Streit ist das Salz in der Suppe

Ich finde Streit gut, liebe es, selbst zu streiten, argumentativ mich auseinanderzusetzen, natürlich immer oberhalb der Gürtellinie. Die, die es unterhalb tun, ignoriere ich deshalb zumeist, die Überheblichen sowieso.

Ein Gastartikel von Heinz Peglau

Was mich stört, ist nicht der Streit, nicht die harte, kontroverse Auseinandersetzung, im Gegenteil, gerade die hilft mir, meinen Horizont zu erweitern. Es sind die Menschen zuallererst, die für Unmenschlichkeit streiten, die mich auf ihre Seite damit ziehen wollen, mich meiner Menschlichkeit berauben wollen.

Was mich ebenfalls stört, sind Menschen, die für Gerechtigkeit streiten und damit doch nur die eigene Gerechtigkeit, ihre eigene Weltsicht als unser aller Gerechtigkeit ausgeben wollen. Vielleicht stören mich diese Menschen sogar noch mehr als die, deren Unmenschlichkeit offensichtlicher zutage tritt, nicht mit dem Mantel der Gerechtigkeit bedeckt wird. Sicher sogar, auch wenn ich es nicht ihrer Böswilligkeit zuerst zuschreibe, sondern ihrer Oberflächlichkeit, gesunder Oberflächlichkeit, wie vielen meiner Vorgesetzten in der Vergangenheit – in der Gegenwart lasse ich es nicht mehr zu.

An einen Vorgesetzten von einst erinnere ich mich ganz besonders, der diesen Begriff der „gesunden Oberflächlichkeit“ prägte, sie bewusst für sich in Anspruch nahm und mir das auch kundtat, nachdem er meine Existenz und die meiner Familie an den Rand des Abgrundes gebracht hatte mit tätiger Mithilfe seiner Vorgesetzten, so wie derzeit viele Existenzen dorthin gebracht werden, aus reiner Oberflächlichkeit, wie ich behaupte, selten aus Böswilligkeit, nicht nur durch die Politik, oft sogar mehr durch falsche Anforderungen in den Strukturen der Wirtschaft, der Unternehmen, wie mir auch der VW-Skandal derzeit wieder bestätigt.

Und weil ich so denke, so bin, wie ich bin, Streit liebe und Oberflächlichkeit mir ein Gräuel ist, lehne ich den Konsens, besser gesagt den übertriebenen Konsens, unserer Tage ab. Ich mache ihn sogar hauptverantwortlich für das mögliche Scheitern unserer Demokratie, benenne die als Verantwortliche, die es damit übertrieben haben und noch übertreiben und diesen Konsens für ihre Interessen instrumentalisiert haben, ihn mit dem Wort Realpolitik oder der Behauptung einer irgendwie sozialen Marktwirtschaft pervertiert haben und immer noch pervertieren.

Nichts an deren Denken und Handeln ist letztendlich gerecht oder gar sozial und demokratisch in keinem Falle. Demokratie heißt, zu streiten um den richtigen Weg, auch dann, wenn es schwer ist, gerade dann, wenn es schwer ist, den richtigen Weg zu finden. Ohne Streit wird das nichts, wird der Mittelweg der Weg bleiben, und der Mittelweg ist meist der Weg in den Abgrund. Wie man sehen könnte, wenn man die Augen aufmachen würde dieser Tage.

Demokratie heißt, den Ausgleich zu suchen, die Mehrheit zu finden, um die Mehrheit zu streiten und nicht die Kooperation um der Kooperation willen und schon gar nicht, wenn die Kooperation in die falsche Richtung geht, wenn sie im Kooperativismus enden könnte. Sozialpartnerschaft ist gut, aber auch nur dann, wenn sie streitbar bleibt. Verliert sie das Salz des Streites, wird sie fade wie eine Suppe ohne Salz, schmeckt nicht mehr und wird am Ende aufgegeben, so wie auch die Demokratie. Partnerschaft im Sozialen und Demokratie benötigen den Streit, um lebensfähig zu bleiben!
Und dieser Streit muss politisch stattfinden, nicht den Märkten und ihren Gesetzen überlassen bleiben, darf nicht dort allein stattfinden, denn dort findet er nicht statt. Dort gelten andere Regeln, dort ist allein der Preis das Maß der Dinge und nicht der Mensch.

