{"id":9286,"date":"2017-12-04T16:53:41","date_gmt":"2017-12-04T15:53:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=9286"},"modified":"2017-12-05T09:24:50","modified_gmt":"2017-12-05T08:24:50","slug":"handelsblatt-orange-neoliberale-indoktrinierung-des-nachwuchses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=9286","title":{"rendered":"Handelsblatt Orange: neoliberale Indoktrinierung des Nachwuchses"},"content":{"rendered":"<p>Das <em>Handelsblatt<\/em> hat seit einiger Zeit, wie so viele andere Zeitschriften und Zeitungen, ein eigenes Jugendmagazin, um auch j\u00fcngere Menschen ansprechen zu k\u00f6nnen: <em>Orange by Handelsblatt<\/em>. Das Ganze ist deutlich peppiger als die Mutterzeitschrift bzw. deren Webpr\u00e4senz aufgemacht, kommt mit gro\u00dfen Bildern und eher im Blog-Style daher. Das ist so weit ja auch alles gut und sch\u00f6n, allerdings fand sich dort vor einigen Wochen ein Artikel, der mir doch reichlich sauer aufgesto\u00dfen ist.<\/p>\n<p>In ihrem Beitrag \u201eWarum ich den Bio-Boom schwachsinnig finde\u201c erkl\u00e4rt uns Lena Bujak, warum sie auf Menschen herabschaut, die Biolebensmittel kaufen. Schlie\u00dflich hat Bujak den genauen Plan, warum es Unsinn ist, Biolebensmittel zu kaufen, ihre Argumentation ist dabei allerdings reichlich haneb\u00fcchen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst mal findet sie es unsinnig, wenn Menschen einerseits Bioprodukte kaufen, aber andererseits von weither importierte Trendprodukte wie Quinoa und Chia-Samen. Daraus konstruiert sie dann den Gegensatz, dass es ja viel sinnvoller sei, regionale Produkte zu kaufen als Biosachen.<\/p>\n<p>Auf die Idee, dass es auch Menschen gibt, die regionale Biolebensmittel kaufen, kommt Bujak anscheinend nicht.<\/p>\n<p>Dann kommt sie zum zentralen Punkt ihrer Argumentation:<\/p>\n<blockquote><p>Wer dennoch Angst vor Pflanzenschutzmitteln auf seinem Obst hat, sollte einfach Mamas guten Rat befolgen: \u201eWasch&#8216; den Apfel vorher gut ab, bevor du reinbei\u00dft!\u201c Mehr Vitamine als ein herk\u00f6mmlicher Apfel hat ein Bio-Apfel jedenfalls nicht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Aha, darum geht es also bei Biolandwirtschaft. Ob das besser f\u00fcr die Umwelt ist &#8211; egal. Ob dadurch Tierleid verhindert wird &#8211; pfft, voll wurscht. Hauptsache ist doch, was das Ganze einem selbst bringt. Und da steht nun mal fest: Ein Bioapfel ist f\u00fcr\u00a0<strong>mich<\/strong> gar nicht ges\u00fcnder als einer aus konventioneller Landwirtschaft.<\/p>\n<p>Und dann folgt am Ende noch der unschlagbare Beweis daf\u00fcr:<\/p>\n<blockquote><p>Unsere Gro\u00dfeltern haben auch mit deftiger Hausmannskost das betr\u00e4chtliche Alter geknackt bevor 2001 das Bio-Siegel in Deutschland eingef\u00fchrt wurde.<\/p><\/blockquote>\n<p>Auf die Idee, dass fr\u00fchere Generationen sehr wohl \u00fcberwiegend Biolebensmittel gegessen haben, die nur nicht als solche gekennzeichnet waren, da es noch keine oder deutlich weniger industrialisierte Landwirtschaft gab, kommt Bujak anscheinend nicht. Nur wo ein Bio-Aufkleber drauf ist, kann in Bujaks kleiner Welt auch Bio sein. Und wenn es das Bio-Siegel erst seit 2001 gibt, dann kann es vorher ja auch keine \u00f6kologische Landwirtschaft gegeben haben. Au weia &#8230;<\/p>\n<p>Mal von dieser wirklich absurden Logik abgesehen, f\u00e4llt an dem Artikel vor allem eins auf: Es geht bei der Beurteilung von Vor- und Nachteilen biologischer Landwirtschaft ausschlie\u00dflich um einen selbst, um die eigenen egoistischen Motive. Ich, ich und noch mal ich. Das ist nat\u00fcrlich neoliberale Denke in Reinkultur, die hier einem jungen Publikum vermittelt, um nicht zu sagen indoktriniert wird.<\/p>\n<p>Passend dazu stie\u00df ich etwas zur gleichen Zeit auf einen <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/deutsch-pop-von-lotte-alina-und-julia-engelmann-glueckskeks.2177.de.html?dram%3Aarticle_id=401199\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Beitrag auf <em>Deutschlandfunk Kultur<\/em><\/a>, der sich mit einem gerade aktuellen Ph\u00e4nomen im Deutsch-Pop besch\u00e4ftigt und dies anhand von den drei S\u00e4ngerinnen Julia Engelmann, Lotte und Alina verdeutlicht und der passend mit\u00a0\u201eGl\u00fcckskeks-Weisheiten aus dem Paralleluniversum\u201c betitelt ist.