{"id":8130,"date":"2017-06-23T16:16:51","date_gmt":"2017-06-23T14:16:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=8130"},"modified":"2017-08-31T16:45:42","modified_gmt":"2017-08-31T14:45:42","slug":"im-krankenhaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=8130","title":{"rendered":"Im Krankenhaus"},"content":{"rendered":"<p>In der letzten Woche musste ich ins Krankenhaus (AK Altona, geh\u00f6rt zum Asklepios-Konzern), da mir recht spontan der akut Probleme bereitende Blinddarm entfernt werden musste. In den darauffolgenden vier Tagen, die ich dort noch verbringen musste, habe ich dann einen Einblick bekommen in den Klinikalltag und mir ein paar Gedanken dazu gemacht, an denen ich Euch gern teilhaben lassen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst mal das Wichtigste vorweg: Alle, die dort arbeiten, haben m. E. einen wirklich guten Job gemacht, waren immer freundlich, aufmunternd, zuvorkommend, nie maulig oder m\u00fcrrisch &#8211; wirklich spitze, durch die Bank weg. Allerdings merkte man auch deutlich die omnipr\u00e4sente \u00dcberlastung und Mangelverwaltung von viel zu wenig Personal.<\/p>\n<p>Die Arbeit als Krankenschwester oder Pfleger ist auch wahrlich kein Zuckerschlecken: Da w\u00e4re zun\u00e4chst mal der Schichtdienst, und da das AK Altona eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung hat, m\u00fcssen zwischen Schichtende und -anfang nicht zw\u00f6lf, sondern nur zehn Stunden liegen. Das kann dann schon mal bedeuten, dass man (den Arbeitsweg ber\u00fccksichtigt) nur etwa acht Stunden, nachdem man zu Hause angekommen ist, schon wieder zur Arbeit muss. Freizeit ist dann nat\u00fcrlich Fehlanzeige, zumal das Arbeiten in Schichten ja ohnehin schon viele regelm\u00e4\u00dfige Freizeitgestaltungen (z. B. in Form von Vereinen) erschwert oder sogar verunm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus bestehen sehr hohe fachliche Anforderungen an das Pflegepersonal, und eine ausgepr\u00e4gte Sozialkompetenz ist ebenfalls\u00a0unabdingbar. Schlie\u00dflich sind die meisten Patienten\u00a0nicht freiwillig in Krankenh\u00e4usern, und\u00a0es geht ihnen entsprechend schlecht &#8211; keine ganz einfache Klientel, mal abgesehen von der Belastung, dass ja auch immer mal wieder Patienten sterben. Na ja, und dann ist es auch nicht jedermanns Sache, sich so sehr in den Intimbereich von anderen Menschen vorzuwagen und mit deren K\u00f6rpersekreten hantieren zu m\u00fcssen, was bei den Pflegeberufen nun mal zum Alltag geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Was vor allem noch erschwerend hinzukommt: Es besteht ein immenser Personalmangel. Das kriegt man als Patient relativ schnell mit, wenn man beispielsweise eine Stunde, nachdem der Antibiotikum-Tropf durchgelaufen ist, immer noch an dem Ding h\u00e4ngt, weil die einzige Schwester auf der Station, die das abst\u00f6pseln darf, gerade Land unter mit tausend anderen Sachen hat. Oder wenn benutztes Essgeschirr stundenlang im Zimmer rumsteht, weil keiner dazu kommt, das wegzur\u00e4umen. Oder wenn Sachen von einem Patienten, der schon seit drei Tagen entlassen ist, immer noch im Badezimmer rumliegen.<\/p>\n<p>Bitte nicht falsch verstehen: Das ist nun kein Vorwurf ans Pflegepersonal, denn die sind in einer Tour am Rotieren. Sie sind nur eben einfach permanent unterbesetzt.<\/p>\n<p>Bezeichnend auch, dass mein Zimmernachbar am Tag vor seiner Entlassung noch mal zum Ultraschall sollte, wie ihm morgens bei der Arztvisite gesagt wurde. Er wartete den ganzen Tag, fragte immer mal wieder nach, ob das eventuell vergessen wurde &#8211; und abends um 18 Uhr teilte ihm dann ein Pfleger mit, dass beim Ultraschall jemand krank geworden sein und insofern das Pensum nicht geschafft werden konnte. Mein Zimmergenosse sollte also am n\u00e4chsten Morgen zum Ultraschall. Doch daraus wurde dann am darauffolgenden\u00a0Tag auch wieder nichts, sodass er schlie\u00dflich ohne diese Untersuchung entlassen wurde &#8230;<\/p>\n<p>Als ich mich dann mal mit einer Schwester \u00fcber dieses Thema unterhielt, meinte sie, dass dieser Personalmangel einer der Gr\u00fcnde sei, warum die meisten in der Pflege nur wenige Jahre ihren Job aus\u00fcben k\u00f6nnten. Ich fragte mal nach, was man denn so daf\u00fcr