Ich will dem Menschen keinen Preis zuordnen, und ich glaube, dass das die wenigsten wollen, und doch tun wir es, weil wir auf Worthülsen wie soziale Marktwirtschaft immer noch hereinfallen, dem Kapitalismus aber damit nicht mehr die Stirn bieten, die er braucht, um nicht entfesselt sein Unwesen zu treiben, Wachstum über alles stellt und nur nützlich erscheinen lässt, was am Ende wenig kostet und viel Gewinn erbringt, das als unnütz aber abtut, was dem Menschen die Lebensgrundlagen erst ermöglicht, was ihn auch ausmacht, ja, den Menschen gar in nützlich und weniger nützlich einteilt, vielleicht sogar bald in unnütz einteilen könnte. Die Gesetzgebung seit 2002, eigentlich seit 1998, ist auf dem besten Wege dahin Letzteres Wirklichkeit werden zu lassen. Die „Ausleihungen“ von Langzeitarbeitlosen in Bremen, als Pilotprojekt geplant für 2018, durch das Jobcenter an Unternehmen und Behörden weisen für mich jedenfalls genau in diese Richtung.

Und weil ich das nicht will und es keiner Partei, keinem Unternehmen, keinem Bürokraten den Menschen zuzumuten zugestehe, auch deshalb streite ich, ziehe mich nicht zurück und fröne nicht der Harmonie, lasse mich nicht einlullen von der Kanzlerin oder den Wirtschaftsweisen – welch eine Überheblichkeit dieser „Avantgarde“, die sie meinen zu sein -, rede nicht nach dem Munde, bin nie ein Parteisoldat gewesen und werde es auch nie werden. Ich stehe nicht über den Dingen, ganz und gar nicht, aber ich wahre die nötige Distanz zu denen, die mir einen Konsens aufzwingen wollen, den ich nicht haben will.

Und ich lasse mir das Wort Konsens im Übrigen nicht von denen nehmen, die es derzeit täglich im Munde führen, um diejenigen zu diffamieren, die sicher nicht alles richtig gemacht haben und machen, aber die immer noch für das stehen, was verbessert werden, aber dennoch erhalten bleiben muss: die Demokratie. Ihr wisst, wen ich meine. Die nämlich, deren Namen man eigentlich nicht aussprechen sollte, der in die Vergessenheit geraten sollte, so wie die, die diese Partei repräsentieren und wählen.

Die streiten nämlich nicht. Die diffamieren mit ihrer Demagogie, sind keine Populisten, sondern Demagogen und haben nur ein Ziel: uns deren Weltsicht diktatorisch am Ende aufzuzwingen. Nicht mit mir! Mit denen streite ich nicht! Die ignoriere ich und versuche auch keinen von denen zurück in die Gesellschaft zu holen. Mein Augenmerk liegt auf denen, die noch in der Gesellschaft sind, die Demokratie noch leben und nicht benutzen wollen, um sie am Ende zu zerstören.

Und die kann man nur durch Streit wieder erreichen. Durch Konsens wird das nichts. „Verbal auf die Fresse und am Abend dann gemeinsam ein Bier“, das ist die einzige Möglichkeit, so sehe ich das, um die nicht auch noch zu verlieren, die noch nicht verloren sind. Streiten, wie wir es einst konnten, in den 70ern noch, denn in den 80ern scheinen wir es verlernt zu haben oder ist es uns abgewöhnt worden. Sucht es Euch aus!

Widerspruch?

Nachklapp: „USA suchen im Atomstreit direkte Gespräche mit Nordkorea.“ Breaking News n-tv. – Endlich streiten sie und hauen nicht nur verbal aufeinander ein! Es kann jetzt endlich wieder besser werden.

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