Die gute, alte Zeit kommt nicht wieder

Telefonshop an Telefonshop gereiht, Optikerketten, Apotheken und Drogerieketten sowie andere Franchising-Läden bestimmen meist das Innenstadtbild. Immer weniger Fachgeschäfte, immer weniger alteingesessener Handel sind zu sehen, bedienen ein immer kleiner werdendes Publikum. Mäc Geiz oder Kik oder oft sogar beides, zentral gelegen, sind in jedem Stadtbild zu finden, machen die Innenstädte immer austauschbarer, oft immer trister. Überall ein ähnliches Bild, fast überall wird der Niedergang des Handels in den Innenstädten beklagt, und auch fast überall werden die gleichen Forderungen in schöner Regelmäßigkeit erhoben: Kauft vor Ort und nicht online, heißt es dann.

Ein Gastartikel von Heinz Peglau

Dabei sind die Probleme doch nicht neu, auch die der Innenstädte nicht. War es nach dem Krieg bis hinein in die 90er-Jahre der Versandhandel, der Kataloghandel, der Konkurrenz machte, waren es seit den späten 60ern die Discounter, seit den 70ern dann die ersten Einkaufszentren in der Peripherie, ist es seit 15 Jahren etwa der zunehmende Onlinehandel, der dem kleineren Einzelhandel in den Innenstädten Probleme bereitet.

„Kauft vor Ort und nicht online“ löst kein einziges Problem. Wer das fordert, hat die Probleme nicht erfasst, die eigentlich dazu geführt haben, dass sich die Innenstädte verändert haben, und das nicht erst seit gestern. Wer dies fordert, schiebt die Schuld den Falschen zu, dem Konsumenten, dem Individuum. Die wahren Ursachen benennt er oder sie damit aber nicht, reißt diese nicht einmal an. Kommt dann noch die Verteufelung von Amazon hinzu, mag das für das Gewissen gut sein, der Sachlage, der Problemlage auf die Spur zu kommen, hilft es jedoch nicht. Ständiges moralisieren, und das dann auch noch auf Basis von Monokausalitäten, bringt gar nichts, auch hier nichts, außer Ablenkung vom wirklich Wesentlichen.

Die Ursachen gehen tiefer, sind vielfältiger und nicht durch den Konsumenten zu lösen. Der passt sich nämlich nur an, muss sich anpassen, will er dem Konzept des Homo oeconomicus auch nur ansatzweise gerecht werden. Die Ursachen liegen im Kapitalismus unserer Zeit, im oft nicht vorhandenen Marktverständnis der meisten Handelnden und der meisten, welche diese Handelnden dann zum Handeln ausgewählt haben, welche dann dafür sorgen, dass dieses Handeln immer weitergehen kann, und in der mangelnden Anpassungsfähigkeit, den mangelnden Anpassungsmöglichkeiten ebendieses kleinen Einzelhandels.

Märkte suchen den optimalen Preis und die optimale Menge, also den optimalen Umsatz. Sie sorgen nicht für eine Befriedigung der Nachfrage darüber hinaus. Das ist auch gar nicht deren Aufgabe. Und deshalb hat das Ergebnis von Märkten auch immer andere, abweichende Ergebnisse von dem, was man sich gerade wünscht, vor allem dann, wenn man es aufgrund von Monokausalitäten tut und dann noch vergisst, das Märkte miteinander korrespondieren.

Die wahren Ursachen liegen in der Verdrängung, welche mehr oder minder stark auf Märkten und zwischen Märkten immer stattfindet, weil Märkte immer dazu tendieren, Marktmacht zu schaffen. Immer wird es dort Gewinner und Verlierer geben, und die Gewinner werden ihren Gewinn zur Stärkung ihrer Position benutzen können. Das ist hinlänglich bekannt, und dem will man ja auch immer entgegenwirken, wenn man von politischer Seite her den Wettbewerb beschwört. Nur was nützt alles Beschwören von dieser Seite her, wenn man gleichzeitig auch die Rahmenbedingungen des Wettbewerbs zugunsten derer setzt, die diesen aber für sich zu nutzen wussten und wissen, wenn diese Unternehmen dann die, meist für sie bewusst geschaffenen, Vorteile weiterhin nutzen können.

