{"id":8464,"date":"2017-08-10T15:34:41","date_gmt":"2017-08-10T13:34:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=8464"},"modified":"2017-08-10T15:34:41","modified_gmt":"2017-08-10T13:34:41","slug":"der-arbeitende-eigentuemer-das-zwitterwesen-des-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=8464","title":{"rendered":"Der arbeitende Eigent\u00fcmer, das Zwitterwesen des Kapitalismus"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt den klassischen Kapitalisten, wie zu marxschen Zeiten, nicht mehr, wenn es diesen \u00fcberhaupt je gegeben hat in der von Marx behaupteten Menge au\u00dferhalb der industriellen Zentren seiner Zeit. Dieser Kapitalist ist l\u00e4ngst durch ein Zwitterwesen, den arbeitenden Eigent\u00fcmer, ersetzt worden, der vertreten wird von leitenden Angestellten, die in Vorst\u00e4nden das Wohl und Wehe des Unternehmens in ihren H\u00e4nden halten. Den klassische Kapitalisten, der mit dicker Zigarre mit einem Fingerschnippen \u00fcber Mensch und Maschine herrscht, den gibt es nicht in so bedeutendem Umfang, dass er einer Betrachtung noch wert w\u00e4re. Der neue Kapitalist ist der Finanzkapitalist, und das sind nicht nur die gro\u00dfen 80 der Welt, das eine Prozent, das sind sehr sehr viele Menschen, die \u00fcber Kapitalanlagen verf\u00fcgen und die gleichzeitig oft ihrem t\u00e4glichen Tagewerk, auch in abh\u00e4ngiger Besch\u00e4ftigung, nachgehen, nachgehen m\u00fcssen, und die alle zusammengenommen f\u00fcr den Kapitalismus, vor allem politisch, viel wichtiger geworden sind, so meine These, als die, die ganz oben \u00fcber die Milliarden verf\u00fcgen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Ein Gastartikel von Heinz Peglau<\/em><\/p>\n<p>Es gab diesen arbeitenden Eigent\u00fcmer schon immer, der kleine Selbstst\u00e4ndige beispielsweise, der Handwerker und H\u00e4ndler, der oft allein oder mit Familie mitten in seinem Umfeld wichtige Arbeit selbst geleistet hatte, nur ist er aus dem Fokus unseres Denken herausger\u00fcckt worden \u2013 ist sehr oft den Big Playern zum Opfer gefallen -, und dennoch hat er heute gr\u00f6\u00dfere Bedeutung denn je in seiner neuen Form als Kapitaleigner, der f\u00fcr seinen Lebensunterhalt arbeiten muss. Das zu erkennen scheint mir f\u00fcr viele das Problem zu sein, die links als reine Kapitalismuskritik begreifen und sich damit weit von gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung entfernt haben.<\/p>\n<p>Ich teile die Behauptung einer generellen Krise des Kapitalismus nicht, denn die ist mir zu einfach und in zu alten &#8211; und meiner Ansicht nach &#8211; oft \u00fcberholten Kategorien gedacht. Ich behaupte eher eine Krise des Liberalismus ausmachen zu k\u00f6nnen, des Wohlstandversprechens, dass dieser eben nicht f\u00fcr alle eingel\u00f6st hat und wohl auch nicht mehr wird einl\u00f6sen k\u00f6nnen und das noch dazu auf Kosten der Ressourcen und der Umwelt gegangen ist und immer weiter, immer schlimmer zu gehen scheint. F\u00fcr mich ist das allerdings wenig verwunderlich, denn \u00dcbertreibungen haben immer diese Auswirkungen &#8211; wie auch der staatskapitalistische Sozialismus gezeigt hat -, und wenn dann solche \u00dcbertreibungen mit der \u00dcbersch\u00e4tzung des Individuums aufgrund normierter Menschenbilder einhergehen, werden die Folgen, diese Auswirkungen, diese Verwerfungen geradezu zwangsl\u00e4ufig.