{"id":9026,"date":"2017-10-26T22:13:24","date_gmt":"2017-10-26T20:13:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=9026"},"modified":"2017-10-26T22:13:24","modified_gmt":"2017-10-26T20:13:24","slug":"demut-statt-patriotismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=9026","title":{"rendered":"Demut statt Patriotismus"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Wochen habe ich mit unterschiedlichen Menschen \u00fcber das Thema Patriotismus diskutiert, und auch im politischen und medialen Diskurs taucht das ja immer wieder auf. Ich selbst halte ja nicht allzu viel von dem Konzept, in irgendeiner Form stolz auf sein Land zu sein, da ich Nationalstaaten als recht willk\u00fcrliche Verwaltungsgebilde ansehe, die sich zudem mittlerweile als immer untauglicher erweisen, um globale Probleme wie die Verwerfungen durch den Welthandel, die Ausbeutung des globalen S\u00fcdens durch den globalen Norden, den Klimawandel, die globale Umweltzerst\u00f6rung, den weltweiten Hunger usw. auch nur ansatzweise l\u00f6sen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft nun allerdings nicht, dass ich nicht froh bin, hier in Deutschland geboren zu sein, denn das bedeutet letztendlich nichts anderes, als einen der Hauptgewinne gezogen zu haben in der Geburtslotterie. Es ist eine feine Sache, wie selbstverst\u00e4ndlich (zumindest gilt das noch f\u00fcr den Gro\u00dfteil der hier lebenden Menschen) ein Dach \u00fcber dem Kopf zu haben, auf sauberes Wasser und medizinische Versorgung zur\u00fcckgreifen zu k\u00f6nnen und keinen Hunger leiden zu m\u00fcssen. F\u00fcr viel zu viele Menschen auf unserem Planeten sind diese Selbstverst\u00e4ndlichkeiten n\u00e4mlich alles andere als selbstverst\u00e4ndlich, sondern eher etwas, was deren Vorstellung vom Paradies nahekommt. Das bedeutet nun nat\u00fcrlich nicht, dass ich hier in das\u00a0\u201eDeutschland geht es gut\u201c-Gerede einstimmen m\u00f6chte oder abstreite, dass es auch hierzulande erhebliche Armut gibt, aber generell kann man wohl sagen, dass es armen Menschen in Deutschland immer noch besser geht als beispielsweise armen Menschen im globalen S\u00fcden.<\/p>\n<p>Und das ist f\u00fcr mich auch schon ein Aspekt, den ich bei Patrioten nicht nachvollziehen kann und der mich von diesen unterscheidet: Der Patriot ist stolz darauf, dass es\u00a0\u201esein\u201c Land zu Wohlstand gebracht hat, ich allerdings sehe es eher so, dass wir den Wohlstand in Deutschland (und auch in anderen industrialisierten L\u00e4ndern des globalen Nordens) weniger unseren Tugenden zu verdanken haben, sondern eben vor allem der hemmungslosen Ausbeutung der L\u00e4nder vor allem Afrikas, aber auch Asiens und S\u00fcdamerikas. Und genau diesen Aspekt brachte gerade\u00a0<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=kDV29Kkc-LA\">Hagen Rether bei <em>Mitternachtsspitzen<\/em><\/a>\u00a0sehr treffend auf den Punkt &#8211; f\u00fcnf Minuten, die Ihr Euch unbedingt anschauen solltet!<\/p>\n<p>W\u00e4re somit nicht eher Demut angebracht als Stolz oder gar die gerade dem deutschen Patriotismus gern innewohnende Gro\u00dfm\u00e4uligkeit?<\/p>\n<p>Woran liegt es denn, dass gerade die europ\u00e4ischen L\u00e4nder quasi den Rest der Welt vor einigen Hundert Jahren zu kolonialisieren und damit zu unterjochen begannen, was letztlich dazu f\u00fchrte, dass in Europa der Wohlstand wuchs? Das hat zum Beispiel klimatische Ursachen, denn im gem\u00e4\u00dfigten europ\u00e4ischen Klima muss man sich nicht so sehr um Dinge wie Bew\u00e4sserung k\u00fcmmern, was enorme Ressourcen verschlingt, sondern konnte einfach so Ackerbau betreiben. Dadurch wuchs die Bev\u00f6lkerungsdichte, sodass eben auch Konflikte aufkamen, die dann mithilfe von Milit\u00e4r ausgetragen wurden &#8211; und dieses Milit\u00e4r diente dann sp\u00e4ter dazu, nicht europ\u00e4ische L\u00e4nder zu annektieren, die eben nicht \u00fcber derartigen Armeen, Bewaffnungen und Festungen verf\u00fcgten. Die so nach Europa gebrachten Rohstoffe machten dann die Industrialisierung \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich, und da eben die L\u00e4nder, die die Rohstoffe lieferten, ihren Status auch beibehalten sollten, wurde eben dort eine industrielle Entwicklung unterbunden &#8211; notfalls mit Gewalt.