an Gehalt bek\u00e4me: zwischen 1400 und 1800 Euro netto. Bei den derzeitigen Mieten in einer Stadt wie Hamburg bleibt da nicht mehr viel \u00fcbrig f\u00fcr Dinge wie ein Auto oder Urlaub &#8211; geschweige denn, dass damit noch private R\u00fccklagen f\u00fcr die Altersversorgung geschaffen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Apropos Alter: Selbst wenn man das von den anderen Parteien als unfinanzierbar gebrandmarkte Rentenkonzept von Die Linke,\u00a0was eine Rente von 53 % vorsieht, darauf anwenden w\u00fcrde, blieben dann noch 742 bis 954 Euro an Rente \u00fcbrig. So ziemlich genau das, was man unter dem oft abstrakt verwendeten Begriff Altersarmut versteht, oder?<\/p>\n<p>Man kann das also in etwa so zusammenfassen: Hoch qualifizierte Menschen arbeiten sich in einem extrem wichtigen Knochenjob mit hohem pers\u00f6nlichen Engagement bis ins Burn-out, um dann im Alter in Armut und Bed\u00fcrftigkeit abzurutschen. Das nennt man dann zynischerweise\u00a0\u201eLeistungsgesellschaft\u201c &#8211; ein reichlich mieser Scherz, wie ich finde.<\/p>\n<p>Dabei muss man gar nicht mal unbedingt nun zu irgendwelchen schmarotzenden Vollversagern wie Martin Winterkorn oder komplett \u00fcberfl\u00fcssigen Investmentbankern schauen, sondern es reicht schon der Blick in andere Branchen: Mit welcher Berechtigung bekommen beispielsweise Sachbearbeiter von Versicherungen deutlich mehr Gehalt f\u00fcr einen wesentlich angenehmeren, weniger anstrengenden und auch durchaus unwichtigeren Job? Die Antwort ist recht einfach: weil sie mehr Gewinn erwirtschaften.<\/p>\n<p>Leistung wird also ausschlie\u00dflich monet\u00e4r gemessen, und daran orientiert sich dann auch die Entlohnung. Gesellschaftliche Relevanz? Egal! Anforderungen und Belastungen der Arbeit? Wurscht! Erforderliche Kompetenzen? Nebens\u00e4chlich. Hauptsache, etwas bringt Geld. Was f\u00fcr eine unglaubliche \u00dcberh\u00f6hung des Geldes, das doch eigentlich nur ein Hilfsmittel zum Austausch von Waren und Dienstleistungen sein sollte.<\/p>\n<p>Versch\u00e4rfend kommt nun nat\u00fcrlich hinzu durch die Privatisierungen im Gesundheitswesen, dass nun auch hier Gewinne erwirtschaftet werden sollen, auch wenn dies in diesem Bereich so eigentlich nicht so ohne Weiteres m\u00f6glich ist. Aber die Investoren und Besitzer der Klinikkonzerne wollen ja m\u00f6glichst hohe Profite aus ihren Anlagen und Betrieben ziehen, also kommt noch weniger von dem erwirtschafteten Geld bei denen an, die sich daf\u00fcr Tag f\u00fcr Tag kaputt schuften. Und ein Bernhard\u00a0gro\u00dfe Broermann kann sich dann als Besitzer von Asklepios sch\u00f6n das traditionsreiche <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=24265\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Atlantic-Hotel in Hamburg kaufen<\/a> &#8211; das muss ja schlie\u00dflich auch irgendwie finanziert werden &#8230;<\/p>\n<p>Gerade weil ich so positive Erfahrungen mit den Mitarbeitern im Krankenhaus gemacht habe, die stets freundlich, kompetent, interessiert, empathisch und aufmerksam waren, \u00e4rgert es mich umso mehr, in welch obsz\u00f6nem Ma\u00dfe diese Menschen ausgebeutet werden. F\u00fcr mich wurde daran deutlich, dass in unserem Wirtschaftssystem gerade so ziemlich alles verkehrt l\u00e4uft, was nur verkehrt laufen kann. Und wenn es uns mal richtig schlecht geht und wir in ein Krankenhaus m\u00fcssen, dann sind wir darauf angewiesen, dass\u00a0es noch genug Menschen gibt, die sich f\u00fcr den Knochenjob Pflege f\u00fcr einen Hungerlohn verdingen. Sollte das mal irgendwann nicht mehr der Fall sein, dann s\u00e4he es wahrlich richtig finster aus &#8230;<\/p>\n<p>Eine kleine Anmerkung noch am Schluss: Der Chirurg, der von Dienstag auf Mittwoch Nachtdienst hatte und mich hervorragend operierte und auch nach der OP betreute, hatte am darauffolgenden Wochenende dann gleich schon wieder Dienst. Ich m\u00f6chte nicht wissen, auf was f\u00fcr eine Wochenarbeitszeit der so kommt &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der letzten Woche musste ich ins Krankenhaus (AK Altona, geh\u00f6rt zum Asklepios-Konzern), da mir recht spontan der akut Probleme bereitende Blinddarm entfernt werden musste. 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