{"id":8809,"date":"2017-09-20T18:08:01","date_gmt":"2017-09-20T16:08:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=8809"},"modified":"2017-09-20T18:08:01","modified_gmt":"2017-09-20T16:08:01","slug":"vorsicht-dystopische-gedanken-verdraengung-angeraten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=8809","title":{"rendered":"Vorsicht: dystopische Gedanken \u2013 Verdr\u00e4ngung angeraten"},"content":{"rendered":"<p>Ich sehe im Wesentlichen zwei Aspekte, die uns in eine andere, eine dystopische Zukunft f\u00fchren k\u00f6nnten und, wenn wir nicht bald entgegensteuern, auch f\u00fchren werden.<\/p>\n<p><em>Ein Gastartikel von Heinz Peglau<\/em><\/p>\n<p>Der erste Aspekt ist der, den ich als neue W\u00e4hrung bezeichnen m\u00f6chte: die Reputation. Sie entsteht durch das Scoring und Ranking, welchem wir uns ausgesetzt sehen, welches wir meist auch selbst betreiben. Sie wird immer mehr an Bedeutung gewinnen, und durch die Digitalisierung, die sie einerseits erm\u00f6glicht hat und sie nun andererseits \u00fcberm\u00e4chtig werden l\u00e4sst, wird sie zuk\u00fcnftig dar\u00fcber bestimmen, wer, was, wie, wo, in welchem Ausma\u00df tun darf, was ihm oder ihr zusteht, ob er oder sie \u00fcberhaupt noch Chancen besitzen oder chancenlos verwaltet wird. Sie wird uns kontrollieren, steuern und uns unserer Freiheit berauben, mehr noch als das derzeitige monet\u00e4re System dazu in der Lage ist.<\/p>\n<p>Zukunftsmusik? Ja, aber eine der n\u00e4heren Zukunft.<\/p>\n<p>L\u00e4cherlich? Ja, aber nur f\u00fcr die, die Geld immer noch nur als Tauschmittel, Zahlungsmittel und Wertaufbewahrungsmittel denken k\u00f6nnen, von einer Systemver\u00e4nderung auch in diesem Bereich nichts wissen wollen.<\/p>\n<p>Der zweite Aspekt ist der Klimawandel, ob menschengemacht oder weil sich das Klima eben \u00e4ndert, sei einmal dahingestellt. Er findet statt, und ich bin sogar sicher, dass der Mensch daran einen sehr bedeutenden Anteil hat, die Geschwindigkeit drastisch erh\u00f6ht hat, in der dieser bereits stattgefunden hat und weiter stattfinden wird und die der Mensch immer noch erh\u00f6ht, exponential sogar.<\/p>\n<p>Dass dieser Klimawandel noch aufzuhalten ist, glaube ich nicht, der Umkehrpunkt liegt noch in weiter Ferne, auch dann, wenn wir unser Verhalten weltweit pl\u00f6tzlich und schlagartig \u00e4ndern w\u00fcrden, was doch eher zu den Utopien gez\u00e4hlt werden kann, die uns t\u00e4glich erz\u00e4hlt werden, um uns vom Wesentlichen auch ein wenig abzulenken. Die Systeme sind zu tr\u00e4ge. Wir erleben heute gerade mal die Auswirkungen unseres Verhaltens von vor Dekaden, k\u00f6nnen noch gar nicht einsch\u00e4tzen, was wir dem Planeten gestern, heute und morgen angetan haben bzw. noch antun werden. Auch hier sehe ich eine dystopische Zukunft auf uns zukommen, bin ich eins mit denen, die meinen, dass wir Menschen noch nichts gelernt haben aus unserem Tun, die Konsequenzen unseres Tuns gar nicht \u00fcberblicken k\u00f6nnen und auch meist wohl nicht wollen, auch weil wir genetisch gar nicht dazu in der Lage sind. Erst die krasse Not wird uns die Notwendigkeiten bewusst werden lassen, wie so oft in der Historie der Menschheit.<\/p>\n<p>Wir meinen immer noch, nur an Stellschrauben drehen zu m\u00fcssen, selbst die glauben das, die st\u00e4ndig den Klimawandel im Munde f\u00fchren und uns gerade glauben machen wollen, dass nur ein wenig die Produkte zu ver\u00e4ndern ausreichen w\u00fcrde, damit alles gut wird. \u201eWir schaffen das\u201c, \u201eZukunft wird aus Mut gemacht\u201c reichen aber ebenso wenig aus, wie nur \u201ef\u00fcr den hart arbeitenden Menschen\u201c da sein zu wollen oder nur \u201eRespekt und Renten mit Niveau\u201c zu fordern. \u201eVorankommen durch eigene Leistung\u201c und \u201eMut zu Deutschland\u201c schaden uns sogar bewusst in ihrer Oberfl\u00e4chlichkeit einerseits und andererseits mit ihrem Nationalpatriotismus, dem unverhohlenen Egoismus, der aus beiden spricht, den beide verk\u00f6rpern, den Rassismus, den ich bei beiden erkennen kann.