Diese Vorteile sind die eigentlichen Ursachen, die man allerdings nicht mit Appellen, auch nicht mit moralischen, beseitigen kann.

Wer eine Gesellschaft des Geizes für richtig hält, ständig den Konsumenten anhält zu sparen auf der einen Seite, kann nicht erwarten, dass der Konsument auf der anderen Seite dann von diesem Sparen ablässt. Und was und wo sollen wir nicht überall sparen. Bei der Energie, bei den Ausgaben für die Telekommunikation, bei der Assekuranz, beim Autofahren, also beim Sprit, bei den Steuern, den Abgaben, bei allem und jedem sollen wir sparen, gilt: „Geiz ist geil.“ Und diese „Geiz ist geil“- Mentalität ist doch tief verwurzelt worden im Konsumenten, aber auch dann, wenn der Konsument gleichzeitig Staatsbürger ist, denn geil ist doch auch, wer weiß, wie man am besten sich der Steuerlast entzieht, oder auch wenn er die Rolle des Arbeitnehmers oder des Arbeitgebers einnehmen soll. Immer ist Geiz geil, wird der Kostendruck übermächtig, wird an allen Ecken und Enden gespart, wird dieses Verhalten über den Wettbewerb gefordert. Das ist die Moral unserer Zeit, vom Neoliberalismus erzwungen.

Auch Hartz I bis IV sind nichts anderes als Ausdruck dieser Moral. „Geiz ist geil“ und „Wettbewerb über alles“ haben einen Niedriglohnsektor geschaffen, der  einerseits dadurch gekennzeichnet ist, dass Hungerlöhne, Werkverträge und damit prekäre Beschäftigung das „Jobwunder“ Deutschland „auszeichnen“, und andererseits die Menschen zum Sparen zwingt, ihr Konsumverhalten damit ursächlich bestimmt. Hartz I bis IV, insbesondere IV, haben einen Druck auf die Löhne und Gehälter ausgeübt und üben diesen auch weiterhin aus, welcher auch die Konsummöglichkeiten beschränkt bei denen, die noch beschäftigt sind, auch dann, wenn sie noch nicht prekär beschäftigt sind, zwingen längst den Mittelstand zu diesem Verhalten, noch dazu, wenn dieser Mittelstand noch Kinder zu erziehen hat. Kinder sind ein Armutsrisiko in Deutschland, und dem zu entgehen und teuer einzukaufen, teurer, als man müsste, geht oft nicht zusammen, allzumal man ja den Kindern auch etwas zu bieten haben muss, will man dazugehören – wird man doch allzu oft über die Kinder auch als Eltern definiert -, oft für deren Bildung große Aufwendungen zu tätigen hat, wenn man es noch kann. Heute arbeiten Vater und Mutter für die Familie, weil Vater und Mutter arbeiten müssen, nicht weil sie sich selbst etwas schaffen wollen, aufgrund der niedriegeren Gehälter. Sie sind meist dazu gezwungen. Die Gesellschaft hat sich geändert, und vieles daran ist gut, aber es hatte auch Nebenwirkungen und da nicht nur gute.

Oder nehmen wir die Steuern. Wer einen steuerlichen Rahmen zulässt, der Konzerne und auch kleinere Kapitalgesellschaften besser stellt als Personen und Personengesellschaften – dies gilt übrigens auch im Haftungsrecht, wie der Diesel- Skandal offenkundig gemacht hat -, der darf sich doch nicht wundern, wenn diese Konzerne dann die Kostenvorteile nutzen und einpreisen. Sie tun es und wären auch dumm, dies nicht zu tun. Aber sie tun es natürlich auf Kosten des kleinen Gewerbes.