<\/p>\n<p>Kapitalismus gr\u00fcndet &#8211; wie das Geld &#8211; auf dem Eigentum, und solange der Mensch Eigentum als f\u00fcr sich notwendig erachtet &#8211; und ich sehe nicht, dass sich das auf absehbare Zeit \u00e4ndern wird, die Star-Trek-\u00d6konomie wirklich werden k\u00f6nnte -, wird es auch Menschen geben, die auf die Akkumulation von Eigentum &#8211; und auch die von Geld &#8211; setzen werden. Deshalb \u201ewerden dem Kapitalismus auch die Gl\u00e4ubigen erhalten bleiben\u201c, wie eine gesch\u00e4tzte Gespr\u00e4chspartnerin zutreffend bemerkte.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass es die verk\u00fcrzte Sicht der Marxisten ist, die nur auf das Produktivkapital abzielt &#8211; die von den \u00d6konomen weithin in allen Schulen akzeptiert ist, ja, sogar Teil der Allgemeinbildung geworden zu sein scheint &#8211; und zu marxschen Zeiten sicherlich auch bedeutsamer war als heute, die seitdem jedoch die Sicht auf den \u201ewahren\u201c Kapitalismus, das Eigent\u00fcmerdenken, verstellt und viele dadurch gezwungen bleiben, nur dessen Versprechungen und Entartungen zu betrachten. Anstatt die Gesellschaft in ihrer Vielfalt auch hier zu erkennen, wird Kapital weiterhin eindeutig vom Menschen abgetrennt &#8211; im makro\u00f6konomischen Betrachtungen meist sinnvoll, in gesellschaftlichen eher hinderlich &#8211; und damit der Mensch in Normen gepresst, die dann in Begriffen wie Homo oeconomicus oder Homo ludens oder Tr\u00e4umen nach einem von der Arbeit befreiten Menschen m\u00fcnden, in Modellen m\u00fcnden, die schnell von der Wirklichkeit falsifiziert werden und viele Visionen sogar zu Dystopien werden lassen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich l\u00e4uft der Spalt in der Gesellschaft &#8211; ja, unsere Gesellschaft ist l\u00e4ngst gespalten, heterogenisiert quasi, weil individualisiert durch den Liberalismus, und schreitet sogar noch darin voran &#8211; deshalb entlang des Eigentums und innerhalb dieses Eigentums genauso wie zwischen dem Eigentum und denen, die kein Eigentum ihr Eigen nennen k\u00f6nnen und sehr wenig sich noch zu besitzen leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die marxsche Trennung von Kapitalist und Arbeiter, die von fast allen adaptiert zu sein scheint im linken Spektrum, aber auch dar\u00fcber hinaus, ist \u00fcberholt, hat sich im Kapitalismus l\u00e4ngst wieder verfl\u00fcchtigt &#8211; wenn es sie denn je gab in dieser behaupteten Reinheit. Der Montagearbeiter bei VW, stellvertretend hier erw\u00e4hnt, denkt nicht wie der klassische Arbeiter, wird auch nicht so behandelt von der Eigent\u00fcmerseite, f\u00fchlt sich als Eigenheimbesitzer und Boni-Empf\u00e4nger, als Belegschaftsaktion\u00e4r dieser Seite sogar meist n\u00e4her als seinem \u201eKumpel\u201c in Zeitarbeit, in prek\u00e4rer Situation &#8211; und viel n\u00e4her als denen, die drau\u00dfen vor den Toren stehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das alles hat Folgen, nicht nur \u00f6konomische, sondern auch f\u00fcr die Psychologie des Menschen &#8211; insbesondere die Gruppendynamik und die vom Menschen geschaffene Symbolik, die beides den Menschen in seinem Sein mindestens genauso bestimmen wie \u00f6konomische Rahmenbedingungen -, gesellschaftliche und damit letztendlich auch politische.