{"id":9028,"date":"2017-10-18T17:16:17","date_gmt":"2017-10-18T15:16:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=9028"},"modified":"2017-10-18T23:27:51","modified_gmt":"2017-10-18T21:27:51","slug":"eklat-auf-der-frankfurter-buchmesse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=9028","title":{"rendered":"Eklat auf der Frankfurter Buchmesse"},"content":{"rendered":"<p>Auf der Frankfurter Buchmesse kam es zu turbulenten Szene, als der rechte Antaios-Verlag auf einer B\u00fchne neurechte Ikonen wie Bernd H\u00f6cke (AfD), Akif Pirincci sowie Martin Sellner und Mario M\u00fcller von der Identit\u00e4ren Bewegung pr\u00e4sentierte. Es gab Gegendemonstranten, die lautstark dazwischenriefen, es kam zu Tumulten und Rangeleien, schlie\u00dflich musste die Veranstaltung abgebrochen werden &#8211; was f\u00fcr unw\u00fcrdige Zust\u00e4nde f\u00fcr einen Ort wie eine Buchmesse!<\/p>\n<p>\u00dcber den Hergang des Geschehens gibt es unterschiedliche Berichte, die vor allem von der individuellen Sichtweise der Berichtenden gepr\u00e4gt sind (dies wird in einem <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/frankfurter-buchmesse-als-linker-auf-der-buchmesse-als-nazi-auf-twitter-1.3711686\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel in der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em><\/a> beschrieben). Es lag also eine sehr un\u00fcbersichtliche Situation vor, in der zudem viele Meldungen spontan per Social Media \u00fcber Twitter und Co. rausgingen, die dann teilweise weitergetragen wurden, obwohl sie nicht korrekt waren &#8211; was einen in so einem aufgeheizten Durcheinander allerdings auch nicht verwundern sollte.<\/p>\n<p>Im Vorfeld dieser Veranstaltung gab es wohl schon Sachbesch\u00e4digungen am Stand vom Antaios-Verlag, allerdings wurde bei einer Veranstaltung der rechten Zeitschrift <em>Junge Freiheit<\/em>\u00a0am vergangenen Freitag der Verleger des Musikverlags Trikont Achim Berger nach einem Zwischenruf von einem rechten Zuschauer ins Gesicht geschlagen und dabei nicht unerheblich verletzt (wie ein <a href=\"http:\/\/www.fnp.de\/lokales\/frankfurt\/Mutmasslich-Rechter-schlaegt-linken-Verleger-ins-Gesicht;art675,2795610\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel der <em>Frankfurter Neuen Presse<\/em><\/a> berichtet). Zudem beklagt Timo Reinfrank von der\u00a0<em>Amadeu Antonio Stiftung<\/em>, die einen Stand in unmittelbarer N\u00e4he zu dem vom Antaios-Verlag hatte, in einem <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!5455348\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Interview mit der\u00a0<em>taz<\/em><\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Unsere Kollegen am Stand wurden angep\u00f6belt, beschimpft und geschubst. Es war zum Teil k\u00f6rperlich bedrohlich.<\/p><\/blockquote>\n<p>Auf der <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/AmadeuAntonioStiftung\/?hc_ref=ARQVb44t6usATYfslLx5G2s8nMwJWAMa3oR4gfzHroHM1ChI_OTezZmKV05oCyRn4hw&amp;fref=nf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Facebook<\/em>-Seite der\u00a0<em>Amadeu Antonio Stiftung<\/em><\/a> findet sich Folgender Bericht von der Messe:<\/p>\n<blockquote><p>Ein erstes Fazit der Frankfurter Buchmesse: Hinter uns liegen f\u00fcnf belastende Tage in aufgeheizter Stimmung. Es hat sich gezeigt, was passiert, wenn man der Neuen Rechten einen Raum bietet &#8211; sie versuchen ihn mit allen Mitteln zu besetzen. Mehrfach dr\u00e4ngten sich Vertreter_innen in laufende Interviews, um das Wort zu ergreifen. Sie inszenierten sich permanent als Opfer einer vermeintlichen Einschr\u00e4nkung der Meinungsfreiheit. Sie selbst nahmen sich das Recht heraus, Veranstaltungen zu st\u00f6ren und unseren Stand zu belagern. Regten sich dann aber ausgiebig auf, als es Proteste gegen ihre Lesungen gab. Nachdem am Samstag Abend eine Lesung des Verlags Antaios nach Handgreiflichkeiten abgebrochen wurde, riss die Neue Rechte erneut das Mikro an sich und feierte sich als Sieger &#8211; die Selbstinszenierung fand ihren H\u00f6hepunkt. Am n\u00e4chsten Tag versuchten zwei Vertreter_innen des Verlags uns f\u00fcr die Gegenproteste verantwortlich zu machen und sponnen sich wieder ihr Weltbild zurecht. Nicht zuletzt muss betont werden: Es kam auf dieser Buchmesse wiederholt zu Vorf\u00e4llen rechter Gewalt. Im Umfeld der Neuen Rechten versammelten sich in Frankfurt nicht nur Vertreter_innen der Identit\u00e4ren Bewegung, sondern