{"id":7946,"date":"2017-06-01T17:24:36","date_gmt":"2017-06-01T15:24:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=7946"},"modified":"2017-07-27T14:21:36","modified_gmt":"2017-07-27T12:21:36","slug":"ich-hab-ja-nichts-zu-verbergen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=7946","title":{"rendered":"Ich hab ja nichts zu verbergen!"},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder werde ich in Diskussionen, in denen es um den Ausbau des \u00dcberwachungsstaates geht, mit der Aussage konfrontiert, dass ja eigentlich nur Menschen was gegen \u00dcberwachung haben k\u00f6nnten, die etwas zu verbergen h\u00e4tten:\u00a0\u201eUnd ich hab schlie\u00dflich nichts zu verbergen!\u201c, wird dann gern im Brustton der \u00dcberzeugung postuliert. Ob es nun tats\u00e4chlich so ist, dass nicht jeder Mensch irgendwelche Dinge hat, von denen er nicht so gern m\u00f6chte, dass andere davon erfahren, sei mal dahingestellt, allerdings ist noch ein anderer Aspekt dabei auff\u00e4llig, der gerade von der Realit\u00e4t eingeholt wird: Es herrscht eine erschreckende Fantasielosigkeit bei vielen \u00dcberwachten vor, was denn mit den ganzen gesammelten Daten so alles angestellt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Unbestreitbar\u00a0gibt es ja einerseits immer mehr staatliche \u00dcberwachung (wie hier f\u00fcr gerade mal wieder aktuell beschlossene Ma\u00dfnahmen in einem <a href=\"https:\/\/digitalcourage.de\/blog\/2017\/ueberwachungsgesetze-im-dutzend-chilliger\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel von <\/a><em><a href=\"https:\/\/digitalcourage.de\/blog\/2017\/ueberwachungsgesetze-im-dutzend-chilliger\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Digitalcourage<\/a>\u00a0<\/em>dokumentiert wird), andererseits immer mehr Datensammelei vonseiten der Wirtschaft (beispielsweise \u00fcber Ultraschall-Spyware auf Smartphones, wie aus einem <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/newsticker\/meldung\/Tracking-Forscher-finden-Ultraschall-Spyware-in-234-Android-Apps-3704642.html?wt_mc=rss.ho.beitrag.atom\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>heise<\/em>-Artikel<\/a> hervorgeht). Und nat\u00fcrlich geben\u00a0die meisten\u00a0auch eine Menge an Daten freiwillig \u00fcber soziale Medien raus. Wer also das Internet nutzt, der kann davon ausgehen, dass einiges \u00fcber ihn irgendwo gespeichert wird.<\/p>\n<p>Nun habe ich den Eindruck, dass viele immer noch meinen, dass solche Daten nur dazu benutzt werden, um Verbrecher oder Terroristen aufsp\u00fcren und \u00fcberf\u00fchren zu k\u00f6nnen &#8211; was soll sich der unbescholtene Normalb\u00fcrger da also Gedanken dr\u00fcber machen? Das ist nat\u00fcrlich zum einen ausgesprochen naiv, geht es doch davon aus, dass diese Daten niemals Leute in die Finger bekommen, die vielleicht keine lauteren Absichten haben &#8211; ob nun auf privater Ebene in Form von Konzernen oder eventuell auch einmal auf staatlich-politischer Ebene, wenn eine Regierung sich mal nicht mehr demokratischen und rechtsstaatlichen Grunds\u00e4tzen verpflichtet f\u00fchlen sollte.<\/p>\n<p>So wird heute schon das personalisierte Internet diskutiert, das hei\u00dft, dass jeder individuell etwas anderes angezeigt bekommt, wenn er bestimmte Webseiten (beispielsweise Nachrichtenportale) aufruft. Dabei wird dann auf vermeintliche durch Algorithmen berechnete Vorlieben des Einzelnen zur\u00fcckgegriffen. Klingt erst mal harmlos oder sogar gar nicht schlecht &#8211; warum soll ich nicht nur Dinge angezeigt bekommen, die mich auch interessieren?