{"id":8580,"date":"2017-08-21T12:23:38","date_gmt":"2017-08-21T10:23:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=8580"},"modified":"2017-08-21T12:23:38","modified_gmt":"2017-08-21T10:23:38","slug":"verstaendnis-vs-verstehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=8580","title":{"rendered":"Verst\u00e4ndnis vs. Verstehen"},"content":{"rendered":"<p>Gerade nach einem Terroranschlag oder anderen Vorf\u00e4llen, die einen mit Abscheu erf\u00fcllen, ist immer wieder zu beobachten, dass viele Menschen Verstehen und Verst\u00e4ndnis gleichsetzen. Diese Unterscheidung vorzunehmen ist jedoch wichtig, wenn man die Ursachen solcher Gr\u00e4ueltaten diskutieren m\u00f6chte. Etwas verstehen zu wollen bedeutet n\u00e4mlich noch lange nicht, Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr zu haben.<\/p>\n<p>Das erste Mal ist mir die Vermischung und (so kam es mir zumindest vor) auch b\u00f6swillige Missinterpretation dieser beiden Begriffe aufgefallen, als sich der Terminus\u00a0\u201ePutin-Versteher\u201c gro\u00dfer Beliebtheit erfreute. Damit wurden recht schnell in Diskussionen Menschen bedacht, welche die Gr\u00fcnde f\u00fcr das Verhalten des russischen Pr\u00e4sidenten im Zuge der Krim-Annexion hinterfragten. Verweise auf die besondere Situation Russlands in den chaotischen 90er-Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion und unter Pr\u00e4sident Jelzin oder auch das Erw\u00e4hnen von nicht eingehaltenen Versprechungen westlicher Politiker, dass sich die NATO nicht weiter als bis Deutschland nach Osten ausdehnen w\u00fcrden, wurden so abzub\u00fcgeln versucht, indem den Argumentierenden eine N\u00e4he zu Putin vorgeworfen wurde, auch wenn diese \u00fcberhaupt nicht bestand. Das Verstehenwollen von Beweggr\u00fcnden, also eine der Versuch einer rationalen Erkl\u00e4rung, wurde eben mit Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Putin gleichgesetzt.<\/p>\n<p>Das ist nun kein ganz neues Verhalten. Schon Alice Miller sah sich mit \u00e4hnlichen Vorw\u00fcrfen konfrontiert, nachdem ihr Buch \u201eAm Anfang war Erziehung\u201c (1980) sich auch der Kindheit Adolf Hitlers widmete, die sie als grundlegend f\u00fcr dessen sp\u00e4teres monstr\u00f6ses Verhalten ausmachte. Dies wurde nun von nicht wenigen so ausgelegt, als w\u00fcrde Miller um Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Hitler werben &#8211; dabei ging es ihr doch darum, die Ursachen aufzuzeigen, die den Menschen Adolf Hitler \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glicht hatten. Schlie\u00dflich ist dieser ja nicht einfach so vom Himmel gefallen, sondern eben ein Produkt seiner Zeit und vor allem seiner Sozialisation.<\/p>\n<p>Und genau solchen Vorw\u00fcrfen sieht man sich nun auch schnell ausgesetzt, wenn man heute nach einem Anschlag nach dem Hintergrund der T\u00e4ter fragt, die eben oft aus Milieus stammen, in denen Perspektivlosigkeit und ein wenig gefestigtes soziales Umfeld zum Alltag geh\u00f6ren. Auch hier geht es nicht darum, den T\u00e4tern in irgendeiner Form eine Art Ausrede auszustellen oder mangelnde Schuldf\u00e4higkeit zu attestieren, sondern sich zu \u00fcberlegen, was man denn zuk\u00fcnftig vielleicht anders machen k\u00f6nnte, um derartige Terroristenbiografien gar nicht erst entstehen zu lassen.<\/p>\n<p>Und damit sind wir dann aber auch schon bei einem entscheidenden Punkt, warum das Bem\u00fchen des Verstehens so oft mit dem Vorwurf des Verst\u00e4ndnisses f\u00fcr eine brutale Tat oder einen verbrecherischen Menschen konfrontiert wird: D\u00e4monisierung ist bequemer, als nach Ursachen und Hintergr\u00fcnden zu fragen, die dann vielleicht ja sogar auch noch einen selbst ein St\u00fcck weit betreffen k\u00f6nnten &#8211; oder zumindest Dinge infrage stellen, die in der Gesellschaft, in der man lebt, schieflaufen und deswegen vielleicht besser ge\u00e4ndert werden sollten. Allein auf Irrationalit\u00e4t abzustellen (\u201eDer ist ja irre!\u201c) ist zwar sch\u00f6n einfach, aber eben selten zielf\u00fchrend, wenn man es nicht gerade mit vollkommen psychotischen Menschen zu tun hat.<\/p>\n<p>Von dem B\u00f6sen, das keinen Bezug zum eigenen Leben hat, kann man sich selbst besser abgrenzen &#8211; das ist ein St\u00fcck weit auch verst\u00e4ndlich, da eine solche Abgrenzung eben auch das Gef\u00fchl von Sicherheit suggeriert. Andererseits ist es nat\u00fcrlich fatal, um tats\u00e4chlichen Prozessen auf den Grund zu gehen, die Menschen dazu f\u00fchren, Anschl\u00e4ge zu ver\u00fcben oder sonst irgendwelche scheu\u00dflichen Taten auszuf\u00fchren. Es sei denn, man w\u00fcrde sich mit einer metaphysischen Erkl\u00e4rung begn\u00fcgen, dass solche Leute vom Teufel besessen oder von D\u00e4monen angestachelt worden seien &#8211; und das kann&#8217;s ja nun echt nicht sein, oder?<\/p>\n<p>Insofern ist das Verstehen existenziell wichtig, denn nur so k\u00f6nnen wir dazu beitragen, dass sich Dinge \u00e4ndern. Was wir nicht verstehen, darauf haben wir in der Regel auch keinen Einfluss. Dass dies nichts mit Verst\u00e4ndnis f\u00fcr abscheuliche Verbrechen zu tun hat, sollte eigentlich klar sein &#8211; ist es aber gerade in aufgeheizten Stimmungen und bei komplexen Zusammenh\u00e4ngen dann doch oftmals nicht. Umso wichtiger, dann genau darauf hinzuweisen und auf diese Unterscheidung in Diskussionen und Gespr\u00e4chen zu bestehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerade nach einem Terroranschlag oder anderen Vorf\u00e4llen, die einen mit Abscheu erf\u00fcllen, ist immer wieder zu beobachten, dass viele Menschen Verstehen und Verst\u00e4ndnis gleichsetzen. Diese Unterscheidung vorzunehmen ist jedoch wichtig, wenn man die Ursachen solcher Gr\u00e4ueltaten diskutieren m\u00f6chte. 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