend gerodet und ausgebeutet werden, was f\u00fcr viele dort lebende indigene Menschen (beispielsweise in S\u00fcdamerika) das Ende ihrer bisherigen Lebensweise bedeutet,<\/li>\n<li>EPA-Abkommen von der EU mit afrikanischen Staaten zahlreichen Kleinbauern die Existenzgrundlage entziehen, da diese mit den hoch subventionieren europ\u00e4ischen Produkten auf ihrem einheimischen Markt nicht konkurrieren k\u00f6nnen,<\/li>\n<li>Monsanto, Bayer und Co. durch ihr Gesch\u00e4ftsmodell des sich nicht reproduzierenden\u00a0Saatgutes viele Kleinbauern ruinieren,<\/li>\n<\/ul>\n<p>dann kann ich mir vorstellen, dass die Anzahl derjenigen, die von Subsistenzwirtschaft leben, ziemlich gesunken sein muss in den letzten Jahrzehnten.<\/p>\n<p>Und das ist nun ein nicht ganz unerheblicher Faktor bei der Ermittlung der globalen Armut, denn auf der\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Subsistenzwirtschaft#Subsistenzwirtschaft_in_der_globalen_.C3.96konomie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Wikipedia<\/em>-Seite zur Subsistenzwirtschaft<\/a> findet sich folgender Absatz:<\/p>\n<blockquote><p>Obgleich Anfang des 21. Jahrhunderts immer noch mehr als 40 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung (insbesondere in den Entwicklungsl\u00e4ndern) durch Subsistenzorientierung ein weitgehend unabh\u00e4ngiges und selbstbestimmtes Auskommen haben,\u00a0wird diese Strategie der Existenzsicherung etwa von der\u00a0Weltbank\u00a0seit Mitte der 1960er Jahre weitgehend ignoriert oder gar mit\u00a0Armut\u00a0und Unterentwicklung gleichgesetzt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Demnach w\u00e4re jeder\u00a0R\u00fcckgang der Subsistenzwirtschaft gleichbedeutend mit einem R\u00fcckgang der Armut. Nun muss man sich nur die Frage stellen, wer wohl die h\u00f6here\u00a0Lebensqualit\u00e4t hat: ein Kleinbauer, der seine Parzelle bewirtschaftet und damit sich und seine Familie ern\u00e4hrt, oder ein zu Minimallohn und unter gruseligsten Bedingungen in einer Fabrikationsh\u00f6lle Besch\u00e4ftigter? Laut Weltbank Letzterer, und den Durchschnittswert f\u00fcrs globale Einkommen hebt er auch noch &#8230;<\/p>\n<p>Man sieht also, dass eine solche rein monet\u00e4re Beurteilung, ob Menschen arm sind oder nicht, wenig aussagef\u00e4hig ist. Das Durchschnittseinkommen (oder noch besser: das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mittleres_Einkommen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Medianeinkommen<\/a>) mag f\u00fcr eine Volkswirtschaft wie die deutsche ein durchaus legitimer Parameter sein, um bestimmte wirtschaftliche Entwicklungen aufzeigen zu k\u00f6nnen, sobald wir aber solche Modell einfach so auf die ganze Welt und damit auch auf wirtschaftlich komplett anders strukturierte Regionen \u00fcbertragen, dann tendiert die Aussagekraft gegen null.<\/p>\n<p>Insofern ist die Aussage, dass die weltweite Armut stetig sinkt, mit Vorsicht zu genie\u00dfen. Vielmehr vermute ich mal, dass sie auch daf\u00fcr verwendet wird, um uns zu suggerieren: Ist doch alles super so, wie es l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Nein, ist es eben leider nicht &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern f\u00fchrte ich mit einem Freund ein l\u00e4ngeres Gespr\u00e4ch, in dessen Verlauf er auch die Aussage vorbrachte, dass die globale Entwicklung ja nicht so schlecht sein k\u00f6nnte, da ja die weltweite Armut sowohl in relativen als auch absoluten Zahlen stetig abnehmen w\u00fcrde. Das h\u00f6rt sich ja auch erst mal ganz gut an und da kann man zun\u00e4chst wenig gegen sagen, was die Zahlen der Weltbank regelm\u00e4\u00dfig verk\u00fcnden. Doch bei n\u00e4herer \u00dcberlegung dr\u00e4ngten sich mir dann doch ein paar Fragen auf, ob es denn tats\u00e4chlich so einfach sei, Armut im globalen Ma\u00dfstab zu definieren. 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