<\/p>\n<p>Das ist jetzt nur mal ein Beispiel, warum es irgendwie nicht so richtig angebracht ist, stolz auf die \u201eLeistungen\u201c des eigenen Landes zu sein, da diese oft genug durch Blut, Schwei\u00df und Elend in anderen L\u00e4ndern \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glicht wurden &#8211; und die Grundlagen daf\u00fcr eher zuf\u00e4llig waren.<\/p>\n<p>W\u00e4re es da nicht viel sympathischer, sich seines Gl\u00fccks des Geburtsortes bewusst zu sein und dann nicht daraus eine \u00dcberheblichkeit gegen\u00fcber anderen abzuleiten, die eben nicht dieses Gl\u00fcck hatten? Da mag man nun einwenden, dass das ja Nationalismus sei, aber gerade in Deutschland liegen Patriotismus und Nationalismus ja sehr eng beieinander, wie schon vor Jahren eine Studie ergeben hat, \u00fcber die beispielsweise ein <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/fahnenmeere-zur-em-party-patriotismus-ist-nationalismus-1.1394854\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel in der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em><\/a> im Jahr 2012 berichtete.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft ja vor allem nicht, dass man nun nicht die Gegend m\u00f6gen kann, in der man aufgewachsen ist oder lebt (das muss ja nicht immer das Gleiche sein). Regionale Verbundenheit ist m. E. auch etwas anderes als nationalstaatlicher Patriotismus und hat vielmehr etwas mit positiv besetzten Gewohnheiten, Erfahrungen und Erlebnissen zu tun. Und letztlich basieren aber auch solche Herkunftsgef\u00fchle auf reinem Zufall: Niemand sucht sich aus, wo er geboren wird.<\/p>\n<p>Und niemand sucht sich zudem aus, dass er \u00fcberhaupt geboren wird, was ja letztendlich die Grundlage des patriotischen Selbstbewusstseins bildet. Stolz zu sein auf etwas, zu dem man selbst \u00fcberhaupt nichts beigetragen hat, das finde ich schon reichlich schr\u00e4g. Ich bin zumindest lieber stolz auf Dinge, die ich selbst geschafft oder geleistet habe.<\/p>\n<p>Doch dieser \u00fcberhebliche Patriotismus wird gebraucht, um unsere derzeitige Weltwirtschaft aufrechterhalten zu k\u00f6nnen: Nur weil wir (zumindest unbewusst) die Menschen in den L\u00e4ndern des globalen S\u00fcdens \u00fcberwiegend f\u00fcr weniger wertvoll als uns selbst erachten, k\u00f6nnen wir \u00fcberhaupt ausblenden, dass wir so massiv auf deren Kosten und \u00fcber deren Verh\u00e4ltnisse leben, dass unser Lebensstil nur deswegen m\u00f6glich ist, weil wir diesen Menschen genau das vorenthalten, was wir uns selbst mit gro\u00dfer Selbstverst\u00e4ndlichkeit nehmen (s. dazu auch <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=5625\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>).<\/p>\n<p>Mich st\u00f6rt das zumindest. Und nat\u00fcrlich kann ich zwar versuchen, so zu leben, dass ich nicht ganz so viel Schaden anderswo anrichte, aber das geht eben auch nur im beschr\u00e4nkten Ma\u00dfe. Und insofern finde ich, dass Demut (als genaues Gegenteil von Patriotismus) und auch Dankbarkeit eben die passenden Haltungen sind, wenn ich ber\u00fccksichtige, warum es mir so gut geht, wie das nun mal aufgrund meiner Geburt der Fall ist.<\/p>\n<p>Wie anders w\u00e4re die Welt, wenn sich diese Sichtweise ein bisschen weiter verbreiten w\u00fcrde?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Wochen habe ich mit unterschiedlichen Menschen \u00fcber das Thema Patriotismus diskutiert, und auch im politischen und medialen Diskurs taucht das ja immer wieder auf. 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