<\/p>\n<p>Die Welt der \u00d6konomen &#8211; und auch die der Politologen, die der TV-Philosophen sowieso &#8211; ist nicht die Wirklichkeit; sie ist nur ein bedeutender Ausschnitt, und das gilt es zu bedenken, gerade in Zeiten, wo neue Formen des Miteinanders zu finden sein werden. Die Digitalisierung und die Klimaver\u00e4nderungen werden uns gar keine andere Wahl lassen, als diese zu finden. Und nat\u00fcrlich wird dies auch den Kapitalismus betreffen m\u00fcssen, ihn ver\u00e4ndern m\u00fcssen. Aber eines ist der Kapitalismus deshalb mit Sicherheit noch lange nicht: Er ist nicht tot, und er ist auch nicht totzukriegen, wird immer eine Rolle spielen, und auch politisch wird er sich weiter zu Wort melden. Das neue, alte Zwitterwesen des arbeitenden Eigent\u00fcmers wird ihn nicht sterben lassen, wird ihn immer wieder neu erfinden.<\/p>\n<p>Links sollte darauf endlich eine Antwort finden, sie nicht weiter nur den Konservativen und gar den Marktradikalen \u00fcberlassen. Denn im Beharren auf Werten, im Nationalismus, im Patriotismus, im Protektionismus, werden sie ebenso wenig zu finden sein wie im Liberalismus. Daf\u00fcr braucht es die links sich verortenden Menschen, die, die auf der Seite der Schwachen stehen, aller Schwachen weltweit und nicht allein auf der Seite der Macht und der M\u00e4chtigen. Links sollte endlich erkennen, dass im Gef\u00fcge der Macht auch Eigent\u00fcmer zu den Schwachen geh\u00f6ren k\u00f6nnen, meist sogar geh\u00f6ren. Der Shareholder-Kapitalismus ist ein anderer als der, den Marx versucht hat zu beschreiben, was seine Leistungen jedoch nicht schm\u00e4lern soll. Im Gegenteil, ohne ihn h\u00e4tte es viele kluge Gedanken nicht gegeben. Nur eben die Zeit, in der er lebte, war eine andere als die, in der wir heute leben, und das gilt es zu erkennen und zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gastartikel von Heinz Peglau<\/p>\n<p>Es gibt den klassischen Kapitalisten, wie zu marxschen Zeiten, nicht mehr, wenn es diesen \u00fcberhaupt je gegeben hat in der von Marx behaupteten Menge au\u00dferhalb der industriellen Zentren seiner Zeit. Dieser Kapitalist ist l\u00e4ngst durch ein Zwitterwesen, den arbeitenden Eigent\u00fcmer, ersetzt worden, der vertreten wird von leitenden Angestellten, die in Vorst\u00e4nden das Wohl und Wehe des Unternehmens in ihren H\u00e4nden halten. Den klassische Kapitalisten, der mit dicker Zigarre mit einem Fingerschnippen \u00fcber Mensch und Maschine herrscht, den gibt es nicht in so bedeutendem Umfang, dass er einer Betrachtung noch wert w\u00e4re. Der neue Kapitalist ist der Finanzkapitalist, und das sind nicht nur die gro\u00dfen 80 der Welt, das eine Prozent, das sind sehr sehr viele Menschen, die \u00fcber Kapitalanlagen verf\u00fcgen und die gleichzeitig oft ihrem t\u00e4glichen Tagewerk, auch in abh\u00e4ngiger Besch\u00e4ftigung, nachgehen, nachgehen m\u00fcssen, und die alle zusammengenommen f\u00fcr den Kapitalismus, vor allem politisch, viel wichtiger geworden sind, so meine These, als die, die ganz oben \u00fcber die Milliarden verf\u00fcgen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[50,52,51],"tags":[398,418],"class_list":["post-8464","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politisches","category-soziales","category-wirtschaftliches","tag-eigentum","tag-kapitalismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8464","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8464"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8464\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8502,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8464\/revisions\/8502"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8464"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8464"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8464"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}