<\/p>\n<p>Der schon ans Populistische grenzende Individualismus, wie wir ihn derzeit propagieren, \u00fcbertreiben, den fast alle politischen Akteure vertreten, wird ein Ende finden, dieses Ende selbst herbeif\u00fchren, weil wir ihn \u00fcbertrieben haben und \u00fcbertreiben, weil wir die Gesellschaft heterogenisiert haben &#8211; auch um die W\u00e4hrung \u201aReputation\u2018 \u00f6konomisch bedeutsam zu machen. Er wird in einem Jeder-gegen-jeden, und dies tagt\u00e4glich m\u00fcnden, den Menschen seines letzten Schutzes berauben, der Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Aber selbst wenn wir hier, allein in Deutschland oder Europa, dies alles erkennen und beachten w\u00fcrden, mehr tun w\u00fcrden, uns der neuen W\u00e4hrung zuk\u00fcnftig verweigern w\u00fcrden und den Klimawandel konsequent bek\u00e4mpfen w\u00fcrden, w\u00fcrden wir scheitern, f\u00fcrchte ich. Denn die Welt tickt anders, und wir \u00fcbersch\u00e4tzen uns aufgrund der scheinbar guten makro\u00f6konomischen Zahlen, die uns hier eine heile Welt vorgaukeln.<\/p>\n<p>Die Welt will es anders. Nicht nur Trump will es anders, nicht nur die Konzerne wollen es anders, auch die, die unserem Vorbild bei der Entwicklung ihrer Gesellschaften in Bezug auf Wohlstand folgen, wollen es anders. Mehr als ein anderes Auenland, als wir derzeit schon sind, k\u00f6nnten wir hier in Deutschland und auch in Europa &#8211; wenn es denn die Vielstimmigkeit \u00fcberwinden kann, was ich derzeit eher auch nicht sehe &#8211; gar nicht werden, und selbst das bezweifele ich, weil die Gewalt der Welt auch uns hinwegfegen w\u00fcrde. Die T\u00fcrme der anderen stehen ganz im Schatten des Schwarzen Turms mit seinem gro\u00dfen Auge. Wieder einmal ist etwas, das dem Menschen h\u00e4tte dienen k\u00f6nnen, zur Waffe gegen ihn gemacht worden.<\/p>\n<p>Ich meine das Internet.<\/p>\n<p>Nicht nur dass es die neue W\u00e4hrung erm\u00f6glicht hat, es erm\u00f6glicht auch deren Missbrauch, wird gerade dazu unbedingt ben\u00f6tigt. Aber auch die Massenproduktion von minderwertigen G\u00fctern, der Transport von Cent-Produkten um den Erdball &#8211; Cent-Produkte, die Glasperlen unserer Zeit, zu unserer Freude und Beruhigung -, also die Logistik, die dazu n\u00f6tig war, ist und immer gr\u00f6\u00dfere Bedeutung erh\u00e4lt, w\u00e4re ohne das Internet in diesem Ausma\u00df gar nicht m\u00f6glich gewesen. Ohne das Internet w\u00e4re die Ressourcenverschwendung heute noch geringer, h\u00e4tten wir mehr Zeit zur Anpassung gehabt.<\/p>\n<p>Ich liebe das Internet, erm\u00f6glicht es mir doch den Zugang zu ungeahnten Informationsquellen, erm\u00f6glicht es mir Kommunikation in einem Ausma\u00df, welches ich mir in meiner Jugend nicht einmal zu ertr\u00e4umen wagte, zeigt es uns doch auch die Missst\u00e4nde schneller als je zuvor auf, erm\u00f6glicht es uns auch Widerstand. Aber es hat auch seine Schattenseiten, und auch die gilt es zu beachten. Nicht nur die \u201eGuten\u201c tummeln sich dort, auch die, die uns schaden wollen, bewusst und unbewusst, haben es l\u00e4ngst f\u00fcr sich entdeckt, ja, f\u00fcr sich nutzbar gemacht. Und hier meine ich nicht die Terroristen, bin ich weit weg von de Maizi\u00e8re. Hier meine ich die Staaten, aber vor allem die Organisationen, die sich dieses Werkzeugs bem\u00e4chtigt haben, die Big Player der Old and New Economy, die Banken, welche \u00fcber die Reputation entscheiden, vornehmlich entscheiden werden, die uns zukommen wird, und die Industrie, die uns mit ihren Produkten \u201ebegl\u00fccken\u201c wird, die sich \u2013 Say hatte recht \u2013 die Nachfrage dort schaffen wird, wo sie ihr Angebot unterbringen will.