<\/p>\n<p>Die drei jungen Damen liefern n\u00e4mlich genau die passende Musik f\u00fcr Menschen, die auf Artikel wie die von Lena Bujak stehen: kein kritischer Inhalt, es geht nur um die eigene Befindlichkeit, und die gr\u00f6\u00dfte Katastrophe im Leben ist es, wenn eine Beziehung mal in die Br\u00fcche geht. Klar, das gab&#8217;s schon immer, aber daf\u00fcr war vor einiger Zeit dann doch vor allem das Schlagergenre zust\u00e4ndig, dass vorwiegend von \u00e4lteren Semestern geh\u00f6rt wurde. Rock- und Popmusik hatten zumindest meistens eine etwas rebellische Attit\u00fcde, die sich auch in gesellschaftlichen oder politischen Texten ausdr\u00fcckte. Davon sind Engelmann, Lotte und Alina allerdings reichlich weit entfernt.<\/p>\n<p>Als wenn es nun nicht schon schlimm genug w\u00e4re, dass sich junge Menschen, die st\u00e4ndig solchem (auf sie zugeschnittenen) medialen Input ausgesetzt sind, auch nur schwerlich zu kritischen und m\u00fcndigen B\u00fcrgern entwickeln d\u00fcrften, sondern eher zu neoliberalen um sich selbst kreisenden Konsumrobotern mit generellem Hang zum Desinteresse, so ist diese Ego-Fixiertheit vor allem auch die Grundlage f\u00fcr rechtes Denken: ich, meine Nation, mein Volk gegen alles andere. Verantwortung f\u00fcrs eigene Handeln soll dabei nicht \u00fcbernommen werden (auch ein Merkmal von rechten Parteien und deren Anh\u00e4nger, zum Beispiel erkennbar am dort verbreiteten Leugnen der menschlichen Ursachen f\u00fcr den Klimawandel), man richtet sich ein im eigenen Biedermeier, wo es einem (noch) gut geht.<\/p>\n<p>Ganz aktuell wird diese Vermutung von einer Studie\u00a0von Harvard-Professor Yascha Mounk und dem Politikwissenschaftler der Universit\u00e4t Melbourne Roberto Stefan Foa (\u00fcber die ein <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/2016-12\/harvard-studie-demokratie-junge-menschen-autoritarismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel in der <em>Zeit<\/em><\/a> berichtet) gest\u00fctzt. Darin konnte nachgewiesen werden, dass bei j\u00fcngeren Menschen (den sogenannten Millenials) antidemokratische Einstellungen weiter verbreitet sind als bei \u00c4lteren: Sie finde in gr\u00f6\u00dfere Anzahl Wahlen unwichtig, und auch B\u00fcrgerrechte werden als nicht notwendig erachtet. Zwar w\u00fcrde vor allem \u00e4ltere Menschen autokratisch agierende Politiker wie US-Pr\u00e4sident Donald Trump w\u00e4hlen, aber deren Erfolg basiert eben auch darauf, dass viele junge W\u00e4hler der Wahl fernbleiben, da sie sich nicht f\u00fcr politische Zusammenh\u00e4nge interessieren.<\/p>\n<p>So wird deutlich, wie Neoliberalismus und Rechtsextremismus Hand in Hand gehen &#8211; und die Jugendlichen werden dank <em>Handelsblatt Orange<\/em> schon gut darauf vorbereitet, sich solchem chauvinistischen, egozentrischen und verantwortungslosen Denken zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Handelsblatt hat seit einiger Zeit, wie so viele andere Zeitschriften und Zeitungen, ein eigenes Jugendmagazin, um auch j\u00fcngere Menschen ansprechen zu k\u00f6nnen: Orange by Handelsblatt. Das Ganze ist deutlich peppiger als die Mutterzeitschrift bzw. deren Webpr\u00e4senz aufgemacht, kommt mit gro\u00dfen Bildern und eher im Blog-Style daher. Das ist so weit ja auch alles gut und sch\u00f6n, allerdings fand sich dort vor einigen Wochen ein Artikel, der mir doch reichlich sauer aufgesto\u00dfen ist.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[67,50,52],"tags":[166,288],"class_list":["post-9286","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medial-manipulatives","category-politisches","category-soziales","tag-neoliberalismus","tag-rechtsruck"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9286","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9286"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9286\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9366,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9286\/revisions\/9366"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9286"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9286"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9286"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}