{"id":9236,"date":"2017-11-22T11:36:19","date_gmt":"2017-11-22T10:36:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=9236"},"modified":"2017-11-22T18:12:33","modified_gmt":"2017-11-22T17:12:33","slug":"globalia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=9236","title":{"rendered":"Jean-Christophe Rufin: Globalia"},"content":{"rendered":"<p>In Frankreich war der dystopische Roman\u00a0\u201eGlobalia\u201c von Jean-Christophe Rufin aus dem Jahr 2004 ein ziemlicher Bestseller, hier in Deutschland ist dieses gro\u00dfartige Buch allerdings anscheinend recht wenig bekannt &#8211; zumindest wusste niemand, dem ich bisher davon erz\u00e4hlt habe, etwas damit anzufangen. Das sollte sich aber besser ein wenig \u00e4ndern, denn obwohl\u00a0\u201eGlobalia\u201c schon 13 Jahre auf dem Buckel hat, ist es doch von der Thematik her ausgesprochen aktuell.<\/p>\n<p>Zum Inhalt: Globalia ist eine f\u00fcr seine Einwohner scheinbar perfekte Welt. Die Menschen leben unter gro\u00dfen Glaskuppeln, sodass immer sch\u00f6nes Wetter herrscht. Es gibt dort keine Kriege, das Altern wurde erfolgreich besiegt, genauso wie Krankheiten nicht mehr existieren, nur ab und zu ersch\u00fcttert ein Anschlag von Terroristen aus den sogenannten Non-Zonen, also allen Gebieten, die au\u00dferhalb der Globalia-Kuppeln liegen, den sorglosen Alltag der B\u00fcrger. Es herrscht Demokratie, die jedoch kaum noch mit Interesse wahrgenommen wird, und daf\u00fcr, dass die Freiheit in geregelten Bahnen verl\u00e4uft, sorgt der Gesellschaftsschutz, eine Art Geheimpolizei.<\/p>\n<p>Der junge Baikal hat dennoch von dieser sauberen und vorgeblich perfekten Welt die Nase voll, setzt sich zusammen mit seiner Freundin w\u00e4hrend einer Trekkingtour ab und flieht auf die andere Seite der Glaskuppel. Zwar werden die beiden recht schnell wieder eingeholt und zur\u00fcckgebracht, aber eine graue Eminenz von Globalia erkennt in Baikal jemanden, den er f\u00fcr seine eigenen Interessen einsetzen und gebrauchen k\u00f6nnte. Mehr soll jetzt hier zur Story auch noch gar nicht verraten werden, nur so viel: Es wird danach sehr spannend, und die Geschichte nimmt einige recht unvorhersehbare Wendungen.<\/p>\n<p>Was mich vor allem neben der eigentlichen Handlung an Globalia beeindruckt hat, ist, wie hier schon vor mehr als einem Jahrzehnt eine Entwicklung unserer Welt als Fiktion aufgezeigt wurde, die bereits heute in Teilen immer mehr der Realit\u00e4t entspricht. Wir sind mittlerweile dichter an Globalia dran, als es auf den ersten Blick erscheint (oder vielen lieb sein d\u00fcrfte).<\/p>\n<p>Als Beispiel seien die Multifone genannt: Telefone, die schon sehr an die heutigen Smartphones erinnern, was ja im Jahr 2004 noch nicht unbedingt so absehbar war. Die Globalier machen quasi alles M\u00f6gliche \u00fcber ihre Multifone, und wenn dann jemandem aus Sanktionsgr\u00fcnden nur noch eingeschr\u00e4nkte Multifon-Funktionalit\u00e4t bereitgestellt wird, dann ist dieser Mensch ziemlich isoliert, kann sich nicht mehr informieren, kann keine Dinge mehr bezahlen, kann keinen Kontakt mit Freunden aufnehmen usw. Wenn man sich die Smartphone-Fixiertheit vieler Menschen heute anschaut, dann scheint diese Fiktion von Rufin nicht allzu weit hergeholt zu sein.<\/p>\n<p>Und dann ist da auch die generelle Konstruktion von Globalias \u00d6ffentlichkeit, die wie permanente PR und Werbung wirkt. Fast jeden Tag gibt es einen\u00a0\u201eTag des\/der &#8230;\u201c (eine weitere Parallele zu unserer jetzigen Zeit, in der wir ja auch schon via sozialen Medien dauernd dran erinnert werden, dass gerade der Tag des Kindes, Tag des Hundes, Tag des Biers, Tag des Was-wei\u00df-ich-noch-alles ist), die meisten Menschen sind reichlich entpolitisiert, sodass die nach wie vor h\u00e4ufig durchgef\u00fchrten Wahlen nur mit geringster Beteiligung ablaufen, und alles M\u00f6gliche wird zum Event aufgeblasen, \u00fcber das omnipr\u00e4sente Medien in Dauerschleife berichten.<\/p>\n<p>Dazu kommt nat\u00fcrlich auch die Struktur der Welt in Globalia: Reiche Menschen wohnen in relativ gutem Wohlstand abgeschottet vom Rest der Welt, eben den Non-Zonen, in denen weder die Segnungen der Wissenschaft noch der Wohlstand ankommen, die unter den Glaskuppeln allt\u00e4glich sind. Der Vergleich sowohl mit den Reichen-Gettos, die in zahlreichen St\u00e4dten vor allem in Drittwelt- und Schwellenl\u00e4ndern mittlerweile etabliert sind, als auch mit dem Wohlstandsgef\u00e4lle von der n\u00f6rdlichen zur s\u00fcdlichen Halbkugel ist wohl vom Autor durchaus beabsichtigt.<\/p>\n<p>Das ist auch des Spannende an dem Roman: Eine an sich schon fesselnde Story wird in einer dystopischen Welt pr\u00e4sentiert, der wir uns heute bereits in allzu gro\u00dfen Schritten n\u00e4hern. Wenn wir selbst also keine Lust haben, irgendwann in einem System wie Globalia aufzuwachen, dann sollten wir uns jetzt schon mal \u00fcberlegen, was wir machen k\u00f6nnen, damit es nicht so weit kommt.<\/p>\n<p>Leider gibt es das Buch nicht mehr im \u201enormalen\u201c Buchhandel, sondern nur noch gebraucht, aber bei <a href=\"https:\/\/www.ebay.de\/sch\/i.html?_from=R40&amp;_trksid=p2380057.m570.l1313.TR0.TRC0.H0.Xrufin+globalia.TRS0&amp;_nkw=rufin+globalia&amp;_sacat=0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">eBay<\/a>\u00a0und anderen Secondhand-Anbietern finden sich einige Angebote f\u00fcr ein paar Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Frankreich war der dystopische Roman\u00a0\u201eGlobalia\u201c von Jean-Christophe Rufin aus dem Jahr 2004 ein ziemlicher Bestseller, hier in Deutschland ist dieses gro\u00dfartige Buch allerdings anscheinend recht wenig bekannt &#8211; zumindest wusste niemand, dem ich bisher davon erz\u00e4hlt habe, etwas damit anzufangen. 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