<\/p>\n<p>Und es ist der Energietreiber Nummer eins, auch das sollten wir bedenken. Der Energieverbrauch ohne das weltweite Netz w\u00e4re ein viel geringerer. Das weltweite Netz ist l\u00e4ngst ein Energiefresser geworden, Klimakiller Nummer eins, wie ich vermute, direkt als Verursacher von<br \/>\nEnergieverbrauch und indirekt \u00fcber die M\u00f6glichkeiten der Logistik und damit der \u00dcbertreibung von Massenproduktion.<\/p>\n<p>Ich bin kein Gegner der Massenproduktion, wei\u00df ich doch \u00fcber deren Segnungen besser Bescheid als viele ihrer Verfechter, auch das sei hier gesagt. Aber \u00dcbertreibungen sind selten gut, und hier haben wir es l\u00e4ngst \u00fcbertrieben, haben uns in Abh\u00e4ngigkeit einer Produktionsweise begeben, die uns nun mehr schadet als n\u00fctzt. Auch im Denken der Welt, wie wir die Wirklichkeit erkennen, wie wir sie gestalten, hat die Denkweise der Massenproduktion den Sieg \u00fcber uns errungen, ist sie doch l\u00e4ngst bis in die Schulen hinein eingedrungen, gilt auch dort seit L\u00e4ngerem die Norm, bestimmt sie \u00fcber Wohl und Wehe, weil die Benchmark mittlerweile alles bestimmt, auch die Entwicklung unserer Kinder.<\/p>\n<p>Der Neoliberalismus hat sich auch hier als fatale Doktrin erwiesen, sein Versprechen von Freiheit l\u00f6st er nicht ein, im Gegenteil, er ist es, der uns hier und fast allen auf der Welt eine noch unfreiere Gesellschaft bescheren wird, uns in den Neofeudalismus, wenn nicht gar in Schlimmeres, f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Es tut mir leid, ja, die Botschaft ist unangenehm. Aber bei diesem Thema w\u00e4re reiner Optimismus fatal, kann nur die Warnung, auch wenn sie pessimistisch klingt, helfen, um dann vielleicht doch Schlimmeres zu verh\u00fcten. Denn als Warnung will ich meinen Text verstanden wissen. Als Anregung, zu denken, selbst zu denken. Nur so werden wir das Schlimmste verhindern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dass wir Schlimmeres verh\u00fcten m\u00fcssen, das sind wir uns und den nachfolgenden Generationen schuldig, sind wir allen anderen Kreaturen, die mit uns diese Welt teilen, schuldig. Nur wir Menschen haben die Macht dazu, die Kreatur an sich ist machtlos, ist uns willk\u00fcrlich ausgeliefert. Mit seichter Kritik allerdings werden wir es nicht schaffen.<\/p>\n<p>\u201eEs bringt (n\u00e4mlich) nichts, nett zu sein in einer Welt, die brennt.\u201c Da hat die britische Feministin Laurie Pennie v\u00f6llig recht, weit \u00fcber ihr eigentliches Anliegen hinaus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gastartikel von Heinz Peglau<\/p>\n<p>Ich sehe im Wesentlichen zwei Aspekte, die uns in eine andere, eine dystopische Zukunft f\u00fchren k\u00f6nnten und, wenn wir nicht bald entgegensteuern, auch f\u00fchren werden.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[50,52],"tags":[],"class_list":["post-8809","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politisches","category-soziales"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8809","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8809"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8809\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8814,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8809\/revisions\/8814"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8809"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8809"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8809"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}