{"id":9148,"date":"2017-11-06T12:08:35","date_gmt":"2017-11-06T11:08:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=9148"},"modified":"2017-11-06T19:31:30","modified_gmt":"2017-11-06T18:31:30","slug":"was-macht-den-menschen-zum-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=9148","title":{"rendered":"Was macht den Menschen zum Menschen?"},"content":{"rendered":"<p>Die beiden letzten Beitr\u00e4ge hier auf <em>unterstr\u00f6mt<\/em> m\u00f6chte ich gern aufgreifen, um die dort aufgegriffenen F\u00e4den zu verbinden. Auf der einen Seite leiden wir unter dem Druck, mit dem technischen \u201eFortschritt\u201c Schritt zu halten, und auf der anderen Seite leiden wir unter den Folgen dieser Lebensweise. Wie um alles in der Welt kann es sein, dass wir uns diesem Diktat des Konsums beugen? Wo sind die Vorteile, die wir uns daraus erhoffen oder erhofft haben? Und inwieweit nutzen wir diesen Fortschritt &#8211; oder sind wir der Nutzen?<\/p>\n<p>Leider komme ich zu dem Schluss, dass es eben genau die letzte Aussage ist, die zutrifft: Wir nutzen dem Fortschritt und nicht anders herum (zumindest in der westlichen gepr\u00e4gten Welt, in der ich lebe). Und der <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6606\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fortschritt wiederum nutzt den oberen 2 %<\/a>, denen die Konzerne und der Gro\u00dfteil der L\u00e4ndereien geh\u00f6ren, denen von allem mehr als 2 % geh\u00f6ren. Je gr\u00f6\u00dfer die Kluft zwischen vermittelter Wirklichkeit (durch Werbung und der Selbstdefinition durch \u201eHaben\u201c, nicht durch \u201eSein\u201c) und unseren realen Bed\u00fcrfnissen (Essen, Obdach und Liebe), desto weniger Mensch sind wir. Die Qualit\u00e4t nimmt zugunsten der Quantit\u00e4t rapide ab: Essen bestellt und gern unterwegs runtergew\u00fcrgt (m\u00f6glichst g\u00fcnstig soll es dazu auch sein), wohnen wie in einem wahr gewordenen IKEA-Einzimmerwohnung-Traum (auch hier regiert g\u00fcnstig anstatt nachhaltig), und die Liebe (nicht nur die unserer Partner, auch die N\u00e4chstenliebe) gibt es in der Online-Partnervermittlung und den sozialen Medien (die mit \u201esozial\u201c so viel zu tun haben wie die soziale Marktwirtschaft). L\u00e4cherlich.<\/p>\n<p>So kommen dann auch diese kranken Ausw\u00fcchse von Fremdenhass und Neid zustande: Es geht um das \u201eHaben\u201c, nicht um das \u201eSein\u201c. Die permanente Angst, nicht der medial vorgef\u00fchrten Gesellschaft anzugeh\u00f6ren, bringt Menschen dazu, sich \u00fcber Smartphone, Fahrzeug oder Urlaubsziele zu definieren.\u00a0\u201eHaste was, biste was.\u201c Und jeder, der einem etwas streitig macht, der geh\u00f6rt zu meinem Feindbild (der Gutmensch m\u00f6chte meinen Konsum einschr\u00e4nken, der Ausl\u00e4nder nimmt mir das wenige Verbliebene, und am Ende nimmt mir der Radfahrer das Recht auf den Fu\u00dfweg oder sogar die Vorfahrt). <strong>Weniger haben und mehr sein, so lautet mein Vorschlag.<\/strong><\/p>\n<p>Generell sehe ich die Vorteile des Fortschritts darin (wie auch <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=9125\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Heinz gerade schrieb<\/a>), dass die Lebensqualit\u00e4t zunehmen sollte: Schwere Arbeit wird von Maschinen verrichtet, Krankheiten und Behinderungen werden durch technische und medizinische Errungenschaften gemildert oder sogar ausgeglichen, Wissen ist oder kann nahezu jedem zug\u00e4nglich gemacht werden &#8230; und, und, und. Doch bei allem ist es eine Frage des Ma\u00dfes: Erledigen Maschinen alle k\u00f6rperlichen Arbeiten, werden wir fett und krank (oder wir m\u00fcssen zum Ausgleich mehrmals w\u00f6chentlich ins Sportstudio), rechnen Maschinen alles f\u00fcr mich, werde ich geistig tr\u00e4ge (oder mache zum Ausgleich Sudoku), ersetze ich menschliche Wahrnehmung durch Technik, verliere ich das nat\u00fcrliche Gef\u00fchl f\u00fcr mich und meine Umwelt (und verlerne den Blick in den toten Winkel), nutze ich das Internet als Ersatz f\u00fcr mein Ged\u00e4chtnis, verk\u00fcmmert selbiges, und, und, und. <strong>Das Ma\u00df aller Dinge ist das Ma\u00df.