<\/p>\n<p>Die Kehrseite dessen ist nat\u00fcrlich, dass sich Filterblasen und Echokammern massiv verfestigen, wenn man keine Inhalte mehr zu sehen bekommt, die au\u00dferhalb des eigenen Erfahrungs- und Interessenhorizonts angesiedelt sind. Zudem ist der Manipulation durch Verschweigen von unliebsamen Inhalten so noch mehr T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet, als dies eh schon zurzeit der Fall ist.<\/p>\n<p>Aber solche Gedankenspiele, die in Form von personalisierter Werbung schon umgesetzt werden, sind noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. Ein <a href=\"http:\/\/www.br.de\/puls\/themen\/welt\/soziales-punktesystem-china-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel auf der Webseite\u00a0<em>BR puls<\/em><\/a> berichtet, dass in China gerade geplant wird, bis zum Jahr 2020 fl\u00e4chendeckend ein Bewertungssystem f\u00fcr sozial erw\u00fcnschtes Verhalten einzuf\u00fchren (ein interessanter kritischer <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38402\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel von G\u00f6tz Eisenberg<\/a>, der auch die Bedenklichkeit der damit verbundenen Prangerfunktion anspricht, findet sich auf den\u00a0<em>NachDenkSeiten<\/em>).<\/p>\n<p>Damit werden dann alle T\u00e4tigkeiten von Menschen \u00fcberwacht und erfasst, um dann daraus abzuleiten, ob sich jemand gesellschaftlich positiv oder negativ verh\u00e4lt, wobei Letzteres zu Sanktionen, Ersteres zu Vorteilen im allt\u00e4glichen Leben f\u00fchren soll: Wer zu oft durch unerw\u00fcnschtes Verhalten auff\u00e4llt, der bekommt beispielsweise Schwierigkeiten, Kredite und Versicherungen zu erhalten, darf bestimmte Verkehrsmittel nicht mehr nutzen oder hat Nachteile bei der Anmietung einer Wohnung &#8211; im Endeffekt also ein vorprogrammierter sozialer Abstieg mit zunehmender Isolation.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man einwenden: \u201eIst doch prima, dann verhalten sich alle sozialvertr\u00e4glich, und die schlimmen Finger werden bestraft!\u201c Das mag theoretisch auch der Fall sein, in der Praxis hingegen ergeben sich da doch ein paar schwerwiegende Fragen: Wer bestimmt, welches Verhalten positiv und welches negativ bewertet wird? Werden M\u00f6glichkeiten bestehen, sich quasi Boni k\u00e4uflich zu erwerben, um so Fehltritte mit Geldzahlungen auszub\u00fcgeln? Wird es Manipulationsm\u00f6glichkeiten oder Fehler des Bewertungssystems geben?<\/p>\n<p>Im Endeffekt erweist sich ein solches Bewertungssystem als Mittel der totalen diktatorischen Kontrolle \u00fcber eine Bev\u00f6lkerung: Man gibt bestimmte Werte vor, und alle m\u00fcssen sich daran halten, und zwar in einer absoluten Art und Weise, da abweichendes Verhalten augenblicklich Sanktionen zur Folge hat, auch wenn dieses Verhalten nur rein subjektiv aus Sicht derer, die einen solchen Index erstellen, unerw\u00fcnscht ist.<\/p>\n<p>Das ist alles keine Science-Fiction, sondern befindet sich schon in der Umsetzung, und in einer globalisierten Welt ist China auch nicht so weit weg, wie es mancher denken mag.<\/p>\n<p>Wir sollten also nicht den Fehler machen, die Fantasie der Datensammler zu untersch\u00e4tzen, denn im Endeffekt geben wir ihnen mit unseren Daten in zunehmend gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe eine umfassende Kontrollm\u00f6glichkeit und damit auch Macht \u00fcber uns in die Hand. Wer wei\u00df, wie dies noch genutzt werden kann &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder werde ich in Diskussionen, in denen es um den Ausbau des \u00dcberwachungsstaates geht, mit der Aussage konfrontiert, dass ja eigentlich nur Menschen was gegen \u00dcberwachung haben k\u00f6nnten, die etwas zu verbergen h\u00e4tten: \u201eUnd ich hab schlie\u00dflich nichts zu verbergen!\u201c, wird dann gern im Brustton der \u00dcberzeugung postuliert. 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