Vor ein paar Wochen war in in unserer örtlichen Stadtbibliothek und stöberte nach einem Buch zum Ausleihen. Dabei fiel mir „Die neuen Asozialen“ von Sabrina Hoffmann in die Hände. Fast hätte ich es wieder zurückgestellt, da das Buch schon 2016 erschienen ist, aber zum Glück hab ich es dann dennoch mitgenommen. Denn dass das schon zehn Jahre alt ist, entpuppte sich beim Lesen als großer Gewinn.
Die Journalistin Sabrina Hoffmann hat sich mit der damals aufkommenden Bewegung von rechten Wutbürgern beschäftigt, die ihren Hass immer mehr in den Kommentarspalten des Internets ausgebreitet haben. Dabei analysiert sie durchaus treffend, wieso solche Leute so drauf sind, nämlich vor allem, weil sie (häufig recht undifferenziert) Angst haben sowie egoistisch und auch nicht gerade besonders helle sind, sodass ihnen einfache Schuldzuweisungen mehr behagen als eine etwas komplexere Analyse von Problemen und deren Ursachen. Dabei macht sie auch eine steigende Verblödung in diesem Jahrtausend dafür verantwortlich, die in den Schulen anfängt und beim Medienkonsum aufhört.
Was mir dabei ein bisschen fehlt, ist ein Verweis darauf, dass genau diese Verblödung und Angstmache (verbunden mit tatsächlichen Abstiegsängsten) Grundbestandteile des Neoliberalismus sind, also quasi unseres immer stärker aus dem Ruder laufenden Wirtschaftssystems. Aber vielleicht wäre das auch ein bisschen zu viel gewesen, um auf den recht kompakten 200 Seiten noch abgehandelt zu werden.
Dank des journalistischen Schreibstils und vieler Beispiele von rechtem Wutgezeter ist das Buch auch sehr geschmeidig zu lesen, was bei diesem ernsten Thema ja nicht immer der Fall ist.
Interessant wird es, wenn Hoffmann das Verhalten der rechten Hetzer auf Tribalismus zurückführt, also auf archaisches Stammesdenken: wir gegen die anderen. Dabei schildert sie auch ihre eigene Entwicklung als Jugendliche, aus der ersichtlich wird, was gegen so eine Denkweise helfen kann, nämlich möglichst große Diversität und regelmäßige Kontakte mit dem vermeintlich Fremden.
Davon ausgehend, leitet sie dann auch ab, was gegen diese scheußlich Entwicklung helfen könnte: mehr und zeitgemäßere Bildung. Das klingt nun erst mal nach einem Allgemeinplatz, wird aber von Hoffmann mit recht anschaulichen konkreten Beispielen und theoretischen Grundlagen unterfüttert.
2016 dürfte das Buch also eher für eine positive Stimmung gesorgt haben, wenn man es damals gelesen hätte: Das, was da gerade geschieht, ist zwar ausgesprochen unschön, aber es gibt Möglichkeiten, etwas dagegen zu machen, und diese sind noch nicht einmal großartiges Zauberwerk oder so etwas, sondern basieren auf wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen und könnten zudem auch noch recht zügig umgesetzt werden.
Damals war die AfD noch eine Kleinpartei, Unionspolitiker fielen noch deutlich seltener mit rassistischen oder anderweitig rechtsradikalen Aussagen auf, und auch in den meisten Medien waren Narrative von rechtsaußen selten anzutreffen. Die „neuen Asozialen“ waren noch eine relativ überschaubare Gruppe von unangenehmen Social-Media-Meckerern, und Veranstaltungen wie Christopher-Street-Day-Umzüge mussten noch nicht unter Polizeischutz durchgeführt werden. Pegida-Aufmärsche waren ein recht neues Phänomen, und es gab zwar auch schon Anschläge auf Geflüchtetenunterkünfte, aber diese fanden in der Regel wenig positiven Widerhall in den sozialen Medien.
Wenn man gewollt hätte, hätte man also einiges machen können, um das Erstarken von Rechtsradikalen (auch in Form der AfD) einzuhegen. Hat man aber nicht.
Stattdessen wurde immer mehr Spaltung betrieben von Politikern (und das nicht nur von AfDlern) und Medien (Divide et impera): Deutsche gegen Migranten, Queere gegen Nicht-Queere, Arme gegen noch Ärmere, Junge gegen Alte usw. Das trieb die Menschen natürlich immer mehr in ihre Bubbles und verfestigte zudem das tribalistische Denken. Und auch bei der Bildung wurde nichts vorangebracht, sondern man hielt stur an überkommenen Konzepten fest und sparte zudem noch reichlich bei den Bildungsausgaben, sodass Unterrichtsausfall vielerorts die Regel ist und die Schulgebäude immer mehr herunterkommen.
Das ist alles nicht vom Himmel gefallen, sondern beruht auf ganz konkreten politischen Entscheidungen. Und genau diese Entscheidungen, die den Rechtsrutsch immer weiter befördert statt eingegrenzt haben, sind meines Erachtens auch nicht zufällig getroffen worden.
Wenn eine Journalistin wie Sabrina Hoffmann zu den in ihrem Buch entsprechenden Erkenntnissen gelangen konnte und diese auch noch veröffentlich hat, dann dürfte das in politischen Entscheiderkreise (oder zumindest bei den diesen zuarbeitenden Beratern) wohl auch alles bekannt gewesen sein.
Insofern eignet sich „Die neuen Asozialen“ hervorragend, um das Scheitern der Politik der letzten zehn Jahre zu dokumentieren. Oder ist das vielleicht gar kein Scheitern, sondern genau so gewollt? Schließlich stellt ja von der AfD und ihrem Anhang so gut wie niemand den Neoliberalismus infrage, sodass diese von anderen neoliberalen Politikern und Medien nicht nur in Kauf genommen, sondern sogar gefördert werden, um nämlich die eigene gescheiterte Ideologie weiter am Leben zu erhalten.
So eine Vermutung habe ich ja auch schon mal in einem Artikel geäußert – interessanterweise auch im Jahr 2016.
Der Untertitel des Buches lautet: „Wie ‚besorgte Bürger‘ Deutschland mit Dummheit und rechtem Hass an den Abgrund bringen.“ Wenn man sich anschaut, was in den letzten Jahren diesbezüglich so geschehen ist, dann sind wir also schon ein ganzes Stück dichter an den Abgrund herangekommen, wenn nicht sogar schon auf dem Weg dort hinab.
Und das haben nicht nur die „besorgten Bürger“ vollbracht, sondern eben auch eine Politik, die dieser Entwicklung absolut nichts entgegengesetzt hat.
Das ist wichtig zu wissen, wenn man später einmal analysieren möchte, wie es denn mal wieder so weit gekommen sein konnte …
„Die neuen Asozialen“ ist im Riva-Verlag erschienen und kann zurzeit leider nur gebraucht erworben werden, da es über den Buchhandel nicht mehr erhältlich ist. Bei eBay und Medimops finden sich aber beispielsweise einige Treffer, sodass man das Buch für recht wenig Geld ordern kann.