<\/strong><\/p>\n<p>Was den Umweltschutz angeht, hat Karl es ja gerade beschrieben, welche <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=9089\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ma\u00dfnahmen jeder selbst ergreifen kann<\/a>. Was ich dabei aber noch explizit schreiben m\u00f6chte: <strong>Es geht als Erstes mal darum, \u00dcBERHAUPT anzufangen!<\/strong> Wie bereits in einem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=9089#comment-563\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kommentar<\/a> erw\u00e4hnt: Sobald man angefangen hat, ein kleines St\u00fcck seines Konsums zu vermeiden, kommt der Appetit auf mehr von ganz allein. Man f\u00e4ngt an, stolz auf das alte Knochenhandy zu sein, man f\u00e4hrt mit erhobenem Haupt im Regen auf dem Fahrrad am lahmenden Stadtverkehr vorbei und genie\u00dft in seinem Zuhause selbst zubereiteten saisonalen Salat neben dem nach Fett stinkenden Schnellrestaurant am Marktplatz.\u00a0\u00dcbrigens: Wasser dazu gibt es, ganz ohne Lifestyle, aus dem Wasserhahn (ich bitte den \u00fcberheblichen Unterton zu \u00fcberlesen, es mangelt mir einfach nur an der Wortgewandtheit).<\/p>\n<p>Und da treffen sich die beiden Themen (der letzten Beitr\u00e4ge hier auf <em>unterstr\u00f6mt<\/em>): Konsumverzicht und die Bewertung unserer Welt nach Lebensqualit\u00e4t und nicht nach kapitalistischen Ma\u00dfst\u00e4ben machen aus dem Fortschreiten durch Fortschritt ein Erleben durch Lebensqualit\u00e4t. Nicht den neusten Konsumartikeln hinterher zu hecheln (Smartphone, Auto, Mode &#8230;), sondern zugunsten der Lebensqualit\u00e4t auf den Konsum zu verzichten. Das schont die Umwelt und entschleunigt gleichzeitig mein Leben (ich muss weder f\u00fcr den Konsum das n\u00f6tige Kleingeld beschaffen noch mich mir der g\u00fcnstigsten Anschaffung besch\u00e4ftigen und auch sp\u00e4ter nicht jedem zeigen, was ich da an neuem Spielzeug habe, nicht in der realen Welt und erst recht nicht auf <em>Facebook<\/em> und <em>Instagramm<\/em>). <strong>Die Qualit\u00e4t unseres eigenen und aller anderen Leben h\u00e4ngt ma\u00dfgeblich nicht vom Grad des Konsums, sondern vom Grad des Nicht-Konsumierens ab. <\/strong>Um es mit den als Titel gew\u00e4hlten Worten zu schreiben: Die menschlichen Handlungen (Essen, Obdach und Liebe) machen den Menschen zum Menschen und nicht die pervertierte Vorstellung von Konsum, die uns die Werbung und der Lifestyle vermitteln wollen.<\/p>\n<p>Noch ein Nachwort zu den politischen M\u00f6glichkeiten, den Konsum zu beschr\u00e4nken und nachhaltige Produkte zu f\u00f6rdern: <strong>Wenn Konsumg\u00fcter die wahren Kosten ihrer Produktion und ihres Transportes kosten w\u00fcrden, w\u00e4re mit einem einfachen Gesetz schon sehr viel getan.<\/strong> Die gesundheitlichen (unbezahlbaren!) Kosten f\u00fcr das F\u00e4rben und N\u00e4hen unserer Kleidung in Bangladesch und das F\u00f6rdern von Erzen und Mineralien\u00a0in Afrika\u00a0f\u00fcr unsere Technik, der Transport genannter G\u00fcter und Rohstoffe und der ganzen unn\u00f6tigen exotischen Lebensmittel um die halbe Welt und die Sch\u00e4den durch Raubbau an der Natur durch \u00d6lgewinnung und Abbau anderer Rohstoffe und Anpflanzung von Monokulturen m\u00fcssten einfach entsprechende Kosten entgegengestellt werden. Auch hier ist es eine Frage des Ma\u00dfes, denn nicht alles sollte k\u00e4uflich sein oder einen \u201ek\u00e4uflichen Wert\u201c erhalten (siehe dazu z. B. <a href=\"https:\/\/www.boell.de\/sites\/default\/files\/140220_e-paper_vom_wert_der_natur.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die beiden letzten Beitr\u00e4ge hier auf unterstr\u00f6mt m\u00f6chte ich gern aufgreifen, um die dort aufgegriffenen F\u00e4den zu verbinden. 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