Gleiches gilt doch bei den Tarifverträgen. Auch hier kann der kleine Gewerbetreibende nicht differenzieren zwischen Lager und Verkauf, muss oft die höheren Tarife bezahlen, kann in den seltensten Fällen auf Werkverträge zurückgreifen. Auch hier hat der Große Vorteile gegenüber dem Kleinen, denn zwischen dem Einzelhandelstarif und dem Logistiktarif sind schon eklatante Unterschiede. Mehr noch, gerade durch die Werkverträge in Supermärkten der Peripherie wird der sogenannte Wettbewerb doch immer mehr verzerrt. Und wer dies zulässt, der sollte kleine Brötchen backen, wenn er gleichzeitig das Wort für den kleinen Handel der Innenstadt ergreifen will, der sollte auch deshalb besser schweigen.

Nimmt man dann die Stückkostenvorteile hinzu, muss man sich doch nicht wundern, wenn der Kunde diese Preisvorteile nutzt, die ihm dort geboten werden, oder?

Und selbst im Service sind doch große Onlinehändler längst im Vorteil. Große Auswahl, bequem von zu Hause aus einkaufen, auch auf dem Dorf in den doch meist völlig politisch und wirtschaftlich vernachlässigten Regionen, wobei auch das Umtauschen meist völlig problemlos zu machen ist im Onlinehandel, gerade bei Amazon ist dies leicht zu tun, aber nicht nur dort. Wie oft muss man im Einzelhandel vor Ort diskutieren, wenn man sich beim Einkauf geirrt hat, sich mit Gutscheinen begnügen? Online ist dies längst Geschichte, würde viel zu viel Arbeit machen und nur unnötige Kosten und – das ist der eigentliche Grund – unzufriedene Kunden verursachen. Das spart man sich dort lieber. Wie oft muss man im Fachhandel bestellen, weil das Angebot „gerade“ nicht vorhanden ist? Ja, der Buchhandel kann bei Libri bestellen, und ja, das Buch ist am nächsten Tag in der Buchhandlung, bei Amazon ist es jedoch schon im Briefkasten, erfordert weder den ersten Gang noch den zweiten Gang. Ja, der Fachhandel kann mir meine Staubsaugerbeutel bestellen, denn nein, die gibt es seit einiger Zeit hier nicht mehr vor Ort, das Lager lohnt nicht für einen Kunden. „Nein, in Ihrer Größe habe ich das jetzt nicht mehr und leider auch kein anderes Teil mehr. Es lohnt sich einfach nicht, in allen Größen alles vorzuhalten, so große Lagerräume haben wir nicht, und nein, besorgen können wir es auch nicht.“ Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört und bin ohne Jacke, Hose oder Pullover in meiner Einkaufstasche nach Hause gegangen. Sicher, in der Großstadt gehe ich in den nächsten Laden, aber auf dem Land, in der Kleinstadt, ist das oft schwerlich möglich.

Machen wir uns deshalb nichts vor. Wir können die Uhren zwar zurückstellen, aber in Wirklichkeit bringt dies nichts, denn die Zeit ist nicht aufzuhalten. Wir werden nie wieder Innenstädte erleben, die vom kleinen Einzelhandel geprägt sein werden, weder in den Großstädten und schon gar nicht in den Kleinstädten.

Wenn wir etwas für die Innenstädte tun wollen, so müssen wir anders herangehen als nur über die kommerzielle Argumentation, welche meist über moralische Appelle gerechtfertigt wird, weil den Klägern und den Verantwortlichen mehr nicht einzufallen scheint. Die Lebensqualität ist hier entscheidend, gerade für Klein- und Mittelstädte. Innenstädte müssen zur Begegnungsstätte werden, Menschen auch dann anziehen, sie zu besuchen, wenn sie ihre Einkäufe vielleicht schon getätigt haben, im Supermarkt, im Einkaufszentrum oder auch online. Wir brauchen ein modernes Konzept von Stadt und nicht ein Zurück in die „gute, alte Zeit“ des Einzelhandels, die es so auch nie gegeben hat im Übrigen.

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