auch der Kameradschaftsszene und einschl\u00e4gig bekannte Neonazis. F\u00fcr diese Szene wurde die Buchmesse zum Event. Wir haben wiederholt geh\u00f6rt, dass sich Menschen auf dieser Buchmesse nicht mehr sicher gef\u00fchlt haben. Es wurden Pressevertreter_innen angegriffen. Und auch wir haben \u00fcber mehrere Tage eine deutliche Bedrohungssituation erlebt. Wir halten an unserer Meinung fest: gerade eine Buchmesse muss der Ort sein, wo kontroverse Meinungen ihren Platz haben sollen. Aber es ist eine Sache, rechte Verlage ausstellen zu lassen. Wenn eine Buchmesse jedoch zum Tummelplatz von Rechtsextremen wird, die sich hier unantastbar f\u00fchlen und den Raum besetzen, ist mehr als nur Emp\u00f6rung geboten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und auch der Bericht, den die Journalistin Kathrin We\u00dfling als Augenzeugin auf <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/ohkathrina?hc_ref=ARQbZRt2Lo6A0W6ld8eXkYsUk2_ZFW7iS8fm-ez3gEBELMUut_z3y_9i8y1rx0G9qzQ&amp;fref=nf&amp;pnref=story\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ihrer <em>Facebook<\/em>-Seite<\/a> ver\u00f6ffentlich hat, geht in eine \u00e4hnliche Richtung:<\/p>\n<blockquote><p>Heute auf der FBM Gewalt von rechts gegen v\u00f6llig friedliche Demonstranten &#8211; die Polizei unternahm nix, f\u00fchrte die Demonstranten nur ab, keine Konsequenzen f\u00fcr R<span class=\"text_exposed_show\">echte.<\/span><\/p>\n<div class=\"text_exposed_show\">\n<p>Ich wurde beschimpft und beleidigt von Rechten aus dem Nichts, sie liefen hinter mir her, beobachteten, was ich schrieb, waren extrem aggressiv.<\/p>\n<p>Gegendemonstranten wurden als psychisch krank bezeichnet von Pirin\u00e7\u00e7i. Demonstranten wurden angegriffen von Rechten und dann abgeschottet von der Polizei.<\/p>\n<p>Die Polizei verweigerte mir den Zutritt nach Aufl\u00f6sung der Demo zum Gel\u00e4nde (meine Sachen und Begleitung waren noch drinnen) trotz Hinweis auf meine Presset\u00e4tigkeit und Ausstellerausweis. Begr\u00fcndung: Ich h\u00e4tte bei den Demonstranten gestanden, man habe mich \u201egesehen\u201c.<\/p>\n<p>Was ich heute erlebt und gesehen habe, hat mich sehr traurig und w\u00fctend gemacht. Rechte werden von der Polizei gesch\u00fctzt, Demonstranten mundtot gemacht, eingesch\u00fcchtert, bedroht.<\/p>\n<p>Ich habe alles live gestreamt, aber gel\u00f6scht, weil zu viele Gegendemonstranten zu erkennen sind und das im Hinblick auf rechte Gewalt \/ Vergeltung ein zu gro\u00dfes Risiko darstellt. Falls jemand Beweismaterial braucht: ich habe alle Videos gesichert. Einfach melden.<\/p>\n<p>FUCK AFD.<\/p>\n<\/div>\n<\/blockquote>\n<p>Angesichts solcher Vorf\u00e4lle und typisch rechten Einsch\u00fcchterungsverhaltens war die Atmosph\u00e4re nat\u00fcrlich schon mal reichlich aufgeheizt. Dass sich dann allerdings diejenigen, die gegen die Rechtsau\u00dfenparade des Antaios-Verlags demonstrierten, dazu hinrei\u00dfen lie\u00dfen, mit Geschrei und Get\u00f6se diese Veranstaltung zu st\u00f6ren, mag auf den ersten Blick zwar verst\u00e4ndlich erscheinen, n\u00e4hrt aber letztlich nur den Opfermythos, den sich die Rechten so wieder ans Revers heften konnten, wie ein <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/buchmesse-abschluss-die-rechten-stilisieren-sich-nach-dem-buchmesse-eklat-zu-opfern-1.3709044?utm_content=bufferc9681&amp;utm_medium=social&amp;utm_source=facebook.com&amp;utm_campaign=buffer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel in der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em><\/a> feststellt.<\/p>\n<p>Wobei sich dann nat\u00fcrlich auch die Frage stellt, wie man den Protest sonst h\u00e4tte gestalten sollen &#8211; und darauf habe ich, ehrlich gesagt, gerade auch keine Antwort &#8230;<\/p>\n<p>So haben vor allem die Rechten die Veranstaltung in ihrem Sinne choreografieren k\u00f6nnen, wie ein <a href=\"http:\/\/www.fr.de\/kultur\/buchmesse-frankfurt\/buchmesse-vor-ort\/antaios-auf-der-buchmesse-die-landnahme-a-1369283\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel in der <em>Frankfurter Rundschau<\/em><\/a> beschreibt. Und selbstverst\u00e4ndlich f\u00fchlen sich diese nun auch als\u00a0\u201eSieger\u201c und komplett im Recht &#8211; was f\u00fcr ein Desaster f\u00fcr den Veranstalter der Frankfurter Buchmesse.<\/p>\n<p>Dieser muss sich vor allem meiner Ansicht nach einige Vorw\u00fcrfe gefallen lassen. Schlie\u00dflich war es doch klar, dass es auf einer Veranstaltung wie der Buchmesse zu Protesten und demzufolge auch zu Tumulten kommen w\u00fcrde, wenn man derartige Rechtsau\u00dfenverlage einl\u00e4dt und ihnen eine B\u00fchne bietet, um mit illustren G\u00e4sten ihre Menschenverachtung zelebrieren zu k\u00f6nnen. Und es h\u00e4tte auch klar sein m\u00fcssen, dass man denen so auch eine tolle Gelegenheit bietet, um weiter an ihrem Opfermythos zu spinnen, dass sie eben keiner lieb hat und die Linken alle so b\u00f6s zu ihnen sind &#8211; das \u00fcbliche rechte Waschlappengejammer halt, was dann ja auch prompt im \u00dcberma\u00df zu vernehmen war.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus h\u00e4tte auch noch klar sein m\u00fcssen, dass Rechtsextreme einen Hang zur Gewalt haben, sodass die Eskalation nichts \u00dcberraschendes ist. Zumal man ja auch wissen kann, dass Rechte Gewalt mittlerweile ziemlich hemmungslos aus\u00fcben, da sie hinterher in gro\u00dfen Massen soziale Medien und Kommentarspalten fluten, um zu verbreiten, dass das ja alles gar nicht wahr sei, das mit der Gewalt, also eben L\u00fcgenpresse und so &#8230;<\/p>\n<p>Und daher frage ich mich gerade also vor allem: Sind die Organisatoren der Frankfurter Buchmesse nun so hemmungslos naiv gewesen oder haben sie diese skandaltr\u00e4chtige Eskalation einkalkuliert? Immerhin hat ihre Messe so ja nun ordentlich Publicity bekommen &#8230;<\/p>\n<p>Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass die Gegendemonstranten nahezu \u00fcberall als \u201eLinke\u201c bezeichnet werden, sodass hier die Sprache und die Erz\u00e4hlung der Rechten \u00fcbernommen wird. Sollte es nicht vielmehr normal sein, gegen rechtes Gedankengut und dessen \u00f6ffentliche Pr\u00e4sentation zu sein und sich auch entsprechend zu positionieren? Alle Parteien distanzieren sich (noch) von der AfD, aber wenn es dann gegen die Verbreitung von deren Gedankengut geht, dann sind das immer nur \u201eLinke\u201c, die sich dort artikulieren? Auf diese Weise k\u00f6nnen sich viele Medienrezipienten in die Zuschauerrolle zur\u00fcckziehen: Das sind ja Linke, die Rabatz machen, was hat das mit mir zu tun? W\u00fcrde man bei den Gegendemonstranten beispielsweise von Verfechtern von Demokratie und Rechtsstaat sprechen, dann w\u00e4re das nicht ganz so einfach &#8230;<\/p>\n<p>Und so geht es immer weiter voran in die Zwickm\u00fchle: Grenzt man Rechte und Rechtsextreme konsequent aus, dann hilft man ihnen, ihre Opferlegende weiterzuspinnen, sucht man in irgendeiner Form den Dialog mit ihnen, dann diktieren sie dessen Richtung augenblicklich mit ihrem kruden und primitiven Diskursverhalten, was im Zweifel eben auch vor Gewalt nicht zur\u00fcckschreckt.<\/p>\n<p>Dass von Parteien und Medien der sogenannten Mitte in den letzten Jahren rechtsextreme Positionen wieder salonf\u00e4hig gemacht wurden (s. dazu <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6796\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>), war von Anfang an ein Spiel mit dem Feuer &#8211; nun wird langsam, aber sicher immer deutlicher, wie gef\u00e4hrlich das Ganze ist und wie schwierig es sein wird, das Kind wieder aus dem Brunnen herauszubekommen &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Frankfurter Buchmesse kam es zu turbulenten Szene, als der rechte Antaios-Verlag auf einer B\u00fchne neurechte Ikonen wie Bernd H\u00f6cke (AfD), Akif Pirincci sowie Martin Sellner und Mario M\u00fcller von der Identit\u00e4ren Bewegung pr\u00e4sentierte. Es gab Gegendemonstranten, die lautstark dazwischenriefen, es kam zu Tumulten und Rangeleien, schlie\u00dflich musste die Veranstaltung abgebrochen werden &#8211; was f\u00fcr unw\u00fcrdige Zust\u00e4nde f\u00fcr einen Ort wie eine Buchmesse!<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[50,52],"tags":[],"class_list":["post-9028","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politisches","category-soziales"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9028","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9028"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9028\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9051,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9028\/revisions\/9051"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9028"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9028"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9028"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}